Sie steckten sie in eine Gaskammer

Paula R. Stern, PaulaSays, 16. Mai 2014

Wie viele Israelis arbeite ich in der Hi-Tech-Welt. Immer mehr gibt es immer weniger Cyber-Grenzen. In Minuten überbrücken wir die Kluft tausender Kilometer, um uns mit jemandem in Indien, Island, den USA oder Deutschland hinzusetzen und plaudern.

Als der Hi-Tech-Boom 2001 platzte, entließ eine Firma in Israel fast ihr gesamtes Personal … und stellte mich ein. Seitdem arbeite ich dort. Irgendwann kauften sie eine Firma in den USA, die Ähnliches machte; durch den Zusammenschluss hofften sie die technologischen Angebote der neuen, größeren Firma auszubauen und zu bereichern. Ich wurde damit beauftragt an ihren Dokumentationen zu arbeiten und fügte das meinem bestehenden Verantwortungsbereich hinzu. Wenn nötig, holte ich zusätzliche Hilfe; ansonsten bin ich ihr Dokumentationsteam. Etwas später kauften sie eine Firma in Island, eine weitere in den USA und eine in Deutschland.

Meine Schwiegermutter war ein Teenager, als die Nazis in ihre kleine Stadt an der Grenze zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei kamen. Zuerst nahmen sie ihren ältesten Bruder und seine frisch angetraute Frau mit. Dann kamen sie wieder und holten den Rest. Sie ermordeten ihre Großeltern, Onkel und Tanten. Sie ermordeten ihren Vater, ihre Mutter, eine jüngere Schwester und einen zweiten Bruder.

Sie steckten sie und ihre Schwester in eine Gaskammer und schlossen die Tür… Sekunden müssen wie eine Ewigkeit erschienen sein, als sie dort nackt im Dunkeln standen. Und dann … öffneten die Nazi-Wächter die Tür, weil sie ein paar weitere Frauen für einen Arbeitstrupp brauchten und sie und ihre Schwester wurden herausgezogen. Die Zurückgebliebenen wurden Teil der sechs Millionen.

Wenn High-Tech-Firmen fusionieren, muss man die Stärken jeder der Firmen evaluieren. Was wird wo gemacht – und muss es zweimal gemacht werden? Offenbar bin ich die einsame technische Autorin und treffe daher nicht nur mit israelischen Ingenieuren zusammen, sondern mit Teams in weit entfernten Ländern. Das ist eigentlich ziemlich cool. Ich gehe in einen von drei Videokonferenz-Räumen, betrete einen gemeinsamen Tagungsraum und habe ein Treffen mit jemandem in einer anderen Zeitzone. Wir sitzen überall in der Welt, wie Menschen früher an einem Tisch saßen. Keine Verzögerungen, keine Unterbrechungen.

Er kann seinen Bildschirm teilen, damit ich sehen kann, woran er arbeitet; ich kann meinen teilen. Wir hören, wir sehen, wir reden. Wir planen die Woche, diskutieren über die Firma, welche Dokumente benötigt werden, den Gesamtfluss der Informationen und die ständige Notwendigkeit die Kommunikation zwischen den Abteilungen Entwicklung und Dokumentation zu verbessern. Manchmal sprechen wir über einen anstehenden Feiertag, wenn der eine oder andere nicht da sein wird. Je mehr er mit seinem angenehmen und ruhigen deutschen Akzent spricht, desto mehr denkt ein Gehirn auf Hebräisch. Ich zwinge mich nur Englisch zu sprechen – das ist ganz schön seltsam, weil Englisch die Sprache meiner Geburt ist, aber nicht die meines Herzens. Ich kann Dinge in Englisch ausdrücken, die mir auf Hebräisch nicht gelingen, einfach weil Englisch meine Muttersprache bleibt. Doch in diesen Momenten, wenn ich merke, das Hebräisch einfach nicht nutzbar ist, ist es Hebräisch, das meinen Verstand füllt.

Sie steckten sie in eine Gaskammer; diese sanfte Frau, die nie jemandem weh getan hatte. Und als sie aus dem Krieg kam, kam sie zurück, um eine Schwester und einen Bruder und einen Cousin vorzufinden, der ihr Ehemann wurde. Ein paar weitere Cousins kamen wieder – eine junge Generation, der die Grundlagen gestohlen worden waren. Sie waren eine Gruppe junger Leute – höchstens in ihren frühen Zwanzigern, aber sie waren alles, was ihnen an Familie geblieben war. Er kaufte ein Haus, in dem sie alle leben konnten; und als sie sagte, es sei an der Zeit, dass sie weiterzieht und Arbeit findet, stellte er sie an, damit sie sein großes Haus putzte und warnte dann in aller Stille jeden davor nur ja keine Schweinerei anzurichten, damit sie nicht so schwer arbeiten musste. Sie zogen nach Amerika, weil es das einzige Land war, das ihnen allen Visa gab; und sie brachten ihre vier Kinder auf die Welt. Und wenn diese, wie sie, ein wenig vernarbt waren, dann war es nicht ihre Schuld. Wie konnte sie keine Narben haben? Wie konnten sie keine Narben haben?

