Warum schreibt Deutschland Juden vor, wo sie leben dürfen?

Michael Freund, The Jewish Press, 17. Januar 2014

Mit tadellosem Gespür für Timing kam der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier diese Woche in Israel an, nahm an der Beerdigung von Ariel Sharon teil und setzte dann damit fort Israel öffentlich zu tyrannisieren.

Im Gespräch mit Reportern beschuldigte Steinmeier den jüdischen Staat den Friedensprozess zu „schädigen“, indem es Häuser für Juden in Judäa und Samaria baut.

Und in einer Diskussion mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu am Rande des Sharon-Begräbnisses setzte er den Premierminister unter Druck, er solle von weiterer Bautätigkeit absehen, da dies „den Prozess weiterhin stören könnte“.

Ich bin nicht vertraut Trauerritualen in Deutschland, aber nehme ich an, dort gehört das Beleidigen des Gastgebers direkt am Ende der Beerdigung nicht dazu.

Und doch fand Steinmeier, als er in Israel war, nichts falsch daran, genau das zu tun: Die Gelegenheit auszunutzen eine politische Sache herauszuheben, egal wie geschmacklos und ungehörig das war.

Das ist nicht die Art Benehmen, das man von einem „Freund“ erwartet, oder?

Was aber an Steinmeiers Heldentaten noch beleidigender ist, ist die historische Amnesie der deutschen Regierung, die offizielle Vertreter ohne jeden Sinn für Ironie bezüglich ihrer Position zum Recht Juden in Judäa und Samaria zu leben zurückließ. Immerhin ist es nicht einmal acht Jahrzehnte her, dass Deutschland Juden in den Nürnberger Gesetzen von 1935 aussonderten, um sie als der Zivilgesellschaft zu verstoßen, als Schritt deutschen Bodens von ihrer Anwesenheit zu „säubern“. In der Folge war unter deutscher Herrschaft das Recht der Juden zu leben, wo sie wollten, stark eingeschränkt.

Man sollte denken, dass angesichts dieses dunklen Kapitels ihrer Geschichte die Deutschen besonders darauf achten würden nicht in seine solche Sache zu waten und kundzutun, wo Juden leben, bauen oder ihre Familien aufziehen dürfen.

Doch das ist nicht der Fall gewesen.

Fakt ist: Letzten Sommer wurde weithin berichtet, dass Berlin sich entschieden hat eine Initiative der Europäischen Union zu stützen, die Unternehmen in jüdischem Besitz in Judäa und Samaria aussondert. Der Zug zielt darauf ab sie einer Sonderbehandlung zu unterziehen, zu der die Anwendung einzigartiger Herkunftsetiketten auf von Juden in diesen Gegenden hergestellten Waren gehört. Unnötig zu erwähnen, dass von Palästinensern betriebene Fabriken in den Gebieten nicht auf diese Weise gekennzeichnet würden.

In einem Interview mit Reuters warnte der EU-Nahostbotschafter Andreas Reinicke letzten Monat, wenn die letzte Runde der Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern fehlschlage, würde die EU ihre Pläne zum Anbringen der Etiketten auf von Israelis hergestellten Gütern aus Judäa und Samaria beschleunigen.

Die Scheinheiligkeit hinter dem Etikettierungskreuzzug ist umso offensichtlicher, wenn man bedenkt, dass keine solchen Kampagnen für andere „umstrittene Gebiete“ erwogen werden. Daher gibt es keine europäische Forderung chinesische Produkte Made in Tibet, in Tschetschenien hergestelltes Russisches oder spanische Waren aus Katalonien zu kennzeichnen. Es scheint so, dass europäische Liberale nur dann, wenn der jüdische Staat beteiligt ist, auf solchen Maßnahmen besteht.

Das ist nicht nur Doppelzüngigkeit, das ist schlicht und einfach Diskriminierung.

