Sie hadern immer noch mit Balfour

Dore Gold, Israel Hayom, 25. Oktober 2013

Letztes Jahr, zum 95. Jahrestag der Balfour-Erklärung, schrieb der ehemalige palästinensische Premierminister Nabil Shaath einen Artikel im Daily Telegraph, mit dem er Großbritannien wegen der Ausfertigung der berühmten Erklärung zur Unterstützung der Gründung von Eretz Yisrael als nationaler Heimstatt für das jüdische Volk angriff. Shaath nannte die Balfour-Erklärung, ausgegeben vom britischen Außenminister Arthur James Balfour am 2. November 1917, den Anfang des „britischen Imperialismus“ in Palästina.

Im Kern dessen, was er Britanniens „Sünden in Palästina“ nannte, befand sich das Versprechen dieses Territoriums an das jüdische Volk, das – in den Worten Shaaths – „nicht einmal hier lebte“. Für ihn gab es in Palästina keine anzuerkennende jüdische Geschichte, sondern nur „koloniale Verschwörungen“ gegen die dort lebenden Araber. Der Aufstieg der jüdischen nationalen Heimstatt war, kurz gesagt, das Produkt externer Manipulationen durch äußere Mächte wie Großbritannien und nicht das Ergebnis eines authentischen Sehnens der Juden selbst. Da uns der Jahrestag der Erklärung bevor steht, ist es wichtig zu verstehen, wie Balfours Handeln immer noch Palästinenserführer verwirrt, die bereit sind seine Bedeutung zu verfälschen.

Was Shaat und andere Palästinensersprecher an der Balfour-Erklärung so anstößig finden war: Sie stellte den ersten Schritt in einer langen Anstrengung dar, dass die internationale Gemeinschaft die historischen Rechte des jüdischen Volks auf seine Heimat anerkannte. Für diese Anerkennung war ein harter diplomatischer Kampf der Leiter der zionistischen Bewegung während des Ersten Weltkriegs und in den auf ihn folgenden Jahren nötig.

Großbritannien war nicht der einzige beteiligte Staat. Am 4. Juni 1917 z.B. erhielten sie einen Brief des französischen Außenministers Jules Cambon; dieser schrieb: „… Es wäre Tat der Gerechtigkeit und der Wiedergutmachung, mit dem Schutz der alliierten Mächte bei der Wiedergeburt der jüdischen Nationalität in diesem Land zu helfen, aus dem das Volk Israel vor so vielen Jahrhunderten vertrieben wurde.“

Es stellte sich heraus, dass es weit schwieriger war im damaligen britischen Kabinett solche starke Formulierungen zu gewinnen. Was die Balfour-Erklärung wurde, durchlief während des Sommers und Herbstes 1917 eine Reihe von Entwürfen. Die ursprüngliche Formulierung der Erklärung, die vom britischen Außenministerium und Premierminister Lloyd George am 19. September 1917 gebilligt wurde, erklärte ausdrücklich das Prinzip, dass „Palästina als nationale Heimstatt des jüdischen Volkes wiederhergestellt werden sollte“.

Der Gebrauch des Begriffs „wiederherstellen“ bedeutete, dass das Land einst ihre Heimat war und ihnen jetzt wieder gegeben werden sollte. Es bedeutete, dass die Juden historische Rechte hatten. Aus diesem Grund war dieser Sprachgebrauch von der zionistischen Führung unter Chaim Weizmann und Nahum Sokolow angestrebt worden, die wollten, dass darauf hingewiesen wrid, dass das jüdischen Volk eine historische Verbindung zu seinem Land hatte. Dieser ursprünglichen Formulierung hatte auch Präsident Woodrow Wilson zugestimmt, dem der Text vorab vorgelegt worden war.

Es war kein wirklich abwegiges Ziel die formelle Anerkennung jüdischer historischer Rechte anzustreben. Ein wenig mehr als zwei Jahrzehnte zuvor erhielt Reverend William Blackstone, ein protestantischer Geistlicher aus Chicago mit guten Beziehungen, breite Rückendeckung für eine Petition für eine jüdische Heimat, die vom vorsitzenden Richter des Obersten Gerichtshofs, dem Präsidenten des Repräsentantenhauses, Universitätspräsidenten und den Herausgebern der New York Times und der Washington Post unterschrieben war. Top-Industrielle wie John D. Rockefeller und J.P Morgan gaben ebenfalls ihre Unterstützung. Kurz gesagt: Die Vorstellung, dass das jüdische Volk sein Land wieder gründete, war in den Eliten des amerikanischen Establishments akzeptabel geworden.

Blackstones Petition beschrieb die Verbindung des jüdischen Volks zu Eretz Israel besonders als „ein unveräußerliches Eigentum, von dem sie gewaltsam vertrieben wurden“. Mit anderen Worten: Das jüdische Volk hatte seinen Anspruch auf sein Land nicht freiwillig aufgegeben. In der Tat gab es keine Rechtshandlung, mit der sie das Eigentumsrecht an die Römer oder ihre Nachfolger abtraten; Fakt ist: Seit der Bar-Kochba-Revolte im Jahr 135 unserer Zeitrechnung bis zur muslimischen Eroberung gab es jüdische Widerstandsbewegungen, die versuchten Jerusalem zurückzugewinnen; danach folgte ein ständiger Strom jüdischer Immigranten.

Blackstone mag all das nicht gewusst haben, aber er berührte kurz die Vorstellung, dass es historische Rechte des jüdischen Volks gab, die er damals anerkannte, als er nach Unterzeichnern für seine Petition suchte. Die Petition wurde Präsident Benjamin Harrison 1891 vorgelegt und 1917 in anderer Form Präsident Wilson; das Ziel war, dessen Haltung zur Balfour-Erklärung zu beeinflussen.

