Von al-Durah zu Badawi: Tödlicher Journalismus und wie Palästinenser mit ihrer Propaganda Konsens herstellen

Philippe Assouline, Huffington Post (blog), 5. März 2013

Es war ein entscheidendes Bild des letzten Flächenbrands im Gazastreifen: Hamas-Premierminister Ismail Haniyeh und der ägyptische Premierminister Hashim Kandil hielten die Leiche eines palästinensischen Kindes in die Kameras – das Gesicht des Jungen, seine leblosen Augen beschworen überzeugend die Welt: „Werdet ihr euch wegen der Tötung dieses Kindes jetzt endlich gegen Israel stellen?!“

Doch es war nicht Israel, das den 4-jährigen Mohammed Sadallah ermordete; es scheint die Hamas gewesen zu sein. In grotesker Ironie, wird berichtet, landete eine von tausenden Raketen, die die Hamas auf israelische Kinder abschoss, stattdessen auf dem 4-jährigen Jungen aus dem Gazastreifen. Die Islamistengruppe dachte sich nichts dabei aus dem Kind eine PR-Waffe zu machen – und die internationale Presse folgte brav. In derselben Woche versuchten palästinensische Aktivisten widerholt Fotos von toten arabischen Kindern als Werk Israels auszugeben. Die Fotos waren in Wirklichkeit Bilder syrischer Kinder, die Wochen früher von Bashar Assad massakriert wurden. Und in diesem Monat feuerte die UNO nach nie da gewesener öffentlicher Kritik Kulhood Badawi, eine ihrer hochrangigen Public Affairs-Beauftragten in Jerusalem. Badawi hatte versucht das Foto eines Mädchens, das 2006 bei einem Unfall getötet wurde, als Opfer Israels zu verkaufen. Diese Aktivisten, Badawi und die Hamas – deren Minister 2009 vom Gebrauch von „menschlichen Schutzschilden der Frauen, der Kinder … die die zionistische Bombardierungsmaschinerie herausfordern“ prahlte – nahmen an, dass die internationale Presse sich einfach auf ihr Wort verlassen würde, wie sie das immer getan hatte.

Blogger deckten ihre Lügen auf, doch der Schaden war angerichtet. Und der Schaden, wenn Journalisten gewissen palästinensischen Aktivisten beim Missbrauch des öffentlichen Mitgefühls zur Dämonisierung Israels helfen, wird in Toten gezählt – auf beiden Seiten.

Im Krieg um die Herzen und Köpfe begriffen einige der Propagandisten für die palästinensische Sache schon vor langer Zeit, dass Gefühle über Fakten triumphieren. Bilder und Anschuldigungen, die die Gefühle missbrauchen und die natürliche Empathie der Öffentlichkeit ausnutzen, sind unersetzbare Munition, um Mitgefühl für die Palästinenser und Feindseligkeit gegenüber Israel zu erzwingen. Yassir Arafat selbst unterstrich das zynisch im Januar 2002 – zwei Tage, bevor seine Fatah-Organisation sechs Gäste bei einer Bat Mitzvah-Feier in Israel ermordete – den Wert toter palästinensischer Kinder als Propagandamittel: „Das palästinensische Kinde, das einen Stein hält und sich einem Panzer stellt – ist das nicht die größte Botschaft an die Welt, wenn ein Held zum ‚Märtyrer‘ wird?“

Als Arafat diese Worte sprach, dachte er an die herzzerreißenden Bilder des Todes von Mohammed al-Durah. Dieser von France 2 im September 2000 gedrehte und weltweit verbreitete 50-Sekunden-Clip zeigt einen Jungen und seinen Vater, die im Kreuzfeuer gefangen saßen, sich ängstlich hinter ein Betonfass im Gazastreifen kauerten. Einige fesselnde Momente später springt das Bild, letzte Schüsse erschallen und eine Staubwolke verflüchtigt sich, um den leblosen Junge zu zeigen, der auf den Füßen seines Vaters hingestreckt ist. Charles Enderlin, Reporter von France 2, erzählt die Szene, obwohl er sie nicht erlebt hat und bestimmt der Welt gegenüber, dass der Junge und sein Vater „die Ziele israelischen Feuers“ waren.

