Kommentar: Putzige Ansichten

Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 30. Januar 2014 (direkt vom Autor)

Mit einem untrüglichen Gespür für Mentalität und Kräfteverhältnisse in Israel hat die Spiegel-Expertin für den Judenstaat, Ulrike Putz, vom sicheren Beirut aus mitgeteilt, dass der Fortbestand der Koalition in Israel gefährdet sei. Weil sonst in der Welt, in Damaskus, Kiew, Washington und sogar bei der GroKo in Berlin alles ganz fürchterlich stabil ist, verdient ein wackelnder Hardliner wie Benjamin Netanjahu natürlich eine große Schlagzeile.

Der israelische Premier sei auf die Stimmen von Naftali Bennetts ultrarechter Partei angewiesen, schreibt Putz. Wahrscheinlich ist sie unfähig, vom feindlichen Libanon aus die Homepage der Knesset aufzurufen, um festzustellen, dass Netanjahu im Falle eines Rauswurfs der von Putz so bezeichneten “Siedlerpartei” Jüdisches Haus des Wirtschafts- und Handelsministers Naftali Bennett sogar mehrere Alternativen hätte, um sich eine Mehrheit im Parlament zu sichern.

Worum es bei der Krise zwischen Bennett und dem Premierminister ging, ist fast irrelevant, denn derartige Auseinandersetzungen sind in der israelischen Politik an der Tagesordnung. Schließlich wollen sich Politiker wie Parteien profilieren. Das ist auch in Deutschland so. Da aber alle an ihren Stühlen kleben, platzt nicht gleich die Koalition. Auch die Regierung stürzt nicht so schnell, wie sich Putz das vorstellt.

Kurz zusammengefasst: Netanjahu hat etwas behauptet, was die israelischen Rechten nicht akzeptieren konnten. Bennett beleidigte daraufhin den Premierminister. Der drohte mit der ultimativen Waffe: Entlassung Bennetts. Die Abschreckung wirkte. Bennett entschuldigte sich. So hätte er das nicht gemeint. Und Netanjahu akzeptierte vorhersehbar die vermutlich unaufrichtige Reue des Bennett. Die Krise ist überwunden und der Frieden in Israel ist wieder im Lot.

Nun bleibt noch die “schreckliche” Geschichte des Sohnes von Netanjahu, der – oh je – mit einer nicht-jüdischen, vermutlich blonden Schönheit aus Norwegen ausgeht. Putz scheint von Beirut aus besonders gute Beziehungen zu Israels ultraorthodoxen “Sittenwächtern” zu pflegen, die Netanjahu angeblich zu “nationaler Verantwortung” aufgerufen haben, dieses Treiben seines Sohnes zu unterbinden. Die Korrespondentin in Beirut scheint Israel mit der Hamas im Gazastreifen oder mit dem Treiben der “Sittenwächter” in Saudi Arabien zu verwechseln. Denn die Ultraorthodoxen sitzen heute in der Opposition und haben nicht viel zu sagen.

Auch wenn Netanjahu fähig ist, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, fragt sich, wie viel Macht er hat, seinem 23-jährigen Söhnchen vorzuschreiben, mit welcher Blondine der ins Bett steigen darf. Das ist ein Bereich, wo normalerweise sogar die “nationale Verantwortung” auf Grenzen stößt.

(C) Ulrich W. Sahm

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