Die Entwicklung des Antizionismus in der Nachkriegs-Sowjetunion

Manfred Gerstenfeld interviewt André Gerrits (direkt vom Autor)

Der Antizionismus wurde in der Außenpolitik der Sowjetunion gegen Ende der 1940-er Jahre zu einem bedeutenden Element. Die sowjetische Führung hatte Israels Gründung in der UNO-Vollversammlung im November 1947 unterstützt. Sie glaubte, Israel würde ein Verbündeter im Nahen Osten werden. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass das nicht der Fall sein sollte.

Der ursprüngliche Antizionismus der Sowjetunion fußte auch auf anderen Überlegungen. Die unerwünschte Popularität Israels bei vielen Juden dort wurde in ihrem enthusiastischen Willkommen der ersten israelischen Botschafterin in Russland, Golda Meir, im Jahr 1948 deutlich. Darüber hinaus war aus der ideologischen Auffassung heraus der Kommunismus gegen jede Form des Nationalismus, einschließlich der jüdischen Versionen, zionistisch oder nicht.

Andre Gerrits
André Gerrits

Der Historiker André W. M. Gerrits ist Professor für Russland und internationale Studien an der Universität Leiden in den Niederlanden. Eines seiner Bücher trägt den Titel „The Myth of Jewish Communism: A Historical Interpretation“ (Der Mythos des jüdischen Kommunismus: Eine historische Interpretation).

Die Kommunisten haben den Zionismus immer als kleinbürgerliche Abweichung betrachtet, ebenso als Ausdruck des jüdischen Nationalismus. Die Gewichtung, die der Antizionismus in der Sowjetunion und anderen kommunistischen Ländern während verschiedener Perioden erhielt, hing in der Hauptsache von internationalen Entwicklungen ab. Antizionismus spielte bei den kommunistischen Führungskämpfen Ende der 1940-er und Anfang der 1950-er Jahre in der Tschechoslowakei eine Rolle, ebenso am Ende der 1960-er Jahre in Polen.

Die kommunistischen Führer in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei nutzten keine offen antijüdischen oder antisemitischen Argumente. Der Antizionismus jedoch passte gut in Stalins Außenpolitik. Es schien auch so, dass Stalin und seine tschechoslowakischen Anhänger glaubten, Menschen nur des Trotzkismus und Titoismus zu beschuldigen würde weniger Resonanz in der Partei haben als Antizionismus. Das war nur ein weiteres Beispiel für die kommunistische Manipulation des Antizionismus als Instrument politischer Ziele – in diesem Fall die Bestätigung voller politischer Kontrolle über die tschechoslowakische kommunistische Partei.

Der Antizionismus war zudem ein Faktor in den Beziehungen der Sowjetunion zu den Vereinigten Staaten und ihren Bemühungen die Beziehungen zu den arabischen Staaten und dem Iran zu stärken. Erst Ende der 1980-er Jahre, als Gorbatschow die Gesamtausrichtung der Außenpolitik änderte, hörte der Antizionismus auf ein politisches Propagandamittel der Sowjets zu sein.

Man könnte sagen, dass der Antizionismus ein traditionell ideologisches Leitmotiv ist, der hauptsächlich als internationales politisches Instrument genutzt und manipuliert wurde. Antizionismus hat tiefe Wurzeln in der sozialistischen Bewegung und sollte nicht mit Antisemitismus verwechselt werden. Frühe jüdische Sozialisten stellten sich ebenfalls gegen den Zionismus.

Es ist unter Historikern viel zu Stalins Plänen gegen Ende seines Lebens spekuliert worden, die sowjetischen Juden zu deportieren. Es gibt unter ihnen dazu keinen Konsens. Ich habe niemals Belege gesehen, dass Stalin konkrete Pläne hatte alle Juden nach Sibirien zu schicken. Er war höchstwahrscheinlich nicht an der Initiierung von Pogromen interessiert, wenn auch nur hinsichtlich seines obsessiven Hangs zu totaler Kontrolle der sowjetischen Gesellschaft.

