Der Jude in einer Kiste

Was sagt es über das heutige Deutschland aus, dass man, um einen Juden zu sehen, in ein Museum gehen muss?

Benjamin Weinthal, Foreign Policy, 4.April 2013

Berlin – Man kann sicher annehmen, dass die deutschen Organisatoren einer Ausstellung, die einen Juden ins Zentrum stellt, der in einer Plexiglas-Kiste sitzt und Fragen von Museumsbesuchern beantwortet, mit Kontroversen rechneten. „Wir wollten provozieren, das stimmt; und mancher mag die Ausstellung empörend oder anstößig finden. Aber das ist schon in Ordnung“, sagte die Kuratorin des Jüdischen Museums in Berlin. „Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten“. Doch selbst sie werden den Grad des Zorns nicht erwartet haben, dem das Projekt begegnete.

Stephan J. Kramer, Generalsekretär der 105.000 Mitglieder zählenden Zentralrats der Juden in Deutschland, spottete umgehend über die Ausstellung und sagte: „Warum gebt ihr ihm keine Banane und ein Glas Wasser, dreht die Heizung auf und lasst sich den Juden in seiner Glaskiste schön heimelig fühlen?“ Nach Kramer „fragten sie mich tatsächlich, ob ich dabei mitmachen würde. Ich sagte ihnen, ich stehe nicht zur Verfügung“. Kritik ist von allen Seiten gekommen: Die populäre pro-israelische, pro-amerikanische deutschsprachige Internetseite Die Achse des Guten bezeichnete die Ausstellung „Jews for Dummies“ (Juden für Doofe).

Der Umgang Deutschlands mit den Juden nach dem Krieg ist immer eine Art Lackmustest dafür gewesen, ob sich das Land auf dem Weg zur Rehabilitierung befindet. Nachdem das Dritte Reich etwas sechs Millionen Juden auslöschte, sind die Beziehungen zwischen Deutschland und den Juden – nun ja: komplex gewesen.

„Das zu tun ist etwas Fürchterliches – völlig entwürdigend und nicht hilfreich“, sagt Eran Levy, ein in Berlin lebender Israeli; er fügt an: „Das Jüdische Museum hat absolut das Ziel verfehlt, wenn es etwas tun wollte, um die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden zu verbessern.

Henryk M. Broder, einer der führenden Kommentatoren zu deutsch-jüdischen Beziehungen und Journalist bei der rechts von der Mitte stehenden Zeitung Die Welt, beschrieb die Ausstellung als „armselig und nutzlos“. In einer E-Mail an mich verglich Broder – selbst deutscher Jude und Autor zahlreicher Bücher über die Gemeinschaft – die Ausstellung mit „den Völkerschauen mit nackten Afrikanern“; das waren Ausstellungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in denen Menschen aus fremden Ländern wie Tiere auf karnevalartigen Festen ausgestellt wurden.

Broder sagt, die Ausstellung „beweist im Prinzip, dass die Juden immer noch Exoten sind, egal, wie sehr sie versuchen ‚normal‘ zu sein. Er fügte hinzu: „Wenn die so etwas mit Moslems machen würden, würden die ihnen die Bude abbrennen. Aber Juden haben so wenig Ehrgefühl und Selbstrespekt, dass sie auch dabei mitmachen.“

Zur Verteidigung der Ausstellung veröffentlichte Museumsdirektorin Cilly Kugelmann in einer Berliner Lokalzeitung eine postmoderne Antwort: „Wir geben nicht keine einzelne Antwort, wir zeigen viele Perspektiven.“ Tina Lüdecke, eine Repräsentantin des Museums, rechtfertigte die Ausstellung „Juden hinter Glas“: „Eine ganze Reihe unserer Besucher kennt keine Juden und hat Fragen, die sie stellen wollen. Mit dieser Ausstellung bieten wir den Leuten eine Gelegenheit mehr über Juden und jüdisches Leben zu erfahren.“

Ist also diese Ausstellung eine Art nützliche – wenn auch nach deutschen Standards provokative – Pädagogik? Oder ist sie eine beleidigende Form von Kitsch-Kunstdarbietung, die die Juden entmenschlicht? Und wenn man die erhitzten Gefühle zur Seite stellt: Trägt die Ausstellung zu einer Art wabbeligem Anschein von „Normalität“ zwischen deutschen Juden und Deutschen bei?

