Die beste Rede, die ein Diplomat je gehalten hat!

Conrad Myrland, Med Israel for Fred, 4. Oktober 2014 (übersetzt von Cora)

Die ganze Rede ansehen:

Das vollständige Transkript der Rede von George Deek in Oslo am 27.09.2014 (auf der jährlichen Hauptversammlung von MIFF Norwegen/Freunde Israels in Norwegen):

Wenn ich durch die Straßen meiner Heimatstadt Jaffa gehe, werde ich oft an das Jahr 1948 erinnert.

Die Alleen der Altstadt, die Häuser des Viertels Ajami1, die Fischernetze am Hafen, sie alle scheinen uns die unterschiedlichsten Geschichten über das Jahr zu erzählen, das meine Stadt für immer verändert hat. Eine dieser Geschichten handelt von der ältesten Familie dieser antiken Stadt, die Familie Deek – meiner eigenen.

Vor 1948 arbeitete mein Großvater George, nach dem ich benannt wurde, im Rotenberg Elektrizitätswerk. Er war nicht sehr an Politik interessiert. Und weil er in Jaffa, einer gemischten Stadt lebte, hatte er natürlicher auch jüdische Freunde. Tatsächlich lehrte ihn einer seiner Freunde im Elektrizitätswerk Jiddisch und machte ihn damit zum ersten Araber, der je diese Sprache beherrschte.

1947 verlobte er sich mit Vera – meiner Großmutter – und zusammen planten sie eine Familie in genau der Stadt zu gründen, in der die Deeks seit über 400 Jahren ansässig waren, in Jaffa. Aber wenige Monate später änderten sich ihre Pläne quasi über Nacht.

Als die UN der Errichtung Israels zustimmte und wenige Monate später der Staat Israel gegründet wurde, warnte die arabische Führung die Araber davor, dass die Juden planten, alle, die zu Hause bleiben würden, zu ermorden und als Beispiel nutzten sie das Massaker von Deir Yassin. Sie sagten zu jedem: „Verlasst eure Häuser und lauft weg.“ Sie sagten, dass sie nur ein paar Tage brauchen würden und versprachen, dass die fünf Armeen das neugeborene Israel zerstören würden.

Meine Familie, entsetzt über das, was passieren könnte, entschied sich – wie so viele andere – zur Flucht. Ein Priester wurde eilig in das Familienhaus der Deeks geholt und er vermählte dort George und Vera in großer Eile. Meine Großmutter hatte nicht einmal die Zeit sich ein passendes Kleid zu besorgen. Nach der plötzlichen Hochzeit floh die gesamte Familie nach Norden, in den Libanon.

Doch als der Krieg vorbei war, war es den arabischen Armeen nicht gelungen Israel zu zerstören. Meine ganze Familie befand sich auf der anderen Seite der Grenze und es sah ganz so aus, als würde es das Schicksal der Deek-Geschwister sein, über den ganzen Erdball zerstreut zu werden. Heute habe ich Angehörige in Jordanien, Syrien, Libanon, Dubai, dem Vereinigten Königreich, Kanada, den USA, Australien und in vielen anderen Ländern.

Es ist nur die Geschichte einer Familie – und bestimmt nicht die schlimmste – unter all den tragischen Geschichten des Jahres 1948.

Und um ehrlich zu sein, man muss nicht anti-israelisch sein um die menschliche Katastrophe, durch die die Palästinenser 1948 gingen, anzuerkennen; man nennt sie Nakba.

Die Tatsache, dass ich heute mit meinen Angehörigen in Kanada skypen muss und sie kein arabisch sprechen oder mit einem Cousin in einem arabischen Land, der noch immer keine Staatsbürgerschaft besitzt, obwohl er in 3. Generation dort lebt, ist ein lebendiger Beweis für die tragischen Konsequenzen dieses Krieges.

Nach den Angaben der UN wurden 711.000 Palästinenser vertrieben; einige flohen, andere wurden gewaltsam vertreiben. In der selben Zeit wurden auf Grund der Staatsgründung Israels 800.000 Juden gezwungen, die arabische Welt zu verlassen, was dazu führte, dass in den meisten dieser Länder heute keine Juden mehr leben.