Kurz vor Stalins Tod 1953 beschuldigte er neun Ärzte – sechs davon Juden – eines Komplotts zur Vergiftung der sowjetischen Führung. Diese berüchtigte Verschwörung der Ärzte war eine extreme Manifestation des Misstrauens Stalins gegenüber allen ethnischen Gruppen, die eine „Verbindung“ zu anderen Ländern hatten, insbesondere seines Argwohns gegenüber den Juden. Oft wird gefragt, ob Stalin Antisemit war. Wir wissen das wirklich nicht. Stalin ließ sehr wenige Juden in sein direktes Umfeld, aber sein politischer Argwohn war weit davon entfernt sich nur auf Juden zu beschränken.

Stalins Nachfolger ließen alles fallen, was es an antijüdischen Plänen im Kreml gab. Sie erkannten die Absurdität der Anschuldigungen in der Ärzte-Verschwörung und wollten keinen Pogromen und Deportationen ins Auge sehen.

Soweit ich weiß führten die Beziehungen zu Israel und der arabischen Welt bei späteren sowjetischen Führern niemals zu ernsthaften Unstimmigkeiten. Das geopolitische Umfeld im Nahen Osten und im Ost-West-Konflikt ließ der Sowjetunion ab den 1960-er Jahren kaum eine andere Wahl, da Israel fest im westlichen Lager stand.

Antizionistische Publikationen waren der Zensur durch die Staatsorganisation Glalvit unterworfen, so wie alles andere auch, das gedruckt wurde. Verschiedene antizionistische und antisemitische Bücher wurden bis in die frühen 1980-er Jahre in der Sowjetunion veröffentlicht. Trofim Kitchkos Judaism Unembellished (Dem Judentum den Schmuck genommen), gesponsert von der Akademie der Wissenschaften, war nur ein berüchtigtes Beispiel. Man kann annehmen, dass der Autor angesichts der Bedeutung dieses Themas aus hohen Etagen innerhalb der kommunistischen Partei die Erlaubnis zur Veröffentlichung erhalten hatte.

Was die von der Sowjetunion forcierte Resolution „Zionismus ist Rassismus“ angeht, die von der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1975 verabschiedet wurde, merkt Gerrits an: Ich habe keine Zweifel, dass der Hauptgrund gewesen sein muss die globale Stellung der Sowjetunion zu stärken, besonders bei nicht westlichen Mächten. „Zionismus ist Rassismus“ war eine populäre Parole bei vielen Staaten der „Dritten Welt“, besonders natürlich in der arabischen Welt.

Er schließt: Unter den Bedingungen der Welt nach dem Kalten Krieg und nach dem Kommunismus hat Russland mehr Manövrierraum. Zählt man die zunehmende Zahl in Israel lebender Russen hinzu, dann hat man die Hauptgründe dafür, dass die Beziehungen zwischen Russland und Israel sich beträchtlich intensiviert und verbessert haben. Und das ist für Russland enorm wichtig. Das Land hat nicht viele verlässliche und vertrauenswürdige Verbündeten oder gar Beziehungen – weder in Europa, wo die ukrainische Krise Russland weiter isoliert hat, noch im Nahen Osten.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

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2 Gedanken zu “Die Entwicklung des Antizionismus in der Nachkriegs-Sowjetunion

  1. Cruschtschow und eine Tochter Stalins sagten das er die Juden genau so wie Hitler hasste.

    Putin macht was der Wirtschaft hilft.In Russland werden Protokolle der Weisen auf der Strasse verkauft-auch von Priestern.

    Als Putin sich um gute Beziehungen mit D. kümmerte wurde der Putin Jugend gleichzeitg beigebracht wer ihr Feind ist-die Germanen!Das sagte einer diese Putin Jünglinge ganz offen einem D. Reporter vor laufender Kamera.

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