Gegen eine Mauer in Berlin

George Will, Human Events, 20. Juni 2013

Die Frage, ob Barack Obamas zweite Amtszeit ein Fehlschlag sein wird, wurde vor seinem Berlin-Debakel positiv beantwortet, das die Frage umformulierte, die jetzt lautet: Wird seine Amtszeit dumm, gar beängstigend, sein, weil sie derart von der Realität losgelöst ist?

Vor Berlin setzte Obama in seinem steilen Sturzflug durch die Verschwendung der kostbarsten Monate nach den Wahlen auf Waffenkontroll-Sinnlosigkeiten und durch einen folgenden Skandal-Sturm, der sein unveränderliches Projekt – immer größere, expansivere, intrusivere und Zwangsmaßnahmen betreibende Regierung – Abscheu erregend gemacht hat. Dann kam der Reinfall von Mittwoch in Berlin.

Dort gelobte er energische Maßnahmen gegen die globale Erwärmung („die globale Bedrohung unserer Zeit“). Die 16-jährige Pause in dieser Erwärmung wurde von den Klimamodellen weder vorausgesagt noch erklärt; sie haben in seinem seltsamen Verständnis von Respekt für die Wissenschaft der Skepsis abgeschworen.

Bezüglich einer anderen Bedrohung sprach er einen fast sinnlosen Satz ausgesprochen, der ein erlesenes Beispiel dafür ist, dass seine Redekunst genauem Lesen nicht standhalten kann: „Mir mögen Terrornetzwerken Schläge versetzen, doch wenn wir die Instabilität und Intoleranz ignorieren, die Extremismus schüren, wird irgendwann unsere eigene Freiheit gefährdet sein.“ „Instabilität und Intoleranz“ sind also für den Terrorismus verantwortlich zu machen? Instabilität wo? Intoleranz von was durch wen „treibt Terroristen an“? Terrorismus ist eine Destabilisierungstaktik. Intoleranz ist – für Terroristen – eine Tugend.

Es ist axiomatisch: Waffenkontrolle ist unmöglich, bis sie unwichtig ist. Das ist so, weil Waffenkontrolle eine Wettbewerbsarena ist, in der Nationen nur die Grenzen verhandeln, die ihre Interessen voranbringen. Trotzdem tische uns Obama in Berlin einen weiteren Golden Oldie auf, als er gelobte den Kadaver der Atomwaffenkontrolle mit Russland wiederzubeleben. Als ob Russlands Arsenal ein dringendes Problem darstellte. Und als ob es Grund dafür gibt zu glauben, dass Präsident Putin, der den Zusammenbruch der Sowjetunion „die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ nannte, an der Reduzierung des Arsenals interessiert ist, das die Grundlage für sein ansonsten zur Dritten Welt gehörenden Anspruch auf Großmachtstatus ist.

Obama verschob seinen seltsamen Fokus von Russlands Atomwaffen, als er sagte: „Wir können … die atomare Bewaffnung, die Nordkorea und der Iran anstreben, ablehnen.“ Wäre Obama solches Zeugs aus dem Stehgreif sagen, wäre das ein guter Grund ihn an einen Teleprompter zu fesseln. Doch erstaunlicherweise wird solches Zeugs auf seinen Teleprompter gestellt und – noch erstaunlicher – er liest es laut vor.

Werde die Leute, die diese Worte schrieben, noch er, der sie sprach, können ernst genommen werden. Nordkorea und der Iran könnten Atomwaffen anstreben? Nordkorea könnte solche Waffen haben. Offenbar hegt Obama immer noch Zweifel daran, dass der Iran nach ihnen strebt.

In Nordirland saß Obama, bevor er nach Berlin flog, neben Putin, dessen Haltung und Körpersprache, wenn er sich in Obamas Beisein befindet, Verachtung ausströmen. Dort sagte Obama: „In Bezug auf Syrien haben wir unterschiedliche Sichtweise zum Problem, aber wir teilen ein Interesse an der Reduzierung der Gewalt.“ Unterschiedliche Sichtweisen?

Obama will die Gewalt reduzieren, indem er Syriens Bashar al-Assad gut zuredet, der dabei ist den Krieg zu gewinnen, er solle an einer Konferenz teilnehmen, auf der er darüber verhandelt, wie er seine Macht abtritt. Putin will die Gewalt reduzieren, indem er Assad – mit großzügiger materieller Hilfe und durch Verhinderung von eingreifender Diplomatie – hilft die Vernichtung seiner Feinde zu vollenden.

Napoleon sagte: „Wenn du anfängst Wien zu erobern – erobere Wien.“ Douglas MacArthur sagte, alle militärischen Katastrophen können durch zwei Worte erklärt werden: „Zu spät.“ Hinsichtlich Syriens ist Obama zaghaft und, wenn er auf der Torheit einer Intervention besteht, zu spät dran. Er gibt Putin eine goldene Gelegenheit den für die „Katastrophe“ verantwortlichen Staat zu demütigen. In einem Wettbewerb zwischen einem Dilettanten und einem Diktator wettet man besser auf Letzteren.

Obamas Selbstgefälligkeit ist ein Weltwunder, das nie seine Macht zu erstaunen verliert, aber wirklich: Hat sich jeder in seinem Orbit zu sehr wonnetrunkener Bewunderung verirrt, um ihn davor zu warnen eine Rede zu halten, die zu durchsetzt von Banalitäten und Binsenweisheiten ist, in einer Stadt, die sich an John Kennedys „Ich bin eine Berliner“ und Ronald Reagans „Tear down this wall“ erinnert? Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel saß nahe dran, als Obama seine Berliner Rede begann: „Wie ich gesagt habe, Angela und ich sehen nicht unbedingt wie früher deutsche und amerikanische Führungspolitiker aus.“ Er hat das in der Tat auch schon früher gesagt, jedenfalls über sich. 2008 war das in Berlin leicht amüsant, aber kaum ein Bonmot a la Noel Coward, das des Recyclings wert ist.

Sein Ausblick ist nicht sonderlich interessant. Und nachdem er sinnlos in Berlin war, so ist es auch er, außer was den Surrealismus seiner zweiten Amtszeit angeht.

2 Gedanken zu “Gegen eine Mauer in Berlin

  1. Abbau der Atomwaffen ist schon richtig-der Grund dürfte aber sein das man Atomwaffen nicht einfach so lagern kann das kostet paar Millionen…und die USA haben doch 3 mal soviele wie Russland.

    • Klar – und Abrüstung muss nur in den USA stattfinden vielleicht auch ein wenig in Russland. China usw. spielen keine Rolle, die haben Atomwaffen, aber die werden bestimmt nie eine Rolle spielen, nicht wahr?

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