Der irre Traum von einem toten Weltreich, der die islamistischen Rebellen eint.

Amir Taheri, New York Post, 14. Juni 2014 (übersetzt von Cora)

Sie nennen sich selber die „Armee Gottes“ (Jund Allah) und behaupten, sie würden dafür kämpfen die Menschheit unter dem Banner des Islam als „dem einzig wahren Glauben“ zu vereinen. Um dieses Ziel zu erreichen, glauben sie das islamische Kalifat wieder errichten zu müssen, das theokratische Weltreich, das sich nach Mohammeds Tod 632 entwickelte.

Schüler zur Kalifatsbewegung gibt es unter verschiedenen Bezeichnungen überall auf der Welt, einschließlich den USA. An vielen Orten, von den Philippinen bis Nigeria, über Thailand, Indien, Afghanistan und Syrien haben sie die Waffen erhoben, um sich Teile des Landes als Embryo ihres erträumten Weltreichs einzuverleiben.

In den letzten Monaten hat ein als Da’esh oder „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) bekannter Zweig dieser BewegungGebiete in Syrien erobert. Letzte Woche nutzten sie diese syrischen Basen als Sprungbrett zur Eroberung des Irak, mit dem Erfolg, dass sie nun die Kontrolle über den westlichen Teil von Mossul, der drittgrößten Stadt des Landes, ebenso haben, wie über Teile von Tikrit, der Geburtsstadt von Saddam Hussein.

Zum Besitz der syrischen Gruppe gehört auch die Stadt al-Raqqah. Das hat einen hohen symbolischen Wert, denn über 100 Jahre lang war al-Raqqah die Hauptstadt eines der größten Kalifate. Wenn es Da‘esh gelingt, ihren Besitz in Syrien und dem Irak zu halten, könnten sie ihre Eroberungen ausdehnen, indem sie Teile von Jordanien und dem Libanon einnehmen.

Als Muslime herrschten

map_whem-muslims-ruled

Theoretisch müssen alle praktizierenden Muslime zusammenarbeiten um die Menschheit unter dem Banner des Islam zu vereinen, denn der Koran nennt die beiden vorausgegangenen abrahamitischen Religionen, Judentum und Christentum, „korrupt und überholt“. Andere, wie Hinduismus oder Buddhismus, Atheisten sowieso, werden als „Abweichler“ bezeichnet, die man auf den richtigen Pfad „treiben“ muss.

In der Geschichte gab es sehr unterschiedliche Kalifate, angefangen mit den vier direkten Nachfolgern des Propheten, was etwa drei Jahrzehnte abdeckte. Diese vier Rashidun, oder „recht geleiteten“ Kalifen verbreiteten die Lehre des Islam in alle Richtungen und regierten große Landstriche mit dem Recht der Sharia.

Dem folgte das Omajjaden-Kalifat (661 – 750) war, das – auf Territorium bezogen – das größte war, das der Islam schuf (661 – 750); es erstreckte sich von Spanien bis Pakistan. Die Omajjaden wurden von den Abbasiden abgelöst, die das am längsten währende Kalifat errichteten, von 750 – 1258. Das letzte große Kalifat war das der Osmanen, es dauerte von 1301 – 1922.

constantinople_ottoman-empire
Die Stadt Konstantinopel, das moderne Istanbul, während der Hoch-Zeit des ottomanischen Reiches (1895) Fhoto: Flikr via trialsanderrors

Dazwischen gab es einige Minikalifate, die in den verschiedensten Gegenden der Welt sprossen, wie z.B. das Sokoto-Kalifat in Westafrika (1812).

IRAQ-UNREST-TIKRIT
Das Bild aus einem Propagandavideo zeigt ISIS-Militante. Foto: Getty Images

Für viele Muslime ist die Abschaffung des osmanischen Kalifats durch Atatürk 1924 eine tiefe historische Wunde, die nur durch die Errichtung eines neuen Kalifats, das den „ghazavat“ (Eroberungskrieg) gegen die Ungläubigen, fortsetzt, geheilt werden kann.

