Intellektuelle und Antisemitismus – eine Jahrtausend-Tradition

Manfred Gerstenfeld interviewt Robert Wistrich (direkt vom Autor)

Antisemitismus in der intellektuellen Elite der heidnischen Antike begann vor mehr als 2.000 Jahren in Alexandria. Diese Art von Antisemitismus – insbesondere in Hochkulturen wie Ägypten, Griechenland und Rom – konzentrierte sich auf Themen, die ein beständiges Echo zu haben scheinen. Insbesondere wurde den Juden vorgeworfen, sie seien antisozial. Sie aßen und tranken nicht mit ihren Nachbarn, wie es mediterrane Sitte war. Dieser antike Vorwurf des Exklusivismus und Isolationismus der Juden hat eine Infrastruktur bereitgestellt, auf der im Laufe der Jahrtausende verschiedene schwere Beschuldigungen aufgebaut worden sind.

Die antisemitische Rolle der Intellektuellen setzte sich über die Jahrhunderte hinweg fort. Die Kirchenväter, insbesondere im vierten Jahrhundert des christlichen Zeitalters, legten die ideologische Infrastruktur, aus der sich ein Großteil der Dämonisierung der Juden, des Judentums und des jüdischen Volkes entwickelte. Sie brandmarkten die Juden ausdrücklich als Christusmörder, als gottesmörderisches Volk. Das hatte seine Anfänge bereits in den Evangelien. Die einzigen Intellektuellen des christlichen Europa des Mittelalters waren Geistliche. Mehr als tausend Jahre lang lehrten führende christliche Theologen Verachtung für das jüdische Volk. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieb der französische Autor Jules Isaac dies detailliert.

Prof. Robert S. Wistrich
Prof. Robert S. Wistrich

Professor Robert Wistrich hat den Neuberger Chair for Modern European and Jewish History an der Hebräischen Universität in Jerusalem inne. Seit 2002 ist er Direktor des Vidal Sassoon International Center for the Study of Anti-Semitism an dieser Universität.

Die Wahrnehmung des vermeintlich satanischen Charakters der Juden setzte sich durch das Mittelalter hindurch fort. Gegen Ende dieses Zeitalters wurden Juden buchstäblich zur „Abstraktion des Teufels“. Fast alle ihre Taten wurden als außergewöhnlich böswillig und pervers interpretiert. Der Reformator Martin Luther war ein Mann von beträchtlicher intellektueller Macht. Seine Angriffe auf die Juden gehören zu den heftigsten in der Geschichte antisemitischer Verleumdungen.

In der katholischen, östlich christlich-orthodoxen und protestantischen Welt wurde der Antisemitismus zu einem weit verbreiteten Phänomen. Die Juden wurden von den Kirchen als „Agenten des Teufels“ und Feinde des Glaubens definiert. Diese Dämonisierung übertrug sich in eine rationalistische, postchristliche Gesinnung, die eine neue, säkulare Kraft gewann. Beispielsweise schrieb sich die Aufklärung des 18. Jahrhunderts die Rebellion gegen die etablierten Kirchen auf ihre Fahnen. Sie proklamierte die Herrschaft der Vernunft, der Menschlichkeit und der universalen „Toleranz“. Aber sie setzte die frühere, antisemitische Tradition fort. Ihre intellektuellen Anhänger wandten ihren Antisemitismus gegen die katholische Kirche. Es war der Ansatz Voltaires gegen die Festung des „Aberglaubens“ und insbesondere den der katholischen Kirche und der Heiligen Schriften. Dazu gehörte ein Totalangriff auf die hebräische Bibel, das jüdische Volk und das Judentum als Quellen von allem, was falsch war. Er und andere französische Philosophen des 18. Jahrhunderts proklamierten, das Kapitalverbrechen der Juden bestehe darin, dass sie Gott und den Monotheismus erfunden hatten, das Schlimmste, was der Zivilisation jemals zugestoßen sei. Mit anderen Worten: Ihre Sünde bestand nicht darin Christus gekreuzigt, sondern zur Welt gebracht zu haben.

Die großen idealistischen deutschen Philosophen des 18. Jahrhunderts von Kant über Fichte zu Hegel waren alle antisemitisch. Genauso die herausragenden Intellektuellen, die sich ihnen anschlossen oder sie bekämpften wie Schopenhauer, Nietzsche und der junge Karl Marx. Nietzsche und Kant waren weniger antisemitisch als andere. Diese Tradition fand ihren Höhepunkt in Martin Heidegger, den viele als den führenden Philosophen des 20. Jahrhunderts ansehen. Seine Hingabe an den Nationalsozialismus war tiefgehend und beeinflusste seine Haltung zu den Juden.

Zu den Erben der Traditionen der Aufklärung gehörten die frühen französischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts. Mit sehr wenigen Ausnahmen legten sie die Grundlagen für den französischen Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts. Zu ihnen gehörten Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon – der Gründer des Anarchismus und einflussreiche Persönlichkeit in der französischen Arbeiterbewegung – und Alphonse Toussenel. Die führende Persönlichkeit des französischen Antisemitismus zur Zeit der Dreyfus-Affäre war der halbintellektuelle Edouard Drumont, Autor des Bestsellers La France Juive (Das jüdische Frankreich). Mit ungefähr 100 Ausgaben wurde es öfter verkauft als alle anderen Bücher des Frankreichs des Fin-de-Siècle.

Proudhons großer Rivale und Gegenspieler Karl Marx schrieb ein Werk, das für Marxisten immer in den Pantheon seiner Schriften gehört: Zur Judenfrage. Unter den vielen Juwelen der intellektuellen Inspiration dieser Arbeit finden sich Sätze wie: „Welches ist sein [des Juden] weltlicher Gott? Das Geld.“ oder die Aussage, die gegenwärtige christliche Welt in Europa und Nordamerika habe den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht und sei völlig judaisiert worden.

Antisemitismus ist keinesfalls die Domäne der Ignoranten und Ungebildeten. Massenbewegungen wie der Nationalsozialismus und viele Formen von Faschismus, Nationalismus und einige Arten des Sozialismus haben wichtige Komponenten von Antiintellektualismus. Dennoch haben diese Bewegungen, die sowohl antiintellektuell und antisemitisch sind, auch eine intellektuelle Grundlage. Zu denen, die den europäischen Faschismus inspirierten, gehörten Denker wie George Sorel, Giovanni Gentile, Ernst Jünger, Oswald Spengler und viele andere. „Hitlers Professoren“, um einen Ausdruck von Max Weinreich zu verwenden, halfen den Boden für den Völkermord der Nazis an den Juden zu bereiten.

Die intellektuelle Dämonisierung der Juden geht bis heute weiter, trotz den dramatischen Veränderungen, die intellektuell, sozial und politisch in der europäischen Geschichte stattgefunden haben. Israel zu delegitimieren ist heute in der gebildeten Elite Europas Mode. Viele Schriftsteller, Künstler, prominente Journalisten und Akademiker stehen an vorderster Front, wenn widerliche Vergleiche zu Zionismus und Nationalsozialismus und Israel zu Hitlerdeutschland gezogen werden. Der portugiesische Nobelpreisgewinner Jose Saramago war nur einer von vielen. Sie alle passen auch in eine lang andauernde Tradition intellektuellen Judenhasses.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.