Israel und die Juden: Spiegel für das hässliche Europa

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Es gibt vieles, das in der Europäischen Union grundlegend falsch läuft. Die europäische Haltung gegenüber Israel und den Juden dient als exzellenter „Spiegel“, der ein besseres Beobachten mehrerer wichtiger Aspekte der europäischen Gesellschaft ermöglicht. Ein paar Beispiele veranschaulichen dies.

Einer dieser Aspekte betrifft die Einwanderung. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben die Länder Europas fast unterschiedslos viele Millionen Muslime ins Land gelassen. Diese Einwanderer kamen aus nicht demokratischen Staaten, in denen Antisemitismus – sowohl in seiner klassischen Form als auch in einer antiisraelischen Dimension – grassiert. Viele dieser Menschen sind oft höchst intolerant gegenüber jeglicher Kritik ihrer eigenen Religion und/oder Kultur.

So viele Menschen aus solch diktatorischen, von Hass erfüllten und diskriminierenden Umfeldern ins Land zu lassen hat bei der Zunahme des europäischen Antisemitismus eine wichtige Rolle gespielt; dieser fand seinen (bisherigen) Höhepunkt im Sommer 2014. Der Anstieg des Antisemitismus zeigte zudem die Existenz des Alter Ego der EU, das man das Hässliche Europa (Ugly Europe/UE) nennen könnte. Synagogen wurden mutwillig beschädigt. Juden wurden physisch und verbal angegriffen. Es gab Aufrufe Juden zu töten und Demonstrationen, die an die 1930-er Jahre erinnern.

Medienbericht zeigen, dass Nachkommen muslimischer Einwanderer ein unverhältnismäßig großes Maß an Verantwortung für die derzeitigen antisemitischen Vorfälle tragen. Das gilt insbesondere für die meisten der gewalttätigen Vorfälle. Jede verfügbare Statistik bestätigt diese Tatsache.1 Das höchst negative Ergebnis dieser europäischen Einwanderungspolitik ist eine neue Form des staatlich ermöglichten Antisemitismus.

Europas zweierlei Maß ist aus dem Vergleich der Art und der Zahl der Verurteilungen Israels mit denen anderer Länder ersichtlich. Die EU legt regelmäßig zweierlei Maß in Sachen Israel an, was nach der Antisemitismus-Definition der Europäischen Grundrechte-Agentur (FRA) antisemitisches Handeln ist.2 Die Aufhebung dieser Definition durch die FRA im Jahr 2013 kann als zusätzlicher europäischer Schritt zur die Begünstigung von Antisemitismus angesehen werden.3

Der zweifelhafte Charakter der höchst überbewerteten Disziplin des internationalen Rechts kann ebenfalls über seine Anwendung auf Israel durch die EU aufgezeigt werden. Die EU behauptet, israelische Siedlungen seien illegal. Mehr als eintausend Juristen – darunter ehemalige Justizminister und viele andere Prominente aus einer Vielzahl von Ländern – unterzeichneten ein Dokument, das erklärte, dass die Siedlungen legal sind. Nicht nur all diese Rechtsexperten glauben, dass israelische Siedlungen legal sind, auch die US-Reagan-Administration tat das.4 Dieses Dokument wurde mehreren hochrangigen Offiziellen der EU zugestellt. Die einzige Antwort, die kam, war die Bestätigung eines nachrangigen EU-Offiziellen, dass man das Dokument erhalten hatte.5

Wenn die EU geglaubt hat, ihre Interpretation des internationalen Rechts sei stichhaltig, dann hätte sie eine überzeugende Antwort auf das Dokument gegeben. Alternativ hätte sie bereitwillig eine Konferenz organisiert, um ihre Sicht vorzutragen.

Israel mag als sprichwörtlicher Spiegel dafür genutzt werden, um eine andere Facette dessen genau zu beobachten, was in der Europäischen Union grundlegend falsch läuft. Die EU hat rund 400 Millionen Bürger im Alter ab 16 Jahren. Mehr als 40% von ihnen begrüßen eine dämonische Sicht Israels. Das wurde unter anderem durch eine Studie der Universität Bielefeld gezeigt, die im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt und 2011 veröffentlicht wurde.6 Eine gestellte Frage war, ob man mit der Aussage übereinstimmt, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Es ist leicht zu verstehen, dass diese von großen Teilen der EU-Bevölkerung vertretenen Meinungen auf extremer Verleumdung beruhen.

Wenn Menschen andere fälschlich beschuldigen Massenmörder und völkermörderisch zu sein, dann spiegelt das die kriminelle Denkweise der Anklagenden. Diese von Hass erfüllten Meinungen zu Israel geben die Mentalität eines starken Minderheitsteils der EU-Bevölkerung wieder. Sie haben nicht nur eine perverse Denkweise, sondern sind auch zu einem großen Teil irrational. Man könnte argumentieren, dass sie in ihrem Denken sogar noch irrationaler – oder zurückgebliebener – sind als ihre antisemitischen Vorfahren des Mittelalters. Mittelalterliche Europäer hatten kein Mittel, um zu untersuchen, ob die Anschuldigungen der Brunnenvergiftung gegen die Juden wahr oder falsch waren. Zeitgenössische Europäer können leicht überprüfen, dass das, was sie sich zu glauben entscheiden – dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt – absolut unwahr ist.

Diese falschen Überzeugungen zu Israel bieten einen Ausblick auf große Anteile der europäischen Bevölkerung. Israel kann kaum das einzige Thema sein, zu dem so viele Europäer völlig irrational sind und radikal falsch liegen. Es muss viele weitere geben.

Nimmt man andere Spiegel zusätzlich zu denen von Israel und den Juden, so erhöht sich die Effektivität dieser Analyse des Hässlichen Europa. Ein Beispiel dafür sind die Einstellungen gegenüber der Hamas. Diese kann man dazu nutzen die Äußerungen verschiedener europäischer Politiker, Organisationen und Einzelpersonen zu analysieren, die sich zum palästinensisch-israelischen Konflikt äußern. Viele verurteilen Israel, schweigen aber zur völkermörderischen Agenda der Hamas bezüglich aller Juden. Diese Europäer können als indirekte Helfer der islamo-nazistischen Planer von Massenmord entlarvt werden.

Dr. Manfred Gerstenfelds kommendes Buch „The War of a Million Cuts“ analysiert, wie Israel und die Juden delegitimiert werden und wie sie dagegen kämpfen.
Er war von 2000 – 2012 Vorsitzender des Jerusalem Center of Public Affairs.

 

1 Manfred Gerstenfeld: Muslim Anti-Semitism in Europe. Journal for the Study of Anti-Semitism, Band 5/1, 2013, S. 195-229.
2 Arbeitsdefinition Antisemitismus des Koordinationsforums für die Bekämpfung von Antisemitismus (CFCA).
3 JTA: EU drops its working definition of anti-Semitism. Times of Israel, 5. Dezember 2013.
4 Erich Rozenman: Israeli settlements are more than legal. Los Angeles Times, 11. Dezember 2009.
5 Manfred Gerstenfeld, Interview mit Alan Baker: The Dirty Hands of the European Union. Israel National News, 23. Oktober 2013
6 library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.