Niederlande: Als Juden erkennbare Menschen werden schikaniert

Manfred Gerstenfeld interviewt Netanel S. (direkt vom Autor)

Meine Eltern zogen mich als Christen auf, doch bereits als Kind entwickelte ich ein Interesse am Judentum. Als ich mich später entschied zu konvertieren, offenbarte mir meine Mutter überraschend, dass ihre Mutter ihr sagte, sie sei jüdischer Herkunft. Es gab dafür allerdings keine Belege.

Als ich 2005 Urlaub in Israel machte, wurde ich krank und wurde von einem Arzt in einer orthodoxen Schule behandelt – der Diaspora-Jeschiwa. Danach entschied ich mich, dort zu bleiben und ein wenig zu lernen, obwohl ich offiziell nicht als Jude anerkannt war.

Netanel S. ist ein junger Mann, der in Arnhem in den Niederlanden geboren wurde. Er wuchs in einem Dorf in der Nähe auf. Heute ist er ein ultraorthodoxer Jude; er lebt seit 2009 in Israel.

Als Oberstufenschüler in Arnhem begann ich eine Kippa zu tragen. Das sorgte sofort dafür, dass ich Probleme bekam. Wenn ich in die Klasse kam, fauchten einige der Schüler in Nachahmung des Gases der Nazi-Vernichtungslager. Sie nutzen auch oft in Diskussionen abwertend das Wort „Jude“. Der palästinensisch-israelische Konflikt wurde in Gespräche zu vielen Themen eingebracht. Es waren hauptsächlich marokkanische Schüler, die das machten, aber auch Türken und Iraker.

Danach besuchte ich eine Handelsschule für Jura und Verwaltungswissenschaften in der nahe gelegenen Stadt Velp. Auch dort wurde ich belästigt, aber weniger als in der Oberstufe. Ich war dort der einzige jüdische Schüler. Wann immer Israel in den Nachrichten negativ erwähnt wurde, wurden mir Vorwürfe gemacht. Nichtwestliche jugendliche Migranten nannten mich „Krebsgeschwür-Jude“ und „Krebsgeschwür-Zionist“. Es gab keine physische Gewalt. Allerdings spuckte mir jemand am Bahnhof von Arnhem ins Gesicht, als niemand sonst da war.

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, hatte ich es satt auf der Straße angestarrt und beschimpft zu werden. Ich entschloss mich mein Aussehen für ein paar Tage zu verändern. Ich trug einen kurzen Mantel, steckte die Fäden meines viereckigen Gewandes in die Hosentaschen, versteckte meine Schläfenlocken in meiner Kippa und trug eine Mütze. Ich konnte kaum glauben, wie normal es sich anfühlte die Straßen entlang zu gehen, als ich meine Identität versteckte. Niemand beschimpfte mich. Ein paar Tage später kehrte ich zu meiner normalen Kleidung zurück und die Beschimpfungen begannen wieder. Später arbeitete ich in einem Callcenter in Amersfoort. Die Angestellten waren fast alle einheimische Niederländer und ich begegnete keinen Problemen. Ich wurde vom Management sehr freundlich behandelt. Sie gaben mir an allen jüdischen Feiertagen frei. Auf der Straße wurde ich allerdings weiter belästigt.

Im Dezember 2008 zog ich nach Rotterdam, wo ich arbeitslos war. Fast jedes Mal, wenn ich das Haus verließ, wurde ich beschimpft, manchmal sogar von älteren arabischen Paaren, die sehr nach Muslimen aussahen. An Samstagen ging ich mit Freunden in die Synagoge. Jede Woche wurden wir mindestens zweimal beschimpft und immer von nichtwestlichen Einwanderern. Man hörte alle erdenklichen Beleidigungen, die dem Wort „Jude“ angefügt waren und Sprüche über unsere Mütter. Wir hörten auch, dass einige Leute riefen, Hitler habe gute Arbeit geleistet.

Anfang 2009 begann ich ein Tagebuch der Beleidigungen zu führen. Ich schrieb zum Beispiel: „Am ersten Tag das Passahfestes 2009 ging ich mit einem Freund an einem Park vorbei. Dutzende Marokkaner nannten uns ‚Juden‘, ‚Krebsgeschwür-Juden‘ und ‚Zionisten‘. Sie riefen auch ‚Befreit Palästina‘. Einige einheimische Niederländer sahen zu. Ich schickte das, was ich geschrieben hatte, an die niederländisch-jüdische Verteidigungsorganisation CIDI. Sie veröffentlichte Teile davon. Beim Lesen meines Tagebuchs sehe ich, dass die Schikane fast immer von Marokkanern betrieben wurde. Die zwei einzigen Bereiche in den Niederlanden, wo ein als Jude erkennbarer Mensch heutzutage frei umhergehen kann ohne beschimpft zu werden, sind das Viertel Buitenveldert in Amsterdam und der Vorort Amstelveen.

2009 zog ich nach Antwerpen. Ich wurde dort nur einmal beschimpft Am Bahnhof rief mir eine Gruppe einheimischer Niederländer „Krebsgeschwür-Jude“ zu.

Im Dezember 2009 zog ich nach Israel. Ende 2010 besuchte ich meine Eltern. Ich flog zuerst nach Belgien und nahm dann den Zug in die Niederlande. Am niederländischen Grenzbahnhof Roosendaal stieg ich um. Ich hatte kaum den Bahnsteig betreten, als ein einheimischer Niederländer im Alter von etwa 30 Jahren mir auf Englisch mit starkem niederländischen Akzent zurief: „Ihr habt Jesus getötet.“

Das Haus meiner Eltern verließ ich nur selten. Bei meiner Abreise fuhren sie mich zum Bahnhof von Arnhem. Als wir aus dem Auto stiegen, riefen uns niederländische Marokkaner aus einem vorbeifahrenden Auto etwas Übles über Juden zu. Bis dahin dachte meine Mutter immer, wenn ich ihr von den Belästigungen erzählte: „Vielleich übertreibt er ja.“ Jetzt wurde sie selbst damit konfrontiert.

Manchmal machen Niederländer mir gegenüber antisemitische Bemerkungen. Was mich daran am meisten verstört ist, dass viele Niederländer behaupten, sie seien nicht antisemitisch. Aber wenn es einen antisemitischen Vorfall gibt, dann sehen sie weg und sagen nichts. Heutzutage betrachten sie das schlicht als akzeptables Verhalten.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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