Er ist sehr höflich, sehr intelligent, sehr praktisch veranlagt und sehr sensibel, was die Bedürfnisse der Firma angeht. Es ist ein Vergnügen mit jemandem zu arbeiten, der wertschätzt, was ich mache und den Nutzen davon erkennt. Technisches Schreiben ist eine exakte Fertigkeit. Fehler und Unstimmigkeiten verwirren den Nutzer. Er schätzt das, wohingegen die meisten es als etwas extrem und absurd ansehen.

Darüber hinaus schätzt er das Wissen, das ich auf diesem Gebiet im Verlauf der letzen zwei Jahrzehnte angesammelt habe. Ich frage nach einem Upgrade und habe das Gefühl erklären zu müssen, warum der Kauf der neuesten Version eines Software-Entwicklungswerkzeugs meine Arbeit einfacher und effektiver machen wird. Innerhalb von Minuten sorgt er dafür, dass der Kauf genehmigt wird. Er ist für einen technischen Schreiber ein Traum mit ihm zu arbeiten und er spricht mit einem deutschen Akzent.

Es ist 70 Jahre her… 70 Jahre, seit sie sie in die Gaskammer steckten. Sie starb vor 19 Jahren. Sie erlebte, dass sie meine drei Kinder sehen und im Arm halten konnte; meine jüngste Tochter hat ihren Namen, ihre Grazie und sogar ihre Augen. Meine Tochter, alle meine Kinder, leben in einer Welt, die enorm weit von der entfernt ist, in die meine Schwiegermutter geboren wurde. Niemals, nicht in einer Million Jahre, könnte ein Hitler heute tun, was damals getan wurde. Nicht, weil er es nicht versuchen würde, sondern weil wir ihn nicht lassen würden. Die Stärke unserer Armee, unserer Söhne, steht, fliegt, bewacht und befährt das Meer für uns alle.

All die Jahre unserer Ehe habe ich nichts „Made in Germany“ gekauft. Die Leute sagen, ich bestrafe die Falschen; dass das heutige Deutschland nichts falsch machte. Sie haben recht … aber ich auch. Solange meine Schweigermutter lebte, brachte ich nichts aus Deutschland in mein Haus. Wie hätte ich das tun können? Hätte ich einen deutschen Ofen gekauft? Der Gedanke macht mich krank.

Sie steckten sie in eine Gaskammer; ermordeten fast alle, die sie liebte. Sie gab ihren Kindern ihre Namen, wo ihr das möglich war. Ich nannte meinen ersten Sohn nach ihrem älteren Bruder; meinen zweiten Sohn nach dem jüngeren Bruder meines Schwiegervaters, der auch ermordet wurde.

Warum sollte das heutige Deutschland verantwortlich gemacht werden? Zweifelsohne sollte man es nicht tun. Warum sollten sie für die Wunden Narben erhalten, die ihre Großeltern und Urgroßeltern zufügten?

Ah, hier ist endlich die Frage. Warum sollten sie Narben bekommen? Meine Kinder wissen, woher ihre Namen kommen; wissen, was ihrer Großmutter angetan wurde. Wir reden noch nicht von vielen Generationen zurückliegenden Verwandten – wir reden von ihrer Großmutter. Mein Mann kannte die Liebe von Großeltern nie, weil die Nazis alle vier ermordeten, lange bevor er geboren wurde.

Und dieser Mann, den ich jede Woche treffe, spricht mit demselben Akzent. Und in dieser Welt, die so weit von meiner Arbeit entfernt ist, kann ich zugeben, dass es für mich schwierig ist. Schwierig seinen Akzent zu hören. Es ist nicht sein Fehler; aber meiner ist es auch nicht.

Eine der israelischen Managerinnen flog zu einem Treffen nach Deutschland. Während freundlicher Diskussionen fragte einer der Deutschen sie, was Israel im Gazastreifen macht und sagte, es sei falsch, dass Israel dort Konzentrationslager schafft. Ich fragte sie, was sie antwortete, während in mir die Wut aufstieg. Sie sagte nichts, ignorierte den Kommentar. Ich wäre nie in der Lage gewesen solche Zurückhaltung zu zeigen.

Konzentrationslager im Gazastreifen? Nein, nicht mal annähernd. Niemand steckt Palästinenser in Gaskammern, wie meine Schwiegermutter hineingesteckt wurde. Und niemand bezahlte meinen Schwiegervater und meine Schwiegermutter für die Knochenarbeit, die zu tun sie gezwungen wurden. Man musste Sklave der Nazis sein oder sterben. Palästinenser, die für Israelis arbeiten, werden bezahlt und viele leben wie Könige in großen Häusern, haben feine Autos und mehrere Telefone am Gürtel.

Meine Schwiegermutter lebte von Zuteilungen, die sie kaum am Leben hielten; palästinensische Geschäfte sind voller Bonbons, Fleisch, Gemüse und mehr.

