Historische Herkunft und operative Doktrin des Begriffs „Friedenslager“

Joel Fishman, Makor Rishon, 2. Juli 2004 (direkt vom Autor)

Am Abend des Samstag, 5. Juni 2004, berichtete die Ha’aretz-Internetseite, dass die Knesset-Mitglieder der Yachad-Fraktion sich den Tag über in Abu Dis mit Ahmed Qureia trafen. Nach dem Treffen erklärte Yossi Beilin, dass die politische Krise in Israel „eine Gelegenheit für das Vorankommen des israelischen und palästinensischen Friedenslagers schuf“.

Wenn wir Nachrichten lesen oder hören, können wir Worte und Begriffe hören, die wir nicht wirklich verstehen, auch wenn wir das glauben. Worte sind wichtig und es ist entscheidend, dass wir ihre wahre Bedeutung begreifen. Man würde nach dem Begriff „Friedenslager“ vergeblich in hebräischen Quellen suchen, wie in der Bibel, rabbinischen Texten und später jüdischer Literatur. Er kommt in den Werken keines großen Denkers der Moderne vor, wie bei Montesquieu oder Edmund Burke. Der Begriff „Friedenslager“ ist nicht in diesen noblen Traditionen zu finden, weil es Lenin in seinen späteren Schriften war, der die „Doktrin der zwei Lager“ formulierte, die die Welt in das bolschewistische und das kapitalistische Lager teilte. Er nannte das eine Lager das des „konterrevolutionären, imperialistischen Westens“, das andere „den revolutionären und nationalistischen Osten“. Bereits 1919 übernahm Stalin die Doktrin und macht sie sich zu eigen.

Nach dem Sowjet-Experten Robert C. Tucker „teilte die Theorie den Globus in zwei ‚Welten’, die das sowjetische ‚Friedenslager’, Lager des Sozialismus und der Demokratie’ und das ‚amerikanischen Lager des Kapitalismus, Imperialismus und des Krieges’ genannt wurden“. (Diese dualistische Weltsicht hat einige Ähnlichkeit mit dem orientalischen Konzept des Dar al-Islam und Dar al-Harb.) Tucker erklärte, wie die stalinistische Ideologie der zwei Lager auf Gebiete angewandt wurde, die nicht direkt sowjetisch dominiert waren: „Zwei Mächte, zwei Lager, existieren in jedem kapitalistischen Land.“ Das zweite Lager in der schwarzen Welt bestand aus all denen, die – nach ihrem Verhalten, Denken und Handeln – der weißen Welt angehörten, die sich selbst als Bürger betrachteten, die in einem fremden Land lebten und die sich daher der sowjetischen Kontrolle freiwillig unterwarfen.“ Und einer der den Kalten Krieg definierenden Momente war die Gründung der Kominform [Kommunistisches Informations-Büro], die am 30. September 1947 statt fand und die Welt in zwei Lager teilte. Bei dieser Feier erklärte der Chef-Ideologe der Sowjetunion, Andreij A. Zhdanow, „dass das ‚Friedenslager’, das von der Gemeinschaft der sozialistischen Staaten repräsentiert wird, durch ‚aggressiven amerikanischen Kapitalismus’ bedroht wird“.

Wie passt diese Logik in den kulturellen Kontext Israels? In seiner perspektivischen Analyse „The Israeli Left: From Socialism to Nihilism“ (Die israelische Linke: Vom Sozialismus zum Nihilismus) aus dem Jahr 2000 schrieb der israelische Autor Amnon Lord, Chruschtschows Enthüllungen der Verbrechen Stalins auf dem 20. Parteitag 1956 die Israelis tief schockte, die Stalin als „Sonne der Nationen“, „Vater der Völker“ und „Führer der Blinden“ idealisiert hatten. Im Lauf der Zeit übertrugen sie ihre Liebe vom stalinistischen Ideal auf die palästinensische Frage. Damit lebt die Dynamik der Doktrin der zwei Lager weiter. Selbst heute haben viele Israelis, die sich selbst als zur „weißen Welt“ gehörend betrachten, in ihrer Haltung, ihrem Denken und ihrem Handeln gezeigt, dass sie den jüdischen Staat als Teil der „schwarzen Welt“ und fremdes Land ansehen. Weiterhin gibt es in dieser Weltsicht keinen Platz für den moderaten Zionismus. Diejenigen, die loyal zum souveränen Staat Israel in seiner jetzigen Form stehen, werden automatisch als Mitglieder des „kapitalistischen, imperialistischen und Kriegs-Lagers“ klassifiziert. In der Tat wurde Yigal Carmon, ein säkularer Humanist und Gründer von MEMRI als „ein rechtsextremer Störer des Friedens“ gebrandmarkt, als er in den 90-er Jahren Informationen über die Widersprüche zwischen palästinensischen Absichten veröffentlichte, wie sie auf Englisch und Arabisch geäußert wurden.