Wie wir wissen, waren auf beiden Seiten Grausamkeiten nicht unbekannt. Aber dieser Konflikt war offensichtlich nicht der einzige, der im 19. und 20. Jahrhundert zu Vertreibungen und einem Transfer führte. Von 1821 – 1922 wurden 5 Millionen Muslime aus Europa vertreiben, die meisten davon in die Türkei. In den 1990-er Jahren brach Jugoslawien auseinander, was dazu führte, dass 100.000 Menschen starben und 3 Millionen heimatlos wurden. Und von 1919 bis 1949 starben im Zuge der Visla-Operation zwischen Polen und der Ukraine 150.000 Menschen und es wurden 1,5 Millionen vertrieben. Nach dem 2. Weltkrieg und dem Potsdamer Abkommen wurden zwischen 12 und 17 Millionen Deutsche heimatlos. Und als Indien und Pakistan gegründet wurden, kam es zu einem Austausch von 15 Millionen Menschen.

Den gleichen Trend gibt es im Nahen Osten, zum Beispiel die Vertreibung von 1.1 Millionen Kurden durch die Osmanen. 2.2 Millionen Christen wurden aus dem Irak vertrieben. Und wenn wir von heute sprechen, werden in Folge des immer stärker werdenden radikalen Islams täglich tausende von Jesiden, Bahais, Kurden, Christen und sogar Muslime ermordet und vertrieben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine dieser Gruppen jemals wieder in ihre Heimat zurückkehren kann, ist verschwindend gering.

Wie kommt es dann, dass der Tragödie der Serben, der europäischen Muslime oder der irakischen Christen heute nicht mehr gedacht wird? Wie kommt es, dass die Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern völlig in Vergessenheit geriet, während die Tragödie der Palästinenser, die Nakba, politisch bis heute lebendig ist?

Mir scheint, dass es daran liegt, dass die Nakba menschlichen Katastrophe zu einer politischen Offensive wurde. Das Gedenken an die Nakba ist nicht mehr die Erinnerung an das, was einst geschah, sondern es ist der Ausdruck der Wut über die schiere Existenz des Staates Israel. Das zeigt sich deutlich an dem Datum, das für dieses Gedenken gewählt wurde: Der Nakba-Tag ist nicht der 9. April, der Tag des Massakers in Deir Yassin, oder der 13. Juli, der Tag der Vertreibung aus Lod.

Der Nakba-Tag ist der 15. Mai, der Tag, an dem Israel seine Unabhängigkeit erklärte. Damit macht die palästinensische Führung deutlich, dass die Katastrophe der Nakba nicht die Vertreibung, nicht die verlassenen Dörfer oder das Exil ist; die Nakba ist in ihren Augen die Gründung Israels. Sie sind weniger betroffen von der Katastrophe, die die Palästinenser erleiden mussten, sondern vielmehr von der Wiedererrichtung des jüdischen Staates. Mit anderen Worten, sie trauern nicht darüber, dass meine Cousins nun Jordanier sind, sie trauern über die Tatsache, dass ich ein Israeli bin.

Dadurch wurden die Palästinenser Sklaven der Vergangenheit, sie werden durch die Ketten der Vorurteile gefangen gehalten, sind Gefangene in einer Welt der Frustration und des Hasses.

Meine Freunde, die klare und einfache Wahrheit ist – wenn wir nicht auf Sorge und Bitterkeit reduziert werden wollen – müssen wir vorwärts schauen. Oder um es klarer zu sagen: Um die Vergangenheit zu überwinden, müssen wir die Zukunft sichern.

Das habe ich von meinem Musiklehrer Avraham Nov gelernt. Als ich 7 Jahre alt war, nahm ich an einem Spielmannszug der christlich-arabischen Gemeinschaft in Jaffa teil. Dort traf ich Avraham, meinen Musiklehrer, der mich erst die Flöte und dann die Klarinette spielen lehrte. Ich war gut!

