Niederländischer Antisemitismus: Juden fragen sich, wie ihre Zukunft aussehen wird

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In den Niederlanden dauern antisemitische Vorfälle an und haben weiter Einfluss. Vor kurzem wurde eine Frau angegriffen, weil sie an ihrem Balkon im östlichen Amsterdam eine Israelflagge aufgehängt hatte. Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, gebrochene Rippen und Prellungen im Gesicht. Die Kriminellen nannten sie „eine Scheißjüdin“, bewarfen sie mit einem brennenden Stock und schlugen sie in den Bauch. Männer drohten ihr früher schon, sie würden „ihr die Kehle aufschlitzen“. Nun wird Polizei vor ihrem Haus stationiert worden um sie zu schützen.1 Einer anderen Frau, die eine Israel-Flagge an ihrem Balkon hatte, wurde ein Stein durch das Fenster geworfen. Später warf jemand einen Molotowcocktail nach ihrem Balkon, der aber von fort auf den ihrer türkischen Nachbarin unter ihr fiel, die eine Palästinenserflagge aufgehängt hatte.2

Mindestens fünfzehn bis zwanzig jüdische Geschäftsleute haben, nachdem sie Drohungen erhielten, Personenschützer eingestellt. Roland Kahn, der Inhaber einer Modekette, erzählte den Medien von den vielen Drohungen, die er erhalten hat. „Ich werde nicht nur dreckiger Jude genannt und mit dem Tod bedroht; auch meine Geschäfte sind angegriffen worden. Meine in den USA lebende Tochter als auch meine Freundin, die einen muslimischen Hintergrund hat, werden ebenfalls bedroht. Einer Reihe marokkanischer Angestellter wurde auch gedroht, weil sie für mich arbeiten.“3

Langfristig haben jedoch die Äußerungen von Oberrabbiner Jacobs in einer Fernsehsendung und gegenüber den Medien größeren Einfluss. Er erklärte, dass eine steigende Zahl jüdischer Familien die Niederlande wegen des ansteigenden Antisemitismus verlassen will. Der Oberrabbiner erklärte, dass sie sich nicht sicher fühlen und auf der Straße bedroht und beleidigt werden. Er zitierte eine bestimmte jüdische Einzelperson, die sagte: „Meine Eltern haben genug gelitten. Soll ich auch leiden?“ Jacobs fügte hinzu, dass er sich gefragt habe, ob es für ihn sicher sei in den Niederlanden zu bleiben, aber zu dem Schluss kam, dass er bleiben muss, weil der Kapitän das Schiff als letzter verlässt.4 Die Jewish Telegraph Agency interviewte Jacobs später und ließ so seine Äußerung vielen jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt zukommen.5

Das Thema, ob die Zukunft der Juden in den Niederlanden infrage steht, ist nicht neu. Ein einzelner Absatz in meinem Buch von 2010 „Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland“ (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden) führte dort zu einer großen öffentlichen Diskussion Ich zitierte Frits Bolkestein, ehemaliger Parteichef der Liberalen, Verteidigungsminister und EU-Kommissar, einen der angesehensten Politiker des Landes. Er sagte mir, die Juden sollten erkennen, dass es für sie in den Niederlanden keine Zukunft gibt. Sie sollten daher ihren Kindern raten in die USA oder nach Israel auszuwandern. Bolkestein kam zu diesem Schluss, weil er für die Niederlande infolge der verfehlten Einwanderungspolitik mit hauptsächlich muslimischen Immigranten und den dadurch für diejenigen, die sich mit dem Judentum identifizierten, geschaffenen Problemen eine fragliche Zukunft vorhersah.6

Während Bolkesteins Bemerkungen eher nachdenklicher Natur waren, hat Jacobs öffentlich über die aktuelle Lage innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gesprochen. Jacobs Worte sind eine sachliche Aussage dazu, in welchem Maß innerhalb dieses Jahrhunderts das Umfeld in den Niederlanden verfallen ist. Wäre der Oberrabbiner ein Persönlichkeit aus der Politik gewesen – was er nicht ist – hätte er hinzufügen können: „Die Vorfahren der meisten niederländischen Juden haben hier seit hunderten von Jahren gelebt. Ihr habt eine große Zahl Einwanderer aus muslimischen Ländern, wo Antisemitismus grassiert, ohne irgendeine Selektivität in die Niederlande gelassen; niederländische Juden zahlen dafür jetzt einen großen Preis. Was sagt uns das darüber, wie dieses Land in den letzten Jahren geführt wurde?“

