Presseerklärungen bitte nicht an deutsche Presse schicken! Gefährlich!

Köln, 4. März 2013, 17 Uhr: Tuvia Tenenbom im Domforum, dazu seine Frau, der Adenauer-Enkel aus seinem Buch und die ehemalige Dombaumeistrin. Seit seinem Deutschlandbesuch 2010 ist einige Zeit ins Land gegangen, seit der Veröffentlichung seines Buchs auf Deutsch auch ein bisschen Zeit. Man konnte schon so einige Interviews mit ihm lesen und sehen, die ein Licht darauf werfen, wie mit dem Buch und mit ihm umgegangen wird.

Dennoch oder gerade deswegen war ich neugierig auf die Veranstaltung im Domforum. Vor der Tür stand der Autor und Theatermann höchstpersönlich und ich konnte ein paar Worte mit ihm wechseln. In seiner – auch ein wenig aus dem Buch bekannten – Art fragte er mich aus, wie ich heiße, woher ich komme, wo das ist usw. Er war erstaunt, dass ich sein Buch in Englisch gelesen habe und erklärte mir dann auf meine Nachfrage, was in der deutschen Ausgabe weggelassen wurde.

Tuvia Tenenbom im Domforum Köln
Tuvia Tenenbom im Domforum Köln

Drinnen gab es gar nicht so viele Sitzplätze, die auch noch längst nicht voll besetzt waren. Das änderte sich kurz nach 17 Uhr, als die Veranstaltung eigentlich schon hätte beginnen sollen. Der Raum füllte sich und schließlich gab es für einige nur noch Stehplätze.

Die Moderatorin fing mit ihrer ersten Frage an, Tenenbom plauderte los, übersetzt von seiner Frau. Mal etwas, das in seinem Buch stand, mal etwas aus dem Nähkästchen. Auf jeden Fall aber immer sehr direkt, sehr pointiert. Die Dombaumeisterin ergänzte Aktuelles zur Antisemitismusmauer von Walter Hermann, Herr Adenauer gab seine etwas weniger heftige Meinung über „den Kölner“ an sich dazu. Es war ein lebhaftes Gespräch der Beteiligten auf der Bühne, die nicht immer übereinstimmten, deren freundschaftliches Verhältnis und Grundübereinstimmung deutlich erkennbar wurden.

Tuvia Tenenbom im Domforum Köln
Tuvia Tenenbom im Domforum Köln: Die Moderatorin, Paul Bauwens-Adenauer, Isi Tenenbom, Tuvia Tenenbom, Barbara Schock-Werner

Zum Antisemitismusproblem stellte Tenenbom anhand seiner Erfahrungen – auch und gerade nach der Veröffentlichung seines Buches – fest: Die deutschen intellektuellen Eliten verhalten sich nicht wie intelligente, denkende Menschen, sondern wir Zurückgebliebene. Die Journalisten kommen ihren journalistischen Aufgaben in keiner Weise nach. Ein besonders heftiges Beispiel – neben dem des Chefredakteurs der Neuen Zürcher Zeitung – stammt von der süddeutschen Zeitung. An diese hatten Tenenboms eine Presseerklärung geschickt, die an insgesamt 500 Presseorgane ging. Von der SZ gab es eine Antwort – allerdings aus der Rechtsabteilung (sinngemäß): Wir haben Ihnen nicht erlaubt uns Texte an unsere E-Mail-Adresse zu schicken. Sollten Sie das wiederholen werden wir Sie verklagen.

So sieht die deutsche Presselandschaft aus: Ein Autor, dessen Erfahrungen und Erlebnisse sie nicht mögen, darf keine Presseerklärung an sie schicken, sonst wird er vor Gericht gezerrt! Presse und Presseerklärungen bekommen geht gar nicht!

Was ist das für eine Presse? Da hat Journalismus keinen Platz mehr.

Die Zeit für Fragen aus dem Publikum begann mit einem gebildeten Herrn, der anfing einen Monolog zu halten. Er habe leider Israel noch nicht besuchen können, aber er war schon vor 30 Jahren in Buchenwald – was für eine Aussage! Der kann nicht anders als voll und ganz informiert sein! Nun, als die Leute ihn aufforderten, er möge bitte seine Frage stellen, beschwerte er sich, es sei ja klar, dass er auch hier jetzt zensiert werde. Aus dem Publikum und von der Moderatorin wurde er aufgefordert, doch jetzt bitte seine Frage zu stellen. Die kam dann – in Ton und Wortwahl eine einzige Beschwerde, dass Tenenbom sich erdreistet uns zu sagen, was wir gegen die Antisemiten tun sollten.

Na wunderbar – er war ausdrücklich gefragt worden, was er sich von den Deutschen wünsche. Seine Antwort: Er fände es gut, wenn es bei jedem antisemitischen Inhalt in einer deutschen Zeitung eine Demonstration vor dieser Zeitung geben würde. Wenn 2000 Menschen vor der SZ gegen deren Antisemitismus demonstrieren, würde die SZ ziemlich schnell aufhören, diesen weiter zu verbreiten, denn die haben kein Interesse daran, dass darüber etwas in der New York Times oder der Washington Post erscheint. Wenn die Kölner vor das Rathaus ziehen und dem Bürgermeister zu ein paar Hundert bis Tausend sagen, dass etwas gegen Hermanns Hassmauer unternommen werden muss, dann wird die Stadt gegen ihn vorgehen.

