Erforschung von muslimischem Antisemitismus in Nordamerika

Manfred Gerstenfeld interviewt Steven K. Baum (direkt vom Autor)

Die ADL-Studie Global 100 Survey von 2014 hat auf viele Aspekte des zeitgenössischen Antisemitismus aufmerksam gemacht. Dazu gehören weit verbreitete antisemitische Vorurteile in der muslimischen Welt. Es gibt jedoch wenige Studien, die detaillierte Daten zu muslimischem Antisemitismus bieten. 2009 veröffentlichte ich die erste nordamerikanische Untersuchung, die Grade des muslimischen und des christlichen Antisemitismus verglich.1 Die Stichprobengröße jeder Gruppe betrug 100 Personen. Diese wurde dann mit einhundert jüdischen Nordamerikanern als Ausgangsbasis verglichen.

Steven Baum
Steven K. Baum

Steven Baum ist klinischer Psychologe, der seit über dreißig Jahren in Albuquerque privat praktiziert. Er entwickelte Interesse an der Psychologie von Völkermord und konzentrierte sich dann während der nächsten zehn Jahre auf die Psychologe des Antisemitismus. Er hat zahlreiche Bücher zu Antisemitismus, Völkermord und Hass veröffentlicht und ist Gründer und Herausgeber des „Journal for the Study of Anti-Semitism“.

Aus der Studie wurde klar, dass die befragten Muslime in den USA und Kanada stärker antisemitisch sind als Christen. Die negative jüdische Stereotype befürwortenden mittleren oder durchschnittlichen Testergebnisse lagen – nach statistischer Abtrennung antiisraelischer Gesinnungspunkte – mehr als doppelt so hoch wie die nordamerikanischer Christen. Trennt man Kultur und Religion, dann erwiesen sich arabische Muslime als am antisemitischsten. Arabische Christen und nicht arabische Muslime aus Bosnien und Pakistan waren immer noch, aber weniger antisemitisch eingestellt. Christen der großen nordamerikanischen Kirchen waren überhaupt nicht antisemitisch eingestellt.

Als nächstes versuchte ich diejenigen Schlüsselelemente statistisch zu identifizieren, die oft mit höheren Antisemitismus-Werten in Verbindung stehen. Christliche Antisemiten waren oft Menschen, deren persönliche Erfahrung und Identität bedroht worden war, was Hilflosigkeit und zunehmenden Antisemitismus schuf. Im Gegensatz dazu glaubten Muslime, ihre Erfahrung als Gruppe und Gruppenidentität, d.h. ihre soziokulturellen und religiösen Welten seien ohne Ausnahme von Juden bedroht.

Es gibt jedoch Ausnahmen. Eine Minderheit der Muslime erzielte niedrigere Stufen des Antisemitismus, die den Antisemitismus-Raten ihrer christlichen Pendants nahe kommen. Die am wenigsten antisemitischen Muslime identifizierten sich nicht über ihre soziale Gruppe und deren Gruppenempfinden, sondern entwickelten eine individualisierte persönliche Identität. Sie waren weniger autoritär, weniger angepasst, weniger religiös, dafür psychologisch weiter entwickelt. Diese emotional entwickelten Muslime betrachteten ihre Religionsgruppe nicht als jüdischer Bedrohung ausgesetzt und tendierten manchmal dazu Juden gegenüber mitfühlend zu sein. Solche Befunde stimmen mit Studien zu Rettern während des Holocaust und ähnlicher Völkermorde überein. Schließt man solche Retter aus, deren Motive finanzieller oder politischer Art waren, dann stellten psychologische Untersuchungen fest, dass Retter aus gebildeteren und stärker liberal orientierten Haushalten stammten, die weniger mit traditionellen Standards übereinstimmten, sowie aus solchen, die emotional stärker entwickelt waren.

