Ist ein zweiter Holocaust möglich?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Ist ein zweiter Holocaust möglich? Diese Frage ist angesichts des Völkermords des letzten Jahrhunderts gerechtfertigt, ebenso angesichts des derzeitigen massiven und extremen Schürens von Hass auf Israel und Juden. Die Geschichte zeigt, dass Völkermord in der Regel bedeutende und beständige Dämonisierung der potenziellen Opfer vorausgeht. Doch nicht alles starke Schüren von Hass führt zu Massenmord.

Niemals in der Geschichte ist die psychologische Infrastruktur gründlicher und länger für Völkermord vorbereitet worden als vor dem Holocaust. Viele Jahrhunderte lang sagte die katholische Kirche ihren Anhängern, dass die Juden Jesus töteten. Sie fügte eine noch tödlichere Beschuldigung hinzu: dass all ihr jüdischer Nachwuchs auf ewig für den Tod ihres Gottessohnes verantwortlich seien. Vor mehr als fünfzig Jahren fasst Joshua Trachtenberg in seinem Buch Devil and the Jews (Der Teufel und die Juden) zusammen, wie das mittelalterliche Christentum die Juden sah: als „Hexer, Mörder, Kannibalen, Giftmischer, Gotteslästerer“.1

Erst 1965 entfernte der Vatikan den größten Teil dieses Giftes mit der Erklärung Nostra Aetate aus der katholischen Lehre. Experten zur Zeit des Lebens Jesu wie das Mitglied der königlich-niederländische Akademie Pieter van der Horst sagt, dass die Juden in der Zeit der Römer keinerlei Macht hatten irgendjemanden zu töten: „Alles, was wir aus anderen Quellen wissen, sagt uns, dass Pilatus durch und durch skrupellos und unbarmherzig war. Die Vorstellung, er würde einen Menschen vor der Todesstrafe retten, weil er ihn für unschuldig hält, ist nicht historisch und fast lächerlich.“2

Die falsche Beschuldigung hält sich aber bis heute. Eine Studie der Anti-Defamation League aus dem Jahr 2012 stellte fest, dass mindestens 60 Millionen – von 400 Millionen – erwachsenen Bürgern der Europäischen Union voll oder teilweise der Äußerung zustimmten, dass die Juden Jesus töteten. In Polen betrug der Anteil 46% und in Ungarn 38%.

Die falsche Beschuldigung des Gottesmordes bedeutete, dass Juden für viele Christen das „absolut Böse“ repräsentierten. Die Nazis und viele ihrer Verbündeten fügten eine weitere Beschuldigung des „absolut Bösen“ hinzu, das dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts besser angepasst war: „Juden sind Untermenschen.“ Der größte „Erfolg“ der extremen Diffamierung war das Abschlachten von sechs Millionen Juden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich ein neues Konzept des „absolut Bösen“: Völkermord zu begehen oder sich wie die Nazis zu verhalten. Letztes Jahr präsentierte ich in meinem Buch Demonizing Israel and the Jews ein paar einfache Berechnungen. Sie zeigen, dass mindestens 150 Millionen Menschen in der Europäischen Union glauben, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt oder alternativ sich ihnen gegenüber verhält wie die Nazis den Juden gegenüber. Ein Journalist erklärte mir, dass europäische Medien diese „ihre Leser vor den Kopf stoßenden“ Zahlenbefunde nicht veröffentlichen wollten. Mit anderen Worten ausgedrückt: Nach dem Zweiten Weltkrieg sagten viele vom Holocaust: „Wir haben es nicht gewusst.“ Die derzeit vorherrschende europäische Haltung des Ignorierens des weit verbreiteten Hasses auf Israel könnte übersetzt werden als: „Wir wollen es nicht wissen.“

Eine wichtige Studie der Fundamental Rights Agency aus dem Jahr 2013 zeigt, dass infolge des zunehmenden Antisemitismus in Europa beträchtliche Anteile der Juden in der Öffentlichkeit regelmäßig oder immer ihre Identität verbergen. In Schweden und Frankreich tut die Mehrheit der Juden das. Das Leben der europäischen Juden als Kollektiv ist nicht in Gefahr. Es bleibt höchst unwahrscheinlich, dass es in der vorhersehbaren Zukunft einen zweiten europäischen Holocaust an den Juden geben wird, da es in der Gesamtgesellschaft viel zu viel Widerstand dagegen gibt.

Denselben Widerstand gibt es in großen Teilen der muslimischen Welt nicht. Ganz im Gegenteil: Die Zahl der ideologischen Unterstützer des mörderischen Jihad der Art Bin Ladens beträgt mindestens 150 Millionen.4 Öffentlich Völkermord Befürwortende wie der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad vermehren sich nicht nur im Iran der Ayatollahs, in der Hisbollah oder der Hamas (der Partei, die bei den einzigen allgemeinen Wahlen der Palästinenser die Mehrheit der Stimmen gewann). Ein weiteres Beispiel unter vielen gab es 2012, als der damalige ägyptische Präsident Mohammed Morsi mit „Amen“ antwortete, als ein Imam eine Bitte um Völkermord betete: „Oh Allah, vernichte die Juden und die sie unterstützen.“5

Eine iranische Atombombe ist nicht die einzige potenzielle Quelle für einen zweiten Holocaust. Man muss sich nur die extremen Gräueltaten ansehen, die fast tägliche von vielen Muslimen begangen werden – hauptsächlich an anderen Muslimen in Syrien und dem Irak. Sollten sie jemals an die Macht kommen, gibt es genügend Palästinenser – denen andere Jihadisten helfen werden – um dasselbe mit Israels jüdischer Bevölkerung zu tun. Die während der beiden Intifadas begangenen Gräueltaten sind nur ein Indikator dafür. Die Bürgerkriege des Libanon sein ein weiterer.

Um ein solches Szenario zu bekämpfen muss Israel weit mehr tun, als zu versuchen zu verhindern, dass der Iran eine Atombombe bekommt und die Palästinenser militärisch mächtiger werden. Es muss auch die Information über die Doppelzüngigkeit und Grausamkeit beträchtlicher Tele der muslimischen Bevölkerung an die westliche Welt weltweit verstärken.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 Joshua Trachtenberg: The Devil and the Jews. Cleveland (Meridian), 1961, S. 159.
2 Manfred Gerstenfelds Interview mit Pieter van der Horst: „The Origin of Christian Anti-Semitism”. In: Post-Holocaust and Anti-Semitism”, S. 81, 1. Juni 2009.
3 Attitudes Toward Jews In Ten European Countries. ADL – Anti-Defamation League, März 2012.
4 Juliana Menasce Horowitz: Declining Support for bin Laden and Suicide Bombing. Pew Research Center Pulications, 10. September 2009.
5 Morsi answers amen to imam’s prayer for destruction of Jews. JTA, 22. Oktober 2012.