Die finnische Gesellschaft, Israel und die Juden

Manfred Gerstenfeld interviewt Kenneth Sikorski (direkt vom Autor)

In der finnischen Zivilgesellschaft findet man zunehmend antiisraelische Voreingenommenheit. Die winzige jüdische Gemeinschaft sieht sich ebenfalls Problemen gegenüber. In den Medien wird oft Antiisraelismus vorangetrieben. Helsingin Sanomat, die größte abonnierbare Zeitung des Landes, widmete der Rezension eines Buches des Israelis Avraham Burg zum Holocaust-Gedenktag 2009 eine gesamte Seite. Dadurch erfuhren die finnischen Leser von diesem Linken, dass „Juden vom Holocaust besessen sind und darüber hinwegkommen müssen“.1 Mit dem Nahost-Konflikt in Zusammenhang stehende Themen fanden ihren verzerrten Weg in die von der Zeitung veröffentlichte Serie „Wirklichkeit des Holocaust“.

Der Helsingin Sanomat veröffentlichte auch eine Karikatur, die eine Szene darstellte, in der 1943 eine deutsche Wache ein Stück „judenreine Seife“ in der Hand hielt.2 Ein weiteres Beispiel der Manipulationen durch die Zeitung war ein Interview mit einer jungen israelischen Frau, die erklärte, sie ziehe das Leben im Iran dem in Israel vor, weil dort Juden und Muslime friedliche Beziehungen pflegten. Sie fügte hinzu, dass Ayatollah Khomeini eine gerechte Republik aufgebaut habe, die sich um religiöse Minderheiten kümmert.3

Der Journalist Kyösti Niemelä vom Helsingin Sanomat schrieb in der Zeitung der Universität Helsinki, Yliopisto, dass ein Holocaustleugner an einer Universität einen Kurs über jüdische Geschichte halten können müsse. Sein Argument war, dass selbst Hochschullehrer über kontroverse Fragen sprechen können, ohne ihre „politischen Meinungen“ zu offenbaren. Er reduzierte Holocaustleugnung damit auf eine „politische Meinung“.

Kenneth Sikorski
Kenneth Sikorski

Ken Sikorski ist ein amerikanischer Rentner, der seit 1987 in Finnland lebt. Er veröffentlicht auf dem international bekannten Blog Tundra Tabloids. Ohne seine Internetseite wäre im Ausland kaum etwas über finnischen Antiisraelismus und Antisemitismus bekannt.

Er merkt an: Eine stark proisraelische Stimmung ist innerhalb mehrerer christlicher Konfessionen Finnlands zu finden, einschließlich der lutherischen Staatskirche. Es gibt viele Mitglieder in proisraelischen Organisationen, so der Internationalen Christlichen Botschaft in Jerusalem (ICEJ), der Gesellschaft der Freunde Israels und die Suomen Karmel-Gesellschaft. All diese Organisationen sind an der Organisation von Demonstrationen zur Unterstützung Israels beteiligt.5

Die offizielle Haltung der Lutherischen Kirche gegenüber der jüdischen Gemeinschaft ist eine von Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt. Zunehmend greifen aber Aktivisten innerhalb der Kontaktorganisationen wie der Finnischen Kirchenhilfe (FCA) und ihres Ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel (EAPPI) israelische Politik an.

Antti Pentikäinen – Bruder von Mikael Pentikäinen, dem Chefrdakteur des Helsingin Sanomat – wurde vor kurzem zum Leiter der FCA ernannt.6 Er erklärte öffentlich, dass proisraelische Unterstützung durch lutherische Christen einer der Gründe für die Fortsetzung des Konflikts sei.7 Pentikäinen sagte auch, dass proisraelische Kirchenmitglieder nicht länger gestattet sein sollte die Kircheneinrichtungen zu nutzen.

Im Verlauf der letzten Jahre haben die finnischen Medien einen Bericht von Finnwatch veröffentlicht; diese NGO beobachtet die Aktivitäten finnischer Unternehmen in Entwicklungsländern. Der Bericht wurde von der FCA in Auftrag gegeben. Das wurde zum ersten konzertierten Versuch der lutherischen Kirche – und im weiteren Sinne der sie finanzierenden finnischen Regierung – sich an der antiisraelischen Boykott-, Deinvestition- und Sanktions-Bewegung einzubringen.8

Die Internetseite der EAPPI ist eine Brutstätte antiisraelischer Artikel vieler der 21 Ehrenamtler gewesen, die die Region im Verlauf der Jahre besucht haben.9 Ein Beispiel ist ein Artikel der Aktivistin Heli Pekkonen, die erklärte, statt die Religionsfreiheit zu gewähren wolle Israel einen jüdischen Staat aufbauen. Sie schlussfolgerte fälschlich, dass es dort keinen Raum für Christenheit und Islam gäbe.10

