Der Ausbruch von Antisemitismus und Antiisraelismus in den Niederlanden

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die beste Möglichkeit eine Zwischenbewertung der wichtigen Aspekte des jüngsten Ausbruchs an Antisemitismus und Antiisraelismus in Europa vorzunehmen, besteht darin, sich auf ein einzelnes Land zu konzentrieren. Die Niederlande bieten da aus mehreren Gründen ein gutes Beispiel. In Frankreich z.B. überschattet die hauptsächlich von Muslimen begangene extreme Gewalt gegen Juden alle anderen Aspekte des Judenhasses. Daher ist es in Frankreich weit schwieriger seine vielen Aspekte zu erfassen.

Die Explosion des Antisemitismus in den Niederlanden hat sich bisher hauptsächlich in Drohungen und Hass im Internet manifestiert. Auch war Hass physisch auf der Straße zu erleben. Nach Angaben einer Quelle, die sich um die Sicherheit jüdischer Bürger kümmert, sind im südlichen Amsterdam Autos mit Hakenkreuzen beschmiert worden. Viele jüdische Familien haben ihre Mesusen – eine Pergamentrolle, die sie als Juden identifizierbar macht – vom Türrahmen entfernt, um nicht Ziel von Gewalt zu werden.1

Mindestens fünfzehn jüdische Geschäftsleute haben Wachleute eingestellt. Einer davon ist Roland Kahn, ein bekannter Textilunternehmer. Er sagt, er ist mit Rufen beleidigt worden; man nannte ihn einen dreckigen Juden. Selbst seine marokkanischen Angestellten werden von anderen Marokkanern bedroht, weil sie für ihn arbeiten. Es gibt außerdem Drohungen gegen seine Geschäfte. Kahn fügte hinzu, dass sowohl seine Tochter als auch seine Partnerin (mit muslimischem Hintergrund) bedroht werden.2

Der Meldpunt Discriminatie Internet (MDI) beobachtet Antisemitismus im Internet und hat veröffentlicht, dass er in den siebzehn Jahren seines Bestehens noch nie so viele Beschwerden wegen Antisemitismus bekommen hat. Gewöhnlich gibt es zwei oder drei solche Vorfälle pro Woche. In den letzten Tagen haben sie zwanzig bis dreißig Beschwerden pro Tag erhalten.3

Nach Beginn der israelischen Kampagne im Gazastreifen wurde ein Stein durch das Fenster des Hauses von Oberrabbiner Binyomin Jacobs geworfen. Er sagt, das ist das fünfte Mal, dass dies in den letzten zwei Jahren geschah. Jacobs merkt an: „Die Botschaft ist offensichtlich. Ich bin wahrscheinlich zu sehr pro-Israel, ich bin Jude und ich bin ein Oberrabbiner. Es wäre infantil, würde ich die Verbindung nicht sehen.“4

Jacobs beschwerte sich auch, dass die christlichen Kirchen keine Solidarität mit den niederländischen Juden gezeigt hätten. Er sagte, wenn Protestanten einen Stein durch das Fenster eines katholischen Bischofs geworfen hätten, hätte er bei den Protesten derer, die diese Tat verurteilten, in der ersten Reihe gestanden. Erst danach reagierte der Schlüsselleiter der großen protestantischen Dachorganisation PKN, Pastor Arjan Plaisier. Er bat Jacobs in den Niederlanden zu bleiben.5 Das war auch typisch für andere europäische Länder: dass Juden die Initiative ergreifen und Kirchenorganisationen auffordern mussten Solidarität zu zeigen, statt sie von ihnen aus eigenem Antrieb zu bekommen. Zur PKN gehören auch mehrere Organisationen extrem antiisraelischer Aufwiegler.

