Sehr, sehr problematisch

übernommen mit Erlaubnis von Letters from Rungholt (Lila, 30.12.2013):

Bald ist eine weitere “vertrauensbildende Maßnahme” dran – wieder mal muß Israel den Palästinensern was beweisen, als ob Dinge wie Nothilfe bei der Flut, medizinische Behandlung und Zusammenarbeit in vielen Fragen nicht reichten. Nein, Israel muß wieder einen Vorschuß leisten und Häftlinge befreien.

Ich weiß nicht, ob deutschen Zeitungslesern klar ist, was das für Menschen sind, die da freikommen. Es sind keinesweges edle Freiheitskämpfer, allzu ehrliche Idealisten oder sonstige Gewissens-Häftlinge, die nur ihrer Ideen wegen eingesperrt werden. Nein, sie alle haben wirkliche Verbrechen begangen und echte Opfer hinterlassen. Es sind allesamt Mörder, die meisten von ihnen mehrfache Mörder.

Die Familien der Opfer, die Hinterbliebenen, die Überlebenden – sie protestieren. Es wird ihnen vermutlich auch diesmal nichts nützen. Die Mörder werden freikommen, und sie werden in Ramallah auf der Bühne stehen, frenetisch bejubelt, umarmt von Politikern und Lokalgrößen. Sie werden der palästinensischen Jugend Vorbild sein. Denn die Palästinenser kennen ihre Namen und Geschichten genauso gut wie wir.

In der deutschen Presse wird wieder mal beseufzt werden, daß Netanyahu den Bau von “Siedlungen” an die Freilassung knüpft. Ob es wirklich ein kluger Schachzug ist, die palästinensische Propaganda-Gleichung “Siedlungspolitik ist Terror Israels” so noch zu unterstreichen, wage ich zu bezweifeln.

Aber daß es lächerlich ist, den Bau von ein paar hundert Wohnungen in einem Stadtteil Jerusalems, den die Palästinenser fordern, als “Siedlungsbau” zu bezeichnen, soviel ist klar.

Israel will in der kommenden Woche den Bau neuer Siedlungen bekanntgeben – anlässlich der Freilassung weiterer palästinensischer Gefangener. “Die israelische Regierung wird die Ausschreibung neuer Bauten im Westjordanland und in Ost-Jerusalem bekanntgeben, die mit der Freilassung der dritten Gruppe palästinensischer Gefangener zusammenfallen wird”, sagte ein israelischer Regierungsvertreter am Donnerstag.

Die israelische Regierung spricht von einer Ausschreibung neuer Bauten – für den deutschen Journalisten wird daraus der Bau neuer Siedlungen.

Es ist ja wohl ein kleiner Unterschied, ob die israelische Regierung tatsächlich neue Siedlungen gründet und baut (was sie nicht tut) oder aber in Stadtteilen, die allen Teilungsplänen nach eh zu Israel gehören werden (oder die von den Jordaniern ethnisch von Juden gereinigt wurden…) ein paar neue Häuser baut.

Dieser Unterschied geht aber in der Berichterstattung vollkommen verloren. Im Gegenteil, es wird meist so dargestellt: selbst wenn Israel ein paar arme Häftlinge freiläßt – wie weit kann man Israel schon trauen, wenn es gleichzeitig Siiiedlungen baut…? Klar, nicht sehr weit, schon verstanden. (Als ob irgendjemand anders in den vielen, vielen umstrittenen Gebieten der Welt jede dort gebaute Wohnung nachgezählt würde – und als ob es unmöglich wäre, Häuser zu räumen… als hätte Israel nicht Yamit und Kfar Darom geräumt…)

Aber denkt auch jemand daran, was mit dem israelischen Vertrauen ist? Was fühlt ein Mensch wie ich, der den Palästinensern nichts Böses wünscht, grundsätzlich den Konflikt beendet sehen möchte und einsieht, daß beiderseitige vernünftige Kompromisse dazu unerläßlich sind? Ein Mensch wie ich, der das “Modell Galiläa” überall verwirklicht sehen möchte – ein pragmatisches, höfliches und respektvolles Miteinander-Leben, in dem einer die Rechte des anderen achtet?

Ich sehe die Bilder vom Jubel, Trubel und hysterischer Feierlaune, die mit den entlassenen Häftlingen in die PA schwappt. Und ich denke mir mein Teil dabei. Vertrauen? Das ist das letzte, was diese Aktionen israelischen Zuschauern einflößen.

Was würdet Ihr sagen, wenn die Brandstifter von Solingen bei ihrer Entlassung in ihrem Ort mit Jubelfesten empfangen worden wären? Was würdet Ihr über die Solinger denken, wenn sie Volkshelden aus den Mördern machen würden? Nun, genau das denken wir, wenn die Palästinenser Volkshelden aus dem Mörder der Familie Moses machen.

Ofra Moses war schwanger und ihr Sohn Tal ein kleiner Junge, als beide qualvoll verbrannten, vor den Augen von Abie Moses und den überlebenden Kindern. Die drei Überlebenden der Familie Moses sind mit Brandnarben gezeichnet und sind seit dem Anschlag ihres Lebens nicht mehr richtig froh geworden. Wie auch?

Ihren Mörder nicht nur frei zu sehen, sondern als Mittelpunkt einer Jubelfeier – das ist es, was den Israelis das letzte bißchen, den letzten Schatten einer Hoffnung auf Vertrauen austreibt. Derselbe Abu Mazen, mit dem wir Verträge abschließen sollen, bejauchzt Mörder unschuldiger Israelis und verbrüdert sich mit ihnen.

TerroristenEmpfang

Wunderbare vertrauensbildende Maßnahmen.

3 Gedanken zu “Sehr, sehr problematisch

  1. Der grösste Fehler, den die Medien im Westen machen ist, dass sie Terroristen zu „Freiheitskämpfern“ hochstilisieren. Daher auch das Bild in der Öffentlichkeit: Palästinenser, egal welcher Bauart, sind Helden, kämpfen für die Freiheit ihres Volkes. Menschen, sie sich vom Mainstream einlullen lassen, haben keine Ahnung, was sich in Israel ereignet. Das merke ich immer wieder bei Diskussionen im erweiterten Freundeskreis. Und das ärgert mich sehr.

  2. unglaublich, das alles. Ob die Deutschen wissen, das es sich um Mörder handelt? Möglicherweise nicht. Jedoch die Journalisten und Politiker müssen es wissen. Wo bleibt der Aufschrei der Empörung von Claudia Roth? Wo der von ‚Augstein‘?

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