Derweil sind weiterhin Muslime die dominierenden Teilnehmer bei den andauernden antiisraelischen Demonstrationen. Abdoe Khoulani, ein muslimisches Mitglied des Stadtrats von Den Haag – hat (auf Facebook) die Hoffnung geäußert, dass die „zionistische Siedlung Israel von einem Tsunami Allahs getroffen wird“. Er hofft auch, dass David Ben Gurion, Israels erster Premierminister, „in der Hölle brennen“ wird. Früher schon hatte er Unterstützung für die muslimisch-terroristische ISIS-Bewegung zum Ausdruck gebracht.7

Die Dachorganisation der jüdischen Gemeinschaft, CJO, bat den Premierminister um ein Treffen. Bei diesem waren auch zwei weitere Minister anwesend. Daraus entstand eine Erklärung, die veröffentlicht wurde, aber die Wahrheit zu Ungunsten der jüdischen Gemeinschaft verzerrte.8 Darin hieß es, dass Ereignisse in der Welt zu Spannungen zwischen den Gemeinschaften führen können. Wäre die Erklärung ehrlich gewesen, hätte sie gesagt, dass die Wurzel der Spannungen in den Niederlanden die Aggression und der Hass gegen die jüdische Gemeinschaft sind, die hauptsächlich aus Teilen der muslimischen Gemeinschaft entspringt. In der Erklärung hieß es außerdem, „Demokratie“ bedeutet, dass Demonstrationen erlaubt werden müssen.

Der Text hätte auch fairer formuliert werden können, indem man hinzufügt: „selbst wenn diese Demonstrationen indirekt eine Völkermord betreibende muslimische Bewegung unterstützen.“ Diese Äußerung pries außerdem namentlich eine bestimmte muslimische Organisation, die die Muslime auffordert die Juden zu tolerieren. Der gemeinsame Text jedoch verurteilte weder einzelne Muslime noch die Vielzahl muslimischer Organisationen, die die Islamo-Nazis der Hamas unterstützen.

Wie andernorts in Europa geben die Ereignisse in den Niederlanden die Vorahnung einer unangenehmen Zukunft. Was bezüglich der Juden und Israel in den Vordergrund getreten ist, kann als Prisma auf die zeitgenössische niederländische Gesellschaft beschrieben werden. Die aus Teilen der muslimischen Gemeinden kommenden und sich von dort heraus entwickelnden Probleme sind noch größer als bisher geglaubt. In der Vergangenheit verließen Jihadisten die Niederlande, um im Nahen Osten zu trainieren und zu kämpfen. Heute sind Islamo-Nazis in der niederländischen Öffentlichkeit offen sichtbar. So genannte „moderate Muslime“ sind auf Demonstrationen marschiert, die eine von mehreren ideologisch völkermörderischen muslimischen Bewegungen im Nahen Osten unterstützen. Darüber hinaus gibt es unter niederländischen Muslimen wenig Kritik an den entsetzlichen Ereignissen, die sich aus ihren eigenen Gemeinschaften heraus entwickeln.

Mehrere niederländische politische Parteien schwiegen angesichts der öffentlichen Aufrufe muslimischer Demonstranten in den Niederlanden zur Ermordung der Juden so weit wie möglich, um das Thema der von Muslimen im Ausland begangenen Massenmorde nicht zu berühren. Bei den niederländischen Wählern zu punkten spielt dabei eine wichtige Rolle. Diese Ereignisse sind Zeichen der Bereiche zunehmenden moralischen Niedergangs innerhalb der Niederlande, deren internationales Image langfristig schlussendlich die zunehmend korrodierte innenpolitische Realität spiegeln wird.

  1. Manfred Gerstenfeld ist der ehemalige Vorsitzende des Jerusalem Center of Public Affairs.

 

1 Amsterdam woman injured in second assault over Israeli flag. JTA, 1. August 2014.
2 Tom Reiner: Joodse Amsterdammer bedreigd na ophangen Israelische vlag. Elsevier, 30. Juli 2014 (in Niederländisch).
3 Nederlandse joden voelen zich bedreigd. RTVNH, 26. Juli 2014 (in Niederländisch).
4 Joodse gezinnen weg uit Nederland. Een Vandaag, 2. August 2014 (in Niederländisch).
5 Cnaan Lipshiz: After fifth attack at home, a Dutch chief rabbi says he’d leave if not job. JTA, 5. August 2014.
6 Manfred Gerstenfeld: Het Verval: Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (Van Praag) 2010, S. 109. [in Niederländisch]
7 Robin de Wever: Omstreden Haags raadslid wenst een tsunami over Israel. Trouw, 15. Juli 2014. [in Niederländisch]
8 Gemeenschappelijke verklaring na overleg kabinet met Joodse organisaties. Christelijk Nieuws, 6. August 2014. [in Niederländisch]