Die Ausstellung erstreckt sich über sieben Räume auf einer oberen Etage des Jüdischen Museums Berlin; dieses wurde 2001 eröffnet und vom bekannten Architekten Daniel Liebeskind entworfen. Die Installation zeigt in den Ausstellungsräumen 30 Fragen und will über Zitate, Objekte und Texte Einblicke bieten. Sie ist ein wenig simplizistisch. „Woran erkennt man einen Juden?“, „Sind Juden das auserwählte Volk?“, „Darf ein Deutscher Israel kritisieren?“ und „Warum leben Juden in Deutschland?“, sind einige der Fragen, mit denen die Besucher konfrontiert werden.

Doch der Teil der Ausstellung, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, findet in einer Plexigals-Kiste statt, wo eine vielfältige Gruppe Juden aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Israel und weiteren Ländern in Schichten arbeitet. Leeor Engländer, ein 30-jähriger deutsch-jüdischer Journalist der Welt, sagte, er sitze dort, weil „es mir wichtig ist die Aufmerksamkeit zu nutzen, um Vorurteile und Missverständnisse auszuräumen“.

Ein Mitglied der Museumsverwaltung sagte mir bei einem Besuch diese Woche, dass konstant 300 bis 400 Besucher pro Tag die Ausstellung besucht haben, seit sie am 22. März eröffnete.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Museum Auseinandersetzungen provoziert hat. Letztes Jahr war das Museum Gastgeber für die Akademikerin Dr. Judith Butler von der University of California, die die rund 700 Deutschen einer ausverkauften Podiumsdiskussion drängte Israel zu boykottieren. Das Publikum verschwendete euphorischen Applaus an die Rednerin; dann verbot das Museum Publikumsfragen zu Butlers freundlichen Worten über die Hamas und die Hisbollah. (Butler hatte die Hamas wie auch die Hisbollah früher schon als „Sozialbewegungen“ bezeichnet, die „progressiv, links und Teil der weltweiten Linken“ seien.)

Gerald Steinberg, Leiter des in Jerusalem beheimateten NGO-Monitor und Professor für Politikwissenschaften an der Bar Ilan-Universität, nannte die kulturelle Institution damals das „Antijüdische Museum Berlin“. In einem für Israels vorsichtige Diplomaten in Berlin ungewöhnlichen Schritt rügte die Botschaft die Veranstaltung des staatlich finanzierten Museum. Butlers Boykottaufruf zog den Zorn vieler Juden in Deutschland auf sich: Die Entscheidung des durch den Steuerzahler finanzierten Museums eine Rednerin zu präsentieren, die zum Boykott israelischer Institutionen aufrief, weckte Erinnerung an die Nazizeit, als Berlin als Ausganspunkt für eine Boykottbewegung gegen deutsch-jüdische Geschäfte diente.

Die jüngsten Kontroversen im Museum sind eine Erinnerung an die Belastungen, die der Beziehung zwischen mehr als 81 Millionen Deutschen und der winzigen jüdischen Bevölkerung des Landes (irgendwo zwischen 105.000 und 200.000) innewohnen. Der verstorbene Bühnenautor und Filmemacher Rainer Werner Fassbinder fasste die Quelle der Spannungen in seinem Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ 1975 gut zusammen; darin erklärt eine antisemitische Figur: „Der Jude ist schuld, …macht uns unglücklich, weil er Jude ist und wir die Schuld tragen… wäre er geblieben, wo er herkam oder vergast worden, ich könnte besser schlafen.“

