Der November ist der grausamste Monat

Juden wurden schon vor Israels Gründung angegriffen*

Lyn Julius, Jerusalem Post blogs, 24. November 2013

Die verbrannten und beschädigten Überreste der Großen Synagoge in Aleppo (Syrien), einer von 18 Synagogen, die Angreifer Ende 1947 attackierten, was die Hälfte der jüdischen Gemeinde zur Flucht veranlasste. Es ist nicht bekannt, ob die Stätte im syrischen Bürgerkrieg weiter beschädigt wurde.
Die verbrannten und beschädigten Überreste der Großen Synagoge in Aleppo (Syrien), einer von 18 Synagogen, die Angreifer Ende 1947 attackierten, was die Hälfte der jüdischen Gemeinde zur Flucht veranlasste. Es ist nicht bekannt, ob die Stätte im syrischen Bürgerkrieg weiter beschädigt wurde.

Um es mit TS Eliot zu sagen: Der November ist für jüdische Bürger arabischer Staaten immer ein schlechter Monat gewesen – und das traf nie mehr zu als in den 1940-er Jahren.

Drei populäre Mythen umgeben die 870.000 Juden, die die arabischen Länder verließen. Die erste ist, sie seien aus freien Stücken dort weggegangen. Zweitens: Wenn sie als Flüchtlinge flohen, dann weil die arabischen Staaten spontan auf ihre jüdischen Bürger losgingen wie ein Bulle auf ein rotes Tuch (und wer könnte ihnen das übel nehmen?). Drittens: Die arabischen Staaten nahmen wegen des Leids de raus Palästina vertriebenen Arabern Rache an ihren Juden.

Mit dieser Lesart der Geschichte stimmt mehreres nicht. Erstens teilten die Juden den Druck mit anderen nicht muslimischen und ethnischen Minderheiten. Zweitens drohten die arabischen Führer ihren eigenen jüdischen Bürgern und entwickelten einen koordinierten Plan sie zu verfolgen, noch bevor der UNO-Teilungsplan verabschiedet wurde. Drittens gingen dem Kriegsausbruch in Palästina und der daraus folgenden Flucht mehrerer Hunderttausend Araber gewalttätige Krawalle gegen wehrlose Juden in arabischen Ländern voraus.

Es ist diese Woche 66 Jahre her, dass das Politische Komitee der UNO-Vollversammlung sich hinsetzte, um die vorgeschlagene Teilung Palästinas zu diskutieren. Der ägyptische Delegierte Heykal Pascha sagte Folgendes:

„Die Vereinten Nationen … sollten die Tatsache nicht aus dem Blick verlieren, dass die vorgeschlagene Lösung eine Million in den muslimischen Ländern lebende Juden gefährden könnte. Die Teilung Palästinas könnte in diesen Ländern Antisemitismus schaffen, der sogar noch schwieriger auszurotten wäre als der Antisemitismus, den die Alliierten in Deutschland auszulöschen versuchten… Wenn ein jüdischer Staat gegründet wird, könnte niemand Störungen verhindern. Aufruhr würde in Palästina ausbrechen, würde sich über alle arabischen Staaten ausbreiten und könnte zu einem Krieg zwischen zwei Rassen führen.“

Tatsächlich breitete sich dann auch eine Welle der Gewalt in Ägypten aus, nachdem am 29. November 1947 für die Teilung gestimmt wurde. Demonstrationen wurden für den 2. bis 5. Dezember angesetzt. Nur weil die Polizei einen Mob daran hinderte das jüdische Viertel in Kairo anzugreifen, wurde Leben verschont.

In Bahrain begannen Menschenmengen am 5. Dezember jüdische Häuser und Geschäfte zu plündern und zerstörten die Synagoge. Zwei betagte Frauen wurden getötet.

