Ein offener Brief an William Hague von Tante Mindy

Daniel Rose, The Times of Israel blogs, 19. November 2013

Britischer Jude zu sein ist ein echter Spaß. Wir sind eine lautstarke, stolze und leidenschaftliche Truppe. In der Tat sind wir so laut, dass wir nicht zu hören scheinen, wenn uns gesagt wird, dass wir im Kontext des jüdischen Volks eine winzige Truppe aus der tiefsten Provinz sind, da dieses Volk – seien wir ehrlich – eigentlich nur in Israel und den USA zu finden ist. Wir lieben unsere britische Kultur, unseren Tee, unseren Fußball und Cricket und sogar unsere Queen. Doch wir vertrauen niemals unserer Regierung und wir sind uns unseres Platzes in der britischen Gesellschaft nie sicher.

Im Verlauf vieler Jahre der Erfahrung als Lehrender von Schülern aus den USA und Großbritannien, nach ihrem Schulabschluss ein Jahr in Israel verbringen, nach der Diskussion und erforschen von Identitätsfragen, habe ich wieder und wieder die Spannung gesehen, die die Lösung der Scherzfrage „Bin ich ein amerikanischer Jude oder ein jüdischer Amerikaner?“ für junge amerikanische Juden beinhaltet. Diese Spannung gibt es für die Parallelfrage „Bin ich ein britischer Jude oder ein jüdischer Brite?“ weitgehend nicht. Weil ich glaube, dass wir instinktiv begreifen, dass unsere Kernidentität jüdisch ist. Und ich glaube, das liegt daran, dass amerikanische Juden sich als Partner in der laufenden Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft fühlen, britische Juden aber nicht.

Nehmen Sie zum Beispiel meine Eltern. Leute, von denen ich glaube, dass sie nie Aliyah machen werden. Sie werden aber offen zugeben, dass sie sich in Britannien nie wirklich Zuhause fühlten und kein Problem damit haben zuzugeben, dass ihre nationale Loyalität eher bei Israel als bei Großbritannien liegt. Keine Überraschung, dass ihre Kinder dann beide Aliyah machten!

Wenn also der britische Außenminister William Hague sich Präsident Obama und er US-Außenpolitik anschließt und erklärt, dass Großbritannien auf Israels Seite steht, was das Recht seine Bürger vor der Bedrohung durch die Hamas verteidigt, sind wir alle irgendwie angenehm überrascht. Und dann, wenn er nahtlos dazu übergeht Israel mit der Hamas gleichzusetzen, wenn er beide Seiten dazu aufruft zu deeskalieren und ihr Äußerstes für den Schutz zivilen Lebens zu geben, zuckt niemand von uns auch nur überrascht mit den Wimpern.

Aber dann entschied sich Mr. Hague Israels, Regierung den Köder des Mitgefühls der internationalen Gemeinschaft anzubieten – ein Versuch sie von davon abzubringen mit Bodentruppen in den Gazastreifen zu gehen. Dieselbe internationale Sympathie war 1945 derart offenbar, dass Herrn Hagues Vorgänger, der berüchtigte Ernest Bevin, sich entschied dieses Mitgefühl zugunsten des MacDonald-Weißbuchs von 1939 aufrecht zu erhalten und die in Heimatlosen-Lagern in Europa vor sich hinrottenden 200.000 Überlebend davon abzuhalten in ihre Heimat zu kommen. Was für eine Chutzpe, Mr. Hague.

Aber jetzt haben Sie Tante Mindy (eine Tante meiner Frau) aufgebracht, eine Dame, mit der man es sich nicht verscherzen darf!

Sehen Sie, was die Juden vielleicht von den Briten unterscheidet, ist ein immer vorhandenes Bewusstsein der Geschichte und geschichtlichen Kontextes. Die Briten scheinen bereit und willens zu sein das zu aufzugeben und sich auf den verzerrten Kontext der sehr jungen Vergangenheit zu konzentrieren. Wir sehen das immer wieder an der Art, wie die BBC aus dieser Region berichtet und an den politischen Statements und der Politik der britischen Regierung. Doch wir Juden, wir können die Geschichte nicht ignorieren … und werden es nicht. Wir nehmen historischen Kontext mit der Muttermilch auf. Von einer Generation zur nächsten weitergegeben, von Eltern an die Kinder – auch von Tante Mindy.

