Die französische Eisenbahn während der Shoah und die Juden

Manfred Gerstenfeld interviewt Bernard Emsellem (direkt vom Autor)

Die Rolle der staatlichen französischen Eisenbahn SNCF während des Zweiten Weltkriegs ist seit langem sowohl erforscht und gelobt als auch kritisiert worden. Ein wichtiger Aspekt ist ihre Rolle bei der Deportation der mehr als 75.000 französischen Juden, hauptsächlich aus dem Transitlager Drancy. Die meisten von ihnen wurden ermordet.

1990 entschied der damalige SNCF-Chef Jacques Fournier, dass alle ihre Archive – denen zur Kriegszeit wurde Priorität eingeräumt – an einem einzelnen Ort gelagert werden sollten. Seitdem sind sie digitalisiert worden. In den letzten Jahren wurden der Shoah-Gedenkstätte in Paris, Yad Vashem in Jerusalem und dem US-Holocaustmuseum in Washington Kopien zugänglich gemacht. Diese Archive sind jetzt im Internet einsehbar.

Bernard EmsellemBernard Emsellem ist ehemaliger Senior-Vizepräsident für Unternehmensverantwortlichkeit der SNCF. Davor war er ihr Kommunikationsdirektor.

Fournier bat außerdem das französische Institut für Zeitgeschichte einen Bericht zur Geschichte der SNCF während des Zweiten Weltkriegs zu erstellen. Christian Bachelier schrieb ihn unter der Aufsicht des Historikers Henri Rousso. Er wurde 1996 verfügbar und hat einen Umfang von 900 Seiten. Auch er ist im Internet zugänglich.

Der Bericht behandelt unter anderem die Beziehungen zwischen der SNCF und den französischen wie den deutschen Behörden. Im Waffenstillstandsabkommen vom Juni 1940 wurde die SNCF komplett der deutschen Armee zur Verfügung gestellt. Die Beschäftigten der Bahn wurden dem deutschen Kriegsrecht unterworfen.

Der Bericht präsentiert in chronologischer Reihenfolge verschiedene Abschnitte der Kriegsgeschichte der SNCF, z.B. die Beschlagnahme von Eisenbahnausrüstung, den Prozess der Entscheidungsfindung und deren Umsetzung bezüglich der Deportation, insbesondere während des Jahres 1942. Er behandelt auch die Résistance, da mehr als 2.000 Eisenbahnbedienstete bei der Deportation starben oder wurden in Frankreich hingerichtet wurden. Schließlich wird analysiert, welchen Beitrag die Eisenbahnarbeiter für die alliierten Streitkräfte vor und nach deren Landung in Frankreich leisteten.

Im Jahr 2000 initiierte Louis Gallois, zu dieser Zeit Präsident der SNCF, eine Konferenz zum Thema des Berichts. Sie fand symbolisch im französischen Parlament statt. Seitdem wurde ein Buch veröffentlicht, das die Vorträge der Konferenz enthält.

Gallois entschied auch, dass von 2002 bis 2004 eine Wanderausstellung von Bildern der deportierten und ermordeten Kinder in zwanzig großen Bahnhöfen gezeigt werden sollte. Sie wurde von dem jüdischen Anwalt und Aktivisten Serge Klarsfeld vorbereitet. Die Ausstellung wurde außerdem im Hauptsitz der SNCF, dem französischen Parlament und der Stadtverwaltung von Paris gezeigt; schätzungsweise eine Million Menschen besuchten sie.

2008 entschied der damals neue SNCF-Präsident Guillaume Pepy zusätzliche Aktivitäten zu initiieren; sie hatten das Motto: „Transparenz, Geschichte, Erinnerung und Bildung“. Er erklärte öffentlich, dass dazu gehört zuzugeben, dass die SNCF ein Rädchen in der Kriegsmaschinerie der Nazis war. Pepy gab seinem Bedauern wegen der Folgen der Handlungsweise der SNCF während des Krieges Ausdruck. Der Begriff „Bedauern“ wurde gewählt, weil er in Französisch eine tiefere Verpflichtung gegenüber der Zukunft ausdrückt als „Entschuldigung“, die ein Thema zum Abschluss bringt. Pepy beendete seine Rede damit, dass er sagte: „Wir verpflichten uns, niemals zu vergessen.“

Zusätzlich wurde der Eisenbahnstandort Bobigny der Stadt überschrieben, die aus ihm eine Gedenkstätte machte. Die Züge der von Drancy aus Deportierten fuhren zwischen Sommer 1943 und Sommer 1944 von dort ab. Bei der offiziellen Übergabe des Geländes am 25. Januar 2011 – zwei Tage vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag – gab Pepy seine erwähnte öffentliche Erklärung ab. Zu den bei der Zeremonie Anwesenden gehörten Parlamentarier und örtliche Autoritäten, Repräsentanten der jüdischen Gemeinde, Überlebende sowie Manager und andere Beschäftigte der SNCF. Die Medien gaben dieser Veranstaltung große Aufmerksamkeit.

In den USA wurde die SCNF aus denselben Gründen angegriffen wie in Frankreich – wegen ihrer Rolle bei der Deportation der Juden. Ihre Hauptkritiker sind Überlebende und Nachkommen von Deportierten wie auch ihre Anwälte. Sie haben Schadensersatzansprüche gegen die SNCF gestellt. Es sind aber die französischen Behörden, die nach dem Krieg Schadensersatz für die Internierung und Deportation der Menschen zahlten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurden zusätzliche Gelder an Waisen gezahlt, deren Eltern ermordet wurden. Auch für geplündertes jüdisches Eigentum wurden Entschädigungen gezahlt.

Einige Kritiker stellen sich in den USA den derzeitigen Aktivitäten der SCNF entgegen. Es gibt auch Opposition im US-Kongress. Doch in Frankreich stellt sich die SNCF heute ihrer Vergangenheit wie es nur wenige andere getan haben. Wir arbeiten auch mit Israel zusammen. Man fragt sich, warum die SNCF die einzige Firma ist, die angegriffen wird.

Bildung zur Schoah ist für die SNCF ein wichtiges Thema. All unsere Aktivitäten in diesem Bereich haben einen erzieherischen Zweck. Wir finanzieren zum Beispiel ein Theaterstück namens „Chaim“. Es wird von Bildungsarbeit mit Schülern aus Schulen begleitet, die sich in der Nähe der Theaterfirma befinden.

Wir haben eine wichtige Partnerschaft mit der Shoah-Gedenkstätte in Paris. Seit vier Jahren finanzieren wir Aktivitäten, die sie in Sachen Schoah-Bildung für Lehrer und Schüler haben. Wir finanzieren außerdem ein Professorat zu Völkermord in Bordeaux. All das zeigt, dass wir unser Bestes tun, um mit der Vergangenheit so weit wie möglich ins Reine zu kommen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.