Argentinien, die Juden und Israel

Manfred Gerstenfeld interviewt Gustavo Perednik (direkt vom Autor)

Die jüdische Gemeinschaft in Argentinien zählt schätzungweise 150.000 Personen. Durch Auswanderung und Assimilierung ist diese Zahl gesunken; vor einem halben Jahrhundert lag sie doppelt so hoch. Mehr als 80% der Juden des Landes leben in Buenos Aires.

Meiner Meinung nach kommt die derzeitige Judenfeindlichkeit – ein Begriff, den ich dem irreführenden „Antisemitismus“ vorziehe – hauptsächlich auf drei Arten zum Ausdruck. Die erste ist die Delegitimierung Israels in Veröffentlichungen, öffentlichen Äußerungen und auf Demonstrationen. Die zweite erfolgt durch judenfeindliche Einzelpersonen und Organisationen, die dem Machtzentrum des Landes nahe stehen. In Argentinien ist ein Beispiel dafür der militante Gewerkschafter Luis D’Elía, ein Iran-Apologet, der 2012 öffentlich den Mossad für einen riesigen Korruptionsfall in Argentinien verantwortlich machte. Die dritte Art ist das Wiederauftreten klassisch judenfeindlicher Mythen im Diskurs des Mainstreams, darunter dass Juden über „übermäßig viel Macht“ verfügen und die Shoah bagatellisiert wird.

Gustavo PerednikDr. Gustavo Perednik ist Autor von 15 Büchern über Juden und die Moderne. Er hat in fünfzig Ländern zu Juden, jüdischer Zivilisation und Israel Vorträge gehalten. Er war verantwortlich für das Vierjahresprogramm für Auslandsstudenten an der Rothberg School der Hebräischen Universität und Leiter des Jerusalem Institute for Youth Leaders.

Dr. Perednik stellt fest: Wir finden hartnäckigen Israelhass in den linken Medien, so der Tageszeitung Página/12. Dasselbe gilt für Teile der akademischen Welt. Einige sehr bekannte Professoren sind fanatische Antizionisten. Auch bei großen Teilen der oft linken Studentenorganisationen ist das der Fall. Viele ihrer Anführer sind Juden.

Die jüdische Dachorganisation DAIA veröffentlicht jedes Jahr ein Kompendium antijüdischer Aggression. Darin werden regelmäßige verbale Angriffe erwähnt, wie sie in neonaziartigen Radiosendungen wie Alerta Nacional und Juventud Despierta sowie in Magazinen wie dem katholischen, rechten Cabildo – das wehmütig an die Diktatur der Generäle zurückdenkt – und Patria Argentina vorkommen. In den letzten Jahren sind judenfeindliche Äußerungen allerdings zurückgegangen. Auch judenfeindliche Graffiti haben 2011 im Vergleich zu 2010 um ein Drittel abgenommen.

Bei der radikalen Linken gibt es die Gruppe Quebracho, die Israel regelmäßig einen „Nazi-Staat“ nennt. Sie stört oft Israel-Solidaritätstreffen. Mehrere ihrer Mitglieder sind ins Gefängnis gekommen, weil sie Demonstranten schlugen. Quebracho kann als iranische Stimme in Argentinien betrachtet werden.

2012 wurde ein Buch mit dem Titel Die Rabbiner der Malvinas veröffentlicht. Es offenbarte bösartige Fälle von Judenfeindlichkeit unter Offizieren der Armee während Argentiniens Krieg gegen Großbritannien im Jahr 1982. Jüdische Soldaten, die unter Beleidigungen, Demütigungen und Schlägen litten, wurden 30 Jahre später von jüdischen Organisationen geehrt.

Argentinische Politiker achten sorgfältig darauf nichts Fanatisches gegen Juden oder andere zu sagen. Außenminister Hector Timerman ist Jude und hat nahe Verwandte in Israel. Mehrere wichtige Unterstützer der Regierung identifizieren sich öffentlich als Juden.

Das Handeln der Regierung zeigt die klare Absicht Judenfeindschaft zu verurteilen. Eine viel veröffentlichte Handlung war der Rauswurf des den Holocaust leugnenden und dissidenten katholischen Bischofs Williamson im Jahr 2009. Doch wegen Argentiniens engen Verbindungen zum venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez stellt die Regierung sich nicht der Delegitimierung Israels entgegen. Im Allgemeinen geht die argentinische Regierung gegen nationalistische Judenfeindschaft seitens der extremen Rechten sehr hart vor, ist aber antizionistischer Judenfeindschaft der extremen Linken gegenüber blind.

Anfang Dezember 2012 kam Ecuadors Präsident Rafael Correa – ein Verbündeter von Chavez – zu Besuch nach Argentinien. Abgesehen davon, dass er die iranische Regierung verteidigte, würdigte er den größten Terroranschlag herab, der je in Argentiniens Geschichte stattfand. 1994 zündeten vom Iran unterstützte Terroristen eine Bombe an dem Gebäude, das die jüdische Organisation AMIA in Buenos Aires beherbergt; 85 Personen wurden getötet, hunderte verletzt.

Correa erklärte auf einer Pressekonferenz während seines Besuchs: „Der Fall AMIA war für die argentinische Geschichte sehr schmerzhaft. Doch nur Gott weiß, wie viele Zivilisten bei den Bombardierungen durch die NATO in Libyen starben. Daher sollten wir vergleichen und dann sehen, wo die wirklichen Gefahren liegen.“ Er sagt später auch, dass es nichts gab, für das er sich entschuldigen müsste.

Dieser Äußerung trat die argentinische Regierung nicht entgegen. Sie strebt offensichtlich mehr Nähe zum Iran an. Ihre Motive sind wirtschaftlicher Natur. Sie wollen aber auch auf einer Linie mit Chavez‘ Ansichten bleiben. Mein Buch Töten ohne Spuren (aus dem Jahr 2009), in dem es um iranische Terroraktionen in Argentinien geht, sah vorher, das sie Regierung gegenüber dem Iran einen Zickzackkurs einschlagen würde. Die juristischen Ermittlungen haben überzeugend gezeigt, dass der Iran hinter dem Anschlag auf AMIA und dem Autobomben-Anschlag auf die israelische Botschaft 1992 steckte, bei dem mehr als 20 Personen getötet und fast 250 verletzt wurden. Argentinien brach aber nie die diplomatischen Beziehungen mit dem Iran ab.

Die iranische Regierung hat somit erfolgreich einen Rechtsfall in eine politische Verhandlung verwandelt. Argentinien verhandelt derzeit, wahrscheinlich inspiriert von Chavez, mit den Tätern darüber, wie man die „Sache“ der tödlichsten jemals in Argentinien begangenen Terroranschläge „lösen“ kann.

Vertreter der jüdischen Gemeinschaft stehen in regelmäßigem Kontakt mit der Regierung. Ihre Agenda ist allerdings nicht immer klar. Viele drängende Fälle von Judenfeindschaft in Argentinien bleiben nicht angesprochen. Beispielsweise beschwerten sich jüdische Leiter nicht bei der Regierung wegen deren Billigung der Kommentare Correas, ebenso nicht wegen der offenen Freundschaft mit dem Judenfeind Chavez.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.