Enderlins Bericht verbreitete sich wie ein Virus und war entscheidend beim Schüren der zweiten Intifada. Innerhalb von Tagen brüllte ein wütender Mob in Ramallah nach „Rache für das Blut von Mohammed al-Durah“, als er zwei verirrte Israelis zerstückelte. Eine Flut palästinensischer Selbstmordbomber machte oft dasselbe Motiv für die Ermordung hunderter israelische Zivilisten in entsetzlichen Anschlägen auf Restaurants, Schulen, Busse und Einkaufszentren geltend. Al-Qaida nutzte al-Durah als wichtiges Rekrutierungsmthema und Jihadisten enthaupteten 2002 Daniel Pearl mit al-Durahs Bild im Hintergrund. Im Westen klagte Enderlins Bericht Israel unwiderruflich an und lieferte moralische Deckung für Terroranschläge der Palästinensergruppen; viele gingen so weit Israel mit Nazideutschland gleichzusetzen. Ist es zwölf Jahre später ein Wunder, dass Mohammed Merah in Toulouse jüdische Schulkinder niederschoss, um die Tötung von „palästinensischen Kindern“ durch Israel zu rächen? Assistiert von den Nachrichtenmedien ist der Tod eines einzelnen Kindes zu einer weltweiten Lizenz Juden, Westler und ihre Kinder zu töten geworden.

Doch es war nicht Israel, von dem Mohammed al-Durah erschossen wurde.

Kritiker legten schnell die klaffenden Lücken in Enderlins Bericht offen: Al-Durah sollte an Blutverlust gestorben sein, doch die Aufzeichnungen zeigen kein Blut; das Bild seiner Leiche in einem Leichenschauhaus in Gazas erwies sich als das eines anderen Jungen; die Wunden, die sein Vater durch israelisches Feuer erlitten haben wollte, stammten von Messerstichen, die er Jahre zuvor erhielt. Am erdrückendsten ist, dass die Israelis aus ihrer Position al-Durah an diesem Tag gar nicht getroffen haben konnten.

Ironischerweise wurde einer der Aktivisten, der unermüdlich daran arbeitete die Wahrheit ans Lichts zu bringen, aufgrund öffentlicher Infragestellung der Glaubwürdigkeit der Arbeit Enderlins wegen Verleumdung verklagt. Als aber ein französisches Gericht France 2 anwies, die von Enderlin in seinem Bericht genutzten, nicht editierten Videoaufzeichnungen vorzulegen, entwirrten sich die Dinge für die Beschuldiger rapide. In dem Filmmaterial bewegt sich al-Durah, nachdem Enderlin den Jungen für tot erklärt hatte, seinen Körper auf wundersame Weise, hebt seinen Arm und lugt darunter hervor. Statt Feuergefechten zeigte die Aufzeichnung palästinensische Teilnehmer, die Verletzungen vortäuschen, „Schlacht“-Szenen vor Dutzenden Reportern führender Nachrichtenagenturen inszenieren und choreografieren – alles, während Kinder gelassen vor der israelischen Position herumlaufen. Die al-Durah-Story – der Auslöser einer Explosion von Gewalt und Leid – war eine Lüge. „Weißt du, das ist immer so“ und „Oh, sie mach das ständig“ sollen Enderlin und Vertreter von France 2 gesagt haben, als man sie mit den inszenierten „Nachrichten“ konfrontierte.

Dass Badawi letzte Woche entlassen wurde, sollte keine falschen Hoffnungen verursachen. France 2 und Enderlin zeigen keine Reue und das französische Medienestablishment schließt hinter ihnen seine Reihen. Das Fehlen von Berichten zu dieser Affäre deutet an, dass sie Enderlin – und ihren Berufsstand – erfolgreich vor Rechenschaftspflicht schützen.

