„Das Kind ist dumm, oder?“

Ein verdächtiges Bündel? Viele Kinder in Israel sind daran gewöhnt gefährliche Objekte zu erkennen.

Jonathan Feldstein, Jerusalem Post, 31. August 2013

Als die Sommerferien zu Ende gingen fand ich mich selbst in der Situation mit meinem achtjährigen Sohn Zeichentrickfilme anzusehen und eine Pause vom Spielen draußen zu machen. Ich hatte keine Ahnung, was er da sah und gebe zu, dass ich dem nicht viel Beachtung schenkte, sonder stattdessen E-Mails gelesen; aber mein Sohn passte genau auf und von ihm erfuhr ich dies.

„Ist das Kind nicht dumm, Papa?“, fragte er.

Da er unser sechstes Kind ist, waren wir über das „Dumm ist kein nettes Wort“-Alter hinaus. Statt mich also auf seinen Sprachgebrauch zu konzentrieren, war ich verdutzt. „Von welchem Kind redest du?“, fragte ich und glaubte, er meinte eine echte Person. „Wo?“ „Das da, im Fernsehen“, antwortete er ohne zu zögern.

Einen Moment lang glaubte ich, er hätte vielleicht zu sehr unter der Hitze gelitten, weil er über eine Zeichentrickfigur im Fernsehen sprach und diese als dumm bewertete.

„Was meinst du? Warum ist er dumm?“, fragte ich, neugierig und verwirrt.

„Er hat die Kiste aufgemacht“, sagte mein Sohn, wobei er den hebräischen Begriff für „verdächtiges Objekt“ benutzte. „Wäre das eine Bombe, hätte er getötet werden können.“

Ich verstand sofort, wovon mein Sohn sprach. Er hatte etwas gelernt, einfach nur dadurch, dass er in Israel lebte. Etwas, das ich nie vergesse ihn zu lehren: Jeder verlassene Gegenstand könnte eine Bombe sein.

Israelis wissen das instinktiv. Es hat keinen Mangel an solchen Vorfällen gegeben, besonders bevor Selbstmordbomber anfingen ihre eigenen Körper als „verdächtige Objekte“ zu benutzen. Sprengstoff ist in Gegenständen so groß wie Seesäcke an einer Bushaltestelle und so klein wie eine Cola-Dose auf der Straße versteckt worden.

Die israelische Reaktion darauf ein besitzerloses Objekt zu finden besteht darin ein Bombenentschärfungskommando zurufen, das sofort kommt, die Gegen absperrt und verschieden High-Tech-Mittel einsetzt, um die Beschaffenheit des Objekts einzuschätzen und es, wenn nötig, zu sprengen.

Was mein Sohn gelernt hatte und mir mitteilte – wenn auch indirekt – ist die Vorstellung, dass man niemals eigenständig ein verdächtiges Objekt erkundet. In seiner Denkweise, aus seiner Weltsicht, war es dumm, so etwas zu tun. Dagegen ist kaum etwas zu sagen.

Obwohl der Trickfilm, den er sah, hebräisch synchronisiert war, handelte es sich um einen amerikanischen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass die Leute in Amerika nicht so über verdächtige Objekte denken, wie wir das in Israel tun. Ich bin nicht sicher, dass er das verstand, aber es schien ihn für den Augenblick zufriedenzustellen. Größtenteils war ich stolz, dass er wusste, was ein verdächtiges Objekt ist und was man zu tun hat, wenn man einem begegnet.

Das ist derselbe Sohn, der vor zwei Jahren nach einer Erdbeben-Übung aus der Schule nach Hause kam, um uns den Unterschied zwischen dem mitzuteilen, was man im Fall eines Erdbebens, eines Raketenangriffs oder eines Terroranschlags auf die Schule tut.

Ich hätte nie gedacht, dass ich Kinder so jung so erfahren aufziehen würde, doch ich bin froh, dass sie vorbereitet sind (so weit man vorbereitet sein kann), sollte eines dieser Ereignisse eintreten.