Die muslimische Gemeinschaft in Finnland zählt etwa 50.000 Personen oder ein Prozent der Bevölkerung des Landes. Sie ist weit größer als die jüdische Gemeinschaft mit ihren nur 1.500 Mitgliedern, von denen 1.200 in Helsinki leben. Es gibt einige muslimische Beteiligung an antiisraelischen Aktivitäten und Zusammenarbeit mit der extremen Linken, allerdings weniger als in Schweden und Norwegen. Mohammad Azzizi, der an einer antiisraelischen Demonstration beteiligt war, wurde 2012 in den Stadtrat von Helsinki gewählt.11 Ich selbst haben Muslime bei proisraelischen Demonstrationen den Nazigruß geben oder Allahu Akbar rufen hören.

Die finnische Verbrauchermarkt-Kette Prisma mit ihren landesweit 64 Geschäften, wirbt für das Buch „Jüdische Vorherrschaft“ des amerikanischen Rassisten und Antisemiten David Duke. Prismas Internetseite beschreibt das Buch als „herausfordernd“ und fordert die Leser auf „alle vorgefassten Meinungen, die sie haben könnten, beiseite zu stellen, um die Ideen und Beweise des Buchs besser abwägen zu können“.12

Eine weitere Supermarktkette mit nur zwei Geschäften hat ihre Publicity genutzt, um extrem antisemitische Redewendungen zu verbreiten. Gegen den Inhaber der Seite wird vom Büro der Staatsanwalts wegen Aufhetzung gegen eine ethnische Gruppe ermittelt. Er aktualisiert seine Internetseite weiterhin mit zusätzlichen antisemitischen Äußerungen.“13

Sikorski schließt: Bezüglich koscherem Schlachten gibt es derzeit keine politische Diskussion. Finnland ordnet wie Dänemark und Österreich an, die Tiere nach dem Ansetzen eines Schnitts zu betäuben.14 Die Debatte um die männliche Beschneidung köchelt weiter. 2012 führten Politiker der Finnischen Partei einen Gesetzesentwurf ein, der alle Beschneidungen von Jungen jünger als 15 Jahre unter Strafe stellen würde. Die Finnische Ärztevereinigung (FMA) argumentiert für das Recht der Eltern das Leben ungeborener Kinder zu beenden, erhebt aber aufgrund von „Ethik“ Einspruch gegen die berührungsfreie Beschneidung.15 Damit ist das Argument der FMA oberflächlich und widersprüchlich.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 http://tundratabloids.com/2009/01/helsingin-sanomat-diminishes-holocaust.html
2 www.iltasanomat.fi/kotimaa/art-1288336313891.html – http://tundratabloids.com/2010/05/helsinki-sanomat-publishes-cartoon-of.html
3 http://tundratabloids.com/2012/03/finland-helsingin-sanomat-shills-for-iranian-regime-in-sunday-propaganda-puff-piece-jews-have-it-great-in-iran.html
4 http://tundratabloids.com/2010/01/helsinki-university-paper-publishes.html
5 www.israelnationalnews.com/Blogs/Message.aspx/3670#.UVhGsxwzgYE
6 http://tundratabloids.com/2010/03/finn-church-aid-director-claims-threats.html
7 www.ksml.fi/uutiset/ulkomaat/lehtikuva-israelin-tukeminen-menee-valilla-aarimmaisyyksiin/868010
8 www.finnwatch.org/uutiset/52-suomessa-toimivilla-yrityksillae-yhteyksiae-israelin-siirtokuntiin
9 www.eappi.fi/yhteystiedot
10 http://suomenkuvalehti.fi/jutut/ulkomaat/suomalainen-ihmisoikeustarkkailija-kristinuskolla-ja-islamilla-ei-ole-sijaa-israelissa
11 http://yle.fi/uutiset/israelin-vastainen_mielenosoitus_taytti_kavelykadun_turussa/5574398
12 http://tundratabloids.com/2012/09/finnish-department-store-chain-prisma-gives-glowing-review-to-david-duke-antisemitic-book-jewish-domination-on-its-website-page.html
13 http://tundratabloids.com/2012/10/advertising-magazine-for-finnish-supermarket-karkkainen-carries-anti-semitic-op-ed-from-iranian-press-tv.html
14 http://forward.com/articles/160618/kosher-slaughter-under-attack-across-europe/
15 http://blogs.jpost.com/content/finland-debates-circumcision

Ein Gedanke zu “Die finnische Gesellschaft, Israel und die Juden

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.