Fassbinder fing – in schonungslos dramatischen Begriffen – geschickt ein, warum die Anwesenheit von Juden vielen Deutschen Unbehagen bereitet. Es lohnt sich, sich daran zu erinnern, dass in der Zeit unmittelbar nach dem Holocaust die Nazis noch immer in allen Gesellschaftsschichten präsent waren und ein repressives Schweigen die öffentliche Diskussion über die Rolle des gewöhnlichen Deutschen bei der Auslöschung des europäischen Judentums weitgehend zudeckte. Natürlich ist es härter die Illusion aufrecht zu erhalten, wenn es lebende Mahnungen des Verbrechens in der eigenen Mitte gibt. Die marxistischen deutschen Sozial- und Kulturphilosophen Theodor Adorno und Max Horkheimer – die während des Krieges wegen ihrer jüdischen Herkunft in die USA flohen und später aus dem Exil zurückkehrten – diagnostizierten dieses Phänomen als „Schuldabwehrantisemitismus“.

Die drängende Frage ist: Gibt es in Deutschland wichtige Generationsverschiebungen, die den mit der pathologischen Schuld verbundenen Antisemitismus untergraben? Oder hat der Schuldabwehrantisemitismus sich in eine Normalität verwandelt, die das Pendel komplett ins Gegenteil hat schwingen lassen, das eine unverhältnismäßig intensive Kritik am jüdischen Staat und den Israelis vorsieht?

Die Ausstellung geht diese oft ignorierte zeitgenössische Form des Antisemitismus in der Bundesrepublik an – nämlich den Hass auf Israel. Im ersten Raum der Ausstellung wird eine gigantische Version eines Artikels der linken Tageszeitung taz aus dem Dezember 2012 auf eine Wand projiziert, wie man einen Text schreibt, mit dem Israel verrissen wird, während man sich selbst gegen Antisemitismus-Vorwürfe schützt. Mit beißender Ironie und Sarkasmus liefert der Autor des Artikels, Philip Meinhold, zehn Tipps, unter anderem: Finde einen israelkritischen, jüdischen „Kronzeugen“, den du zitieren kannst, denn „wer einen Juden zitiert – das liegt in der Natur der Sache –, der kann die Juden nicht hassen“; erwähne in deinem Artikel nicht die Hamas, denn das würde vom Thema des Kritik an Israel „ablenken“; und führe deine linken Referenzen vor, denn wer links ist, „ist bekanntlich gegen Nazis“ und kann also überhaupt gar nicht gegen Juden sein.

Hannah Pool, eine 20-jährige Studentin aus Köln, sagte mir, nachdem sie Meinholds Artikel gelesen hatte, seine starke Ironie werfe ein Licht darauf, wie „einfach sich die Deutschen die Kritik an Israel machen“, statt daran zu arbeiten den historischen Zusammenhang der Probleme des Landes zu verstehen. Pool sagte, sie las als Gymnasiastin Adornos Schriften darüber gelesen habe, wie Deutschland sich durch seine Vergangenheitsbewältigung arbeitete. Sie verwies vor allem auf den deutschen Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass, der zuletzt eine Runde im Diskurs über Antisemitismus auslöste. Grass, langjähriger SPD-Aktivist und als Teenager Mitglied der Waffen-SS, erklärte im April letzten Jahres in seinem weithin abgedruckten Gedicht „Was gesagt werden muss“, dass „Israels Atommacht den bereits brüchigen Weltfrieden gefährdet“ und behauptete, dass der jüdische Staat die Vernichtung der Bevölkerung des Iran anstrebe. Die Gegenreaktion gegen Grass‘ Gedicht und seine Sicht des Nahen Ostens war stark und der bekannte Schriftsteller wurde von Kommentatoren aus dem gesamten politischen Spektrum scharf kritisiert.

Ein zweiter Akt der Grass-Debatte fesselte im letzten Herbst die Medien und die Intellektuellen der Nation, als Jakob Augstein, Kolumnist und Anteilseigener des SPIEGEL, in einer Reihe Kommentare Israel, orthodoxe Juden und die Republikanische Partei der USA angriff. Als Ergebnis davon nahm das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles Augstein in seine Liste der „Top-Ten der antiisraelischen/antisemitischen Verunglimpfungen“ des Jahre 2012 auf. Augstein als wohl größter Verfechter Grass‘ in den deutschen Medien, brachte dem Schriftsteller seine Dankbarkeit für dessen scharfe Kritik am jüdischen Staat dar: „Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“

Zitate aus Augsteins Kolumne „Im Zweifel links“ erscheinen in der Ausstellung. Ein aus seiner Kolumne zitiertes Beispiel, das alle Leiden des Arabischen Frühlings dem Verhalten Israels und der US-Republikaner zuschreibt: „Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen … Aber die Brandstifter sitzen anderswo… Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.“

Doch viele der brennenden Fragen im Jüdischen Museum erscheinen etwas banaler.

