Israels Zukunft: Zwanzig Jahre nach Oslo

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Langfristig dürfte der von arabischer Hetze gegen Israel verursachter Schaden größer sein als alles, was Israel bisher an Nützlichem aus den Oslo-Vereinbarungen gewonnen hat. Der Hauptwechsel der palästinensischen und Arabischen Politik im Verlauf der letzten zwanzig Jahre hat in dem Versuch bestanden die politischen Ziele zu erreichen, die sie durch militärische Mittel nicht erreicht haben – durch Aufhetzung. Daher ist eine der wichtigen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre die Zunahme der Bemühungen zur weltweiten Dämonisierung Israels gewesen.

Zu diesem Zweck haben die Palästinenser schrittweise Erfolg damit gehabt eine Vielzahl westlicher Verbündeter zu mobilisieren. Das hat zum langsamen, aber steten Wachsen der BDS-Bewegung (Boykott, De-Investition und Sanktionen) gegen Israel geführt.

Aus der Welt des Islam kommt weit mehr ideologische Kriminalität als aus jedem anderen wichtigen Teil der Welt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Prozentsatz der Palästinenser mit extrem krimineller ideologischer Denkweise niedriger ist als in anderen Gesellschaften des Nahen Ostens wie Syrien, dem Irak oder Ägypten. Ein von den Palästinensern erreichter Erfolg ist, dass es ihnen ohne Rechtfertigung geglückt ist ein Image zu entwickeln, das sich von dem anderer von Gewalt durchdrungenen Kulturen unterscheidet.

Westliche Verbündete der Palästinenser ignorieren gewollt die Glorifizierung der Mörder israelischer Zivilisten durch Mahmud Abbas und andere PA-Führer. Viele verschließen die Augen vor der völkermörderischen Plattform der Hamas. Mehrere von denen, die mit den extremen palästinensischen Hetzern kollaborieren, verstecken sich fälschlich hinter einer humanitären Maske.

Mein Buch Israel’s New Future – Interviews wurde 1994 veröffentlicht.1 Es zeichnete die Erwartungen von 16 prominenten Israelis für die zukünftigen Entwicklungen nach der offiziellen Unterzeichnung der Oslo-Vereinbarungen 1993 auf. Danach veränderten sich die Perspektiven zu Israels Zukunft erheblich. Viele von verschiedenen der Interviewten getätigten Voraussagen in dem Buch trafen zu; bei einer Vielzahl anderer lagen sie falsch. Diejenigen, die besonders stark irrten, waren die Optimisten.

Der ehemalige israelische Außenminister Abba Eban vermerkte in seinem Interview, dass „Israel direkt mit Syrien, Jordanien und dem Libanon verhandelt“ und das, was er „die palästinensische Mainstream-Bewegung“ nannte. Er fügte an: „Wir sind erwünschte Gäste in Marokko und Tunesien“, sowie: „Es gibt Kontakte mit Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Darüber hinaus befindet sich der arabische Boykott in seiner ersten Phase der Auflösung.“

Eban merkte an, dass diese Entwicklungen eine völlige Veränderung im arabischen Ansatz andeuteten: „Niemals haben Israelis und Araber sich auf so viele Weisen in Washington, Tokio, Moskau, Ottawa, Rom und unserer Region getroffen. Militärisch sind die Araber gegen Israel sehr erfolglos gewesen. Jetzt wollen sie vom Trauma der Niederlage frei sein. Vor dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Golfkrieg, den wichtigsten Hauptentwicklungen der letzten Jahre, sah niemand vorher, dass dies geschehen würde.“2

Die politische Dynamik im Nahen Osten verschiebt sich rasch und in mehrere Richtungen. Die heutige politische Lage im Nahen Osten ist weit von der entfernt, die Eban ein paar Monate nach Unterzeichnung der Oslo-Vereinbarungen ausmachte. Viele wichtige militärische und politische Entwicklungen haben in den letzten 20 Jahren in Israels unmittelbarem Umfeld stattgefunden. Von einigen war Israel direkt betroffen, so vom Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000.

Auch Israel hat wichtige Ereignisse initiiert, zum Beispiel den einseitigen Abzug aus dem Gazastreifen im Jahr 2005. Es gab viele andere wichtige Ereignisse ohne israelische Beteiligung, so die fälschlich als „Arabischer Frühling“ bezeichneten Revolutionen in arabischen Ländern. Israel ist bisher vom syrischen Bürgerkrieg nur am Rande betroffen.

