Die baltischen Länder, der Holocaust und Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld interviewt Efraim Zuroff (direkt vom Autor)

Der zeitgenössische Antisemitismus in den baltischen Ländern knüpft an dominante, klassisch antisemitische Themen der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg an. Zu diesen gehören Bezichtigungen angeblicher jüdischer Kontrolle der Weltwirtschaft, des Bankensystems und der Medien.

In den vergangenen Jahrzehnten sind neue Erscheinungsformen des Antisemitismus hinzugekommen. Die sensibelsten Fragen in den zeitgenössischen baltischen Staaten betreffen deren Beziehungen zum Holocaust. Dazu gehört auch die Art und Weise, wie mit diesen Themen seit 1990/1991 umgegangen wurde, seit Litauen, Lettland und Estland ihre Unabhängigkeit wiedererlangten.

Efraim Zuroff
Efraim Zuroff

Efraim Zuroff ist der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums (SWC) in Israel. Er ist weithin als „der letzte Nazijäger“ bekannt. Zuroff verbrachte einen Großteil seines Arbeitslebens mit der Suche nach Nazi-Kriegsverbrechern und nach Beweisen, die für deren Verurteilung gebraucht wurden.

Er merkt an: Eine wichtige historische Frage betrifft Holocaust-Verbrechen, an denen örtliche Nazi-Kollaborateure in allen drei Ländern beteiligt waren. Litauer, Letten und Esten ermordeten sowohl ihre jüdischen Nachbarn als auch Auslandsjuden, die aus ihren Ländern zur Tötung deportiert wurden. Baltische Einheiten der Sicherheitspolizei wurden auch an andere Orte geschickt, in erster Linie nach Weißrussland und Polen, um dort bei der Ermordung der Juden zu helfen.

Die größten Spannungen mit diesen Ländern wird durch die fehlende Strafverfolgung und Bestrafung örtlicher Nazi-Kriegsverbrecher, die Frage der kommunalen und persönlichen Entschädigung der Juden und die widersprüchlichen Schilderungen der Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs verursacht. Die baltischen Länder betrachten die Ortsansässigen, die den Kommunismus bekämpften, als Helden, egal, ob sie Juden ermordeten und/oder die Nazis unterstützten.

Der einzige Unterschied in der Haltung der drei baltischen Länder ist der Umfang und die Intensität der oben angeführten Fragen. Sie sind mit der Größe der jüdischen Gemeinschaften der Vorkriegszeit, ihrer Bedeutung innerhalb der Gesellschaft wie auch in der jüdischen Welt verbunden. Nach der Rückkehr Wilnas und seines Umlands nach Litauen im Herbst 1939 lebten etwa eine Viertelmillion Juden im Land. Damals gab es 90.000 Juden in Lettland und 4.500 in Estland.

Keines der baltischen Länder hat sich seiner Mitwirkung an den Verbrechen des Holocaust gestellt. Sie binden in ihre Programme zur Holocaust-Bildung keine genauen Fakten über die Verwicklung der örtlichen Kollaborateure in die Morde ein, auch nicht das umfangreiche Ausmaß ihrer Beteiligung, die Tatsache, dass sie alle Freiwillige waren, die bei zahlreichen Gelegenheiten zur Schau gestellte unglaubliche Grausamkeit sowie die Tatsache, dass diese Mörder in erster Linie durch Patriotismus motiviert waren.

In den seltenen Fällen, in denen örtliche Beteiligung zugegeben wird, schreibt man sie gewöhnlich einzig kriminellen oder marginalen Elementen zu, obwohl die Kollaboration mit den Nazis bei der Ermordung der Juden alle Schichten der baltischen Gesellschaft umfasste – ein Phänomen das in Litauen besonders erwähnenswert war. Dazu kommt die irrige Identifizierung aller Juden mit den verhassten Kommunisten.

Die Situation in Litauen unterscheidet sich von der in Lettland und Estland, wo es zahlenmäßig beträchtliche russische Minderheiten gibt. Diese haben klare politische Agenden. Sie stellen sich standhaft gegen die Umschreibung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, wie auch das Verstecken der Verbrechen örtlicher Nazi-Kollaborateure. In Lettland und Estland geben die russischsprachigen Medien dieser Opposition kampfstark Ausdruck. Es gibt jedoch keine ethnischen Letten und Esten, die Partner bei diesen Themen sind. Die örtliche ethnische Presse ist ebenfalls beständig einer „patriotischen“ und stark nationalistischen Linie gefolgt. Alle drei Länder erlauben, dass Feiern überlebender Nazis, Neonazis und Ultranationalisten stattfinden können.

Eine dazugehörige Konfliktquelle ist die Veröffentlichung der Prager Erklärung von 2008. Sie wirbt für die Falschmeldung der Gleichwertigkeit von Verbrechen der Nazis und der Kommunisten und fordert ein breites Spektrum an Schritten. Die Erklärung lehnt die Anerkennung der Einzigartigkeit des Holocaust ab, der auf der Totalität eines Programms der Nazis zur Auslöschung des jüdischen Volkes gründete. Nie war ein solcher Plan gegen ein anderes Volk entwickelt worden, ganz zu schweigen vom Versuch seiner Durchführung. Ein zweites einzigartiges Charakteristikum der Schoah ist die Art und Weise, in der sie umgesetzt wurde – durch industriellen Massenmord, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit noch nie gab. Besonders Litauen spielte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung und Förderung der Prager Erklärung. Das Land wird am 1. Juli 2013 die EU-Präsidentschaft übernehmen, was daher höchst problematisch sein könnte.

Die jüdischen Gemeinden sind klein. In Litauen gibt es 3.500 bis 4000 Juden. In Lettland gibt es zwischen 10.000 und 12.000 und in Estland 3.500. Die in den beiden letzten Ländern lebenden Juden sind zumeist nicht dort geboren. Diese Gemeinden spielen in ihren örtlichen Gesellschaften kaum eine Rolle.

Größtenteils hat es bisher keinerlei Verbindung zwischen der kläglichen Bilanz der drei baltischen Länder in mit dem Holocaust in Zusammenhang stehenden Fragen, dem Vorhandensein örtlichen „klassischen“ Antisemitismus und jeder Art von Antizionismus gegeben. Die gegen Juden hetzende extreme Rechte hat wenig politische Macht. Doch in Litauen hat sie bezüglich ihrer nationalistischen Agenda einigen Einfluss auf die Mainstream-Parteien.

So weit antiisraelische Gefühle im Baltikum gehen, werden diese oft in Kommentaren auf Internet-Nachrichtenportalen zum Ausdruck gebracht, doch die Auslöser solcher Feindseligkeit gegenüber oder unfairer Kritik an Israel sind fast unvermeidlich Dinge, die mit dem Holocaust im Zusammenhang stehen. Es hat bisher keine großen Differenzen zwischen den verschiedenen baltischen politischen Parteien gegeben, wenn es um Themen mit Bezug zu Israel geht. Im Gegenteil haben diese Länder beständig enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Israel angestrebt. Es ist sowohl ironisch als auch traurig, dass Israels fast totale Weigerung sie wegen ihrer dürftigen Bilanz in Dingen, die mit der Schoah zusammenhängen, zu kritisieren den Weg zu guten Beziehungen mit allen drei baltischen Ländern geebnet haben dürfte.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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