Präsident Roosevelt und der Holocaust: Neue Beweise

Manfred Gerstenfeld interviewt Rafael Medoff (direkt vom Autor)

Während meiner Forschungstätigkeit fand ich zahlreiche Beispiele für Äußerungen hinter den Kulissen, in denen US-Präsident Franklin Delano Roosevelt von der Gefahr sprach Juden in großer Zahl zu gestatten an einem bestimmten Ort zu leben oder in verschiedenen Berufen zu führend zu werden. In den 1920-er Jahren warb er auch für die Einführung einer Quote für die Zulassung von jüdischen Studenten in Harvard.

1943 drängte Roosevelt örtliche Leitungspersönlichkeiten im von den Alliierten befreiten Nordafrika, den Zugang von Juden zu vielen Berufen zu beschränken. Er machte geltend, dass „die Beschwerden, die die Deutschen gegenüber den Juden hegten, verständlich“ waren, weil es in Deutschland viele Juden in der Jurisprudenz, Medizin und anderen Feldern gab.

Dr. Rafael Medoff ist der Gründungsdirektor des David S. Wyman Institute for Holocaust Studies, einem Forschungs- und öffentlichen Bildungsinstitut mit Sitz in Washington DC. 2013 verfasste er sein vierzehntes Buch, „ FDR and the Holocaust: A Breach of Faith“ (FDR und der Holocaust: Ein Vertrauensbruch).

Er merkt an: 1943 befürwortete Roosevelt den Plan eines seiner hochrangigen Beraters „die Juden spärlich überall in die Welt zu verteilen“, damit sie sich rasch assimilieren. Er behauptete auch – 1938 – die Juden wären in der polnischen Wirtschaft zu bedeutend und legte nahe, dass dies der Grund für den dortigen Antisemitismus sei. Das hilft zu erklären, warum Roosevelt den Zuzug jüdischer Flüchtlinge in die USA bis zum Limit der bestehenden Gesetze ablehnte. Aus Angst vor jüdischer „Dominanz“ und „Überrepräsentation“ gestattete seine Vision von Amerika nicht, dass es zu viele Juden gab.

Roosevelt war bekannt dafür, dass er eher der öffentlichen Meinung folgte als selbst zu führen. Er wusste, es wäre unpopulär gewesen Amerikas Einwanderungsquoten zu lockern. Doch eine Änderung der Quoten war nicht nötig, um jüdische Flüchtlinge zu retten. Alles, was Roosevelt tun musste, war dem Außenministerium – das für die Einwanderung zuständig war – still zu sagen es solle gestatten, dass die bestehenden Quoten ausgenutzt werden. Das wäre in Übereinstimmung mit dem Recht gewesen, also wären Gegner in Verlegenheit gekommen ernsthaft dagegen zu argumentieren.

Es gab während der Hitler-Jahre 190.000 ungenutzte Quotenplätze für Deutschland und die von den Achsenmächten besetzten Ländern. Die jährliche Quote aus Deutschland – rund 26.000 bis 1938, danach 28.000 – wurde nur während eines der zwölf Amtsjahre Roosevelts voll genutzt. In den meisten anderen Jahren wurde sie zu weniger als einem Viertel erfüllt.

Roosevelt lehnte die Unterstützung der Wagner-Rogers-Gesetzesvorlage von 1939 ab, die 20.000 deutsch-jüdischen Kindern außerhalb des Quotensystems die Einreise gestattet hätte. Diese Kinder hätten nicht viele Arbeitsplätze weggenommen – ein Argument, das oft zu hören war, wenn es darum ging mehr Einwanderer hereinzulassen. Doch nur ein Jahr später griff Roosevelt persönlich ein, damit tausende britischer Kinder nach Amerika kommen konnten, um dem deutschen „Blitzkrieg“ gegen London zu entkommen.

Roosevelt hätte anderes tun können, das Holocaust-Opfer gerettet hätte. Er hätte die Briten unter Druck setzen können die Türen Palästinas für jüdische Flüchtlinge zu öffnen. Er hätte die Nutzung leerer Truppenversorgungsschiffe genehmigen können, damit diesen Flüchtlingen der Aufenthalt auf US-Territorium wie den Jungferninseln als Touristen erlaubt worden wäre, bis es für sie nicht mehr gefährlich war nach Europa zurückzukehren. Er hätte auch die Bombardierung von Auschwitz oder der nach dort führenden Eisenbahnschienen genehmigen können, was den Prozess des Massenmordens unterbrochen hätte.

Das Thema des Versäumnisses Auschwitz zu bombardieren scheint niemals zu verschwinden, denn auf viele Weisen fasst es Amerikas Weigerung zusammen auch nur minimal etwas zu unternehmen, um den Prozess des Massenmordens zu unterbrechen. US-Flugzeuge flogen nur ein paar Kilometer entfernt von den Gaskammern Angriffe auf deutsche Öl-Betriebe. Doch die Administration befahl ihnen nie ein paar Bomben auf die Todeslager zu werfen.

Frühere Forschung deutete an, dass diese Gesuche vom Stellvertretenden Kriegsminister und Beamten auf niedrigerer Ebene abgelehnt wurden. Mein Buch zeigt zum ersten Mal, dass diese Gesuche in Wirklichkeit bis ganz nach oben zu Roosevelts wichtigsten Kabinett-Mitgliedern gingen, Außenminister Cordell Hull und Kriegsminister Henry Stimson. Doch sie handelten nicht.

Dieses Thema ist heute von Bedeutung. Jeder amerikanische Präsident sieht sich der Frage gegenüber, ob er das US-Militär im Interesse humanitärer Ziele in anderen Teilen der Welt einsetzen soll. Präsident Clinton intervenierte schließlich in Bosnien und sagt, er bereue in Ruanda nicht eingegriffen zu haben. Weder Präsident Bush noch Präsident Obama griffen in den Völkermord in Darfur ein. Obama handelte in Libyen, zögert aber bezüglich Syriens Schlachten seiner eigenen Bürger und der völkermörderischen Drohungen des Iran gegen Israel. Die Gründe für die Ablehnung einer Bombardierung von Auschwitz und die Art, in der die Roosevelt-Administration die Gruppen täuschte, die eine solche Bombardierung forderten, bieten viele wichtige Lektionen für den Umgang mit den globalen Problemen von heute.

Medoff schließt: Roosevelt verdient Anerkennung dafür, dass er Amerika aus der Weltwirtschaftskrise holte und für seine Führung im Zweiten Weltkrieg, aber er war nicht der Humanist und Verteidiger der „Vergessenen“, der er zu sein behauptete – jedenfalls dann nicht, wenn es um die Juden ging.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.