Der 15. Mai: Nakba oder Niederlage?

Abdulateef Al-Mulhim, Arab News, 14. Mai 2014

Vor ein paar Wochen hörten viele Menschen in der arabischen Welt einen Namen: Joshua Teitelbaum, ein israelischer Senior Fellow am Dayan Center for Middle Eastern Studies und Goldman-Gastprofessor an Stanfords Center on Democracy and the Rule of Law. Ironischerweise sind es die Araber, die ihn berühmt machten.

Er schrieb ein Buch über die Region. Am Anfang lehnten es viele ab das Buch ins Arabische zu übersetzen – wegen seiner Nationalität. Aber es wird berichtet, dass das Buch doch übersetzt wurde. Die Frage ist: Kennen die Araber Israel überhaupt? Die wahrscheinlichste Antwort lautet: Nein. Der Grund dafür ist, dass wir ihre Literatur nicht lesen, aber die meisten israelischen Forscher und Politiker lesen alles, das in der arabischen Welt geschrieben wird. Die Araber sind nicht dafür bekannt viel und ausgiebig zu lesen, ganz zu schweigen von israelischer Literatur oder sie zu übersetzen.

Seit 1948 gilt es nicht als angemessen betrachtet wird, um ein von einem israelischen Autor geschriebenes Buch zu lesen oder zu übersetzen, das uns helfen könnte Israel zu verstehen. Interessanterweise ist es im Fall einer Krankheit ganz in Ordnung ein Mittel zu nutzen, das von einem israelischen Wissenschaftler entdeckt wurde. Was geschah also am 14. Mai 1948?

Es war der Tag, an dem der Staat Israel auf der Weltkarte auftauchte. Kennen wir den Rest der Geschichte? Nein. Wir kennen die gesamte Geschichte nicht, weil wir es gewöhnt sind mit Ereignissen emotional umzugehen. Einen Tag nach dem UNO-Mandat (15. Mai) brach ein langer und blutiger Konflikt aus und nachdem der Staub sich legte, nannten ihn die Araber Nakba oder Tag der Katastrophe. Es war eine Niederlage, aber die Araber entschieden sich, das eine Katastrophe zu nennen. Viele Palästinenser wurden aus ihrem Heimatland vertrieben; ihnen wurde versprochen, sie würden bald in ihre Häuser zurückkehren. Obwohl mehr als sechs Jahrzehnte vergangen sind, muss dieses Versprechen immer noch eingelöst werden. Die Tausende Palästinenser, die aus ihren Häusern flohen, sind zu Millionen geworden.

Jetzt stellt sich die Frage, was wäre, wenn diese Palästinenser das Mandat akzeptiert und sich entschieden hätten Seite an Seite mit den Israelis zu leben. Ich bitte die Leser zu vermerken, dass ich nur eine Frage stelle. Also: Wäre das Schicksal der Palästinenser dasselbe? Der Grund, dass ich frage, ist: Wir lesen Berichte, dass den palästinensischen Flüchtlingen nicht gestattet wird vor den Gräueln in Syrien zu fliehen und im Libanon Zuflucht zu suchen. Das ist eine Verdoppelung der Pein.

Es gibt viele Fakten, die den Palästinensern am 15. Mai 1948 nicht klar waren. Viele von ihnen mussten nicht aus ihren Heimen fliehen. Es heißt, dass es der Mufti (Husseini) war, der sie zur Flucht ermutigte. Am Ende war der Mufti keine beliebte Gestalt im Westen oder der damaligen UdSSR wegen seiner Haltung zu den Nazis. Und ja, es stimmt, dass viele Palästinenser angegriffen und ermordet wurden, aber an diesem Tag war Chaos und alle Seiten bekämpften einander. An diesem Tag hatte Israel keine voll organisierte IDF, also wollen sie die Irgun entwaffnen und als diese ablehnte, griff die IDF eines von deren Schiffen an. Mit anderen Worten: Es gab Verwüstung, doch die Palästinenser hätten weiser handeln können.

Als die Zeit verging wurde den Palästinensern versprochen, dass sie in ihre Häuser zurückkehren würden, doch 66 Jahre später – mit vielen Kriegen und Verlust an menschlichem Leben – geht der Konflikt weiter. Seit dem 15. Mai 1948 bis 1967 bestanden die Palästinenser und alle arabischen Staaten darauf entweder alles Land zu bekommen oder es würde keinen Frieden geben. Im Verlauf wurden die Palästinenser von ihren eigenen Führern benutzt, missbraucht und fehlgeleitet. Die Tortur der Palästinenser wurde für einige aus der palästinensischen Elite eine Maschine zum Gelddrucken. Viele arabische und nicht arabische Länder boten finanzielle Hilfe, doch der Durchschnittspalästinenser erhielt von der Hilfe nichts. Viele der Palästinenserführer werden ein nahe gelegenes Flüchtlingslager in Syrien oder dem Libanon nicht betreten, um den Lebensstandard dort zu sehen, aber sie reisen tausende Kilomater, um in den besten Hotels in Hauptstädten des Auslands zu logieren.