Ich fragte Ido Porat, einem in diesem Moment in der Glaskiste sitzenden Israeli, welche Art Fragen ihm gestellt wurden. Er sagte, darunter seien: „Glauben Juden an die Hölle und das Paradies?“ und „Was ließ dich nach Deutschland kommen?“ Ein anderer Teilnehmer, der in Großbritannien geborene Ronni Golz, der seit über 40 Jahren in Deutschland lebt, erzählte mir: „Die ganze Ausstellung ist aufschlussreich, weil sie nicht todernst ist.“ Doch im selben Atemzug fügte er an: „Sie ist ernst.“

Golz sagte, die Ausstellung sende eine humorvolle Botschaft in der Tradition von Mel Brooks Film „Frühling für Hitler“ und Charlie Chaplins „Der große Diktator“, dass es Zeit sei „die belasteten Beziehungen zwischen Juden und Deutschen zu entspannen“. Er sagte, einige der Einwände – Beschwerden, die Kiste ähnele der, in der der Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann während seiner Verhandlung in Israel 1961 gehalten wurde – seien „neurotisch“. In seiner Zeit in der Kiste, sagte Golz, wurde er zu einer Reihe von Themen befragt: Israel und der Friedensprozess, Beschneidung, Koscher-Gesetze und wie viele Juden in Deutschland leben.

Die frivole, entspannte Atmosphäre der Ausstellung machte auf Claudio Kühn Eindruck, einen Jura-Studenten, der sagte, schätzte, dass sie ihn zwang sich tiefer mit der schwierigen Frage auseinanderzusetzen, jedoch auf eine Art, die Lachen erzeugt. Aber gefragt, ob es wachsende Normalität zwischen Deutschen und deutschen Juden gibt, sagte er, die strengen Sicherheitskontrollen am Eingang des Museums machten ihm die fehlende Normalität bewusst.

Karin Schaal-Büscher, eine Frau mittleren Alters, die für die Lehrergewerkschaft in Berlin arbeitet, drückte gemischte Gefühle zur Glaskiste aus. „Das Eingesperrt sein erinnert mich an Auschwitz und Treblinka“, sagte sie. Sie gab Unzufriedenheit mit dem Mangel an Frauen in der Ausstellung zum Ausdruck – die Freiwilligen in der Kiste sind zumeist Männer gewesen – betrachtete die Ausstellung aber als eines Besuchs für würdig.

Vielleicht heikler als alles andere ist, dass das Museum alles Erdenkliche unternimmt, um Berühmtheiten zu präsentieren, die jüdisch sind oder eine Verbindung zum Judentum haben. Im letzten Raum der Ausstellung hängende Poster zeigen Elizabeth Taylor (die zum Judentum konvertierte) und die britische Fußballikone David Beckham (der einen jüdischen Großvaterhat) mit Jarmulke [Kippa]. In einer Videoinstallation laufen Clips amerikanisch-jüdischer Komiker wie Sarah Silverman und Larry David. Bitteschön, Deutschland, das sind die Juden für dich. Lach mal.

Letzten Endes ist das zweifellos gut gemeint, aber man kann sich nur schwerlich vorstellen, dass durch diese Ausstellung ein großer Wandel in dieser angespanntesten historischen Beziehung herbeigeführt wird – nicht, solange Deutsche immer noch in ein Museum gehen müssen, um Juden zu sehen.

Ein Gedanke zu “Der Jude in einer Kiste

  1. Um Himmels willen, welcher Schmock hockt sich denn für den Schwachsinn in die Kiste?
    Die Ausstellung ist ebenso überflüssig, wie das ganze Museum.

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