Den Jihadismus immer noch nicht begriffen

Bruce Thornton, FrontPageMag, 14. Oktober 2014

Präsident Obamas Behauptung von neulich, der Islamische Staat habe nichts mit dem Islam zu tun, ist nicht neu. Seit 9/11 haben wir von beiden Seiten des politischen Spektrums zu hören bekommen, dass jihadistischer Terror materielle Ursachen und von sozialen, politischen oder wirtschaftliche Fehlfunktionen bedingte psychologische Beschaffenheit habe. Dieses Argument ist alt und war nach 9/11 üblich. Typisch für solches Denken war Bill Clintons Behauptung, diese „Kräfte der Reaktion [Al-Qaida] zehre von Desillusionierung, Armut und Verzweiflung“. Unerklärt bleibt die Tatsache, dass Milliarden anderen Menschen überall auf der Welt noch verarmter und hoffnungsloser sind, aber keine multikontinentalen Netzwerkgruppen geschaffen haben, die sich dem Zufügen von brutaler Gewalt und Verstümmelung an denen verschrieben haben, die ihren Glauben nicht teilen oder ihre Visionen von Weltherrschaft behindern.

Solch materialistische Analysen ignorieren den historischen und theologischen Kontext modern islamischer Gewalt oder versuchen ihn zu positiv zu erklären. Das Ergebnis ist, das wir im zweiten Jahrzehnt unseres Krieges gegen den Jihad das Problem immer noch falsch diagnostizieren und uns handlungsunfähig machen, indem wir zu Werbung für Demokratie oder wirtschaftliche Entwicklung Zuflucht suchen, obwohl diese Lösungen nichts mit der Wurzel des Problems zu tun haben – der theologisch sanktionierten Gewalt, Intoleranz und totalitärem Universalismus, der den traditionellen Islam definiert.

Ein aktuelles Beispiel dieses Versagens der Vorstellungskraft erschien im Wall Street Journal in einem Aufsatz des peruanischen Ökonomen Hernando de Soto. De Soto ist einer der eloquentesten Helden der freien Marktwirtschaft und von Wohlstand, Freiheit und Chancen, die von ihr geschaffen werden können Lateinamerikas. Mit Verweis auf den Erfolg einiger lateinamerikanischer Länder beim Loslösen von dirigistischen oder sozialistischen Wirtschaftsordnungen behauptet de Soto, dass auch in der muslimischen Welt „wirtschaftliche Hoffnung die einzige Möglichkeit ist den Kampf um die Wähler zu gewinnen, aus dem sich die Terrorgruppen nähren“.

Um diese Behauptung zu untermauer, benutzt de Soto eine Analogie zwischen islamischen Jihadisten und der radikal marxistisch-leninistischen Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“, die in den 1990-er Jahren Peru heimsuchte. Genauso, wie wirtschaftliche und rechtliche Reformen Chancen und weiter verbreiteten Wohlstand schufen und damit die Unterstützung für den Leuchtenden Pfad austrockneten, argumentiert de Soto, könnte ähnliche Aufmerksamkeit auch im Nahen Osten Unternehmertum und Gesetze ermutigen, die für Geschäfte günstig sind und damit die zahlreichen jihadistischen Gruppen neutralisieren. Diese Analogie ignoriert jedoch die entscheidenden Unterschiede zwischen einer glaubensbasiert Bewegung und einer wie dem auf einer säkularen, materialistischen Ideologie wie dem Kommunismus gegründeten.

Der Islam und der Kommunismus weisen Ähnlichkeiten auf, wie zahlreiche Autoren seit fast einem Jahrhundert feststellten. Bertrand Russell schrieb 1920: „Der Bolschewismus kombiniert die Charakteristika der Französischen Revolution mit denen des Aufstiegs des Islam… Marx hat gelehrt, dass der Kommunismus unwiderruflich dafür vorherbestimmt ist zustande zu kommen; das schafft einen Geisteszustand, der dem der frühen Nachfoger Mahommets (Mohammeds) nicht unähnlich ist.“ Der französische Soziologe Jules Monnerot schrieb 1949: „Sowjetrussland ist nur das geografische Zentrum, aus dem der kommunistische Einfluss ausstrahlt; er ist ein ‚Islam‘ auf dem Marsch und betrachtet seinen Grenzen zu jeder Zeit als rein provisorisch und vorläufig. Wie der siegreiche Islam macht der Kommunismus keine Unterschiede zwischen Politik und Religion, aber diesmal trifft der Anspruch sowohl universaler Staat als auch universale Wahrheit zu sein nicht nur innerhalb einer Zivilisation oder Welt zu, die mit anderen, unterschiedlichen Zivilisationen, anderen Welten koexistiert, sondern auf den gesamten Erdball.“

Diese Vergleiche, zeigt Ibn Warraq in seiner Übersicht, sind insoweit geeignet, als sie die universalistischen Ambitionen und die totalitäre Natur des Kommunismus und des Islam als Ideologien verdeutlichen. Doch die wichtigen Unterschiede zwischen den beiden Glaubenssystemen, wie sie genau genommen in der Praxis erscheinen, machen die Analogie weniger brauchbar, wenn es darum geht den Islam zu reformieren und den Jihadismus zu neutralisieren. Wir können dieses Problem in einem jüngeren und einflussriechen Beispiel des Vergleichs der Sowjetunion mit dem Islam erkennen, Natan Sharanskys „The Case for Democracy“ von 2004, das George W. Bushs fehlgeschlagenem Ziel im Irak demokratische Freiheit zu schaffen inspirierte. Sharansky argumentiert, dass genau so, wie die Sowjetunion wegen des angeborenen Wunsches nach Freiheit zusammenbrach, auch in der muslimischen Welt demokratische Regierungen zu schaffen, die politische Freiheit und Menschenrechte respektieren, die Jihadführer ihrer Rekruten berauben würde.