Avraham ist ein Überlebender des Holocaust, seine gesamte Familie wurde von den Nazis ermordet. Er war der einzige, der es schaffte zu überleben, weil ein Nazi-Offizier auffiel, dass er ein begabter Harmonikaspieler war und ihn mitten im Krieg zu sich nach Hause holte, damit er dort die Gäste unterhielt. Als der Krieg vorbei und er alleine zurückgeblieben war, hätte er sich einfach hinsetzen und über das größte Verbrechen das Menschen anderen Menschen angetan haben, und über die Tatsache, dass er alleine übrig geblieben war, weinen und lamentieren können.

Er tat es nicht, er schaute nach vorne, nicht zurück. Er entschied sich für das Leben, nicht den Tod. Für die Hoffnung, statt der Verzweiflung. Avraham kam nach Israel, heiratete, gründete eine Familie und begann das zu lehren, was ihm einst das Leben gerettet hatte – Musik. Er wurde der Musiklehrer für hunderte und tausende von Kindern quer durch das ganze Land. Als er sah, wie die Spannungen zwischen Arabern und Juden immer weiter wuchsen, entschied sich dieser Holocaustüberlebende Hoffnung durch Musik hunderten arabischen Kindern, wie ich eines war, zu lehren.

Überlebende wie Avraham sind die außergewöhnlichsten Menschen die man finden kann.

Ich habe mich immer darüber gewundert, wie sie in der Lage waren überleben zu können, nach allem was sie erfahren, nach allem, was sie gesehen hatten. In den 15 Jahren, in denen ich Avraham kannte und in denen ich sein Schüler war, sprach er nie von seiner Vergangenheit; bis auf einmal – als ich es wissen wollte. Da realisierte ich, dass Avraham nicht der einzige war, dass viele Holocaustüberlebende in dieser Zeit darüber schwiegen, auch gegenüber ihren Familien, manchmal Jahrzehnte lang, manche ihr ganzes Leben lang. Erst als sie ihre Zukunft gesichert hatten, erlaubten sie sich einen Blick zurück in die Vergangenheit. Erst als sie sich eine Zeit der Hoffnung aufgebaut hatten, erlaubten sie sich einen Blick zurück auf die Zeit der Verzweiflung. Sie bauten sich die Zukunft in ihrer alt-neuen Heimat, in Israel. Und unter dem Schatten ihrer großen Tragödie schafften es die Juden einen Staat aufzubauen der in der Welt in Medizin, Agrikultur und Technologie führend ist.

Warum? Weil sie nach vorne schauten.

Freunde, das ist eine Lektion für alle Nationen, die eine Tragödie erleiden muss, einschließlich der Palästinenser. Wenn die Palästinenser die Vergangenheit tilgen wollen müssen sie sich darauf konzentrieren die Zukunft zu sichern. Für eine Welt, wie sie sein sollte, eine die unsere Kinder verdienen.

Und ein erster Schritt in diese Richtung ist, ohne Zweifel, ein Ende der beschämenden Behandlung der palästinensischen Flüchtlinge.

In der arabischen Welt haben die palästinensischen Flüchtlinge, einschließlich ihrer Kinder, Enkel und sogar ihrer Urenkel immer noch keinen festen Wohnsitz, sie werden aggressiv unterdrückt und es werden ihnen in den meisten Fällen die Staatsbürgerschaft und die grundlegenden Menschenrechte verweigert. Wie kommt es, dass meine Verwandten in Kanada die kanadische Staatsbürgerschaft besitzen, während meine Angehörigen in Syrien, im Libanon oder den Golfstaaten – wo sie geboren wurden und keine andere Heimat kennen – immer noch als Flüchtlinge angesehen werden?

Die Behandlung der Palästinenser in den arabischen Ländern ist ohne Zweifel die schlimmste Unterdrückung, die sie erdulden müssen. Und die Kollaborateure dieses Verbrechens sind die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen. Denn anstatt ihre Arbeit zu tun und den Flüchtlingen zu helfen, ein Leben aufzubauen, leistet die internationale Gemeinschaft dem Narrativ der Opferrolle Vorschub.