Das Ziel der „ghazis“ (muslimischen Eroberer) war jedoch nicht, jemanden mit Gewalt zum Islam zu konvertieren. Tatsächlich waren unter den Omajjaden weniger als 1% der Bevölkerung des Kalifats Muslime. Juden und Christen konnten ihrem Glauben treu bleiben, wenn sie eine Sondersteuer (Jizyah) bezahlten. Die Osmanen erlaubten ihren nicht muslimischen Minderheiten, „mellats“ genannt, alle Freiheiten in persönlichen Angelegenheiten.

Entscheidend ist, dass Nichtmuslime unter der Herrschaft des Islam leben sollten, während das Leben der Muslime unter einem nicht islamischen Recht in den Worten des indo-pakistanischen Islamisten Abu al–Maududi ein „unerträglicher Schmerz“ ist.

Islam als Politik

Tatsächlich ist der Traum der Wiederbelegung des Kalifats das Schlüsselthema, das radikale Islamisten mit normalen Muslimen verbindet. Der Grund dafür ist, dass der Islam im Verlauf des etwa letzten Jahrhunderts von einer Religion immer mehr zu einer politischen Ideologie umgedeutet wurde. So wie der Kommunismus eine Religion war, die ihren Ausdruck in säkularen Begriffen fand, so wurde der Islam eine politische Ideologie, die einen religiösen Deckmantel nutzt.

IRAQ-UNREST
Ein Bild der Jihadistengruppe Islamischer Staat zeigt bei Iras Provniz Niniveh versammelte Militante. Foto: Getty Images

Es mag viele erstaunen, aber die Wahrheit ist, dass der Islam heute keine lebendige und sich fortentwickelnde Religion mehr ist. Tatsächlich findet man die letzten wirklichen Theologen mit wenigen Ausnahmen im frühen 19. Jahrhundert. Geht man heute in eine Moschee, sei es in New York oder in Mekka, wird man eher eine politische Rede zu hören bekommen statt einer theologischen Betrachtung.

In der höchst politisierten Version des von Da‘esh, al-Qaida, den Khomeniisten im Iran, den Taliban in Afghanistan und von Boko Haram in Nigeria verbreiteten Islam, hat Gott bestenfalls einen Gastauftritt. Seiner theologischen Bindungen beraubt, ist der heutige Islam wie ein launisches Boot, das von ambitionierten Abenteurern gesteuert wird, die es in sektiererische Streitereien, Kriege und Terrorismus führen. Viele, vor allem die Muslime in Europa und Nord Amerika, nutzen dies als Erkennungszeichen um ihre Identität und auch Ethnie zu definieren.

IRAQ-UNREST
Die jihadistische Internetseite Welayat Salahuddin postete dieses Foto von ISIS-Militanten, die mit einer typisch jihadistischen Flagge posieren. Foto: Getty Images

Ein Blick auf die Geschichte des Islam der letzten 200 Jahre zeigt deutlich das rapide Verschwinden der Theologen. Heute sprechen die westlichen Gelehrten vom Wahabismus als einer theologische Schule. In Wahrheit war Muhammad Abdul Wahabi eine politische Gestalt. Seine angeblich theologischen Schriften umfassen neun Seiten, in denen er die Verehrung von Schreinen und Heiligen verbietet. Die „Reformer“ des 19. Jahrhunderts, wie Jamaleddin Assadabadi und Rashid Rada waren mehr an Politik denn an Theologie interessiert.

Der verstorbene Ayatollah Khomeini, oft als Theologe bezeichnet, war in Wahrheit ein Politiker, der lediglich ein theologisches Gewand trug. Sein Enkel hat mehr als 100.000 Seiten seiner Schriften und Reden und Gedichte gesammelt. Davon können nur 11 Seiten, die den ersten und kürzesten Vers des Koran behandeln, mit viel Müh und Not als Theologie bezeichnet werden, allerdings ohne große Erkenntnisse.

2prediger
Fernsehprediger Yussuf al-Qaradawi (links) und der Oberste Mullah von Syrien, Ahmad Hassoun Foto: Getty Images; Getty Images

In den 1970er Jahren führte ich einige Unterhaltungen mit Maududi und fand ihn näher an Lenin denn an Mohammed. Die Muslimbruderschaft (Ikhwan al Moslimin), heute eine globale Organisation, hat nicht einen einzigen Theologen hervorgebracht weil sie mehr an der politischen Macht interessiert ist als an Gelehrsamkeit. Heute ist ihr Haupttheologe der Fernsehprediger Yussuf Qaradawi, der dem von der EU finanzierten Fatwa–Rat vorsteht. Der oberste Mufti Syriens, Ahmad Hassoun, ist ein Angestellter des Staates. In Ägypten kontrolliert die Regierung die Al-Azhar, die oberste „theologische Akademie“ des sunnitischen Islam.

