Jenseits der Entschuldigungen: Die Ritualmord-Karikatur

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die von der britischen Wochenzeitung The Sunday Times angebotene Entschuldigung für eine antisemitische Karikatur, die am internationalen Holocaust-Gedenktag veröffentlicht wurde, thematisierte nur einen, wenn auch wichtigen Aspekt der Problems. Die Zeitung erklärte, die Veröffentlichung der Zeichnung „war ein Fehler und überschritt eine rote Linie“. Sie gab zu, dass Gerald Scarfes Karikatur „historische Ikonografie spiegelte, die verfolgend und antisemitisch ist“.1 Die Zeichnung zeigte den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu beim Bau einer Mauer, wozu er als Zement benutzte, was das Blut von Palästinenser zu sein schien. Die Beschreibung lautete: „Wird die Zementierung des Friedens fortgesetzt?“

Die allgemeine Bedeutung von Entschuldigungen besteht darin, dass sowohl der Täter als auch das Opfer übereinstimmen, das das, was geschah, falsch war. In diesem Fall aber unterstreicht die Entschuldigung auch die Notwendigkeit, dass einige Zusatzfragen gestellt werden. Nicht angesprochen wurde, dass die Karikatur die Wahrheit auf den Kopf stellte, statt sie zu übertreiben. Scarfe legt nahe, dass das, was hauptsächlich ein Sicherheitszaun ist – hier als Mauer dargestellt – dazu dienen soll Palästinenser zu töten. Er wurde jedoch gebaut, um palästinensische Mörder daran zu hindern nach Israel einzudringen und jüdische Zivilisten zu töten.

Darüber hinaus spiegelt die Zeichnung ein wichtiges antisemitisches Motiv, das seinen Ursprung in Großbritannien hat – den Ritualmord-Vorwurf. Er wurde im zwölften Jahrhundert in Norwich erfunden. Damals wurde fälschlich behauptet, dass Juden einen zwölfjährigen christlichen Jungen namens William für rituelle Zwecke töteten. Die Geschichte zog immer weitere Kreise. Ein paar Jahrzehnte später wurden in Norwich – wie an vielen anderen Orten in England – alle Juden ermordet. Von Britannien aus verbreitete sich der Ritualmord-Vorwurf gegen die Juden in andere christliche Länder.

Eine weitere wichtige Frage: Wo sind die Entschuldigungen für andere Karikaturen, die Inkonografie nutzen, die den Ritualmord-Vorwurf in Erinnerung rufen, in Großbritannien wie andernorts? Die vielleicht bekannteste Karikatur dieses Genres wurde von der britischen Tageszeitung The Independent veröffentlicht. Dave Brown zeichnete den damaligen israelischen Premierminister Ariel Sharon als Kinderfresser. Für diese antisemitische Darstellung durch diese Zeitung gab es nie eine Entschuldigung.

In Reaktion auf Proteste sprach die Pressebeschwerdestelle des Königreichs Browns Karikatur von den Vorwürfen frei. Sie wurde weiter „normalisiert“, nachdem sie den britischen Preis „Politische Karikatur des Jahres 2003“ der Political Cartoon Society gewann. Der Preis wurde Brown im November 2003 in den Büros der prestigeträchtigen Wochenzeitung Economist von Clare Short, der Labour-Abgeordneten und ehemaligen Ministerin für Auslandshilfe, übergeben.2

Damals war Zvi Shtauber israelischer Botschafter in Großbritannien. Er sagte mir später: „Simon Kelner, der Herausgeber des Independent, ist Jude. Ich fragte Kelner, ob der Independent jemals eine ähnliche Karikatur einer öffentlichen Person veröffentlicht hatte. Er musste achtzehn Jahre zurückgehen, um eine ähnliche zu finden. Tim Benson, der Vorsitzende der Political Cartoon Society … fand nichts Falsches an der rassistischen Karikatur, die den Preis gewann.“3

Der Independent war nicht die einzige „progressive“ Zeitung, die Ritualmord-Karikaturen abdruckte. Mitte des letzten Jahrzehnts war Michael Howard – ein Jude – Parteichef der Konservativen, die sich damals in der Opposition befanden. Im April 2005 veröffentlichte der Guardian eine Karikatur von Steve Bell, die Howard mit Vampirzähnen darstellte; von einem dieser Zähne tropfte Blut und er hielt ein Glas mit Blut in der Hand. Die Beschreibung lautete: „Trinkst du, was wir trinken? Wähle konservativ.“4 Um das Ganze noch schlimmer zu machen, pries ihn Annabel Crabb von der Australian Broadcasting Corporation für die Karikatur in einem Fernsehinterview.5 Bell hat Howard auch bei anderen Gelegenheiten mit Vampirzähnen gezeichnet.6

Der belgische Politikwissenschaftler Joël Kotek hat eine Sammlung tausender antiisraelischer und antijüdischer Hass-Karikaturen aus arabischen und westlichen Medien angelegt. Eine Auswahl davon hat er in seinem Buch Cartoons and Extremism (Karikaturen und Extremismus) veröffentlicht. Man muss nur die oben erwähnten britischen Karikaturen mit dieser breit angelegten, hauptsächlich aus der arabischen Welt und einigen aus der Nazizeit stammenden Sammlung vergleichen, um zu erkennen, dass ihre Ikonografie perfekt zu einander passt.7

Eine Studie der Universität Bielefeld für die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung in Deutschland stellte 2011 fest, dass 42% der Briten – ein Prozentsatz, der dem in einigen anderen europäischen Ländern ähnelt – glauben, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt.8 Eine wichtige Frage sollte gestellt werden: Wer hat diese extrem antisemitische Weltsicht in die Hirne der Briten eingepflanzt? Die Karikaturen sind daher nur die Spitze des Eisbergs eines weit größeren Problems, das die britischen Behörden und die Bevölkerung als Ganzes betrifft.

Die Entschuldigung der Zeitung macht es mit der Erklärung richtig: „Das Bild, das wir von Benjamin Netanyahu veröffentlichten … zeigte ihn, wie er im Blut der Palästinenser schwelgt.“ Jetzt muss gefragt werden: Welche britischen Politiker, Medien, NGOs, Akademiker, prominente Christen und Gewerkschaften haben beständig geholfen das völkermörderische Bild zu stärken, das so viele Briten von Israel haben? Diese Weltsicht zu schaffen, war mehr als ein Fehler. Es war ein Verbrechen. Hier sind die Grenzen in einem unendlich größeren Ausmaß überschritten, als bei einer am internationalen Holocaust-Gedenktag veröffentlichten antisemitischen Karikatur.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 „Sunday Times apologizes for Netanyahu cartoon“. 3. Februar 2013.
2 http://www.politicalcartoon.co.uk/html/exhibition.html.
3 Manfred Gerstenfeld: Interview mit Zvi Shtauber: Britische Einstellungen gegenüber Israel und den Juden. Europe: An Expanding Abyss? (Jerusalem Center for Public Affairs and Konrad-Adenauer-Stiftung, 2005) S. 188.
4 http://guardian.co.uk/cartoons/stevebell/0,,1454141,00.html
5 http://www.abc.net.au/insiders/content/2005/s1357217.htm
6 http://www.guardian.co.uk/cartoons/stevebell/0,,1319967,00.html
7 Joël Kotek: Cartoons and Extremism (Middlesex: Vallentine Mitchell, 2009).
8 library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

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