Während es eine UN Agentur gibt, die für alle Flüchtlinge der Welt zuständig ist – die UNHCR, gibt es eine andere Agentur, die nur dafür gegründet wurde, sich um die Palästinenser zu kümmern – die UNRWA. Das ist kein Zufall – während es das Ziel des UNHCR ist, den Flüchtlingen zu helfen eine neue Heimat zu errichten, damit eine Zukunft und das Ende des Status als Flüchtling zu erreichten, ist das Ziel der UNRWA genau das Gegenteil: Sie ist dazu da, ihren Status als Flüchtlinge aufrecht zu erhalten und sie davon abzuhalten, ein neues Leben zu beginnen.

Die internationale Gemeinschaft kann nicht ernsthaft daran glauben, das Problem der Flüchtlinge könnte gelöst werden, wenn sie die Flüchtlinge gemeinsam mit der arabischen Welt als politisches Pfand behandeln und ihnen jegliche ihnen zustehende Grundrechte vorenthalten. Wo immer den palästinensischen Flüchtlingen gleiche Rechte eingeräumt werden, gedeihen sie und wirken in ihrer Gemeinschaft mit, in Süd-Amerika, in den Vereinigten Staaten und auch in Israel. Tatsache ist, dass Israel eines der wenigen Länder war, das allen Palästinensern automatisch nach 48 die vollen Bürgerrechte und Gleichheit einräumte.

Und man kann die Ergebnisse sehen: Trotz aller Herausforderungen haben die arabischen Bürger Israels eine Zukunft aufgebaut. Die arabischen Israelis sind die gebildetsten Araber in der Welt, mit dem höchsten Lebensstandard und Möglichkeiten in der Region. Araber dienen als Richter am obersten Gerichtshof. Einige der besten Ärzte in Israel sind Araber und arbeiten in so gut wie allen Krankenhäusern im Land. Es gibt 13 arabische Abgeordnete im Parlament die das Recht haben, die Regierung zu kritisieren – ein Recht das sie bis zum Äußersten ausreizen – geschützt durch das Recht der Meinungsfreiheit. Araber gewinnen bekannte Realityshows. Und man kann sogar arabische Diplomaten finden – einer davon steht gerade vor Ihnen.

Wenn ich heute durch die Straßen von Jaffa gehe, sehe ich alte Gebäude und einen alten Hafen. Aber ich sehe auch Kinder, die zur Schule und zur Universität gehen, ich sehe blühende Geschäfte und eine lebendige Kultur. Kurz gesagt, auch wenn wir noch immer eine lange Strecke als Minderheit vor uns haben, haben wir eine Zukunft in Israel.

Die Zeit ist gekommen, die Kultur des Aufhetzens und des Hasses zu beenden – denn der Antisemitismus, so glaube ich, ist für Muslime und Christen eine genauso große Bedrohung wie für Juden.

Ich kam vor über zwei Jahren nach Norwegen und hier kam ich zum ersten Mal mit Juden als Minderheit in Kontakt. Normalerweise …. bin ich gewohnt, sie als Mehrheit wahrzunehmen. Und ich muss sagen, es war mir sehr vertraut.

Ich wuchs in einer ähnlichen Umgebung auf, in einer arabisch-christlichen Gemeinde in Jaffa. Ich war ein Teil der orthodoxen Christen, die ein Teil der christlichen Gemeinschaft ist, die ein Teil der arabischen Minderheit ist, im jüdischen Staat, im muslimischen Nahen/Mittleren Osten. Es ist wie mit den russischen Puppen: Man öffnet die große und darin ist eine kleinere. Ich bin die kleinste.

Ein Jude in Norwegen oder ein Araber in Israel, in der Minderheit zu sein bedeutet, dass man immer Teil einer kleinen Gemeinschaft ist, wo sich jeder um jeden kümmert und man sich gegenseitig unterstützt. Es ist wunderbar zu wissen, dass, egal was passiert, es eine Gemeinschaft gibt, die für einen da ist. Teil einer Minderheitengemeinschaft zu sein war ein Segen mein ganzes Leben lang.

Aber, Freunde, das Leben als Minderheit ist auch ein ständiger Kampf um faire Behandlung. Manchmal werden wir diskriminiert und wir können auch die Opfer von Verbrechen aus Hass werden. Auch in einer Demokratie ist es nicht leicht der arabischen Minderheit anzugehören.