In mehreren niederländischen Städten haben antiisraelische Demonstrationen stattgefunden. Nominell steht man dabei für die Bürger des Gazastreifens ein. Der Konflikt findet allerdings zwischen der Demokratie Israel und der völkermörderischen Terrororganisation Hamas statt, die in ihrem Parteiprogramm für den Massenmord an Juden wirbt. Fakt ist, dass diese Demonstrationen indirekt eine palästinensische Islamonazi-Bewegung unterstützen. Der Vorkriegsvorgänger der Hamas, Hadsch Amin al-Husseini, Mufti von Jerusalem, war seinerzeit der wichtigste palästinensisch-arabische Führer. Während des Zweiten Weltkriegs rühmte er die Gleichartigkeit der Werte seiner Vision des Islam als Ganzem und des Nationalsozialismus.6

Die Hauptexzesse gab es während antiisraelischer Demonstrationen in Den Haag. Es gab mehrere Flaggen der ISIS, der kriminellsten der vielen muslimischen Terrororganisationen. Außerdem gab es Jihad-Flaggen und Schilder, die israelische Flaggen mit dem Hakenkreuz gleichsetzten. Der niederländische Staatssender NOS war gezwungen zuzugeben, dass er absichtlich diese Bilder aus seiner Sendung über die Demonstration ausgespart hatte.7

Nach einer weiteren antiisraelischen Demonstration berichtete der Bürgermeister von Den Haag, Jozias van Aartsen, fälschlich, es habe dort keine Gesetzesverstöße gegeben. Es wurde eine Petition für seine Entlassung in Gang gesetzt. Am 31. Juli hatten siebzehntausendfünfhundert Menschen unterschrieben und sie wurde an die niederländische Regierung geschickt.8 Van Aartsen war niederländischer Außenminister, als Arafat im September 2000 die zweite Intifada begann. Im Mai 2001 pries Van Aartsen Arafat und kritisierte Israel.9

Shimon Samuels, Direktor für internationale Beziehungen des Simon Wiesenthal-Zentrums, schrieb in einem Brief an Van Aartsen, dass der Arabisch sprechende Polizist oder Übersetzer, der an der antiisraelischen Demonstration teilnahm, gelogen hatte, (als er sagte) es habe keine illegalen Vergehen gegeben.10 In der Vergangenheit hat es gelegentlich Vorwürfe gegeben, dass Übersetzer z.B. bei Asylfällen absichtlich falsch übersetzten, was die Befragten sagten. Diesmal wurde ein Übersetzer auf frischer Tat ertappt. In einem früheren Brief an Premierminister Mark Rutte hatte Samuels bereits diese Probleme aufgebracht.11

Mehrere niederländische muslimische Leiter, die fälschlich als moderat angesehen werden, sind als indirekte Unterstützer der Hamas geoutet worden. Zu diesen gehört Fatima Elatik, eine Politikerin der Arbeitspartei aus Amsterdam, die an einer der Demonstrationen in Den Haag teilnahm.12 Mehrere Juden versuchten hinterher ihr Verhalten zu beschönigen, weil Elatik in der Vergangenheit geholfen hatte das Aufräumen eines jüdischen Friedhofs zu finanzieren. Das kann aber nicht als Ausgleich für die Teilnahme an einer Versammlung angesehen werden, die die Islamonazis der Hamas unterstützt.

Die niederländische Regierung ist seit vielen Jahren schon oft vor den antisemitischen Problemen gewarnt worden. Es hat eine Reihe Debatten im Parlament gegeben. Eine folgte der Veröffentlichung meines Buch „Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland“ (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden) im Jahr 2010. Darin zitierte ich einen ehemaligen Minister und Leiter der Liberalen Partei, Frits Bolkestein. Er riet den jüdisch Aktiven ihren Kindern zu sagen, sie sollten die Niederlande in Richtung Amerika oder Israel verlassen. Als Grund gab er an, dass es so viele nicht integrierte muslimische junge Leute in den Niederlanden gibt, die ihnen Probleme bereiten würden.13

Im April 2013 traf der stellvertretende Dekan des Simon Wiesenthal-Zentrums, Rabbi Abraham Cooper, den stellvertretenden Premierminister Lodewijk Asscher von der Arbeitspartei, um mit ihm den starken Antisemitismus und Antiisraelismus in den Niederlanden zu diskutieren.14 Cooper lenkte die Aufmerksamkeit auf eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2011, die feststellte, dass mehr als 38% der Niederländer über sechzehn Jahre fälschlich der Äußerung zustimmten, Israel lösche die Palästinenser aus.15 Asscher sagte, er habe von dieser Studie nichts gehört, worauf Cooper sie ihm schickte. Es gab fast ein Jahr lang keine Reaktion.