Trotz der steigenden Popularität der Idee im Westen gab es Briten, die dagegen waren irgendeine Verpflichtung für eine jüdische nationale Heimstatt einzugehen. Diese Gruppe wollte die Sprache dessen, was die Balfour-Erklärung werden sollte, verwässern. Ironischerweise führte Edwin Montagu, Außenminister für Indien und das einzige jüdische Mitglied des britischen Kabinetts, den internen Kampf gegen das, was Balfour machte.

Montagu fürchtete, jüdische Rechte in Eretz Israel anzuerkennen würde zu einer Ablehnung jüdischer Rechte in Großbritannien oder sonst irgendwo in der Diaspora zu leben. Er war ideologisch der jüdischen Assimilation verpflichtet. Unter seinem Einfluss wurde jede Bezugnahme zur „Wiederherstellung“ ihrer Heimat fallen gelassen. Er verkündete damals: „Ich behaupte, dass es keine jüdische Nation gibt.“ Er bestand darüber hinaus auf: „Ich streite ab, dass Palästina heute eine Verbindung zu den Juden hat.“ Montagu konnte die Balfour-Erklärung nicht aufhalten, also versuchte er ihren Inhalt zu schwächen. Es überrascht nicht, dass Shaath Montgau zum  Helden einer Analyse macht.

Auf jeden Fall war die Balfour-Erklärung vom Grundsatz her eine Erklärung britischer Politik; sie begründete keine juristischen Rechte. Das geschah erst 1920 mit dem Treffen der alliierten Siegermächte in San Remo (Italien), auf der sie die Balfour-Erklärung in einer internationalen Vereinbarung übernahmen. Dann bestätigten die Mitglieder des Völkerbundes das Dokument für das Mandat Palästina.

Das Mandatsdokument stellte wichtige Elemente wieder her, die als Folge der Debatte im englischen Kabinett aus der Balfour-Eklärung herausgenommen wurden, den es erklärte: „… Anerkennung wird hiermit der historischen Verbindung des jüdischen Volks mit Palästina und den Gründen für die Wiederherstellung ihrer nationalen Heimstatt in diesem Land gegeben.“ Die britische Regierung gab 1922 ein Weißbuch aus, das diesen Punkt weiter klar stellte: Es besagte, dass die jüdische nationale Heimstatt „formell als auf der uralten historischen Verbindung beruhend anerkannt werden sollte“.

Nabil Shaath wollte seine britischen Leser letztes Jahr Glauben machen, der Prozess, der mit der Balfour-Erklärung 1917 begann und mit dem britischen Mandat 1922 endete, schuf den jüdischen Anspruch auf eine Heimat. Für ihn war die jüdische Heimat vollständig von den britischen imperialen Interessen erfunden und hatte keine historischen Wurzeln. Kurz gesagt: Es war ein illegitimer Anspruch.

Das ist aber eine Verzerrung dessen, was geschah, denn beteiligt war die Anerkennung durch die Briten, dass es ein vorher existierendes Recht gab. Darüber hinaus wurde diese britische Anerkennung von der internationalen Gemeinschaft 1922, durch den Völkerbund, vollständig anerkannt. Schließlich muss hinzugefügt werden, dass diese Rechte nicht ausgesetzt wurden, als der Völkerbund aufgelöst wurde, sondern an die Vereinten Nationen übergeben wurden, die den Völkerbund ersetzten.

Zusammengefasst: Shaat weigert sich den steten Aufbau der jüdischen nationalen Heimstatt über Jahrhunderte hinweg anzuerkennen; die ottomanische Volkszählung zeigte im 16. Jahrhundert eine jüdische Mehrheit in Safed. Berichte europäischer Konsulate aus dem 19. Jahrhundert zeigen, dass dieJuden in den 1860-er Jahren ihre Mehrheit in Jerusalem wiederherstellten – Jahrzehnte bevor die britischen Armeen den Nahen Osten eroberten. Die Balfour-Erklärung spiegelte einen historischen Trend, der bereits im Gang war, aber er startete nicht die jüdische Rückkehr nach Eretz Israel. Diese Rückkehr war das Ergebnis des nationalen Willens eines Volkes, das anzuerkennen Shaat und seine Kollegen sich immer noch weigern, womit sie den Konflikt mit Israel bis heute fortbestehen lassen.

3 Gedanken zu “Sie hadern immer noch mit Balfour

  1. Vielen, vielen Dank für diese aufschlussreiche Information zum Thema: „Balfour-Erklärung“.
    Ich hatte kürzlich bei einem Treffen mit Freunden in Stuttgart (Gedenkstätten-Arbeit ) ein Gespräch zu diesem Thema mit dem Ergebnis in dem mir erklärt wurde, dass die „Balfour-Erklärung“ das Schlimmste an Landraub war, der gegen die Palästinenser“, die es in der Form wie heute damals überhaupt nicht gab, vorgenommen wurde!
    Ich selbst habe mich mit der Geschichte ausgiebig beschäftigt – keines meiner Argumente fand auch nur geringste Zustimmung!

  2. […] Was Shaat und andere Palästinensersprecher an der Balfour-Erklärung so anstößig finden war: Sie stellte den ersten Schritt in einer langen Anstrengung dar, dass die internationale Gemeinschaft die historischen Rechte des jüdischen Volks auf seine Heimat anerkannte. Für diese Anerkennung war ein harter diplomatischer Kampf der Leiter der zionistischen Bewegung während des Ersten Weltkriegs und in den auf ihn folgenden Jahren nötig. –  Link zum gesamten, außerordentlich guten  und wichtigen Artikel: Sie hadern immer noch mit Balfour […]

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