In dieser Studie identifizierten sich die meisten Muslime stark mit ihrer Gruppe und ihrer Kultur des Hasses gegen Juden. Ob man Schiit oder Sunnit war, machte keinen Unterschied, wenn es um Antisemitismus ging. Beide Gruppen hassten Juden gleichermaßen.

Die sozialen Überzeugungen einer Nation können durchaus pathologisch und wie Aberglaube sein; sie werden oft als überspannt und dumm abgetan. Doch wenn solche Überzeugungen von einer Staatsreligion, der Regierung und der gängigen Kultur unterstützt werden, übernimmt die Durchschnittsperson die gesättigten sozialen Überzeugungen als real. Angesichts der entsprechenden Bedingungen kann man in der Zukunft auf diese Überzeugungen einwirken.

Zu Assimilation mag gehören, dass man Werte, Kleidung und Stil seiner neuen Kultur übernimmt; das eliminiert aber nicht so stark verwurzelte Überzeugungen wie Antisemitismus. In meiner Studie zeigten die muslimischen Antisemitismus-Rankings keinen Rückgang nach mehr Jahren der Ansässigkeit. Es gab sogar leichte Zunahmen.

Wie entwickelt die eigene Identität und Persönlichkeit sind, scheint ebenfalls ein Schlüsselfaktor für Vorurteile zu sein. 2004 begannen die belgischen Forscher Vassilis Saroglou und Philippe Galand Gruppenidentitäten von 246 einheimischen und aus dem Mittelmeerraum eingewanderten muslimischen Jugendlichen zu untersuchen.2 Die Forscher stellten fest, dass muslimische Einwanderer sich von in Belgien geborenen Einheimischen bei einer Reihe psychologischer Test unterschieden: Bei Muslimen wurde starke Religiosität festgestellt; sie waren nicht daran interessiert sich selbst zu untersuchen und waren weniger offen für neue Erfahrungen. Es überrascht nicht, dass diese Eigenschaften statistisch mit Antiamerikanismus korrelieren.

Die Studie legt nahe, dass die antisemitischsten Menschen die am stärksten kulturell und religiös gebundenen sind. Diejenigen, die stärker individualisiert und assimiliert waren, waren weniger antisemitisch. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton sah die Erkenntnisse der Studie in einem Interview vorher, als er gefragt wurde, warum es Entmenschlichung und Gewalt gibt. Seine Antwort war, man müsse „die ältesten und primitivsten Probleme überschreiten, die in unserem Stammessystem, unserer Tendenz über einen natürlichen Stolz auf unsere Gruppe[nidentität] zu finden sind.“3

Es gab zusätzlich noch weitere psychologische Erkenntnisse. Weltoffenheit korrelierte mit weniger Antisemitismus und Christentum. Neurotizismus und Psychosen korrelierten mit stärkeren Stufen von Wut, Autoritarismus, Islam und Arabisch zu sein. Doch auch für aus dem Nahen Osten stammende nordamerikanische Christen gilt, dass sie wahrscheinlich antisemitisch sind. Damit entwickelt sich Antisemitismus nicht immer aus der Religion. Ein wichtiger Faktor ist, wie die eigene Kultur Gift in das Gemisch einbringt.

Baum schließt: Man muss sehr vorsichtig damit sein zu viele Schlussfolgerungen aus der Studie zu ziehen, doch sie bietet uns Ergebnisse, die anzeigen, wo mehr Forschung nötig ist.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 „Christian and Muslim Anti-Semitic Beliefs“ wurde im Journal of Contemporary Religion (2009) 24, S. 137-156 veröffentlicht und ist online verfügbar auf www.stevebaum.com/pdf/Mus-ChrAntisem.pdf.
2
https://www.uclouvain.be/cps/ucl/doc/psyreli/documents/2004.Identity.pdf
3 Bill Clintons Gegenmittel war es zu glauben, dass “unsere gemeinsame Humanität wichtiger ist als eure bedeutendsten Differenzen“. Interview mit dem Filmkritiker Roger Ebert, 18. Dezember 1999.