Auf dem indo-pakistanischen Subkontinent ebenso wie in Indonesien sind die prominentesten Vertreter des Islam eher Politiker als Theologen. Selbst die besten von ihnen, wie Mujibur Rahman in Bangladesh, Abdul-Rahman Wahid und Nurcholis Madjid in Indonesien verfolgen statt einer theologischen eine politische Karriere.

Im schiitischen Iran endete die genuin theologische Arbeit mit Leuten wie Kazem Assar und Allameh Tabatabai. Mullah Omar, der Anführer der Taliban, welcher sich selber als Befehlshaber der Gläubigen (Emir al-Momenin) bezeichnet, hat nicht eine einzige theologische Seite produziert.

File Mullah Omar
Der afghanische Talibanführer Mullah Omar. Foto: EPA

Dass dieser überpolitisierte Islam ein politisches Programm von globalen Dimensionen pflegt, ist nicht erstaunlich. Eine Untersuchung der Papiere, die von den Kalifatserweckern, einschließlich der Tanzim Islami (Islamische Organisation), der Muslimbruderschaft, der vom Iran geführten Hizbollah und der Islamischen Befreiungsorganisation (Hizb al Tahrir al-Islami) beleuchtet ihre Vision der Welt. Nach dieser Vision sind die Menschen durch den abweichenden Judaismus und das Christentum auf den „Pfad des Verderbens“ geführt worden, gefolgt von Aufklärung und Demokratie.

Irans ehemaliger Präsident Mohammed Chatami behauptete, die Aufklärung sei für Kriege, Kolonialismus und den Zusammenbruch aller moralischen Standards verantwortlich. Malaysias ehemaliger Präsident Mahathir Muhammed beschuldigt die Juden, die Demokratie erfunden zu haben, so dass es „egal ist, welche Religion der Herrscher hat“.

Muslime werden aufgefordert damit anzufangen sich vor den Einflüssen und der Politik des Westens zu schützen. Im Iran ordnet der „oberste Führer“ Ali Chamenei immer wieder Überfälle auf Geschäfte an, die westliche Pop–Musik und Filme verkaufen. In Nigeria attackiert Boko Haram (der Name bedeutet Bildung ist verboten) vor allem Schulen nach westlichem Vorbild, vor allem die für Mädchen. Genauso wie im Iran während der revolutionären Phase haben Da’esch-Banden in von ihnen eroberten syrischen Städten Schulen, Buchläden und Kinos abgebrannt.

3-fuehrer
von links: der ehemalige iranische Präsident Mohammed Kathami, der ehemalige malaysische Premierminister Mahathir Muhammed, und Irans „Oberster Führer“ Ayatollah Ali Khamenei. Iran’s “Supreme Guide” Ayatollah Ali KhameneiPh Foto: Reuters; Reuters; Getty Images

Wie sie die Welt sehen

Diese Erweckungsprediger teilen die Welt in drei Teile. Der erste umfasst die 57 Länder mit muslimischer Mehrheit, die die Organisation der islamischen Länder bilden. Sie sollen den Kern des Kalifats bilden, von dem sie träumen.

Der nächste Teil umfasst Länder und Gebiete, die einmal – und sei es noch so kurz – von Muslimen beherrscht wurden. Dieser Teil umfasst Russland von Sibirien bis zum Schwarzen Meer, einschließlich der Krim, Bulgarien, Rumänien, Teile von Polen und Ungarn, den Balkan, Griechenland und alle Inseln im Mittelmeer, Teile von Italien, dazu die gesamte spanische Halbinsel und Teile Südwest-Frankreichs. Dazu muss man noch den Norden Indiens und China östlich von Lanzhou zählen. Dieser zweite Teil muss so schnell wie möglich zurückerobert werden.

