Veränderungen in der amerikanisch-jüdischen Identität

Manfred Gerstenfeld interviewt Steven M. Cohen (direkt vom Autor)

„Jüdische Identität“ sollte als soziale Identität gesehen werden. Sie bezieht sich auf Überzeugungen, Einstellungen und Zugehörigkeit, aber auch darauf, wie Juden handeln, sich verhalten und miteinander interagieren. Judentum und Jüdisch sein legen die Hauptbetonung auf Interaktion mit anderen Juden und Mitwirkung in Gemeinde und Gesellschaft.

Für das Verständnis dafür, wie die Identität der Juden sich verändert hat, ist der enorme Wandel bei der Integration der Juden in die amerikanische Gesellschaft als Ganzes entscheidend wichtig. Verglichen mit der Zeit vor gerade einmal fünfzig Jahren haben die heutigen Juden deutlich weniger jüdische Ehepartner, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Es überrascht nicht, dass sie sich sowohl dem jüdischen Volk wie auch Israel weniger verbunden fühlen.

steve cohenSteven M. Cohen ist Research Professor of Jewish Social Policy am Hebrew Union College – Jewish Institute of Religion und Direktor des Berman Jewish Policy Archive an der NYU Wagner. 1992 kam er nach Israel und lehrte 14 Jahre lang an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Eines seiner Bücher ist The Jew Within: Self, Family and Community in America (Das Innere des Juden: Das Ich, die Familie und die Gemeinschaft in Amerika), das er zusammen mit Arnold Eisen schrieb.1

Diese zunehmende Integration spiegelt mehrere positive Entwicklungen wie geringeren Antisemitismus, zunehmenden jüdischen Erfolg und größere Akzeptanz von Juden durch Nichtjuden. Nicht nur haben die meisten jungen amerikanischen Juden Beziehungen zu Nichtjuden, sondern Hunderttausende Nichtjuden lieben Juden. Das ist heute eine sehr alltägliche Situation, kam aber vor nur ein paar Jahrzehnten recht selten vor. Gleichzeitig hat diese Integration mehrere nachteilige Folgen für das Judentum und das Jude sein.

Die andere wichtige Entwicklung besteht darin, dass Juden sich weit stärker bereit fühlen zu bestimmen, ob, wann, wo und wie sie ihre jüdische Identität zum Ausdruck bringen wollen. Das ist eine Verschiebung von normativen Interpretationen des Jüdisch seins hin zu einem ästhetischen Verständnis. Ein normativer Ansatz argumentiert, dass jüdisches Engagement gut und richtig ist und dass gewisse Wege jüdisch zu sein besser als andere sind. Ein ästhetischer Ansatz betrachtet jüdisch zu sein als eine Frage von Schönheit und Kultur. Es ist eine Quelle des Sinngehalts geworden statt eines ethischen oder moralischen Imperativs.

In den 1960-er Jahren gab es noch einen Konsens, dass jüdisch zu sein eine Frage der Pflicht ist. Solche Normen können von Gott abgeleitet sein, von den Eltern, Nostalgie, Tradition, jüdischem Gesetz und/oder der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Man konnte sie verletzen, aber man fühlte sich deswegen schuldig. Heute betrachten weniger Menschen jüdisch zu sein als eine Frage von Normen und Verpflichtungen.2

Die Kombination dieser beiden Verschiebungen durch zunehmende Integration in die amerikanische Gesellschaft einerseits und der abnehmende Schwerpunkt des Judentums als normativem System andererseits hat sowohl zu beträchtlichen Veränderungen als auch zunehmender Vielfältigkeit darin geführt, was es bedeutet Jude in Amerika zu sein, wie es von der amerikanischen jüdischen Öffentlichkeit definiert und erlebt wird.

Die konfessionellen Hauptbezeichnungen, mit denen amerikanische Juden ihre Art jüdisch zu sein definieren, bleiben „orthodox“, „konservativ“ und „reformiert“. Es gibt auch weitere Möglichkeiten – so den Rekonstruktivismus und die Jüdische Erneuerung und die wachsende nicht konfessionellen und post-konfessionellen Tendenzen. Es gibt aber auch viele weitere Wege außerhalb des konfessionellen Lebens, mit denen sich amerikanische Juden „jüdisch engagieren“. Viele leben weiter in jüdischen Vierteln wie der Upper West Side in New York, Squirrel Hill (Pittsburgh) und Silver Spring (Maryland). Juden in Gebieten mit stärkerer (jüdischer) Einwohnerdichte haben nicht nur mehr jüdische Nachbarn; sie vermelden auch mehr jüdische Ehepartner, mehr jüdische Freunde und mehr jüdische institutionelle Verbindungen als die in weniger stark jüdischer Umgebung. Juden in älteren Siedlungsgebieten behalten oft einen ethnischen Stil bei; viele bekunden ihr Jüdisch sein durch innenpolitische Anliegen oder in Bezug auf Israel.

An anderer Stelle leistet die Jewish Community Center-Bewegung einen wichtigen Beitrag zu Gemeinschaftsbildung und informeller jüdischer Bildung. Darüber hinaus haben amerikanische Juden ein reichhaltiges kulturelles Leben verschiedenster Art in Musik, Kunst, Literatur, Wissenschaft, Journalismus, Tanz und Museen. Es gibt im Internet Hunderte Millionen Seiten zu jüdischen Themen. Offenkundig gab es vor fünfzehn Jahren keine. Es gibt außerdem eine dokumentierte Zunahme jüdischer Beteiligung an Aktivismus für soziale Gerechtigkeit. Damit gibt es viel jüdisches Leben, das von Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern außerhalb des traditionellen Netzwerks gelebt wird. Die Frage ist: Wie schnell wird die amerikanische jüdische Gemeinschaft den Wert der Bestrebungen jüngerer Menschen außerhalb der traditionellen institutionellen Systeme anerkennen und sie unterstützen?

Das Ausmaß der Mischehen und Freundschaften auch außerhalb der Gruppe ist wirklich bedeutsam. Rund zwei Drittel der älteren amerikanischen Juden haben vorwiegend jüdische Freunde. Im Gegensatz dazu haben zwei Drittel der Generation der unter Dreißigjährigen vorwiegend nicht jüdische Freunde. Eine wichtige demografische Verschiebung, die stattgefunden hat, ist die enorme Ausweitung des Single-Daseins unter nicht orthodoxen jungen Erwachsenen.

Cohen schließt: Die Unvermeidbarkeit des rapiden Wandels in der Identität vom Kollektiven zum Persönlichen und von Normen zu Ästhetik macht, zusammen mit der Diversität der amerikanischen Juden, die Aufgabe zwischen jüdischen Aufträgen und Forderungen an die jüdischen Öffentlichkeit Brücken zu schlagen zu einer ständigen und nie endenden Herausforderung.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews, das in Manfred Gerstenfelds und Steven Baymes „American Jewry’s Comfort Level. Presend and Future“ erschien (2010). Das Buch steht kostenlos zum Download zur Verfügung.

1 Steven M. Cohen/Arnold Eisen: The Jew Within: Self, Family and Community in America. Bloomington (Indiana University Press), 2000.
2 Charles S. Liebman: Deceptive Images: Toward a Redefinition of American Judaism. New Brunswick, NJ (Transaction Books), 1988.