Und im Fall Deutschlands ist eine solche Haltung besonders empörend und die Regierung von Angela Merkel sollte sich schämen, dass sie da mitmacht. Was immer man vom Friedensprozess und der Zweistaatenlösung halten mag, es sollte offensichtlich sein, dass mit Waren und Bauen nur deswegen unterschiedlich umgegangen wird, weil die Person, der die Fabrik gehört oder das Haus baut ein Anhänger von Moses und nicht Mohammeds ist, fanatisiertes Tun ist.

Und angesichts der eigenen unehrenhaften Bilanz während des 20. Jahrhunderts haben Deutschland und seine Führungspolitiker eine besondere Verantwortung in solchen Dingen außergewöhnlich sensibel zu sein, insbesondere wenn sie mit Juden im Zusammenhang stehen. Niemand behauptet, dass Deutschland einen zweiten Holocaust plant, aber das Land muss mehr Bewusstsein bezüglich der schmerzlichen Ironie zeigen, die hier am Werk ist.

1936 wurde im gesamten Reich ein Brettspiel namens „Juden raus“ beliebt.* Die Spieler bewegten Juden darstellende Figuren zu „Sammelpunkten“, von denen aus sie ins Land Israel deportiert werden sollten. „Gelingt es dir 6 Juden rauszujagen“, instruierte das Spiel, „bist du Sieger ohne zu fragen!“

Traurigerweise spielt Deutschland einmal mehr ein ähnliches Spiel, wenn auch mit einem Unterschied. Während das Ziel früher war Juden nach Israel wegzuschicken, ist das Ziel heute uns zu zwingen Teile davon zu verlassen.

Doch ich habe eine Neuigkeit für Frau Merkel und ihrer Kollegen: Niemand, besonders nicht Deutschland, hat das Recht Juden zu sagen, wo sie leben dürfen oder nicht.

1945 kroch das jüdische Volk aus den Öfen Europas und gewann unsere angestammte Heimat wieder zurück.

Egal, was Berlin glauben oder sagen mag: Wir sind nicht im Begriff davon einen Teil wieder herzugeben.

 

* Anmerkung heplev: Nach Angaben von „Board Game Studies“ wurde das Spiel seitens der Nationalsozialisten kritisiert und wurde zum Ladenhüter. Eine PowerPoint-Präsentation zu Schule im Dritten Reich gibt hingegen an, dass das Spiel bis 1938 über eine Million Mal verkauft wurde und damit alles andere als ein Ladenhüter war. Ein Forschungsbericht von adacemia.edu beschreibt, dass der Verkauf vieler Spiele eher unwahrscheinlich war, weil sogar die Nazis es kritisierten und der Hersteller bedroht wurde. (Was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass sich in dieser Zeit das Ziel der Nazis veränderte – weg von der Vertreibung der Juden hin zu ihrer Vernichtung?)

5 Gedanken zu “Warum schreibt Deutschland Juden vor, wo sie leben dürfen?

  1. Die Deutschen waren noch nie für ihr Feingefühl oder Taktgefühl berühmt. Man soll sich also über Steinmeier nicht wundern. Und er gehört natürlich zu jenen Politikern, die ständig ihr Mantra wiederholen, ohne eine Ahnung von der tatsächlichen Lage zu haben. D kann sich nicht vorstellen, daß es Weltgegenden gibt, wo das Leben – vor allem das politische – nicht so funktioniert, wie es sich das vorstellt: wie zu Hause.
    lg
    caruso

  2. Gleich im Anschluss an die Lewaja politische Kritik zu üben ist tatsächlich nicht die feine Art. Und natürlich ist es stossend, dass im israelisch-palästinensischen Konflikt andere Massstäbe angesetzt werden, als bei anderen, wie etwa bei der genannten Tibet-Frage.

