Schwere Unruhen am Jom Kippur erwartet

Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 11. September 2013 (direkt vom Autor)

Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, wird in Israel mit schweren Ausschreitungen gerechnet. Am Versöhnungstag, der in diesem Jahr am kommenden Freitagabend beginnt und am Samstag nach Sonnenuntergang endet, fasten die Juden und besuchen die Synagogen, gekleidet in weiße Totengewänder. An diesem Tag werden Radio und Fernsehen abgeschaltet. Der Luftraum über Israel wird gesperrt und die Flughäfen bleiben geschlossen. Auf den sonst verstopften Autobahnen üben sich Kinder im Fahrradfahren. Nur Ambulanzen und Polizeiwagen wagen sich an diesem Tag auf die leeren Straßen.

In diesem Jahr fällt der Jom Kippur auf den christlichen Feiertag der „Kreuzerhöhung“. Dabei begehen die Christen die Entdeckung des Kreuzes Jesu im Jahr 326 in Jerusalem durch Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. In Israel hat sich bei christlichen Jugendlichen eingebürgert, an diesem Tag Müllcontainer anzuzünden. Besonders in Städten mit gemischter jüdisch-arabischer Bevölkerung wie Jerusalem, Akko, Jaffo, Ramle und Lod kann das zu Zusammenstößen führen, da das die Gefühle der Juden verletzt, die es vermeiden, an diesem Tag Feuer anzuzünden und deshalb nicht einmal Auto fahren.

Der melkitische Erzbischof Elias Schacour von Galiläa wies Nachfragen, ob die Christen diesen Feiertag verschieben könnten, empört zurück. „Wir Christen feiern dieses Fest seit 2.000 Jahren. Warum verschieben die Juden nicht ihren Jom Kippur?“, fragte er im israelischen Fernsehen. Auf jüdischer wie auf christlicher Seite drohen also, die Emotionen hoch zu gehen.

Hinzu kommt ein Flugblatt der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, dem „militärischen Arm“ der Fatah-Partei des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas. Darin werden ab Freitag alle „Einheiten und schlafenden Zellen“ zu Guerilla-Operationen und Angriffen auf den „zionistischen Feind“ aufgerufen. Anlass für die geplanten Terrorattacken seien die „Judaisierung“ Jerusalems und die vermeintlichen jüdischen Pläne, die Al-Aqsa-Moschee zu zerstören.

Der palästinensische Journalist Khaled Abu Toameh berichtete in der israelischen Zeitung Jerusalem Post, vermutlich hätte der Ableger der Fatah-Organisation im Gazastreifen das Flugblatt verfasst, ohne die Fatah im Westjordanland zu konsultieren. „Wir rufen unser Volk auf, sich am Freitag an dem Intifada-Volksaufstand zu Ehren des Blutes der Märtyrer zu beteiligen, um unser Land und die Al-Aqsa Moschee zu verteidigen“, heißt es wörtlich in dem von der Zeitung „Palästina Jetzt“ auch im Internet veröffentlichten Flugblatt.

Toameh zitiert Ahmed Assaf, Fatah-Sprecher in der Westbank. Der drohte Israel mit einem Zusammenbruch der Friedensgespräche wegen dem „fortgesetzten Eindringen von Siedlern und jüdischen Extremisten in die Al-Aqsa“. So werden meist harmlose israelische Besucher und ausländische Touristen bezeichnet, die den Tempelberg besuchen und immer häufiger mit Steinwürfen junger Moslems empfangen werden. Eine Fortsetzung dieser Besuche könnte die ganze Region in „Extremismus und Gewalt“ stürzen.

„Ungläubige“ (Nicht-Moslems) dürfen den Tempelberg erst seit 1967 betreten, nachdem Israel Ostjerusalem erobert hatte. Seit Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 wird Touristen der Zugang zu den beiden Moscheen verweigert.

(C) Ulrich W. Sahm