Das Schweigen der niederländischen Medien zum weit verbreiteten Hass auf Israel

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Rund 5 Millionen Niederländer glauben, dass Israel Völkermord begeht. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Bielefeld in Deutschland.1 1000 Niederländer wurden befragt, ob Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Mehr als 38% der Befragten bejahten das.

Ich schrieb einen Artikel über diese von vielen Niederländern vertretenen Überzeugungen, die den dunklen, antisemitischen Ansichten ähneln, die während des Mittelalters verbreitet wurden. Ich schickte ihn an zwei niederländische Zeitungen. Beide lehnten einen Abdruck ab. Dann wurde er auf einem der größten niederländischen Blogs eingestellt, Dagelijkse Standaard.2 Dieser Blog wird auch von Journalisten der großen niederländischen Zeitungen gelesen, doch sie veröffentlichten nichts über die Studie. Nur der kleine christliche Internet-Radiosender Pillar of Fire, dessen Chefredakteur von den Ergebnissen des Berichts schockiert war, kontaktierte mich, um ein Interview zuführen.3

Viele wichtige niederländische Medien veröffentlichen triviale Artikel zu Israel, solange die negativ genug sind. Sowohl die erbärmliche Überzeugung von rund 5 Millionen Niederländern als auch das Schweigen der Medien zum extremen Hass auf Israel spiegeln Aspekte dessen, was in der niederländischen Gesellschaft radikal falsch läuft. Ich erhielt allerdings einige private Reaktionen. Mehrere kamen von Weißwäschern, die sagten, die Ergebnisse seien falsch. Sie ignorierten nicht nur diese deutsche Studie, sondern auch eine Studie von Eurobarometer aus dem Jahr 2003, die feststellte, dass 59% der Europäer glauben Israel sei eine Bedrohung für den Weltfrieden. Kein anderes Land wurde von so vielen Befragten so gesehen. Der Anteil in den Niederlanden war mit 74% der höchste unter den EU-Staaten.4

Im Rückblick unterscheidet sich die Wirklichkeit stark von der Wahrnehmung. Die Niederländer, nicht die Israelis, kämpften an der Seite der Amerikaner in Afghanistan, während andere europäische Staaten sich ihnen im Irak-Krieg anschlossen. Das hatte wichtige Konsequenzen für die Weltordnung. Darüber hinaus war die Zahl der Toten in beiden Kriegen weit höher als die aller Feldzüge mit Beteiligung Israel.

Einige wenige weitere Niederländer, die mir wegen des Artikels schrieben, waren schockiert. Ein niederländischer Journalist informierte mich, dass meine Schlussfolgerungen korrekt seien, er aber glaube, dass sie vom niederländischen Volk nicht anerkannt würden. Zu einer dritten Gruppe gehörten diejenigen, die sich all der großen Probleme bezüglich Normen, Werten und Einstellungen in den Niederlanden sehr bewusst sind. Einige von ihnen glauben, dass die Rückentwicklung des Landes so aussieht, dass es keine Hoffnung für die Zukunft gibt. Ein Akademiker schrieb: „Leider war dieser Artikel nötig.“

Das Schweigen der niederländischen Medien half dem Image der Niederlande nicht sonderlich. Die Story der teuflischen Sicht, die 5 Millionen Niederländer von Israel haben, wurde im überall Internet aufgegriffen. Ein internationaler jüdischer Fernsehsender widmete dem eine Nachrichtenmeldung5, der von YNetNews aufgegriffen wurde.6 Kanadas größte jüdische Zeitung erwähnte ihn auf ihrer Internetseite.7 Rabbi Abraham Cooper, der stellvertretende Dekan des Simon-Wiesenthal-Zentrums, brachte das Thema während eines Treffens im Büro des stellvertretenden niederländischen Ministerpräsidenten Lodewijk Asscher diesem gegenüber auf. Er forderte Asscher auf, die extremistischen Ansichten vieler Niederländer zu Juden und Israel zu bekämpfen. Die Nachrichten zu diesem Treffen verbreiteten sich ebenfalls im Internet.8

In Jerusalem besuchte mich ein Journalist eines niederländischen Fernsehsenders. Er zog in Betracht mit mir ein Interview über die deutsche Studie zu führen, gab seine Idee aber sehr schnell auf. Ich sagte ihm, dass niederländische Journalisten wichtige Informationen oft nicht veröffentlichen. Er antwortete: „Sie beleidigen mich und meine Kollegen!“

