Die nicht erzählte Wahrheit: 150 Millionen Europäer hassen Israel

Simon Plosker, HonestReporting.com, 1. Juli 2013 (Teil 1)

In seinem nachdenklich stimmenden neuen Buch „Demonizing Israel and the Jews“ (Israel und die Juden dämonisieren; erhältlich bei Amazon) postuliert Dr. Manfred Gerstenfeld, Vorstandsmitglied des Jerusalem Center for Public Affairs, dass heute gut 150 Millionen Europäer glauben, Israel würde die Palästinenser auslöschen. Diese derzeit weit verbreitete, teuflische Sicht auf Israel ist eine neue Mutation des diabolischen Glaubens zu Juden, den viele im Mittelalter vertraten und der vor nicht allzu langer Zeit von den Nazis und ihren Verbündeten gefördert wurde.

Diese Sammlung von 57 Interviews mit Wissenschaftlern, Politikern und anderen, darunter HonestReportings Redaktionsleiter Simon Plosker, schildert, wie weitgehend und intensiv die Verbreitung des Hasses ist.

In einem zweiteiligen Exklusiv-Interview, das mit der Veröffentlichung seines Buches zusammenfiel, fragten wir Manfred Gerstenfeld nach den wichtigen Fragen, die aufgeworfen werden und warum die Mainstream-Medien seine Schlussfolgerungen anscheinend unter den Teppich kehren.

HR: In Ihrem neuen Buch „Demonizing Israel and the Jews“ stellen Sie fest, dass mehr als 150 Millionen erwachsene Bürger der Europäischen Union eine dämonische Sicht Israels haben und dass dies an die teuflische Sicht vieler Menschen des Mittelalters zu den Juden erinnert. Was meinen Sie damit?

MG: Das Kernelement des Antisemitismus war über fast zwei Jahrtausende, dass Juden das „absolut Böse“ repräsentieren. Der Begriff dessen, was absolut böse ist, hat sich im Verlauf der Jahrhunderte geändert. Viele Christen behaupteten fälschlich, dass die Juden Gottes vermeintlichen Sohn getötet hätten – das in ihrer Vorstellung Schlimmstvorstellbare. Für die Nazis war das absolut Böse, dass Leute in ihren Augen Untermenschen waren, Ungeziefer, Bakterien und so weiter. Nach dem Holocaust ist nun das Schlimmstmögliche Völkermord zu begehen oder sich wie die Nazis zu verhalten.

HR: Worauf fußt die Angabe Ihres Buchs, dass mehr als 150 Millionen EU-Bürger eine dämonische Sicht auf Israel haben?

MG: Verschiedene Studien stellten in Umfragen die Frage, ob man mit Äußerungen wie „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ oder „Israel verhält sich den Palästinensern gegenüber wie die Nazis gegenüber den Juden“ übereinstimme. Studien in sieben EU-Staaten bestätigen, dass rund 40% oder mehr der Menschen solch dämonische Ansichten hegen. Ähnliche Studien bestätigen dies für die Nicht-EU-Staaten Norwegen und Schweiz. Mehrere weitere Studien zeigen ebenfalls stark negative Ansichten der EU-Bürger gegenüber Israel.

HR: Die meisten dieser Studien sind nicht neu. Warum wurden sie nicht viel früher bekannt gemacht?

MG: Da kann man nur raten. Die Ergebnisse dieser Studien sollten den europäischen Führungspolitikern und Meinungsmachern extrem unangenehm sein. Die norwegische Regierung bezahlte z.B. 2012 eine Studie des Holocaust-Zentrums von Oslo. Die Autoren der Studie vermieden es zu schreiben, dass die 38% der Norweger, die glauben Israel verhalte sich gegenüber den Palästinenser wie die Nazis, extrem antisemitisch sind. Doch sie hätten wissen müssen, dass solche Ansichten zu haben nach der europäischen Arbeitsdefinition des Antisemitismus ein antisemitischer Akt ist.

HR: Wenn diese Studien bereits bekannt sind, was ist dann an Ihrem Buch in dieser Sache neu?

MG: Diese Studien, die alle dieselben Schlussfolgerungen aufzeigen, werden zum ersten Mal gemeinsam aufgeführt. Sie geben meiner Schätzung Rückhalt, dass mindestens 150 Millionen erwachsene EU-Bürger solche dämonische Ansichten zu Israel haben. Das ist eine klare und starke Botschaft, die weithin verbreitet werden sollte.

HR: Haben Journalisten Sie deswegen kontaktiert?

MG: Ich bin von mehreren europäischen Journalisten ausgiebig zu meinem Buch interviewt worden. Einige arbeiten für Zeitungen mit hoher Verbreitung. Sie haben großes Interesse an dieser Geschichte gezeigt und mir gesagt, dass die Zahlen überzeugen. Ich habe aber bisher nichts in ihren Zeitungen gefunden.