Wenn jemand in den Nazi-Todeslagern krank wurde, musste er weiter arbeiten und seine Krankheit verbergen, besonders die Jungen. Palästinenser, die fortschrittliche medizinische Hilfe brauchen, kommen oft zur Behandlung in israelische Krankenhäuser, besonders die Jungen.

So gehe ich jede Woche in mein Treffen und frage mich, ob das die Woche sein wird, in der mein Herz sich losreißt und fragt – warst du derjenige, der den Gazastreifen mit einem deutschen KZ gleichsetzte? War dein Großvater der Nazi, der den Großvater meines Mannes ermordete? Hast du Narben durch das, was deine Nation tat, wie meine sie von dem hat, was ihr angetan wurde? Wenn mein Mann Narben hat und meine Kinder Narben haben, warum solltest du nicht auch Narben haben?

Es ist letztlich so wie mit dem großen rosa Elefanten im Raum: Wir beenden unser Meeting, wünschen einander alles Gute. Wir lächeln, echtes Lächeln, wenn wir einander grüßen oder lachen über die jüngsten Veränderungen in der Firma. Ich mag ihn wirklich und vielleicht, wenn er nach Israel kommt, biete ich ihm an ihn herumzuführen und ihm einige der erstaunlichen Dinge zu zeigen, die wir aufgebaut haben; und während unserer Treffen höre ich seinen Worten zu und nicht seinem Akzent.

Sie steckten sie in eine Gaskammer; ermordeten fast alle, die sie liebte.

Ein Gedanke zu “Sie steckten sie in eine Gaskammer

  1. Liebe Paula Stern
    Hier steht, dass wir einen Kommentar abfassen können. Aber was gibt es da zu kommentieren?
    Deine Narben reden von eurem erlittenen unbehandelten Schmerz. Wir lassen sie reden zu unserem
    Herzen und hören ihnen schweigend zu. Mein Herz hat viele Jahre um eure Opfer geweint. Es waren Tränen der Hilfllosigkeit, denn es war alles schon geschen als wir geboren wurden. Unermesslich war die Schuld. Wiedergutmachung hört sich an wie Hohn. Und die uns von euch erzählten sagten uns, sie waren es nicht. Sie waren alle unschuldig. Wer, bitte hat es dann getan? Waren wir es vielleicht doch, wir Nachgeborenen? Ja, wir müssen es gewesen sein. Und in gewisser Weise waren wir es auch, denn wer den Tätern glauben schenkt, muss irgendwie damit verbunden sein. Meine Tränen halfen weder dir noch mir. Sie haben nur eines bewirkt: Sie haben das harte Herz empfänglich gemacht für deinen Schmerz. Wir sagen nicht mehr, wir waren es nicht. Wir sagen: wir wollen zu dieser Zeit treu an deiner Seite stehen und dir damit sagen: Du bist diesmal nicht wieder allein. Diesmal wollen wir zu dir stehen und zusammen mit dir deinen Feinden in die Augen sehen und ihnen sagen wir haben aus unserer Schuld eines gelernt: Sich an die Seite Israels zu stellen um es für seine Berufung zu stärken, koste es was es wolle. Ich fürchte nur eines mehr als den Tod, nämlich dass wir uns wieder dem falschen Geist unterwerfen, der uns schon einmal betrog. Deshalb bin ich fest entschlossen diesmal nicht zu versagen.
    Erlaube uns nur, dir zur Seite zu stehen, erprobe wie ernst es uns damit ist. Du musst uns nicht vertrauen, du musst uns nicht vergeben. Das kannst du tun wenn du selber die Freiheit spürst, dass etwas Neues entstanden ist, das es wert ist ihm zu vertrauen. Es wird gelingen, denn das Pflänzchen der Hoffnung hat leise begonnen zu wachsen……obwohl es häufig mit Füssen getreten wird. Es hat sich dennoch immer wieder aufgerichtet. Es erträgt alle Anläufe es zu vernichten mit dem unverwüstlichem Vertrauen, daß Friede möglich gemacht wird, durch den der dich vor uns gerettet hat: Dein Gott.
    Er hat euch vor uns gerettet und wir lernten endlich, dass er euch liebt. Er hat uns gelehrt was uns blüht wenn wir seinen Augapfel verletzen. Er hat uns gelehrt, zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen, bevor wir uns um den Splitter in deinem Auge kümmern. Er hat uns gelehrt Letzter zu sein, weil wir Erster sein wollten. Ja, so wird es auch all deinen anderen Verfolgern ergehen. Darum sei mutig und fasse Zuversicht, du wirst deinen Frieden finden, denn dein Retter ist stark und verlässt dich nicht, es sei denn du hast IHN verlassen. Verlasse nicht die Quelle Lebens die euer Leben ausmacht. Wir alle sind darauf angewiesen auf das Licht das ihr in die Welt gebracht habt. Lasst uns also nicht aufgeben, bevor wir nicht den Beweis erbrachten, dass es auch anders geht. Ist das vielleicht Shavuot?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.