Vor etwas mehr als einem Jahr marschierte eine Bande von Preisschild2– Vandalen auf den arabisch-christlichen Friedhof in Jaffa und entweihten die Gräber mit der Aufschrift „Tod den Arabern“. Eines der Gräber, das sie entweihten, war das von meinem Vater.

Einer Minderheit anzugehören, meine Freunde, ist überall eine Herausforderung, denn einer Minderheit anzugehören, bedeutet anders zu sein. Und keine Nation hat einen höheren Preis dafür bezahlt, anders zu sein, als das jüdische Volk. Die Geschichte des jüdischen Volkes hat dem menschlichen Wortschatz viele Begriffe hinzugefügt: Worte wie vertrieben, erzwungener Glaubenswechsel, Inquisition, Ghetto, Pogrom, und nicht zu vergessen, das Wort Holocaust.

Rabbi Lord Jonathan Sacks3 erklärte akkurat, die Juden hätten durch die Jahrtausende gelitten, weil sie anders waren. Weil sie die größte nicht christliche Minderheit in Europa waren. Und heute sind sie die größte nicht muslimische Minderheit im Mittleren Osten.

Aber Freunde, sind wir nicht alle unterschiedlich?

Die Wahrheit ist, gerade die Unterschiede machen uns menschlich. Jede Person, jede Kultur, jede Religion ist einzigartig und daher unersetzlich. Und ein Europa oder der Mittlere Osten, der keinen Platz für Juden hat, hat keinen Platz für Menschlichkeit.

Freunde, lasst uns nicht vergessen – der Antisemitismus mag bei den Juden beginnen, doch er endet niemals bei den Juden. Die Juden waren nicht die einzigen die während der Inquisition zur Konversion gezwungen wurden, Hitler sorgte dafür, dass Zigeuner und Homosexuelle gemeinsam mit den Juden litten. Und nun passiert es wieder, heute, im Nahen Osten.

Die arabische Welt hat anscheinend vergessen, dass ihre größte Zeit in den letzten 1400 Jahren immer dann war, wenn sie Toleranz und Offenheit gegenüber jenen zeigte, die anders waren:
– Der geniale Mathematiker Ibn Musa el-Khawazmi war ein Usbeke.
– Der große Philosoph Rumi war Perser.
– Der siegreiche Anführer Salah a-din war Kurde.
– Der Begründer des arabischen Nationalismus Michel Afflaq – ein Christ.
– Und jener, der die islamische Wiederentdeckung des Plato und Aristoteles in die Welt brachte, war Maimonides – ein Jude.

Doch anstatt den erfolgreichen Weg der Toleranz wiederzubeleben, wird der arabischen Jugend beigebracht die Juden zu hassen, indem antisemitische Rhetorik des mittelalterlichen Europas mit islamistischem Radikalismus gemischt wird. Und wieder einmal wird das, was als Feindschaft gegen die Juden begann, zur Feindschaft gegen jeden, der anders ist.

Es ist gerade mal eine Woche her, dass 60.000 Kurden von Syrien aus Angst abgeschlachtet zu werden in Richtung Türkei flohen. Am selben Tag ertranken 15 Palästinenser aus Gaza als sie versuchten aus den Klauen der Hamas zu entkommen. Bahais und Yesiden sind stark gefährdet. Doch die Spitze des Ganzen bildet die ethnische Säuberung der Christen im Mittleren Osten, sie ist das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 21. Jahrhundert. In nicht einmal zwei Jahrzehnten wurden die Christen, wie ich einer bin, von 20% der Bevölkerung auf heute nicht einmal mehr 4% reduziert. Und wenn wir sehen, dass die Hauptopfer der islamistischen Gewalt Muslime sind, dann wird jedem klar, dass der Hass die Hassenden zerstört.

Also Freunde, wenn wir Erfolg darin haben wollen, Leben zu beschützen, wenn wir für diese Region eine Zukunft haben wollen, müssen wir, so glaube ich, alle zusammenstehen: Juden, Muslime und Christen.

