Obamas seltsamer Wutanfall

Ruhig, wenn es um Putin, ISIS oder die Hamas geht, aber ein Wutanfall bei Israel

Bret Stephens, Wall Street Journal, 1. September 2014

Barack Obama “hat wegen der israelischen Regierung ‚einen Wutanfall’ bekommen, sowohl wegen ihres Handelns als auch wegen ihres Umgangs mit seinem Chefdiplomaten, US-Außenminister John Kerry“. Das berichtet die Jerusalem Post auf Grundlage der Aussage von Martin Indyk, bis vor kurzem Sondergesandter des Präsidenten für den Nahen Osten. Der Gaza-Krieg, fügt Indyk hinzu, hat „einen sehr negativen Einfluss“ auf Jerusalems Beziehungen zu Washington gehabt.

Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen: Einen Wutanfall bekommen. Nicht „alarmiert“, oder „besorgt“ oder „irritiert“ oder auch nur „erzürnt“. Zorn ist ein Gefühl. Wut ist ein Rausch. Zorn geht vorbei. Wut nährt sich selbst. Zorn ist konkret. Wut ist obsessiv, neurotisch.

Und Herr Obama – nein: Drama-Obama, der Präsident, der stolz auf seine Coolness ist, ein Mann, dessen emotionaler Abstand seine intellektuelle Stärke erklären soll – ist wutentbrannt. Wegen Israel. Das gerade in einem 50-tägigen Krieg von mehreren Tausend ungelenkten Raketen und mehr als 300 Terrortunneln, der erzwungenen Schließung eines seiner wichtigen Flughäfen, „Völkermord“-Vorwürfen durch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, antisemitischen Protesten in ganz Europa, allgemeiner Verdammung überall in der Welt getroffen worden ist. DAS ist das Land, das Objekt der Wut des Präsidenten ist.

Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen: In dem Sommer, in dem Herr Obama wegen Israel „einen Wutanfall“ bekam, eroberten Terroristen des Islamischen Staats Mossul und schlachteten schiitische Soldaten in offenen Gruben; russische Separatisten schossen ein ziviles Verkehrsflugzeug ab; die Hamas exekutierte 18 „Kollaborateure“ an hellichtem Tag; Bashar Assads Streitkräfte in Syrien waren nahe daran Aleppo einzukesseln, um die Stadt in die Unterwerfung zu hungern; einem mutigen amerikanischen Journalisten wurde von einem britischen Jihadisten auf YouToube die Kehle durchgeschnitten; russische Truppen drangen offen in die Ukraine ein; und chinesische Jets bedrängten US-Überwachungsflugzeuge über internationalen Gewässern.

Herr Obama oder seine Administration reagierten auf diese Ereignisse mit verschiedenem Grad an Betroffenheit, Tadel und Entrüstung. Aber Wut?

Hier spricht z.B. der Präsident Anfang August mit Tom Friedman von der New York Times über Russland und die Ukraine:

[Putin] eine Ausfahrt zu schaffen wird eine größere Herausforderung. Gleichwohl denke ich, dass es uns immer noch möglich ist, wegen der effektiven Organisation, die wir mit den Europäern um die Ukraine gebaut haben, und dem echten Biss, den die Sanktionen auf die russische Wirtschaft gehabt haben, so dass wir zu einer fairen Übereinkunft kommen können, in der die ukrainische Souveränität und Unabhängigkeit immer noch anerkannt wird, aber auch anerkannt wird, dass die Ukraine historische Bande zu Russland hat, die Mehrheit ihres Handels findet mit Russland statt, riesige Teile der Bevölkerung spricht Russisch und sie werden nicht von Russland abgetrennt werden. Und wenn wir das tun, sollte ein Handel möglich sein.“

Das ist noch nicht einmal eine Verurteilung. Es ist eine Entschuldigung. Bei Herrn Putin. Benjamin Netanyahu sollte richtig glücklich sein.

Jetzt lassen Sie sich durch den Kopf gehen, was genau den Präsidenten an Israels Verhalten so wütend gemacht hat. „Sein Handeln und seine Behandlung seines Chefdiplomaten.“

Handeln? Die Hamas begann im Juni Raketen nach Israel zu schießen, womit sie den Waffenstillstand brach, dem sie am Ende des letzten Krieges im November 2012 zugestimmt hatte. Der letzte Krieg begann am 7. Juli ernsthaft, als die Hamas 80 Raketen auf Israel schoss. „Kein Land kann auf seine Zivilisten gezieltes Raketenfeuer akzeptieren“, sagte Josh Earnest, Sprecher des Weißen Hauses, am nächsten Tag, „und wir unterstützen Israels Recht sich gegen diese bösartigen Angriffe zu verteidigen.“

Am 15. Juli akzeptierte Israel die von Ägypten formulierten Bedingungen einer Waffenruhe. Die Hamas verletzte diese, indem sie 50 Raketen auf Israel schoss. Am 17. Juli akzeptierte Israel ein fünfstündige Waffenruhe. Die Hamas verletzte diese wieder. Am 20. Juli gestattete Israel ein zweistündiges medizinisches Fenster im Viertel Shujaiyah. Hamas verletzte es. Am 26. Juli kündigte die Hamas eine eintägige Waffenruhe an. Sie brach dann ihre eigene Waffenruhe. Am 28. Juli stimmte Israel einer Waffenruhe zum muslimischen Feiertag Id al-Fitr zu. Die Raketenangriffe gingen weiter. Am 1. August akzeptierte Israel eine von den USA vorgeschlagene Waffenruhe. Die Hamas verletzte sie innerhalb von 90 Minuten. Am 5. August stimmte Israel den Bedingungen Ägyptens für eine weitere dreitätige Waffenruhe zu. Hamas verletzte sie mehrere Stunden, bevor sie auslief, nachdem Israel ankündigte, es würde einer Verlängerung zustimmen.

Hätte die Hamas auch nur eine dieser Waffenruhen eingehalten, hätte sie palästinensisches Leben retten können. Sie tat es nicht. Herr Obama hatte einen Wutausbruch – aber nicht wegen der Hamas.

Was Israels angebliche schlechte Behandlung von Herrn Kerry angeht, sollte der Präsident Ben Birnbaums und Amir Tibons Bericht die Missgeschicke seines Ministers in der Ausgabe der New Republic vom 20. Juli lesen. Es handelt sich um das Porträt eines Diplomaten mit den Fähigkeiten und Stil, doch nicht dem Erfolg eines Inspektors Clouseau. Herr Obama sollte auch die Einschätzung der Kerry-Diplomatie durch den Ha’aretz-Kolumnisten Ari Shavit lesen: „Die Obama-Administration“, schrieb er im Juli, „erwies sich einmal mehr als der beste Freund seiner Feinde und der größte Feind seiner Freunde.“

Sowohl Ha’aretz als auch die New Republic sind linksgerichtete Veröffentlichungen, wohlwollend Herrn Obamas Absichten gegenüber, wenn auch nicht seiner Handlungsweise.

Der Präsident ist weiter in Wut. Auf Israel. Was für eine Schießbudenfigur.