Die Idee stimmt im Prinzip. Nur die Umsetzung fehlt. Im September kamen mal gerade 80 Leute zur Demonstration „Hände weg von unseren jüdischen Freunden“ – und selbst da nur, weil ein relativ großer Trupp aus Siegen angereist war und einige Mitglieder der jüdischen Gemeinden Köln und Bonn den Sabbat nicht ganz einhielten.

Es gibt also viel zu tun. Aber auch hier hat er eine Vorgabe, die einleuchtet: Statt zu grübeln, was wir tun können, sollten wir einfach tun. „Die anderen“ fragen eben nicht immer zweifelnd, was sie tun können, sondern sie tun und nehmen sich raus zu tun. Eine funktionierende Demokratie wird das auch für die Freunde der Juden zulassen, so funktioniert Demokratie eben.

Eines sollte uns von draußen noch verzapft werden: Walter Hermann steht mit seinem Hassportal praktisch nie montags vor dem Domforum. Heute war er da. Weil das Wetter so schön war. Adenauer brachte seine Zweifel zum Ausdruck, dass das der wahre Grund war. Einer der Hassmaurer war auch gekommen. Der monologisierte dann derart ausführlich, dass Walter Hermann nur da war, weil heute das Wetter so gut war und die letzten Tage nicht, dass das natürlich „völlig glaubwürdig“ rüberkam – vor allem, weil er sich mit seinem „Stand“ deutlich weiter ausgebreitet hatte, als sonst üblich, damit nur ja niemand das Domforum betreten konnte, ohne nicht wenigstens davon Notiz nehmen zu müssen. Es gab ein paar erzürnte Worte – wir hätten ihn einfach aus dem Saal lachen sollen.

Zu guter Letzt stellte sich wieder etwas für mich Typisches heraus: Ich hatte zwar „I Sleep in Hitler’s Room“ gelesen – aber natürlich das Buch Zuhause gelassen. Ergo kaufte ich ein weiteres Exemplar und ließ es mir signieren. Es kann ja nicht sein, dass ich eine solche Gelegenheit komplett nutze, ohne irgendetwas zu vergessen. Gut, das eine kann ich immer noch verschenken.

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11 Gedanken zu “Presseerklärungen bitte nicht an deutsche Presse schicken! Gefährlich!

  1. Ich war auch vor Ort und war derjenige, der eine letzte Frage an Tuvia Tenenbom stellen durfte. 🙂
    Die Vorstellung seiner Ansichten und seines Buches haben mir sehr gut gefallen! Dann haben wir uns dort wohl auch sicherlich gesehen, heplev, wohl aber nicht erkannt. Danke für die Reportage von dir!

  2. Eine herrliche Beschreibung mit frustrierendem Hintergrund. Ich war in Berlin in einer Lesung und erlebte auch skurrile Diskussionen.

  3. Ich habe weder die englische noch die deutsche Ausgabe gelesen, bin aber sehr neugierig darauf. Haben Sie beide Ausgaben vergleichen können?
    Heplev, Sie schreiben, er habe sich die Fragen übersetzen lassen. Ich nahm bisher an, Tenenbaum sei deutschsprachig und habe sich deshalb (und wegen seiner blonden Haare) in die braune Szene einschleusen können.
    Habe ich das falsch interpretiert? Oder war das vielleicht ein eleganter Selbstschutz vor allzu unflätigen verbalattacken?
    Wie eine Presseerklärung zu Anklagen führen können, ist mir ein Rätsel.

    • Tuvia Tenenbom hat auf Englisch gesprochen, seine Frau hat das übersetzt. Er versteht Deutsch. Seine Frau hat ihm gelegentlich nochmal gesagt, was andere sagten oder fragten, aber da wollte er nur sichergehen, dass er das richtig verstanden hat.
      Ich habe die beiden Ausgaben nicht vergleichen können, weil ich die deutsche nicht habe.

  4. „Er war erstaunt, dass ich sein Buch in Englisch gelesen habe und erklärte mir dann auf meine Nachfrage, was in der deutschen Ausgabe weggelassen wurde.“

    DAS würde mich mal brennend interessieren. Könntest Du das mal näher erläutern oder gibt es dazu eine ausführliche Quelle?

    • Das weiß ich nicht mehr genau, aber im Interview auf Lizas Welt hat er dazu auch etwas gesagt.
      Was definitiv in der deutschen Ausgabe nicht drin ist, ist ein Teil mit Gregor Gysis Schwester.

  5. Was willst Du für das Buch haben?, Falls Du’s mir verkaufen möchtest?
    Dochdoch, ist Ernst gemeint ;), ich brauch das Buch ohnehin, und wenn nicht jetzt, wann dann?
    Um so besser, wenn es dann Heplevs Buch ist

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