Wir werden für das Recht der Christen überall nach ihrem Glauben ohne Angst leben zu können mit derselben Leidenschaft kämpfen, wie wir dafür kämpfen werden, dass die Juden überall ohne Angst leben können. Wir werden gegen die Islamophobie kämpfen, aber wir brauchen unsere muslimischen Mitbürger im Kampf gegen Christianophobie und Judophobie. Denn die von uns allen geteilte Mitmenschlichkeit steht auf dem Spiel.

Ich weiß, es könnte sich naiv anhören, aber ich glaube, dass es möglich ist und das einzige, das zwischen uns und einer toleranteren Welt steht, ist die Angst.

Wenn sich die Welt verändert, fangen viele Menschen an sich darüber Sorgen zu machen, was die Zukunft bringen mag. Diese Angst lässt die Menschen sich klein machen und in die passive Rolle der Opfer schlüpfen, sie verleugnen die Realität und suchen jemanden, den sie dafür beschuldigen können hinter all dem zu stecken. Das ist heute ebenso wahr, wie es 1948 war.

Die arabische Welt kann diese Denkweise überwinden, aber dazu braucht sie den Mut anders zu denken und zu handeln. Dieser Wechsel setzt voraus, dass die Araber begreifen, dass sie keine hilflosen Opfer sind, es setzt voraus, dass sie sich der Selbstkritik unterziehen und sich selbst für verantwortlich halten.

Bis heute gibt es kein Geschichtsbuch in der arabischen Welt, welches den Fehler, die Errichtung des jüdischen Staates abzulehnen, hinterfragt. Kein berühmter arabischer Akademiker hat bisher laut gesagt, dass, wenn die Araber die Idee der Gründung eines jüdischen Staates akzeptiert hätten, es heute zwei Staaten gäbe, keine Kriege stattgefunden hätten und wir kein Flüchtlingsproblem hätten.

Ich sehe Israelis wie Benny Morris, der heute bei uns ist, die es wagen die Erzählungen ihrer Anführer in Israel anzufechten, die auf der Suche nach der Wahrheit, die für ihre Leute nicht immer bequem ist, persönliche Risiken auf sich nehmen. Aber ich habe noch keine arabische Entsprechung dazu gesehen. Ich habe noch von keiner Debatte gehört, die die Klugheit der destruktiven Führung des Muftis von Jerusalem, Haddsch Amin al-Husseini, in Frage stellt oder den unnötigen Krieg, der von der Arabischen Liga 1948 vom Zaun gebrochen wurde oder über irgendeinen Krieg, der seitdem gegen Israel bis heute geführt wird. Und ich habe keinerlei Selbstkritik über den Terrorismus, die zweite Intifada oder, nicht zuletzt, die Ablehnung der beiden israelischen Angebote in den letzten 15 Jahren zur Beendigung des Konflikts im heutigen palästinensischen Mainstream wahrgenommen.

Selbstkritik ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke. Es befähigt uns die Angst zu überwinden und die Realität zu akzeptieren. Es zwingt uns, unsere Entscheidungen aufrichtig zu prüfen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Nur die Araber selber können ihre Realität ändern. Indem sie aufhören, sich Verschwörungstheorien hinzugeben, die fremde Mächte beschuldigen – Amerika, die Juden, der Westen, wer auch immer – all die Probleme zu verursachen. Indem sie von ihren Fehlern lernen und in der Zukunft klügere Entscheidungen treffen.

Erst vor zwei Tagen stand US-Präsident Obama auf dem Podium der UN Vollversammlung und sagte: „Die Aufgabe den Extremismus und das Sektierertum zu bekämpfen ist eine Generationen übergreifende Aufgabe – eine Aufgabe für die Menschen des Mittleren Ostens. Keine externe Macht kann eine Änderung ihrer Ansichten und ihrer Herzen bewirken.“

Erst vor kurzem las ich einen interessanten Artikel über die Rivalität von Brüdern in der Bibel von Lord Sacks. Es gibt vier Geschichten über rivalisierende Brüder im Buch Genesis: Kain und Abel, Isaak und Ishmael, Jakob und Esau und Joseph und seine Brüder. Jede Geschichte endet anders – im Falle von Kain und Abel liegt Abel tot am Boden, im Falle Isaak und Ishmael stehen beide am Grabe ihres Vaters, im Falle Jakob und Esau treffen sie sich, umarmen sich und dann geht jeder seiner Wege.