Bitte nehmen sie sich einen Moment Zeit, Mr. Hague, und lesen Sie, was unsere Tante Mindy von Ihren jüngsten Äußerungen hält. Denn so sehen wir es alle.

Sehr geehrter Mr. Hague,

Sie haben erklärt, wenn Israel versucht seine Bevölkerung durch eine Bodenoffensive im Gazastreifen zu verteidigen, dann „riskiert es das Mitgefühl der internationalen Gemeinschaft zu verlieren“.

Lassen Sie mich Ihnen etwas zum Mitgefühl der internationalen Gemeinschaft sagen, Mr. Hague. Mein Vater wurde 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit; er hatte seine gesamte Familie verloren, damals aber das Mitgefühl der internationalen Gemeinschaft gewonnen. Nachdem 6 Millionen Juden durch die Hände des Nazi-Regimes vernichtet worden waren, hatte die internationale Gemeinschaft jede Menge Mitgefühl für das jüdische Volk. Es gibt immer jede Menge Mitgefühl für Opfer.

Israel braucht das Mitgefühl der internationalen Gemeinschaft nicht.

Es muss seine Bürger verteidigen.

Als es als winziges Land 1948 unabhängig wurde, musste es 800.000 Juden aufnehmen, die aus den arabischen Ländern des Nahen/Mittleren Ostens geworfen wurden; das machte es ohne Aufhebens und mit Würde, gab ihnen Unterkunft und einen sicheren Ort, an dem ihre Kinder aufwachsen konnten, um produktive Bürger zu werden.

Als Jordanien, Ägypten, der Libanon und Syrien 1948 und erneut 1967 versuchten Israel zu vernichten, nahmen sie Hunderttausende palästinensischer Araber auf, aber gaben sie ihnen Würde und Unterkunft? Nein, sie ließen sie in Flüchtlingslager verrotten, um ein Symbol der Klage gegen Israel beizubehalten und sie als politisches Werkzeug gegen den jüdischen Staat zu benutzen. Aus diesen Lagern ist eine komplizierte Lage entstanden, aber das ist das, was zum heutigen Gaza führte.

Belehren Sie mich als nicht über das internationale Mitgefühl, Mr. Hague. Nicht, wenn Israel mit der ihm größtmöglichen militärischen Präzision nur auf Terroristen und ihre Basen schießt und sein Möglichstes gibt zivile Opfer zu verhindern.

Belehren Sie Israel nicht zu internationalem Mitgefühl, Mr. Hague. Nicht, wenn die palästinensischen Medien bewusst Bilder von Opfern des syrischen Bürgerkriegs benutzen und als Opfer in Gaza präsentieren, um internationales Mitgefühl zu gewinnen.

Gehen Sie und lesen Sie Geschichtsbücher, Mr. Hague, sehen Sie, dass seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts alles, was die Araber tun wollten, Israel zu vernichten war. Sehen Sie sich das Land Israel an, seit die Juden dort einen Staat aufgebaut haben. Lesen Sie, welche Fortschritte in Wissenschaft, Medizin, Biotechnologie, Landwirtschaft und High Tech Israel entwickelt hat und wie es dieses Wissen dem Versuch gewidmet hat die Welt einen besseren Ort für die Menschheit zu machen. Können Sie sich irgendein anderes Land vorstellen, dass 60 Jahre kontinuierlich angegriffen wurde und trotzdem so viel erreicht hat?

Also, Mr. Hauge, belehren Sie Israel nicht über internationales Mitgefühl. Israel wird tun, was immer nötig ist, um sich gegen klare Angriffe auf seine Bürger zu verteidigen, ob diese nun von der Hamas, der Hisbollah, dem Iran oder sonst einem Land oder einer Terrorgruppe kommen.

Und wenn es dabei das Mitgefühl der internationalen Gemeinschaft verliert, dann bitte, einverstanden. Wir brauchen das Mitgefühl der internationalen Gemeinschaft nicht. Wir brauchen keine weiteren 6 Millionen Opfer.

Hochachtungsvoll

Mindy Wiesenberg