Ende 2013 wurde das Thema in einer Debatte im niederländischen Parlament aufgebracht. Asscher reagierte damit, diese Ergebnisse Besorgnis seien erregend und inakzeptabel, schlug aber kein Handeln vor. Danach schrieb Cooper ihm und lenkte die Aufmerksamkeit ebenfalls auf die Tatsache, dass die Niederlande das einzige Land in Westeuropa waren, das sein Versagen seiner Regierungen im Londoner Exil im Zweiten Weltkrieg weder zugegeben noch sich dafür entschuldigt hatte.16 Asscher antwortete mit der Wiederholung, dass der Antisemitismus und der Antiisraelismus inakzeptabel seien. Aus seinem Brief war klar, dass die niederländische Regierung nicht die Absicht hatte irgendetwas gegen den weit verbreiteten, extremen Antiisraelismus zu tun.17 Coopers Ersuchen vom März nach einem neuen Treffen, um diese negative Antwort zu diskutieren, ist von Asscher noch nicht beantwortet worden.18

Das oben Angeführte ist eine kleine Auswahl dessen, was in den Niederlanden in Sachen Juden und Israel zunehmend falsch läuft. Es illustriert einmal mehr, das die nicht selektive Masseneinwanderung von Muslimen in den Niederlanden wie andernorts in Europa für Juden das negativste Ereignis der Nachkriegszeit ist. Es zeigt zudem die weiterhin fehlende Bereitschaft der niederländischen Behörden den weitverbreiteten Antisemitismus und Antiisraelismus der Landes zu thematisieren.

  1. Manfred Gerstenfeld ist der ehemalige Vorsitzender vom Jerusalem Center of Public Affairs.

 

1 ANP: Nederlandse Joden bedreigt om conflict Israël. Volkskrant, 26. Juli 2014.
2 Gerda Frankenhuis: Nederlandse Jode huren bewaking in. De Telegraf, 26. Juli 2014.
3 Record aantal meldingen antisemitisme. Radar, 28. Juli 2014.
4 ANP: Raam ingegooid bij huis van opperrabbijn. Volkskrant, 17. Juli 2014.
5 Opperrabbijn Jacobs: Kerken doen niets tegen Jodenhaat. Reformatorisch Dagblad, 28. Juli 2014.
6 Matthias Küntzel: Dschihad und Judenhass. Freiburg, ça-ira-Verlag, 2003, S. 39.
7 Servaas van der Laan: NOS geeft toe: censuur hakenkruizen bij anti-Israëlprotest. Elsevier, 15. Juli 2014.
8 Eis het ontslag van Jozias van Aartsen. Petities24.com
9 Van Aartsen tevreden na gesprek met Arafat. Trouw, 9. Mai 2001
10 Dr. Shimon Samuels Brief an Bürgermeister Jozias van Aartsen, 28. Juli 2014.
11 ebenda
12 Tonen nazivlag bij demo „schandalig“. De Telegraaf, 14. Juli 2014.
13 Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (van Praag) 2010, S. 109.
14 Arutz Sheva Staff: Dutch Newspaper Utilizes Nazi Images to Defame Israel. IsraelNationalNews.com, 26. April 2013.
15 library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.
16 Rabbi Abraham Cooper, Brief an den stellvertretenden Premierminister Asscher, 6. Februar 2014, TS.
17 Lodewijk Asscher, Brief an Rabbi Abraham Cooper, 19. Februar 2014, TS.
18 Rabbi Abraham Cooper, Brief an den stellvertretenden Premierminister Asscher, 13. März 2014, TS.