Analyse: Gibt es in Deutschland eine Kluft zwischen „Nie wieder Judenhass“ und der Realität?

In Deutschland klafft immer noch eine riesige Lücke zwischen den Reden gegen den Antisemitismus und den Aktionen im Alltag.

Benjamin Weinthal, Jerusalem Post, 15. September 2014 (übersetzt von Cora)

Berlin – Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt am Sonntag im Herzen des Regierungsviertels eine charakteristisch hervorragende Rede gegen den Antisemitismus.

Sie stauchte die angebliche Kritik an Israel als „Ausdruck des Judenhasses auf Pro-Palästina Demonstrationen“ zusammen. Ihre Verachtung gegenüber den antijüdischen Aktivisten und ihre Gefühle waren kristallklar. „Es ist unsere nationale und bürgerliche Pflicht, den Antisemitismus zu bekämpfen.“ rief sie aus.

Während Israels Aktion „Protective Edge“ (Schützende Schneide), die das Raketenfeuer der Hamas stoppen sollte, wurde Deutschland von antisemitischer Gewalt überflutet, einschließlich eines Brandanschlages auf ein eSynagoge in Wuppertal und Angriffe auf Kippot tragende Juden.

Angesichts der immer mehr verschwindenden Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus in Europa, fragen sich einige deutsche Juden, ob es nicht besser gewesen wäre, die Demonstration „Steht auf: Israel Hass – Nie wieder!“ statt „Steh auf: Juden Hass – Nie wieder!“ zu nennen.

Nathan Gelbart, ein bekannter Berliner Rechtsanwalt und Vorsitzender des deutschen Zweiges des Keren Hayessod – Vereint mit Israel, sagte gegenüber der Jerusalem Post, dass ein Banner, auf dem stünde „Israels Recht auf Selbstverteidigung darf nicht geleugnet werden“ mehr Gewicht gehabt hätte.

In Deutschland klafft immer noch eine tiefe Kluft zwischen den Reden gegen den Antisemitismus und den Aktionen im Alltag.

Nehmen wir zum Beispiel die libanesische Terrororganisation Hisbollah. Deutschland hat den militärischen Arm als eine terroristische Einheit bezeichnet, doch es hat den sogenannten politischen Arm dieser Gruppe nicht verboten. Es gibt in Deutschland 950 Menschen, die diesem politischen Arm angehören und diese spielten eine Schlüsselrolle beim Schüren des modernen Antisemitismus während der Demonstration zum Al-Quds-Tag in Berlin, bei der zur Zerstörung Israels aufgerufen wurde.

Nach Aussage des Zentralrats der Juden in Deutschland, der die Demonstration am Sonntag initiiert hatte, riefen die Demonstranten auf der Hisbollah-Demonstration „Juden ins Gas“ und den Nazislogan „Sieg Heil“.

Gelbart sagte, dass Deutschland seit letzter Woche den Islamischen Staat ächte und hier keinen Unterschied zwischen einem angeblich politischen und militärischen Flügel mache. „Die Hisbollah hat die gleiche faschistische Ideologie wie der Islamische Staat“, sagte Gelbart und setzte hinzu, dass Deutschland nicht entschieden genug gegen die Aktivitäten der Hisbollah in Deutschland vorgeht.

Die Anwesenheit der Linkspartei als einer der Unterstützer der Demonstration scheint ein weiterer Widerspruch. Viele Kritiker sehen in der Linkspartei eine der größten Parteien, die auf Israel einschlagen. Im Juni unterstützte ein Zweig der Jugendorganisation der Linken, Solid Ruhr, eine propalästinensische Demonstration, auf der Teilnehmer Flaschen und Steine auf Pro-Israel-Demonstranten warfen und „Brenn, Scheißjude!“ schrien.

Die Polizei nahm am selben Tag 14 Leute fest; sie planten eine Aktion gegen die Synagoge in Essen, wo die Solid Ruhr Anti-Israel Proteste stattfanden.

Letzte Woche veröffentlichte Inge Höger, Bundestagsabgeordnete der Linken, eine Erklärung, in der sie Deutschland dazu aufrief, die Auslieferung der Delfin-U-Boote an Israel zu stoppen.

Dr. Nikolaus Schneider, Oberhaupt der evangelischen Kirche in Deutschland und Kardinal Reinhardt Marx von der römisch-katholischen Kirche sprachen am Sonntag eloquent gegen den Antisemitismus.

Nichtsdestotrotz hat die Friedensbewegung Pax Christi, die zur katholischen Kirche in Deutschland gehört, zu einem Boykott israelischer Produkte aufgerufen.

Protestantische Bildungseinrichtungen haben im Verlauf der letzten Jahre Veranstaltungen mit dem iranischen Regime unterstützt und Vertreter der Hamas zu Anti-Israel Veranstaltungen eingeladen.

Der brennende Lackmustest für die deutsche Zivilgesellschaft und die politische Klasse wird darin bestehen, ob sie die Kluft zwischen den rhetorischen und tatsächlichen Aktionen gegen Antisemitismus verkleinern.

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