In Aleppo (Syrien) wurde die jüdische Gemeinde von einem Mob verheert, den die Muslimbruderschaft anführte. Mindestens 150 Häuser, 50 Geschäfte, alle 18 Synagogen, fünf Schulen, ein Waisenhaus und ein Jugendclub wurden zerstört. Viele Menschen wurden getötet, die genaue Zahl ist aber nicht bekannt. Mehr als die Hälfte der 10.000 Juden der Stadt flohen in die Türkei, den Libanon und nach Palästina.

In Aden konnte die Polizei die Randale nicht eindämmen. Als die Ordnung am 4. Dezember wieder hergestellt war, waren 82 Juden getötet worden. Von 170 Geschäften in jüdischem Besitz waren 106 zerstört. Zu den niedergebrannten jüdischen Institutionen gehörten die Synagoge und zwei Schulen.

Arabische Staatsmänner drohten ihren jüdischen Bürgern sechs Monate bevor Ben Gurion den Staat Israel ausrief.

Besorgniserregender war, dass Juden schon Jahre früher Ziel von Gewalt waren. Im Irak wurden 179 Juden in einem Pogrom nach Naziart, dem Farhud, getötet – sieben Jahre bevor Israel gegründet wurde.

Im November 1945, zwei Jahre vor der Ausrufung Israels und vor der Abstimmung der UNO über den Teilungsplan, brach in mehreren arabischen Ländern zum Jahrestag der Balfour-Erklärung eine Serie antijüdischer Krawalle aus.

In Ägypten wurde von der Muslim-Bruderschaft, Misr al-Fatat und der Vereinigung junger muslimischer Männer zu antizionistischen Demonstrationen aufgerufen. Am Balfour-Tag (2. November) fanden in Kairo, Alexandria und anderen Städten Massendemonstrationen statt. Jüdische Geschäfte in Kairo und im jüdischen Viertel wurden ausgeraubt und die aschkenasische Synagoge geplündert. Die Unruhen liefen in Anti-Dhimmi-Gewalt über, bei der koptische, griechisch-orthodoxe und katholische Institutionen ebenfalls attackiert wurden. Von 500 ausgeraubten Geschäften gehörten 109 Juden. Erstaunlicherweise wurde in Kairo nur ein Polizist getötet. Unter den sechs Getöteten in Alexandria waren fünf Juden.

Weit schlimmer war das Pogrom in Libyen, das am 4. November in Tripoli begann, als Tausende sich im jüdischen Viertel und Basar austobten. Jüdische Häuser und Geschäfte waren vorher für die Angriffe markiert worden. Die Gewalt breitete sich in andere Städte aus. Im Verlauf von drei Tagen Randale sah die Polizei zu und britische wie amerikanische Soldaten in den Vororten warteten drei Tage lang, bis sie eine Ausgangssperre verhängten. Bis dahin waren 130 Juden tot, darunter 36 Kinder. Frauen wurden vergewaltigt, rund 4.000 Juden waren obdachlos und neun Synagogen zerstört.

In Syrien brach ein Mob in die große Synagoge in Aleppo ein und verprügelten zwei ältere Männer. Im Irak vermied die Regierung eine Wiederholung der Farhud von 1941 mit einem Verbot öffentlicher Demonstrationen.

Doch im November 1947 waren die schaurigen Drohungen arabischer Offizieller nichts andres als staatlich sanktionierte Aufwiegelung.

Die Palestine Post brachte am 11. Dezember 1947 ein Editorial mit der Überschrift „Unwilling Hostages“ (Widerwillige Geiseln). Darin wurde ein Editorial des Manchester Guardian vom Vortag mit der Überschrift „Hostages“ (Geiseln) zitiert. Darin wurden aufhetzerische Äußerungen arabischer Führer beklagt, die als Drohungen gegen die jüdischen Minderheiten interpretiert werden konnten. Sowohl in Syrien wie im Irak „sind die Juden unter Druck gesetzt worden den Zionismus zu verurteilen und die arabische Sache zu unterstützen. Man kann sich nur wunden, welche Drohungen geäußert wurden, um das herbeizuführen.“

Die Krawalle der vorhergehenden Woche waren von arabischen Regierungen der „Wut der Menschen“ zugeschrieben worden. Das Editorial warf vor, dass „die betreffenden Regierungen, wenn sie sie nicht auslösten oder zu ihnen anstachelten, wohlwollend zusahen“.