ManfredGerstenfeld
Dr. Manfred Gerstenfeld

MG: Mein Verleger, Rene van Praag von RVP Publishers, sagt, dass viele Storys für führende Zeitungen einfach zu klein sind und ebenso sind ein paar „zu groß“.

HR: Was bedeutet eine „zu große Story“ in diesem Fall?

MG: Wird erst einmal weithin bekannt, dass 150 Millionen von 400 Millionen erwachsenen EU-Bürgern dämonisch-antisemitische Ansichten hegen, können die möglichen Folgen für das Image der EU, ihre Politik und die Notwendigkeit zu handeln, nicht ignoriert werden. Die EU präsentiert sich selbst als „Modell für Demokratie und Förderer der Menschenrechte“. Durch die Zahl der 150 Millionen Bürger, die dämonische Ansichten zu Israel hegen und durch die Interviews des Buches stellt sie sich auch als Konglomerat antiisraelischen Schürens von Hass und einer weit verbreiteten kriminellen Weltanschauung heraus. In den 1930-er Jahren hatten die Länder Europas eine riesige Anzahl Bürger mit einer kriminellen Weltanschauung zu den Juden. Aus Post-Holocaust-Sicht und nach anderen Gräueln entzieht diese Ähnlichkeit dem Bild eines humanitären Europa den Boden.

HR: Gibt es weitere mögliche Konsequenzen?

MG: Es mag z.B. für die EU problematisch werden die Ermittlungen zu vermeiden, wer zur Schaffung dieser kriminellen Weltanschauung verantwortlich ist. Das sollte zu brisanten Ergebnissen führen. Z.B. wird eines auf führende EU- und nationale Politiker in verschiedenen Ländern deuten müssen. Das würde nicht nur ein Angriff auf das erfundene humanitäre Image der EU sein, sondern auch auf einige Länder und politische Parteien. Diese europäischen Schürer des Hasses glauben nicht notwendigerweise selbst, dass Israel die Palästinenser auslöscht oder sich wie die Nazis verhält. Doch ihre einseitigen Äußerungen tragen allesamt zu diesem Bild bei. Das ist die Methode der „Tausend Schnitte“. Jede für sich genommen hat keine dieser Attacken die dramatischen Ergebnisse verursacht, das die Studien zeigen. Zusammen aber haben sie sie geschaffen.

HR: Was sonst hat zu Europas krimineller Weltanschauung bezüglich Israel beigetragen?

MG: Ein weiteres Element ist die Trivialisierung und das teilweise Verstecken wichtiger horrender Ereignisse in der Vergangenheit der europäischen Länder. Auf diese Weise malt Europa ein viel zu rosiges Bild der eigenen Geschichte. Dieses wird dann mit dem massiv verfälschten Bild Israels verglichen.

Sehr wichtig ist außerdem, dass der weit verbreiteten Kriminalität und dem Schüren von Hass in großen Teilen der palästinensischen Gesellschaft und vielen arabischen und muslimischen Staaten viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn Massenmorde, Terroranschläge und andere große Verbrechen dort entsprechend dem Verhältnis ihrer Bevölkerung und Fehlverhalten in diesen Ländern aufgezeigt würden, wären Nachrichten zu Israel vergleichsweise vernachlässigbar. Dass bei großen Verbrechen in der muslimischen Welt weggesehen wird, ist ein Beispiel für das, was wir humanitären Rassismus nennen könnten. Viele Menschen ignorieren die Verbrechen Farbiger, weil diese als schwach wahrgenommen werden. Solche Rassisten behaupten oft fälschlich, dass sie dem antirassistischen Lager angehören.

HR: Irgendwelche weitere Überlegungen zu den Feststellungen in Ihrem Buch?

MG: Eine weitere ist die, dass die weit verbreitete kriminelle Weltanschauung des Europas der 1930-er Jahre der Vorläufer großer Verbrechen war, die in Europa in den 1940-er Jahren begangen wurden. Das wirft die Frage auf: Wohin könnte die derzeitige kriminelle Weltanschauung führen? Wird sie wieder zu großen europäischen Verbrechen führen, diesmal gegen Israel? Oder werden die Europäer die kriminellen Zaungäste sein, wenn viele in den muslimischen Ländern extreme Verbrechen gegen Israel begehen wollen? Mein Buch deckt also eine möglicherweise riesige Story auf.

(Teil 2 hier)

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2 Gedanken zu “Die nicht erzählte Wahrheit: 150 Millionen Europäer hassen Israel

  1. 40% sind ja eigenltlich noch wenig, wenn man die Spitze der EU betrachtet, die gefühlt mit mindestens 80% Antisemiten besetzt ist. Und das Europäische Parlament schafft ja auch regelmäßig Mehrheitsbeschlüsse, die gegen Israel zielen. der Fisch fängt bekanntlich am Kopf an zu stinken…

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