Ende des Konflikts

Yakkov Lozowick, 28. Juni 2013

Wie die schwindende Zahl der Leser dieses Blogs wissen, halte ich mich entschieden von der politischen Diskussion fern, mit denen er sich hauptsächlich beschäftigte – ein Preis des Daseins als Staatsdiener. Heute versuchte ich hart am Wind zu segeln, daher also ein Wort der Erklärung. Ungeachtet dessen, wie es scheinen könnte, gebe ich hier keine politische Meinung irgendeiner Art wieder, stecke auch keine Position zu richtig oder falsch in Dingen ab, die von verschiedenen politischen Parteien diskutiert werden. Stattdessen möchte ich die Struktur des israelisch-arabischen Konflikts kommentieren, ungeachtet jeglicher spezifischer Vorschläge zu seiner Lösung.

In den vergangenen Monaten hatte ich die Gelegenheit die Bemühungen zur Erreichung von Frieden mit einer Reihe ungewöhnlich gut informierter Beobachter des Konflikts privat zu diskutieren. Jeder von ihnen ist Amerikaner, Jude oder beides nicht gewesen; jeder von ihnen hat beeindruckende Kenntnisse der Details und Einzelheiten der historischen Chronologie und ist mit den wichtigen und sekundären historischen und zeitgenössischen Akteuren vertraut. Anders als die riesige Mehrheit der Experten wissen diese Leute (es handelt sich um lauter Männer), wovon sie reden.

Dennoch habe ich genau dieselbe Kluft zwischen meinem und ihrem Verständnis davon, wie die Geschichte sich entwickeln könnte, gefunden; mir ist klar geworden, dass dieser Unterschied an sich interessant und von Bedeutung ist. Kurz gesagt dreht sich das Thema um die Endgültigkeit von Friedensabkommen.

Die amerikanische Geschichte ist vermutlich ungewöhnlich, weil die Vereinigten Staaten selten etwas wie permanenten Konflikt erlebt hat. Das letzte Mal, dass es einen Krieg zwischen den USA und Kanada gab, war im 18. Jahrhundert, als sie noch nicht die USA und Kanada waren. Der letzte Krieg mit Mexiko fand in den 1840-er Jahren statt, vor zwei Jahrhunderten. Es gab zwei Kriege mit England, beide vor langer Zeit (sie endeten 1812). Es gab einen Krieg mit Japan, je einen der verschiedenen kleinen Kriege, an denen die USA sich beteiligt haben, zwei mit Deutschland, gefolgt von ununterbrochenem Frieden. Der einzige schlimmste Konflikt, den die USA jemals hatten – ihr Krieg in den 1860-er Jahren – war eine einmalige Sache; in der Tat gab es ein Jahrhundert darauf eine zweite Art Krieg, der mit viel Drama, einiger Gewalt und keiner Kriegsführung welcher Art auch immer ausgefochten wurde. Und natürlich wurde der lange Konflikt mit den einheimischen Bewohnern des Kontinents durch ihr praktisches Verschwinden gelöst.

Man könnte den Amerikanern die Vorstellung vergeben, dass Konflikte ausgekämpft, gelöst und beendet und schlimmstenfalls auf nicht militärischen Feldern weitergeführt werden. Solch historischer Optimismus steckt vermutlich hinter weithin vorhanden Empfänglichkeit für Bücher wie Steven Pinkers The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined (Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit). Pinter beschränkt sich natürlich nicht auf die nordamerikanische Geschichte. Seine These ist, dass die Menschheit als Ganzes sich der Gewalt auf allen Ebenen entwöhnt und der Lange Frieden des Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und der Neue Frieden in einem Großteil des Restes der Welt von Dauer sind; der Rest der Menschheit muss schlicht aufholen und sich beruhigen.