Die Mitglieder der Arabische Liga billigten oder veranlassten nicht nur die Gewalt gegen ihre jüdischen Minderheiten, sondern entwarfen auch einen Plan ihre jüdischen Bürger „als die jüdische Minderheit Palästina“ zu schikanieren. Die Palestine Post vom 22. Dezember 1947 brachte einen Bericht über brutale Maßnahmen, die die Arabische Liga gegen die Juden in arabischen Ländern überlegte. Ihnen würde erst ihre Staatsbürgerschaft genommen, ihr Grundeigentum würde beschlagnahmt werden, ihre Bankkonten eingefroren und sie würden als feindliche Ausländer behandelt werden.  „Es gibt zwar keine Nachrichten über die Annahme dieser Resolution durch die Arabische Liga, aber es ist bedeutsam und tragisch, dass ein solches Dokument überhaupt formuliert worden ist“, klagte das Editorial. „Es ist für sie leicht den Schläger zugeben und ein Schwert über dem Haupt Hunderttausender Juden hängen zu lassen, die ihrer Gnade ausgeliefert sind.“

Die libanesische Regierung gab Ausweisungsanweisungen gegen palästinensische Juden im Libanon aus.

Obwohl sie nicht beschlossen wurde, wurden Teile des Resolutionsentwurfs der Arabischen Liga von einzelnen arabischen Regierungen übernommen. Der Menschenrechtsanwalt und ehemalige kanadische Justizminister Irwin Cotler hat sie „nürnbergartige Maßnahmen“ genannt. Juden konnten wegen des Verbrechens des Zionismus verhaftet und gelegentlich hingerichtet werden, dochd ie Grenzen zwischen Judentum und Zionismus waren immer verschwommen.

Bis zu dem Zeitpunkt, als Israel am 15. Mai 1948 gegründet wurde, waren die jüdischen Gemeinden in arabischen Ländern in ihren Grundfesten erschüttert worden. Wie Norman Stillman schreibt, trug die Palästinafrage ein enorm dazu bei, aber sie war nicht das einzige – sie war eher ein Katalysator. Arabischer und islamischer Nationalismus konnten keinen Raum finden für ethnische und religiöse Gruppen, die von der Norm abwichen und die Juden fanden sich von der Gesellschaft im Allgemeinen entfremdet wieder.

* Es handelt sich um eine etwas erweiterte Version dieses Textes.

Ein Gedanke zu “Der November ist der grausamste Monat

  1. Wenn es um Mord und Todschlag an den Juden geht, dann kann man quer durch die Geschichte der muslimischen Länder so etwas ständig sehen. Die Gründung Israels war da nur eine billige Aisrede. Kleines Beispiel gefällig? Bitte sehr: 1653 werden, von Alexandria ausgehend 34 jüdische Gemeinden in Ägypten und Palästina überfallen, Synagogen zerstört, jüdische Kinder entführt und zangskonvertiert, Mädchen und Frauen geschändet …. Gleiches passiert 1679 im heutigen Tunesien (15 Gemeinden) 1732 in Marokko (26 Gemeinde, einige gleich zwei Mal) und so weiter und so fort.
    Ich habe es erst im letzten Jahr für eine Ringvorlesung recherchiert – von wegen islamische Toleranz… (Übrigens auch im omajadischen Spanien, das hier ja immer als das „goldene Zeitalter“ zwischen Christen, Juden und Muslime gilt) gab es durchaus Pogrome gegen die Juden).
    Lesenswert zu diesem Thema: Martin Gilbert: In Ishmaels House. (engl.)

    Chanukka sameach

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