Doch das Fehlen einer Reaktion auf meinen Artikel ist nur ein kleines Beispiel des manchmal lange andauernden Schweigens oder der Verzerrung durch niederländische Medien und Institutionen zu wichtigen negativen niederländischen Themen. 1969 wurde Raymond Westerling, niederländischer Kommandeur einer Armee-Einheit, von einem niederländischen Fernsehjournalisten interviewt. Seine Einheit hatte in den 1940-er Jahren einen Aufstand auf der inzwischen indonesischen Insel Celebes niedergeschlagen. Westerling gab zu, dass seine Soldaten größere Kriegsverbrechen begingen, darunter Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren. Er machte geltend, dass ihm nichts passieren könnte, weil die niederländischen Behörden davon wussten. Zum Teil wegen Drohungen, die die Medien erhielten, wurde das Interview erst 2012 gesendet.9

Während so genannter niederländischer „Polizeiaktionen“ in den späten 1940-erJahren in Niederländisch Indien wurden angeblich rund 150.000 Menschen von Kombattanten beider Seiten getötet. Mit offiziellem Auftrag untersuchte der niederländische Historiker Cees Fasseur vor ein paar Jahrzehnten von niederländischen Soldaten verübte Verbrechen. 2008 gab er zu, dass diese Recherche oberflächlich war.10

Im Jahr 2000 interviewten die niederländischen Fernsehjournalisten Alfred Edelstein und Karin Coevorden Menschen im Dorf Rawagede auf der indonesischen Insel Java. Dort wurden während der „Polizeiaktionen“ unschuldige Zivilisten von niederländischen Soldaten ohne Gerichtsverfahren exekutiert. Rawagedes Einwohner waren vom Besuch der Journalisten in ihrem Dorf überrascht und sagten ihnen, dass ähnliche Morde durch die niederländisch-indonesische Armee in einer Reihe weiterer Dörfer in der Gegend geschahen.11

In den Jugoslawien-Kriegen während der 1990-er Jahre fand in der Stadt Srebrenica ein Völkermord statt. Den niederländischen UNO-Soldaten dort wurde von ihrer Regierung gesagt sie sollten die Stadt verlassen – ohne Autorisierung durch die UNO. Danach ermordeten bosnische Serben zwischen 6.000 und 8.000 männliche Muslime aus Srebrenica. Eine mehrjährige Studie des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) befand, dass die niederländische Regierung nichts vom Risiko für die Zivilbevölkerung wusste, als sie ihren Soldaten die Flucht befahl. Kurz nach der Veröffentlichung dieses Berichts erklärten zwei Minister dieser Regierung, Jan Pronk und Els Borst, öffentlich, dass diese wichtige Erkenntnis der langatmigen Studie nicht wahr sei und dass die Regierung die Risiken kannte. Als ich ein paar Jahre später die ehemalige stellvertretende Premierministerin Borst interviewte, bestätigte sie mir das.12

All das ist Geschichte. Die Frage lautet nun: Wie lange werden die niederländischen Medien dem niederländischen Volk die Daten der Universität Bielefeld zum extremen Antiisraelismus in den Niederlanden verheimlichen?

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 Andreas Zick, Beate Küpper, Andreas Hövermann, ‘Intolerance, Prejudice and Discrimination. A European Report’, Friedricht Ebert Stiftung Forum Berlin, 2011, 57. library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf
2 Manfred Gerstenfeld: Nederlands Duivelse Visie op Israel. Dagelijkse Standaard, 6. März 2013.
3 Jack van der Tang, Pillar of Fire, Interview im Internetradio. 12. März 2013. (www.radioisrael.nl)
4 European Commission: Iraq and Peace in the World. Eurobarometer Survey, No. 151, November 2003.
5 Jewish News 1, http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=UeB3hRW97XI#!
6 Report: Dutch anti-Semitism widespread. Y-net News, 21. März 2013.
7 Dutch antisemitism widespread: report. 28 März 2013, www.jewishtribune.ca/news/2013/03/28/antisemitism-watch-7.
8 Rabbi Warns Dutch about Fatwa against Churches and Synagogues. Israel National News, 22. April 2013. http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/167348
9 Lidy Nicolasen: Kapitein Westerling geeft in tv-interview wandaden op Zuid-Celebes toe. Volkskrant, 14. August 2012.
10 Nota over wandaden in Indonesië is onvolledig. Novum, 3. Dezember 2008. http://binnenland.nieuws.nl/537720
11 persönliches Gespräch mit Alfred Edelstein.
12 Manfred Gerstenfeld, Interview with Els Borst-Eilers: Nederland moet excuses aanbieden aan de Joodse gemeenschap. In: Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland, (Amsterdam, Van Praag, 2010).

Auf Englisch erschien der Text auf den Times of Israel blogs.