Heute stehen die Friedensverhandlungen still, ohne Licht am Ende des Tunnels. Und wenn die Flüchtlingssituation der Palästinenser nicht gelöst wird, dann wird es keine Lösung des Konflikts geben. Lasst uns aufwachen und geradeaus denken. Wie können die Palästinenser im Gazastreifen und der Westbank ihre Millionen Palästinenser aus den Flüchtlingslagern aufnehmen? Und selbst wenn voller Frieden erreicht wird und die Zweistaatenlösung akzeptiert wird, wie werden wir Millionen Flüchtlinge zurück in ihre Städte und Dörfer bzw. die ihrer Großväter umsiedeln? Der palästinensisch-israelische Konflikthätte am 15. Mai 1948 gelöst werden können, entweder per Akzeptierung des UNO-Mandats oder durch die Aufnahme der Tausenden palästinensischer Flüchtlinge in der arabischen Welt. Heute ist der 15. Mai 2014 und wir stehen nicht wieder am Anfang, sondern wir sind weit davon entfernt. Und schließlich sage ich den Palästinenser: Macht euch nichts vor. Niemand hat je euren Schmerz gefühlt. Seht euch einfach an, was einige Regime der arabischen Welt ihren eigenen Völkern antun. Wenn sie der Schmerz ihrer eigenen Völker nicht kümmert, was soll sie dazu bringen sich um euren Schmerz zu kümmern? In der Vergangenheit hatten die Palästinenser bessere Chancen für Frieden, aber sie lasen nie das Kleingedruckte oder zwischen den Zeilen.

2 Gedanken zu “Der 15. Mai: Nakba oder Niederlage?

  1. Vergangene Woche kam ich in der Fußgängerzone in München an der dort aufgebauten „Nakba-Austellung“ vorbei und kam mit einem deutschen Unterstützer ins Gespräch.
    Dabei kam mir in den Sinn, was die Deutschen wohl sagen würden, wenn in Deutschland eine Organisation eine Ausstellung zusammenstellte, die sich mit der „Deutschen Nakba“ befasst.
    Mit der „Deutschen Nakba“ von 1945. Oder war das keine Nakba? War das für uns Deutsche keine Katastrophe? Oder war das eine „Niederlage als Ergebnis eines Angriffskrieges“?
    Man könnte in einer derartigen Ausstellung alles unterschlagen, was erst zu dieser Katastrophe geführt hat.
    Dann könnte man auf Bildern vorführen die Gräuel an der deutschen Zivilbevölkerung in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in Schlesien, Pommern, Ostpreußen usw.
    Man könnte die Vertreibung der deutschen Bevölkerung (ca. 12 Millionen) anprangern und man könnte die Rückkehr der Vertriebenen einschließlich deren Nachkommen bis in die 3. Generation nach Polen, Tschechien, Russland usw. fordern, wären diese nicht längst integriert.
    (Bei gleicher Vermehrung wie die der palästinensischen Flüchtlinge wären dies ca. 50 Millionen Menschen.)
    Man könnte die „verlorenen“ (annektierten) Ostgebiete wieder zurückfordern. Man könnte mit immer neuen Kriegen und Terroranschlägen versuchen, diese Gebiete wieder zurück zu holen. Noch lebende Omas und Opas könnten mit Schlüsseln zu ihren ehemaligen Häusern in der Hand die Rückkehr fordern.
    Warum geschieht dies alles nicht, keine Ausstellung, keine Propaganda, kein Klagen.

    Freilich gab es auch bei uns Organisationen, die Entsprechendes einige Jahrzehnte lang forderten. Aber am Ende hat sich doch die Vernunft durchgesetzt.
    Man hat eingesehen, dass man nach einem verlorenen Angriffskrieg wohl nicht die Forderung stellen kann, dass die territorialen Verhältnisse vor dem Angriffskrieg wieder hergestellt werden müssen.
    (Im Falle Israel zielten die arabischen Angriffskriege sogar auf die Vernichtung eines Staates ab.)
    Es wäre interessant zu sehen, wer sich gegen eine Ausstellung der „Deutschen Nakba von 1945“ empört aussprechen würde. Vor allem von denen, die sich für die Darstellung der „Nakba der arabischen Bevölkerung in Palästina von 1948“ so vehement einsetzen.

    Die deutsche Niederlage von 1945 war für die Deutschen auch eine Katastrophe, also eine Nakba. Doch eine „selbst Verschuldete“. Erst diese Einsicht ermöglichte den Deutschen den Wiederaufbau, die Integration der Flüchtlinge, den dauerhaften Frieden mit seinen Nachbarn.

    Wie heißt eigentlich „selbstverschuldete Katastrophe“ auf arabisch?

    Könnte man den sich „Palästinenser“ nennenden Menschen nicht mehr helfen, wenn man ihnen aus Deutschland zu dieser Einsicht verhelfen würde, anstatt sie noch mehr hinein zu treiben in falsches Selbstmitleid und Suchen nach Schuldigen bei den Anderen.
    Hätten wir da als Deutsche nicht etwas Positives, etwas Vorbildhaftes vorzuweisen, anstatt Verständnis für Hass und Gewalt zu zeigen und damit Hass und Gewalt zu fördern?

    Rudolf Steger

    • Lieber Rudolf,
      danke für diesen Beitrag. Das ist genau die Situation in der sich die Deutschen 1945 und die Araber 1948 befunden haben.
      Bei uns Deutschen hat sehr schnell die Vernunft gesiegt. Es fiel uns schwer, aber es gelang.
      Warum kann bei den Arabern die Vernunft nicht siegen?
      Herzlich, Paul

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