Sehen wir uns mehrere Beispiele der Doktrin der zwei Lager an, wie sie im palästinensischen Krieg gegen Israel angewendet wird. In einer Ansprache am 30. Januar 1966 vor arabischen Diplomaten im Grand Hotel von Stockholm erklärte Arafat seinen Plan zur Übernahme Israels durch die Palästinenser, indem die Doktrin der zwei Lager angewandt wird. „Wir von der PLO werden nun alle unsere Anstrengungen darauf konzentrieren Israel psychologisch in zwei Lager zu spalten… Sie verstehen“, fügte er hinzu, „dass wir planen den Staat Israel zu eliminieren und einen rein palästinensischen Staat zu errichten. Wir werden den Juden das Leben durch psychologische Kriegsführung und Bevölkerungsexplosion unerträglich machen; Juden werden nicht unter uns Arabern leben wollen.“

Zusätzlich zitierte ein Bericht von MEMRI im Dezember 2002 Mahmud Abbas (Abu Mazen), den Sekretär des Exekutivrats der PLO, wie er israelischen Arabern den Ausbruch der palästinensischen Gewalt erzählte: „… Wenn ihr uns helfen wollt, dann macht es durch die Lieferung von Nachschub und durch Friedensdemonstrationen mit der israelischen Friedensbewegung… Israelische Araber sollten uns helfen, israelische Regierungen zu stürzen oder an die Macht zu bringen.“

Wie in einem früheren Artikel (28.05.2004) schon erwähnt war das Hauptmotiv der Palästinenser für die Genfer Initiative, um Spaltungen in der israelischen Gesellschaft zu schaffen, um den Likud zu schwächen und irgendwann die Regierung Scharon zu stürzen. Vor Kurzem hätte der Überraschungsangriff des früheren Militärgeheimdienst-Chefs Amos Malka auf Amos Gilad (Leiter der Forschungsabteilung des israelischen Militär-Geheimdienstes, in diesem Zusammenhang verstanden werden. Der Zweck der Stellungnahmen Malkas war, wie Akiva Eldar in der Ha’aretz-Ausgabe vom 10. und 11. Juni berichtete, die Botschaft zu verbreiten, dass Yassir Arafat in Wirklichkeit ein passender Verhandlungspartner für Israel sei, dass aber General Amos Gilad gefälschte Informationen verbreitete, die in der Ablehnung Arafats als Friedenspartner durch Israel resultierten. Darüber hinaus verstärkte David Landau, hochrangiger Redakteur bei Ha’aretz, am 18. Juni diese Sichtweise mit einem größeren Interview mit Arafat, das den Titel trug: „Ein jüdischer Staat? ‚Definitiv’“

Die Frage ist: Warum jetzt? Und „cui bono“? Die Antwort: Wenn man Aufstands-Krieg führt, wie es Arafat und die PA tun, und die Verluste zu hoch werden, dann kann man in Verhandlungen eintreten, um sich neu zu gruppieren, Zeit zu gewinnen und Verwirrung auf der anderen Seite zu schaffen. Sir Robert Thompson, der britische Experte, der erfolgreich den kriegerischen Aufstand in Malaya bekämpfte und später die britische Beratergruppe in Vietnam anführte, schrieb 1970, dass die Taktik des „kämpfen und verhandeln“ benutzt wird, um den Willen der anderen Seite zu zerstören: „… Die bloße Eröffnung von Verhandlungen, was Aussicht auf Frieden andeutet, verringert automatisch den Willen der Defensive, den Kampf fortzusetzen. In einem gewissen Grad ist die Moral der Guerillas ebenfalls betroffen, aber seine Führer sind in einer Position, sie dazu anzuhalten ‚unaufhörlich’ in einem ‚verstärkten Ringen’ weiter zu kämpfen, während die gegnerischen Führer einen solchen Aufruf nicht ausgeben können, ohne beschuldigt zu werden, sie würden die Verhandlungen zu beeinträchtigen.“ In unserem Zusammenhang sollte die neue politische Initiative Arafat einmal mehr zu retten und als Verhandlungspartner zu rehabilitieren als Versuch gewertet werden, gemeinsam mit dem Feind Israels Staatspolitik zu beeinflussen.

Die Bemühungen des „Friedenslagers“, das nach der in die dunkelsten Tage des Kalten Krieges gehörenden „Doktrin der zwei Lager“ arbeitet, wird den Frieden nicht näher bringen. In deutlichen Warten erklärte Yassir Arafat in Stockholm, dass der Zweck seiner Art der politischen Kriegsführung interne Meinungsverschiedenheiten zu schüren, Israel innenpolitisch zu destabilisieren und seine Vernichtung herbeizuführen, damit es durch einen palästinensischen Staat ersetzt werden kann. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig die Herkunft und wahre Bedeutung solcher Worte und Begriffe wie „Friedenslager“ zu verstehen, die regelmäßig in unserer täglichen politischen Diskussion auftauchen.

Joel Fishman ist Mitarbeiter des Jerusalem Center for Public Affairs
(Der Text erschien vor einigen Jahren auf den „Nahost-Infos“, wird dort aber nur unvollständig angezeigt.)

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