Hat Europa No-Go-Areas?

Von Daniel Pipes, 20. Januar 2015

Kommentare von Steven Emerson und Fox News haben eine hitzige Debatte darüber ausgelöst, ob es in Europa vorwiegend muslimische „No-Go-Areas“ gibt. Am 11. Januar sagte Emerson, es gäbe sie „überall in Europa … das sind Orte, wo die Regierungen wie die von Frankreich, Großbritannien, Schweden, Deutschland keinerlei Souveränität ausüben. … Man hat dort im Grunde genommen Zonen, in denen Scharia-Gerichte eingesetzt wurden, dicht von Muslime bewohnt, die die Polizei nicht betritt und wo es prinzipiell fast in separates Land gibt, ein Staat im Staate.“

Steven Emerson sprach am 11. Januar auf Fox News über muslimisch beherrschte Bereiche Europas.

Obwohl Emerson, den ich wegen seines moralischen Mutes und seiner investigativen Fähigkeiten bewundere, sich sofort für seinen „furchtbaren Fehler“ entschuldigte, dass er sagte Städte wie Birmingham in England „sind völlig muslimisch, dort gehen Nichtmuslime schlicht nicht hin“, sprach er die größere Frage nicht an, ob No-Go-Areas in der Tat „überall in Europa“ existieren und Orte sind, wo Regierungen „keinerlei Souveränität ausüben“.

Hat er damit recht?

In einem Weblog-Eintrag von 2006 nannte ich muslimische Enklaven in Europa No-Go-Areas, als euphemistisches Äquivalent für den französischen Ausdruck Zones Urbaines Sensible (sensible urbane Zonen). No-Go-Areas wurde in der Folge im Englischen zum Standard für die Beschreibung mehrheitlich muslimischer Bereich in Westeuropa.

Nachdem ich im Januar 2013 einige Zeit in den banlieus (Vororten) von Paris sowie in ihren Gegenstücken in Athen, Berlin, Brüssel, Kopenhagen, Malmö und Stockholm verbrachte, habe ich jedoch meine Meinung geändert. Ich stellte fest, dass diese Bereiche „keine ausgewachsenen No-Go-Areas“ – Orte, wo die Regierung die Kontrolle über das Territorium verloren hat – sind. Es gab keine herrschenden Warlords; das Scharia-Recht ist nicht das Recht des Landes. Ich bedauere, dass ich damals den Begriff No-Go-Areas verwendete und gebe dem Ausdruck.

Ein Reisebüro in Berlin im Oktober 2010.

Was sind also diese Orte tatsächlich? Sie sind ein einzigartiger und bislang nicht mit einem Namen versehener Mix.

Einerseits können westeuropäische Staaten überall und jederzeit auf ihrem souveränen Territorium intervenieren. Wie die Schießerei in Verviers und die folgenden Razzien in Belgien nahelegen, bedeutet ihr überwältigender Vorteil an Stärke – einschließlich Militär, Geheimdienst und Polizei – dass sie die Kontrolle nicht abgegeben haben.

Nach einem Terroranschlag im Mai 2014 war die Polizei im jüdischen Bereich von Antwerpen (Belgien) mit großer Personalstärke vor Ort.

Andererseits entscheiden sich Regierungen nur allzu oft ihren Willen in mehrheitlich muslimischen Bereichen nicht durchzusetzen, einschließlich einiger Fälle von Scharia-Gerichten, die Emerson erwähnte. Alkohol und Schweinefleisch sind in diesen Distrikten verboten, Poligamie und Burkas an der Tagesordnung, die Polizei geht dort nur sehr vorsichtig und in großer Mannstärke hinein und die Muslime kommen mit Straftaten davon, die für den Rest der Bevölkerung illegal sind.

In Rotherham (England) bietet der Kindersex-Skandal ein machtvolles Beispiel. Eine offizielle Ermittlung stellte fest, dass sechzehn Jahre lang (von 1997 bis 2013) ein Ring muslimischer Männer mindestens 1.400 nicht muslimische Mädchen bis hinunter ins Alter von 11 Jahren – durch Entführung, Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, Mädchenhandel, Prostitution, Folter – sexuell ausbeutete. Die Polizei erhielt zahlreiche Anzeigen von den Eltern der Mädchen, unternahm aber nichts; sie hätte handeln können, entschied sich aber, nichts zu tun.

Laut der Ermittlung „räumte die Polizei der CSE [child sexual exploitation – sexuelle Ausbeutung von Kindern] keine Priorität ein, sondern betrachtete viele Kinderopfer mit Verachtung und versagte dabei auf ihren Missbrauch als Verbrechen zu reagieren“. Noch alarmierender war in einigen Fällen, dass „Väter ihre Töchter aufspürten und versuchten sie aus Häusern zu holen, in denen sie missbraucht wurden, nur um dann verhaftet zu werden, wenn die Polizei dorthin gerufen wurde“. Schlimmer noch: Die Mädchen „wurden wegen Vergehen wie Ruhestörung oder Trunkenheit und ungebührlichem Verhaltens verhaftet und es wurde nichts gegen die Vergewaltiger und Körperverletzung an Kindern Begehenden unternommen“.

Ein weiteres Beispiel – ebenfalls aus Großbritannien – war die sogenannte Operation Trojanisches Pferd, die von 2007 bis 2014 blühte; dabei entwickelte (wieder nach Angaben einer offiziellen Ermittlung) eine Gruppe Schulfunktionäre „eine Strategie, um eine Reihe von Schulen in Birmingham unter ihre Kontrolle zu bekommen und sie nach strikt islamischen Prinzipien zu betreiben“.

Wie kann man Rotherham und Birmingham nennen? Sie sind keine No-Go-Areas, weder geografisch noch bezüglich der Souveränität. Das ist das, wo wir – Emerson, andere (wie der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal) und ich – strauchelten. Der englischen Sprache fehlt ein bereits vorhandener Begriff dafür. Und aus gutem Grund: Ich kenne keine historische Parallele, bei der die Mehrheitsbevölkerung die Bräuche und sogar die Kriminalität einer ärmeren und schwächeren Einwanderer-Bevölkerung akzeptiert. Die Welt hat niemals etwas wie die Mischung erlebt, die aus Leistung, Kleinmut und Schuldempfinden, an enorm überlegener Stärke, mit einer tiefen Abneigung sie anzuwenden besteht, wie es sie gegenwärtig im Westen gibt.

Statt der Verwendung von No-Go-Areas schlage ich halbautonome Bereiche vor, ein Begriff, der ihren unklaren und nicht geografischen Charakter betont – und damit eine genauere Diskussion dessen gestattet, was wohl das vordinglichste Problem Westeuropas ist.

Daniel Pipes (www.DanielPipes.org) ist Präsident des Middle East Forum
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