Doch der Fall Josephs endet anders. Für diejenigen, die mit der Geschichte nicht vertraut sind: Joseph war Jacobs 11. Kind und Rahels Erstgeborener im Lande Kanaan. Ab einem bestimmten Punkt entschieden sich seine Brüder aus Eifersucht ihn in die Sklaverei zu verkaufen. Nach einer Weile wurde Joseph der zweitmächtigste Mann in Ägypten, direkt nach dem Pharao. Als eine Hungersnot in Kanaan ausbrach, kamen Josephs Vater und Josephs Brüder nach Ägypten. Und dort entschied sich Joseph, ihnen zu vergeben, statt sie für das, was sie ihm angetan hatten, zu bestrafen. Es ist der erste Akt der Vergebung und Versöhnung, der in der Literatur überliefert ist. Joseph versorgte seine Brüder mit allem was sie benötigten. Sie kamen voran, ihre Anzahl wuchs und sie wurden eine große Nation.

Am Ende der Geschichte sagt Joseph zu seinen Brüdern: „Ihr hattet geplant mir Schaden zuzufügen, doch G´tt änderte es zum Guten, um das, was geschehen ist, zu vollenden und um viele Leben zu retten.“ Damit meinte er, dass wir durch unsere Taten in der Gegenwart die Zukunft formen und damit die Vergangenheit tilgen können.

Juden und Palästinenser mögen keine Glaubensbrüder sein, aber wir sind Schicksalsbrüder. Und ich bin mir sicher, dass wir, wie in der Geschichte von Joseph, durch die richtigen Entscheidungen, indem wir uns auf die Zukunft konzentrieren, unsere Vergangenheit überwinden können. Die Feinde von gestern können die Freunde von morgen werden. Das geschah zwischen Israel und Deutschland, Israel und Ägypten, Israel und Jordanien. Es wird Zeit einen Funken Hoffnung in die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinenser zu bringen, damit wir den alten Groll beenden und uns auf die Zukunft konzentrieren können, auf die aufregenden Möglichkeiten, die sie für uns bereithält wenn wir es nur wagen.

Aber ich habe euch noch nicht den Rest meiner Familiengeschichte aus dem Jahre 1948 erzählt. Nach einer langen Reise in Richtung Libanon, den größten Teil davon zu Fuß, erreichten meine Großeltern George und Vera endlich den Libanon. Dort blieben sie viele Monate lang. Und während dieser Zeit gebar Vera ihren ersten Sohn, meinen Onkel Sami. In dieser Zeit endete der Krieg und sie begriffen, dass sie belogen worden waren – die Araber hatten nicht, wie versprochen, gewonnen, und gleichzeitig hatten die Juden nicht alle Araber ermordet, wie ihnen erzählt worden war.

Mein Großvater schaute sich um und sah nichts als das ausweglose Leben als Flüchtling. Er sah auf seine junge Frau Vera – die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal 18 Jahre alt war – auf seinen neugeborenen Sohn und er wusste, dass es an einem Platz, der in der Vergangenheit gefangen war ohne die Fähigkeit voran zu schauen, für seine Familie keine Zukunft gab. Während seine Brüder und Schwestern ihre Zukunft im Libanon oder anderen arabischen oder westlichen Ländern sahen, dachte er anders. Er wollte zurück nach Jaffa, in seine Heimatstadt.

Weil er früher mit Juden zusammen gearbeitet hatte und mit ihnen befreundet gewesen war, war er nicht mit Hass gehirngewaschen. Mein Großvater George tat etwas, das nur sehr wenige gewagt hätten, er kontaktierte jene, die seine Gemeinschaft als Feinde ansah. Er erreichte einen seiner alten Freunde aus dem Elektrizitätswerk und bat ihn um Hilfe bei der Rückkehr. Und dieser Freund, von dem ich oft in den Geschichten meines Vaters hörte, aber dessen Namen ich nicht kenne, war nicht nur bereit und in der Lage, meinem Großvater bei der Rückkehr zu helfen. In einem außergewöhnlichen Akt des Anstands half er ihm auch noch seinen alten Job im nun israelischen Elektrizitätswerk zurück zu bekommen. Das machte ihn zu einem der sehr wenigen Araber die dort arbeiten.