Wer Pinker scharfsinnig liest, sollte uns jedoch an die einfache Tatsache erinnern, dass im Verlauf der meisten Zeit der Geschichte Friedensvereinbarungen am Ende von Kriegen zeitlich begrenzte Angelegenheiten waren. Wenn eine Seite die anderer vernichtete, konnten sie Jahrhunderte dauern; aber wenn beide Seiten stehen blieben, kehrten sie oft früher oder später in die Schlacht zurück, entweder in derselben Anordnung oder in einer anderen. Die Bibel strebt nach „vierzig Jahren Frieden“, was eine vertretbare Annäherung an „dauerhaft“ ist.

Pinkers Konzeption beruht auf mehr als der statistischen Tatsache, dass es seit 1945 (fast) in Europa keine Kriege gegeben hat und dass es am Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit weniger Konflikte als üblich gab. Er zeigt, dass sich vieles geändert hat, so dass die Menschen heutzutage Krieg zu führen nicht als Option zur Lösung von Konflikten ansehen.

Doch da liegt der Haken, wie ich aufzeigte, als ich vor kurzem sein Buch rezensierte. Damit ein Friedensabkommen der Auftakt für einen dauerhaften Frieden sein kann, muss es offenkundig so fair sein, dass alle Setien ihn der Fortsetzung des Konflikts vorziehen; am wichtigsten ist: die weit überwiegenden Mehrheiten der jeweiligen Bevölkerung muss aufhören Krieg als Alternative zu betrachten. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Ich habe hier die These, dass die nach Frieden zwischen Israel und den Arabern strebenden Leute hart daran arbeiten, ersteres zu erreichen, während sie annehmen, dass das zweite zwangsläufig folgen wird. Diese Annahme macht aber nur Sinn, wenn sich etwas am Charakter der beteiligten Völker verändert hat. Wenn Juden und Araber (nicht nur Palästinenser) gemeinsam ein Stadium der Geschichte erreicht haben, die die Staaten des Langen Friedens erreicht haben, dann wird in der Tat ein Friedensabkommen zwischen ihnen wahrscheinlich einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten einleiten.

Muss ich näher ausführen, wie völlig dumm das im Jahr 2013 ist?

Ich schließe mit dem Punkt, an dem ich begann. Ich werbe weder für noch gegen irgendeinen bestimmten Vorschlag ein Friedensabkommen zwischen Israel und den Arabern zu schaffen. Da alle meine Kinder hier leben, habe ich das größte Interesse daran, dass sie in Frieden leben. Was ich sage, ist: Die Friedensmacher dürfen nicht nach einer magischen Kombination von Gesten und Schritten vor Ort streben, die eine Zeremonie zur Unterzeichnung eines Friedens auf dem Rasen des Weißen Hauses hervorbringt. Sie müssen eine neue Wirklichkeit schaffen. Wenn alles, das sie erreichen, das Ziel eines Abkommens ohne die Veränderung der Grundlagen ist, werden sie ein Intermezzo im Konflikt geschaffen haben. Schlimmstenfalls könnte sie sogar die Motivation für die nächste Runde schaffen.

4 Gedanken zu “Ende des Konflikts

  1. Danke lieber Yakkow Lozowick, für diese überaus klugen, aber auch sehr realistischen Ausführungen.

    Der Kernsatz Ihrer Ausführungen ist m.E.:
    „Sie müssen eine neue Wirklichkeit schaffen.“

    Das halte ich für eine Wahrheit, die akzeptiert werden muss.
    Gleichzeitig wird aber dadurch meine Hoffnung auf einen baldigen Frieden zerstört.

    Sie schreiben:
    „Die Bibel strebt nach „vierzig Jahren Frieden“, was eine vertretbare Annäherung an „dauerhaft“ ist.“

    Bin ich ein unverbesserlicher Pessimist, wenn ich für diese Zeitspanne keine Veränderung des gegenwärtigen Zustandes erwarte?
    Oder bin ich in Anbetracht der Dauer des Konflikts dann vielleicht sogar ein Optimist?

    Herzlich, Paul

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