Die Angst der Deutschen vor der Freiheit

Bundespräsident Gauck hat mal einen Satz von sich gegeben, der eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber – wie Cora Stephan richtig anmerkt – „in jeder Talkshow Erregung garantiert“. Warum? Er lautet: „Freiheit ist nicht verhandelbar.“ Das geht in unserem Land nicht. Weil „‚Freiheit wovon‘ nicht reicht, wenn ihr die Sinngebung einen edlen Zweck fehlt, also keine ‚Freiheit wozu‘ ist.“ Freiheit darf in Deutschland kein Selbstzweck sein, hieß es sogar in der WELT. Sie müsse irgendwie nützlich sein und zwar für andere als das Individuum selbst.

Das kenne ich. Das durchzieht offenbar das Selbstverständnis des Michel. Vor einigen Jahren absolvierte ich einen Sprachkurs, in dem irgendwann mal wieder über die Zukunft diskutiert werden sollte (in der Fremdsprache, als Aufgabe). Dazu bekamen wir mehrere Möglichkeiten, unter denen wir uns eine aussuchen sollten, die den anderen vorzustellen war und begründet werden sollte. Thema war: Was wird unser Leben am in der (nahen) Zukunft am meisten verändern?

Die anderen Teilnehmer wählten – unisono – das Thema „Umwelt“. Die Umweltveränderungen werden unser Leben und unser Verhalten am meisten verändern. Hm, fragte ich: War das nicht schon vor 30 Jahren behauptet worden? Und was hat sich in eurem persönlichen Leben wirklich verändert? Was macht ihr tatsächlich anders als früher? Fahrt ihr weniger Auto? Verbraucht ihr weniger Strom? Habt ihr Waschmaschinen abgeschafft? Heizt ihr nicht mehr mit der Zentralheizung? Fahrt und fliegt ihr nicht mehr in Urlaub?

Das waren alles keine Fragen, die auch nur ansatzweise überzeugten. Nein, die Umweltveränderungen sind das, was das persönliche Leben am meisten verändert und verändern wird. Welche Auswirkungen z.B. das Handy auf das persönliche Leben hat – geschenkt, das war nicht weiter von Bedeutung. Das Internet? Ja, schon, aber es kann der Umweltproblematik nicht das Wasser reichen. Basta.

Der Deutsche schlechthin – die Deutschin natürlich auch – ist ein Herdentier. Das war als Untertan im Kaiserreich so; das war auch zur Nazizeit so; das ist auch heute noch so. Es gibt Führungstruppen, die bestimmen, wie die Deutschen zu denken haben und schon rennt (fast) das ganze Volk hinterher. Der Michel sucht sich das zwar ein wenig aus, aber dann rennt er dem wie die Lemminge nach. Sollte das ins Abseits führen oder gar in einen Abgrund – dann war’s keiner Schuld. Was davon abweicht, ist zu frei und damit verboten. (Verbieten können sie in Deutschland noch besser als hinterherrennen, aber das geht meistens Hand in Hand.)

Selbstständigkeit und Freiheit? Nur im Rahmen dessen, was das Kollektiv gestattet. Persönliche Freiheit gar – huch, das geht aber nun gar nicht. Das würde Unabhängigkeit bedeuten und das wäre für das Kollektiv schlecht, von dem man gefälligst abhängig zu sein hat. (Wundert sich irgendjemand, dass Kommunismus wie auch Nationalsozialismus in Deutschland entwickelt wurden?)

Das ist aber auch eine schöne Hängematte. Wer sich im Kollektiv verkriecht und die persönliche Freiheit hintan stellt, hat keine echte Verantwortung zu tragen und kann es sich bequem machen. Und diese Bequemlichkeit ist arg bedroht, wenn mehr Freiheit gefordert wird. Geht dann etwas schief oder gelingt nicht so gut, wie gehofft, kann niemand sonst die Verantwortung zugeschoben werden – sich persönlich zu verkalkulieren und niemand anderen zu haben, der verantwortlich ist, geht gar nicht beim Michel. Andere, am besten „die Gesellschaft“ müssen verantwortlich gemacht werden können, sonst ist die Bequemlichkeit nicht mehr vorhanden und man müsste ja vielleicht etwas bei sich selbst ändern.

Nein, Freiheit – echte Freiheit, die Verantwortung für das eigenen Selbst und das eigene Schicksal mit sich bringt – macht dem Michel Angst. Das geht in Deutschland nicht. Und deshalb ist eine bundespräsidiale Äußerung, die Freiheit als nicht verhandelbar bezeichnet, nicht akzeptabel. Deshalb ist Kritik am Islam nicht erlaubt, denn die ist ein Ausweis von Freiheitsliebe. Deshalb darf kein Hausunterricht stattfinden, denn der Staat, „die Gesellschaft“ hat zu bilden, nicht irgendwer persönlich – das wäre zu viel Freiheit und zu wenig kollektive Beeinflussung. Deshalb wird nicht tatsächlich zu unabhängigem Denken gebildet, sondern ein Konsens verlangt, der dazu erzieht, dass alle dieselbe Richtung einschlagen; Abweichler müssen eingenordet werden oder sie werden ausgegrenzt und ihre Existenz nach Möglichkeit vernichtet.

Unsere „Alternativen“ sind da keine Alternative. Sie sind genauso, denn auch sie sind keine Individualisten, sondern handeln im Kollektiv. Wer bei ihnen nicht im Kollektiv mitmacht, wird auch ausgegrenzt und aus ihren Kreisen vertrieben. Keine Chance auf persönliche Verantwortung und Freiheit, ohne dass das ausschließlich dem Kollektiv dient.

„Freiheit ist nicht verhandelbar“ – wo kämen wir da hin? Das entzieht der Regierung von oben die Grundlage; das gefährdet die EUropa-Verlockungen; das negiert die UNO-Weltregierungs-Vorstellungen. Kein Wunder, also, dass dieses kleine, robuste, widerborstige, sich nicht auf- und ergebende Land da an der Ostküste des Mittelmeeres in Deutschland nicht wirklich gut ankommt. Die verdammten Juden sind nicht bereit sich vorschreiben zu lassen, wie sie sich vernichten zu lassen haben, damit man sie hinterher mit Krokodilstränen betrauern kann.

Der Michel hat Angst vor der Freiheit. Sie nimmt ihm die Hängematte, sie mutet ihm Verantwortung für sich selbst zu. Freiheit ist furchtbar in Deutschland. Dass Freiheit die Freiheit vor allem des Individuums ist, ist dem Deutschen weitgehend fremd. Und das findet er/sie auch gut so.

Man lese Frau Stephans Gedanken in dem oben verlinkten Text. Sie hat Recht. Vollkommen. Leider. Aber vielleicht fangen ja auch der eine oder die andere an sich das zu Herzen zu nehmen, was sie da schreibt. Die deutschen Kollektive haben noch nie in die Zukunft geführt, sondern für Statik, Rückschritt und Untergang gesorgt. Siehe die kommunistischen Länder (einschließlich der Länder des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“) oder das Dritte Reich. Oder inzwischen die EU. Wozu Freiheit? Echte, persönliche, individuelle Freiheit? Weil das der Antrieb des tatsächlichen Fortschritts, der Weiterentwicklung und der Zukunft ist. Sie ist nicht verhandelbar, weil sie letztlich dafür sorgt, dass „die Gesellschaft“ überhaupt eine Zukunft hat. Und damit dem Ganzen dient.

Ein Gedanke zu “Die Angst der Deutschen vor der Freiheit

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.