Die internationale Presse sollte sich lieber fragen, wie hoch die Kosten ihrer Verdunkelung in einer Rufmord-Propagandakampagne sind. Wird der Frieden gefördert, wenn man diese Palästinensergruppen berücksichtigt, die auf Kinder schießen und Kinder benutzen, um künstlich die Welt stattdessen auf Israel zu konzentrieren? Warum schaffen die Medien einen Anreiz für Fatah, Hamas und andere, Kinder Gefahren auszusetzen, während die Kameras laufen? Und nicht weniger wichtig: Wie viele Unschuldige werden weiter wegen schlampigen Journalismus zum arabisch-israelischen Konflikt sterben?

Talal Abu Rahmeh, der palästinensische Kameramann, der al-Durahs Tod filmte, sagte 2001 einer marokkanischen Zeitung, dass er den Journalismus aufnahm, um für das palästinensische Volk zu kämpfen. Diese Worte – eine beißende Rüge des Fehlens der Sorgfalt der internationalen Presse bezüglich ihrer palästinensischen Stringer – erinnern gespenstisch an die Charta der Hamas: „Der Jihad ist nicht auf das Tragen von Waffen und die Konfrontation mit den Feind beschränkt. Das effektive Wort, der gute Artikel … sind Elemente des Jihad.“ Wie lange noch wird die internationale Presse als Gehilfe des Medienjihad dienen?

* Weitere Informationen gibt es auf http://www.aldurah.com/ und http://www.theaugeanstables.com/.

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3 Gedanken zu “Von al-Durah zu Badawi: Tödlicher Journalismus und wie Palästinenser mit ihrer Propaganda Konsens herstellen

  1. “ Wie lange noch wird die internationale Presse als Gehilfe des Medienjihad dienen?“

    Apropos Presse, oder richtiger, die MEINUNGSMACHT! 😉

    Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten- eine kritische
    Netzwerkananlyse

    Reihe des Instituts für Praktische Journalismusforschung (IPJ), 9

    Die Interaktionen zwischen Journalisten und Eliten wurden bislang meist vor systemtheoretischem Hintergrund und durch Befragung von Akteuren erforscht, wobei die Ergebnisse anonymisiert wurden. Diese Arbeit wählt theoretisch und methodisch einen anderen Ansatz, um Eliten-Einflüsse auf journalistische Inhalte zu lokalisieren.

    Es wird ein theoretisches Modell entwickelt, das Medienverhalten mit Hilfe von Pressure Groups und sozialen Netzwerken erklärt und das vorhersagt, dass Leitmedien mehr oder weniger den laufenden Diskurs der Eliten reflektieren, aber dessen Grenzen nicht überschreiten und dessen Prämissen nicht kritisch hinterfragen.

    Im empirischen Teil fokussiert eine Netzwerkanalyse zunächst die soziale Umgebung von 219 leitenden Redakteuren deutscher Leitmedien. Jeder Dritte unterhielt informelle Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten; bei vier Außenpolitik-Journalisten von FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt und Die Zeit finden sich dichte Netzwerke im US- und NATO-affinen Elitenmilieu.

    Eine anschließende Frame-Analyse fragt, inwieweit der Output dieser vier Journalisten in den umstrittenen Fragen der Definition von Sicherheit („erweiterter Sicherheitsbegriff“) und Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auf der Linie der ermittelten Bezugsgruppen liegt. Abschließend werden die Berichte über die Münchner Sicherheitskonferenz und deren Gegner in fünf Tageszeitungen inhaltsanalytisch untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Eliten-nahen Leitmedien FAZ, Welt und Süddeutsche den auf der Sicherheitskonferenz laufenden Elitendiskurs ausführlich abbilden, dabei aber die Proteste und die Gegenveranstaltung „Münchner Friedenskonferenz“ marginalisieren und delegitimieren.

    http://www.halem-verlag.de/2013/meinungsmacht-und-elite-journalismus/

    Äußerst interessant! Aber eigentlich nichts Neues!

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