Diese Analogie ignoriert jedoch einen tief gehenden Unterschied zwischen Kommunismus und Islam. Der Sowjetkommunismus war eine materielle, atheistische Ideologie, die einem tief religiösen Volk gewaltsam aufgezwungen wurde. Er versuchte die religiösen Bedürfnisse der Russen zu unterdrücken und zum Ausgleich materiellen Wohlstand zu bieten. Er versagte bei beidem. Beachten Sie, dass heute ein autokratischer Wladimir Putin bei den Russen weit verbreitete Unterstützung genießt, zum Teil, weil er die religiösen Empfindlichkeiten und den Stolz des russischen Volks anerkennt und ihren Glauben vertritt, das religiöse Frömmigkeit im Herzen seiner nationalen Identität liegt und es vom gottlosen, säkularen Westen trennt. Und diese Unterstützung bleibt trotz der offenkundigen Störungen und der Korruption in der russischen Wirtschaft stark.

Putins Autokratie ähnelt den noch autokratischeren Regierungen des muslimischen Nahen Ostens. Dort achten solche Regime sorgfältig darauf die religiösen Sensibilitäten ihrer Völker zu respektieren und zufriedenzustellen; am offensichtlichsten findet das in Saudi-Arabien statt, wo die Unterstützung von und Toleranz für Wahhabismus und Jihadismus im Ausland geholfen haben das Haus Saud an der Macht zu halten. Auch im Iran, wo die Mullahkratie sich beträchtlicher Unterstützung bei den Massen frommer Schiiten in den Dörfern und Städten jenseits außerhalb der Reichweite westlicher Kameras in Teheran erfreut; oder in der Türkei, wo Tayyip Erdoğan ein Jahrhundert kemalistischer Säkularisierung und Demokratisierung durch die Wiederbelebung des traditionellen Standesdünkels als einzigem Paradigma sozialer und politischer Ordnung rückgängig zu machen.

In all diesen Beispielen bleiben autokratische Führer, bei all ihrer Tyrannei und Unfreiheit immer noch solidarisch mit ihrem Volk, was sich auf religiöse Frömmigkeit und Harmonie zwischen Herrscher und Beherrschten gründet, die es im Sowjetkommunismus nicht gab. Dafür teilen sie die Feindseligkeit und oft Hass auf den Westen und besonders die Vereinigten Staaten, die für die frommen Muslime ein gottloses Sodom des Materialismus und der Sittenlosigkeit sind, das von wurzellosem Individualismus und unverantwortlichen Freibriefen getarnt als Wohlstand und demokratischer Freiheit genährt wird. Selbst wenn also dem Wunsch nach politischer Freiheit und materiellem Wohlstand von autokratischen Regimen des Nahen Ostens nicht nachgekommen wird, die religiösen Bedürfnisse werden bedient.

Es ist diese tiefgehende islamische Spiritualität, die de Soto und andere Säkularisten ignorieren. Wenn die von de Soto und anderen favorisierte wirtschaftliche Entwicklung die Ungläubigkeit, sexuellen Freibriefe und Gottlosigkeit angerichtet haben, die die Muslime tagtäglich im Satellitenfernsehen und im Internet sehen können, warum sollten sie eine solche Welt auf Kosten ihrer unsterblichen Seelen gewinnen? Dass dieses Bild der USA, inzwischen fast ein Jahrhundert alt, zu einem gewissen Grad eine einseitige Karikatur ist, spielt keine Rolle. Es ist das, was Muslime sehen, was sie in Freitagspredigten in ihren Moscheen hören und was den Jahrhunderte alten kosmischen Konflikt zwischen den Glaubenstreuen und den Ungläubigen schärft, zwischen dem Haus des Islam und dem Haus des Krieges.

Wirtschaftliche Entwicklung ist nicht die Antwort auf islamischen Terror. Der Iran und die Türkei sind keine verarmten Nationen, doch sie unterstützen aktiv jihadistischen Terror. Ebenso Qatar, das sagenhaft reich ist. Wie die Autokraten teilen die Jihadisten fundamentale Überzeugungen mit Millionen Muslimen weltweit. Letztere möchten sich nicht in die Luft jagen oder persönlich Jihad führen oder sie mögen glauben, dass solche Gewalt taktisch falsch ist, aber das beseitigt nicht die spirituelle Solidarität, den Wunsch unter dem Gesetz der Scharia zu leben und Träume weltweiter islamischer Dominanz, die auf traditionellen islamischen Überzeugungen und Praxis gründet – eine Solidarität, die eine atheistische, säkulare Ideologie wie der Kommunismus niemals bei den Volksmassen genoss, ob nun in Russland oder Peru. Bis wir den Jihadismus als spirituelles statt als materielles Phänomen betrachten, werden wir weiter Taktiken und Politik betreiben, die zum Scheitern verurteilt sind.

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