Wurzeln des Antiisraelismus der großen amerikanischen Kirchen

Manfred Gerstenfeld interviewt Dexter van Zile (direkt vom Autor)

Die nationalen Versammlungen von fünf großen amerikanischen protestantischen Kirchen haben Israel im Verlauf der letzten zehn Jahre regelmäßig angegriffen. Das sind die Episkopale Kirche, die United Church of Christ (UCC), die Presbyterianische Kirche (PCUSA), die Vereinigten Methodisten (UMC) und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (ELCA). Ihre Gesamtmitgliederzahl betrug Mitte der 1960-er Jahre 26,5 Millionen oder 13,5 Prozent der amerikanischen Bevölkerung. Bis 2010 war diese auf 17,6 Millionen gesunken, unter 6 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Diese Kirchen und ihre Vorgänger waren, zusammen mit den nördlichen Baptisten – die sich heute American Baptists nennen – das Rückgrat des protestantischen Establishments, das im 19. Jahrhundert in den USA zusammenwuchs und die amerikanische Zivilgesellschaft bis Mitte der 1960-er Jahre weithin bestimmte.

Dexter van Zile

Dexter van Zile ist Analyst für christliche Medien beim Committee for Accuracy in Middle East Reporting in America (CAMERA). Seine Schriften sind in zahlreichen amerikanisch-jüdischen Zeitungen wie auch in der Jerusalem Post, den Ecumenical Trends und dem Boston Globe erschienen.

Van Zile kommentiert: Die Geistlichen dieser Kirchen haben typischerweise eine linke Sicht zu den heiligen Schriften und Theologie. Sie stehen in einem fast einhundert Jahre alten, fortbestehenden Konflikt mit evangelikalen Protestanten, die eine konservativere, wenn nicht wortwörtliche Betrachtungsweise der heiligen Schriften haben. Die meisten großen Kirchen haben sich auf die eine oder andere Weise von Supersessionismus (die Ersetzungstheologie) und Antisemitismus distanziert. Doch sie scheinen nicht bereit diesen Phänomenen die Stirn zu bieten, wenn sie sich im Islam manifestieren.

Diese großen Kirchen und ihre Vorgänger unterstützten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend Israels Gründung. Der wichtige Theologe Reinhold Niebuhr – Mitglied eines UCC-Vorgängers – legte vor dem Anglo-American Committee of Inquiry in New York 1946 ein wortgewandtes Zeugnis zugunsten des jüdischen Staates ab. Seine Unterstützung des Zionismus gründete auf dem Eingeständnis, dass es Juden unmöglich war sicher oder in Würde als Minderheit in mehrheitlich christlichen Ländern in Europa zu leben und sie daher in ihre historische Heimat zurückkehren sollten. Damals war der US-Protestantismus weithin prozionistisch. Dies wurzelte in einem Sehnen nach Gerechtigkeit für die Juden nach dem Holocaust und dem Glauben, dass Gottes Verheißungen an die Juden zuverlässig waren.

Den größten Teil der US-Geschichte hindurch glaubten die Amerikaner, sie seien Teil einer „beinahe auserwählten“ Nation. Die Amerikaner verstanden sich als zum „Neuen Israel“ gehörend, in dem die Menschheit die Chance eines Neubeginns hatte. Amerikas bürgerliche Religion gab vor, dass sie sie eine positive Rolle bei den Weltbegebenheiten zu spielen habe. Das protestantische Establishment, dessen Teil diese Kirchen waren, betrachtete sich als Schützer dieser bürgerlichen Religion, die in den hebräischen heiligen Schriften gründete. Von daher machte Unterstützung Israels Sinn.

Diese bürgerliche Religion begann nach dem Vietnamkrieg aus den Fugen zu geraten. Die Entwicklung forcierte sich in den 1980-er und 1990-er Jahren. Damals wurde oft geglaubt, dass die Vereinigten Staaten das gewalttätigste und korrupteste Land auf dem Planeten waren. Der Historiker George McKenna nannte diese Idee „umgekehrte Erwählung“. Das Konzept fand besonders starken Halt in linken protestantischen Kirchen.

In diesen Kirchen wurde nach dem Sechstage-Krieg Antizionismus zunehmend offenkundig. Während die Idee der „umgekehrten Erwählung“ in der amerikanischen Gesellschaft an Kraft gewann, nahm der Antizionismus in den großen Kirchen ebenfalls überhand. Für viele Geistliche wurde Israel ein Stellvertreter für alles, das die USA im Verlauf ihrer Geschichte falsch gemacht hatten und verkehrte es in ein Ziel für Ächtung. Für die von dieser Idee der „umgekehrten Erwählung“ Ergriffenen waren die Terroranschläge vom 11. September 2001 kein Beispiel für die Kriminalität des radikalen Islam, sondern eine Bestrafung für Amerikas Sünden des Imperialismus und der Hegemonie.

Durch dieses Objektiv betrachteten viele linke Protestanten die beiden Intifadas, besonders die zweite. Statt ihre Selbstmordanschläge als Beweis dafür anzusehen, dass in der palästinensischen Gesellschaft etwas gravierend falsch war, sahen sie sie als Folge des „Fehlverhaltens“ Israels, insbesondere des Siedlungsbaus.

All das verschmolz in ein Gestöber antizionistischer Resolutionen, die den nationalen Versammlungen der großen Kirchen seit 2004 vorgelegt wurden. Die Presbyterianische Kirche war die erste, die eine Resolution verabschiedete, mit der man die Glaubensgemeinschaft aufforderte Investitionen aus Firmen abzuziehen, die mit Israel Geschäfte machten. 2005 verabschiedete die UCC zusammen mit „Reißt die Mauer nieder“eine Quasi-De-Investitions-Resolution. In späteren Jahren genehmigten die Methodisten und Presbyterianer einen Boykott von Produkten, die in der Westbank hergestellt werden.

Die jüngste verbale Aggression gegen Israel in diesen großen Kirchen – mit Ausnahme der fortgesetzten Attacken aus der PCUSA – ist etwas verhaltener geworden. Das mag zum Teil an den zunehmenden Angriffen muslimischer Extremisten auf Christen im Nahen Osten und andernorts in der Welt liegen.

Doch die großen Kirchen zögern, islamistische Gewalt gegen Christen zu verurteilen. Ihre Eliten, einschließlich Pro-Israelis, möchten weiter den Dialog mit den Muslimen führen. Diese Kirchen haben auch nie der Frage des weit verbreiteten muslimischen Antisemitismus die Stirn geboten. Der Hauptgrund ist vermutlich, dass sie Muslime als Opfer westlichen Imperialismus betrachten. Die Haltung der Kirchen lautet: „Können wir angesichts unserer eigenen Geschichte islamischen Imperialismus verurteilen?“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.