Das ist einer dieser gemischten Segnungen des Lebens in Israel. Mit sehr unterschiedlichen Bedrohungen um uns herum müssen unsere Kinder sich ihrer Umwelt auf eine Art sehr bewusst sein, die sehr anders ist als für die meisten Kinder der Welt.

Ich erinnere mich an mein Jahr in Israel in den 1980-er Jahren; es gab keinen Mangel an gesperrten Straßen, evakuierten Bussen und dass Taschen überprüft wurden, wenn man in Lebensmittelgeschäfte ging. Selbst Spielzeugpuppen wurden – zur falschen Zeit am falschen Ort – verdächtig. In dieser Zeit sabotierten Terroristen auch israelische Exporte nicht nur, um Menschen zu schädigen, sondern um Länder zu terrorisieren, die israelische Produkte importierten.

Während das Aufkommen von Selbstmordterroristen die Dynamik auf unermessliche Weise veränderte und mehr als 1.600 in einem Jahrzehnt getötete Israelis hinterließ, durchzieht die Haltung gegenüber verdächtigen Objekten die israelische Gesellschaft immer noch. Zumeist verursacht das nur Unannehmlichkeiten wie die Male, die ich Stunden lang im Verkehr festsaß und darauf wartete, dass Entschärfer die Gegend freigaben. Unsere Taschen werden immer noch überprüft, wenn wir in Lebensmittelläden, Einkaufszentren und ähnliches gehen und an den meisten öffentlichen Parkplätzen werden unsere Autos überprüft.

Ich werde nie die Geschichte mit der Frau vergessen, der ich im Norden in einen Bus nach Jerusalem half. Sie vergaß ihren kleinen Koffer aus dem Kofferraum im Bus zu holen; also wurde dieser als verdächtiges Objekt behandelt und gesprengt.

Doch manchmal sind verdächtige Objekte tatsächlich gefährlich. Wie der Koffer, der an einer gedrängt vollen Bushaltestelle in Jerusalem vor ein paar Jahren, durch den eine christliche Touristin aus Großbritannien getötet und viele weitere verletzt wurden.

Dieses Jahr setzte ich meine Kinder am zweiten Tag nach den Ferien an der Schule ab und bemerkte eine Menge Verkehr und Sicherheitsleute, die mein Viertel verließen. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Die Polizei hilft oft aus den Verkehr zu regeln und sicherzustellen, dass Kinder die erste Schulwoche über sicher ankommen.

Keine große Sache.

Als ich aber in mein Viertel zurückkam, war der Verkehr so schlimm wie noch nie. Der Bürgermeister war draußen und informierte die Menschen in allen wartenden Fahrzeugen darüber, dass in der Schule an der Ecke ein verdächtiges Objekt gefunden worden war. Die Schule meiner Tochter. Der, an der ich sie zehn Minuten davor abgesetzt hatte.

Mein Herz setzte einen Moment aus und ich wusste, es war einer dieser „nur in Israel“-Momente. Ich wusste, dass die Behörden alles unter Kontrolle hatten, die Kinder warteten geduldig und unter Aufsicht der Lehrer, Verwaltungskräfte und Armee und Polizei draußen. Dennoch war der Gedanke beunruhigend, das seine Schule Ziel war.

Eine Stunde später ging eine automatische Botschaft an alle Einwohner unseres Viertels, auf die Handys wie die Festnetzanschlüsse. Alles in Ordnung, ich atmete sehr erleichtert tief durch.

Teil davon unter Nachbarn zu leben, die unser Recht hier zu sein nicht akzeptieren und die den Tod heiliger als das Leben betrachten, ist eine ständige Besorgnis, dass ein vergessener Rucksack auf einem Schulhof am zweiten Tag nach den Ferien eine Bombe sein könnte. Wir sind uns außerdem bewusst, dass jedes Ereignis in jedem der vier Nachbarländer, ob es mit uns in Zusammenhang steht oder nicht, möglicherweise israelisches Leben bedrohen kann.

Doch die Alternative wäre nicht hier zu leben oder nicht zu leben. Punkt. Und das ist inakzeptabel. Also werden wir weiter hier leben, unsere Kinder lehren ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen, mit ihnen daraus lernen und uns immer für das Leben entscheiden und es heilig halten.