Heute gibt es unter meinen Geschwistern und Cousins Steuerberater, Lehrer, Versicherungsvertreter, Hightech-Ingenieure, Diplomaten, Geschäftsführer, Universitätsprofessoren, Ärzte, Anwälte, Vermögensberater, Manager israelischer Firmen und auch Elektriker. Der Grund, warum meine Familie im Leben so erfolgreich war, der Grund, warum ich hier und heute als israelischer Diplomat und nicht als palästinensischer Flüchtling aus dem Libanon stehe – liegt darin, dass mein Großvater den Mut dazu hatte, eine Entscheidung zu treffen, die für andere undenkbar war. Statt in Verzweiflung zu verfallen, fand er dort Hoffnung, wohin niemand es wagte zu schauen. Er wählte ein Leben unter jenen, die als seine Feinde erachtet wurden, und er machte sie sich zu Freunden. Dafür schulden ich und meine Familie ihm und meiner Großmutter ewige Dankbarkeit.

Die Geschichte der Familie Deek könnte dem palästinensischen Volk als eine Quelle der Inspiration dienen. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können die Zukunft für die nächste Generation sichern, wenn wir eines Tages dazu bereit sind, die Vergangenheit zu überwinden. Wir können dabei helfen, den palästinensischen Flüchtlingen ein normales Leben zu führen, wir können ehrlich über unsere Vergangenheit sein und aus unseren Fehlern lernen. Und wir können einig sein – Muslime, Christen und Juden – um unser Recht unterschiedlich zu sein, zu verteidigen und um unsere Menschlichkeit zu bewahren.

Natürlich können wir die Vergangenheit nicht ändern, aber wenn wir all das tun, dann werden wir die Zukunft ändern.

Vielen Dank

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1 Ajami – ein Stadtviertel in Jaffa (Anmerkung der Übersetzerin)

2 Price tag – jugendliche Vandalen in Israel, die als Vergeltung an arabischem Besitz und Heiligtümern Schaden anrichten. (Anmerkung der Übersetzerin)

3 Rabbi Lord Sacks war von 1991 – 2013 Oberrabbiner in Großbritannien. (Anmerkung der Übersetzerin)

3 Gedanken zu “Die beste Rede, die ein Diplomat je gehalten hat!

  1. Eine beeindruckende und bewegende Rede des Herrn George Deek! Vielen Dank für die Veröffentlichung!

    Leider denken einige der Empfänger dieses Entgegenkommens des Grossvaters von Herrn Deek gar nicht mehr so. Sie wollen mit einem neuen Gesetz Arabisch als Zweitsprache abschaffen, keine arabischen Aufschriften mehr sehen und damit 1,5 Mio arabisch-stämmige Israelis zu Bürgern zweiter Klasse machen. Ich hoffe sehr, dass diese Gesetzesvorlage in der Knesseth – wenn sie zur Abstimmung kommt – mit deutlicher Mehrheit abgelehnt wird!

  2. Sorry, aber da sind Sie einer Ente aufgesessen. Arabisch bleibt auch weiterhin die zweite Landessprache (Absatz 3b des Entwurfes) und die muslimischen und christlichen Einwohner Israels bleiben auch weiterhin vollwertige Staatsbürger (§ 2 und 9 des Entwurfes). Aufschriften an Schildern jeglicher Art werden auch weiterhin dreisprachig sein …
    Der Gesetzesentwurf ist lediglich die Vorbereitung zu einer (im übrigen längst überfälligen) „Verfassung“ und eine „Anpassung“ an die örtlichen Gegebenheiten. Alle Staaten drumherum haben in ihrer Verfassung stehen, dass sie „muslimische“ Staaten sind (sogar die Baath-Partei hatte dies in ihrem Statut!) und der Islam die Staatsreligion ist.
    Israel wird mit diesem Gesetz lediglich den jüdischen Charakter des Staates festschreiben und die jüdischen Feiertage werden grundsätzlich staatliche Feiertage. Nicht mehr – nicht weniger.

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