NIGERIA-UNREST-ATTACK
Boko Haram-Führer Abu-Bakr Shekau in einem im Mai hochgeladenen Video. Foto: Getty Images

Der dritte Teil besteht aus Regionen und Ländern, die nie unter der Herrschaft der Muslime standen. Dazu gehören Japan, der größte Teil von Indochina, und – ganz wichtig – der gesamte amerikanische Kontinent. Diese letzte Gruppe von Nationen wird aufgefordert Tribute an das wiederbelebte islamische Kalifat zu zahlen, dafür dürfen sie ihre Unabhängigkeit behalten, bis zur nächsten Runde der bevorstehenden ghazavat.

Tatsächlich behaupten einige Islamisten, dass die Vereinigten Staaten dem Islam gegenüber schon Tribut zahlen, weil sie muslimischeb Piraten an der Berberküste (Nordafrika) eine jährliche Summe zahlten , ein Projekt, das später von Präsident Thomas Jefferson beendet wurden.

Eine Frage bleibt übrig: Wer wird Kalif sein?

In den 1930ern versuchten die Könige von Saudi Arabien und Ägypten sich das Kalifat anzueignen.

Da’esh-Führer Abubakr al-Baghdadi hat den Titel schon für sich beansprucht, ebenso Mullah Omar in Afghanistan. Im Iran erhebt Chamenei ähnliche Ansprüche. Der nigerianische Abu-Bakr Shekau wird von der Boko Haram und deren Schwestergruppe Ansar ul-Islam (Sieger des Islam) im Namen des panafrikanischen Islams als Kalif anerkannt.

IRAQ-UNREST
ISIS-Militante, die angeblich an einer Militärparade teilnehmen, nachdem sie die Stadt Mossul eroberten. Foto: Getty Images

Der einzige, der diesen Titel tatsächlich beansprucht haben könnte, war Ertugul Osman, der letzte Nachkomme des letzten osmanischen Kalifen. Doch er starb 2009 in Manhattan und hinterließ keinen männlichen Erben.

IRAQ-UNREST
ISIS-Militante schwenken die jihadistische Flagge. Foto: Getty Images

Für die meisten Außenstehenden dürfte dieses Kalifat–Projekt nach Hirngespinst klingen. Und auf lange Sicht ist es das auch ganz sicherlich. Doch auf kurze und mittlere Sicht ist es das Rezept für Konflikte, Kriege und Terrorismus, dazu angelegt niemanden zu verschonen, angefangen mit den Muslimen, die zu tausenden sterben.

Was könnte die Außenwelt, vor allem die Vereinigten Staaten, tun um dieses Monster zu zähmen und zu besiegen?

Wie immer lautet die Antwort den muslimischen Staaten zu helfen Demokratien zu aufzubauen, in denen der Islam wieder eine Religion statt eine politische Ideologie zu werden. Das ist ein langfristiges Projekt, eine ernst gemeinte Verpflichtung und viel Geduld benötigt.

Viel schneller aber müssten die USA alles ihnen mögliche tun, um die Da‘esh und ihre saddamistischen Verbündeten davon abzuhalten den Irak zu destabilisieren. Das hieße Drohnenangriffe auf die Positionen der Da‘esh, logistische Unterstützung, um irakische Eliteeinheiten auf das Schlachtfeld zu bringen und energische politische Aktionen, um die irakischen Parteien zu überzeugen eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden.

2 Gedanken zu “Der irre Traum von einem toten Weltreich, der die islamistischen Rebellen eint.

  1. allerdings besteht ein Risiko, Muslime gegen Muslime auszuspielen… Daher kann man den irakischen Eliteeinheiten auch nicht wirklich trauen. Aber auf dem Schlachtfeld sind sie bestimmt nützlich gegen Jihadisten. Wie war das noch mit einer Weisheit in der Brandbekämpfung? Eine Feuerlinie gegen das „Wildfeuer“ mag ja kontrollierbar sein, aber die Geschichte zeigt, wie die hochgepäppelten muslimischen Schoßhunde selbst zur Meute wurden…
    Das bedeutet: Nach getätigter Drecksarbeit wendeten sie sich gegen ihre Dresseure und übernahmen als eine weitere Hunta die tyrannische Macht. Null gut. Ich sage: Der einzig richtige Weg ist, wenn der Westen als Allianz die islamifizierten Länder erobert und ein für alle Male den Zirkus beendet, um die Muslime endlich zu konstruktiven Menschen zu erziehn.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.