    Dass die Siedlungen und die intensive israelische Bautätigkeit im Westjordanland eines der grossen Hindernisse für einen Frieden darstellen ist aber eine Tatsache – fairerweise muss man sagen eins von vielen grossen Hindernissen hüben wie drüben. Und jede Kritik an Israels Politik mit dem Schoa-Zweihänder zu zerschlagen zeugt nicht von grosser Diskussionsfähigkeit. Israel ist ein politischer Staat (er hat wohl eine biblische Bedeutung, wurde von Juden gegründet und es leben mehrheitlich Juden da, die Bezeichnung jüdischer Staat hat in meinen Augen etwas von Gettoisierung), den man als solchen, wie jeden anderen Staat auch, kritisieren darf. Insbesondere, da Meinungsäusserungsfreiheit eines der höchsten Güter einer Demokratie ist.

    • Und wieder der Standard-Dummschwätz, den ich nicht mehr hören (lesen) kann. Kein einziges Argument, nur nachgeplapperte Propaganda-Phrasen.
      Die Siedlungen sind kein Hindernis, das haben die Israelis schon bewiesen.
      Es wird nicht jede Kritik an Israel mit der Keule bedacht, sondern nur die, die es verdient.
      Israel die Anerkennung als jüdischer Staat zu verweigern, ist genau dann antisemitisch, wenn man Staaten wie Iran, Tunesien, Libyen, Saudi-Arabien, Malaysia, Pakistan, Pakistan usw. usw. nicht gleichzeitig abspricht islamische/muslimische Staaten zu sein (wie sie es in ihrem Selbstverständnis und ggf. ihren Verfasungen angeben).
      „Hüben wie drüben“ ist auch so eine Propaganda-Mär, die mich ankotzt. Die Verhinderer von Frieden sind in Israel weder in der Mehrheit noch bestimmen sie die Politik. Außer man definiert Friedensverhinderung durch Israelis so, das sie sich nicht einfach vernichten lassen.
      Meinungsfreiheit ist eines der höchsten Güter und muss gelten. Wenn sie zur Verleumdung/Denunzierung und/oder Beschimpfung Andersdenkender (und damit Einschränkung von deren Meinungsfreiheit) dienen soll, ist sie keine Meinungsfreiheit mehr.

      • Einen praktizierenden Juden, der auch mit Kippa auf der Strasse rum läuft einen Antisemiten zu schimpfen entbehrt zwar nicht einer gewissen Komik, zeigt aber, in welch traurigen Fanatismus – der sich im Kern nicht von der idiotischen Ideologie des heiligen Krieg unterscheidet (wohl/hoffentlich jedoch im Gewaltverzicht) – Sie nacheifern. Da Ihre Replik aber hauptsächlich aus Unterstellungen und Anfeindungen besteht und seltsam verdrehende Argumentationen eine würdige Diskussion ohnehin verunmöglicht, verzichte ich meinerseits auf inhaltliche Antwort.

        • Das bestätigt also alles, was ich geschrieben habe. Wobei es sich nicht primär gegen den Glöckner richtete, sondern gegen seine nicht weiter belegten Nicht-Argumente. „Getroffene Hunde bellen“, heißt es so schön.
          Spannend. Es sind wieder keine Fakten und Argumente geliefert worden. Dafür wird mit Kippa und Religion geprotzt. Als wenn das ein Argument wäre. Die Naturei Karta laufen zwar nicht mit Kippa rum, dafür aber mit anderen Kleidungsstücken, die sie äußerlich derart als Juden erkennbar machen, dass sie gelegentlich von muslimischen und/oder rechts- wie linksradikalen Mit-Antisemiten angegriffen bis verprügelt werden. Jude zu sein, ist also kein Grund, sich nicht antisemitisch gebärden zu können.
          Wenn Herr Quasimodo sich als Antisemit gezeiht fühlt, dann hat er sich den Schuh angezogen und bestätigt, dass er das betreibt, was ich beschrieben habe: Er bestreitet nicht nur Israel das Recht jüdisch zu sein, sondern er wird den genannten Staaten ihre Selbstcharakterisierung als „muslimische Staaten“ nicht vorhalten. Also sondert er Israel aus, um ein völlig anderes Maß anzulegen und besonders zu verunglimpfen. Statt zu schreiben, dass Islam-Staaten nicht religiös definiert werden sollten, schimpft er. Danke, weiß ich Bescheid.

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