Israelische Optimisten, die mit fast messianischem Enthusiasmus an die Oslo-Vereinbarungen glaubten, lagen radikal falsch. Die Palästinenser haben sich nicht in reformierte Demokraten verwandelt. Das politische Konzept des „Land für Frieden“ kann nach Israels einseitigem Abzug aus dem Gazastreifen 2005 und der Machtübernahme durch die Hamas dort im Jahr 2007 ebenfalls als Fehlschlag eingestuft werden. Was die Pessimisten angeht, die die Oslo-Vereinbarungen als „den Anfang des Endes Israels“ betrachteten, so befindet die Jury immer noch in der Beratung.

Die Unruhe im Nahen Osten geht heute weit über die der Zeit der Oslo-Vereinbarungen hinaus. Ereignisse, die mögliche Kurven und Biegungen in Israels Zukunft verursachen können, finden inzwischen mit größerer Häufigkeit statt als am Ende des letzten Jahrhunderts. Hätte ich heute die aktuelle Lage und mögliche zukünftige Entwicklungen kommentiert, würde ich bereits in der Einleitung, die ich für meine neueste, im letzten Sommer veröffentlichte Ausgabe Israel’s New Future Revisted3 Veränderungen vornehmen müssen.

Kann man in einer derart unbeständigen und sich rasch verändernden Realität Israels Zukunft überhaupt vorhersagen? Was ist aus den Oslo-Vereinbarungen und den Entwicklungen seitdem gelernt worden? Eine wichtige Lektion besteht darin, dass eine Friedensvereinbarung mit den Palästinensern im Lauf der Jahre wahrscheinlich weitgehend ein Stück Papier wird. Wenn das geschieht, werden die scheinheiligen westlichen Humanitären wieder Israel die Schuld zuschreiben, wie sie es bei einem Großteil des Fehlverhaltens der Palästinenser getan haben.

Was sollte Israel anstreben? Als erstes muss Israels innenpolitische Situation unter Kontrolle gehalten werden. Wirtschaftliche Schlüsselanforderungen sollten sorgfältig studiert und interner sozialer Unfrieden sollte innerhalb vernünftiger Grenzen gehalten werden.

Weitreichende Zugeständnisse für einen echten Frieden mit den Palästinensern und der arabischen Welt zu machen, könnte gerechtfertigt sein. Das jedoch für eine Vereinbarung auf dem Papier mit abnehmendem Bezug zur Realität vor Ort zu tun, würde im Verlauf der Jahre unverantwortlich sein. Umso mehr in einem sich rasch verändernden Umfeld und einer instabilen, weithin unberechenbaren Welt.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 

1 Israel’s New Future: Interviews. Jerusalem, Rubin Mass, Jerusalem Center for Public Affairs, 1994.
2 Manfred Gerstenfeld: Interview mit Abba Eban: “Challenges in the Aftermath of Peace”. In: Israel’s New Future, S. 25.

2 Gedanken zu “Israels Zukunft: Zwanzig Jahre nach Oslo

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Gerstenfeld,
    vielen Dank für diesen Artikel, der mich in meinem Herzen leider nur noch trauriger macht.

    Ich fasse es mit meinen Worten mal zusammen:

    Die Israelis sind den Palästinensern militärisch haushoch überlegen.
    Die Palästinenser haben jede militärische Auseinandersetzung verloren.

    Die Palästinenser sind den Israelis propagandistisch haushoch überlegen.
    Im Propagandakrieg haben die Palästinenser die Israelis haushoch geschlagen.

    Das Problem:
    In der militärischen Auseinandersetzung haben die Israelis sich selbst Grenzen gesetzt, sie ist also begrenzt.
    Der Propagandakrieg der Palästinenser kennt keine Grenzen, er ist also grenzenlos.

    Es grüßt Sie tief betrübt und bittet Sie im Propagandakrieg nicht nachzulassen,
    ganz herzlich, Paul

  2. Vielleicht sollte man bei der Reaktion auf den BDS-Propagandakrieg gegen Israel auch sprachlich aggressivere Töne anschlagen. Es hat wenig Sinn, der BDS-Aggression argumentativ begegnen zu wollen. Die Begriffe Boykott, De-Investition und Sanktion sind weitgehend positiv besetzt, ebenso der Begriff „Bewegung“. Sie werden leicht mit positiven und moralischen Zielsetzungen assoziiert.
    Sie beschreiben die angewandten Methoden der Kriegsführung gegen Israel.
    Vielleicht sollte man die Anfangsbuchstaben B-D-S besser mit Begriffen übersetzen, welche die Motive dieser Aggression beschreiben.
    Dazu fallen mir die Begriffe „Bosheit“ – „Dummheit“ – „anti-Semitismus“ ein.
    BDS so übersetzt, könnte mehr zur Kennzeichnung dieser israelfeindlichen Propaganda beitragen. Denn „Bosheit – Dummheit – anti-Semitismus“ sind die eigentlichen Gründe für deren Erfolg.

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