Robert Wistrich sel.A. – ein leidenschaftlicher Verteidiger des jüdischen Volks

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Robert_WistrichProfessor Robert Wistrich war der führende Historiker in Sachen Antisemitismus und veröffentlichte auch in anderen Feldern der Geschichte wichtige Bücher. Die Kombination aus seiner intellektuellen Tiefe und fruchtbaren Autorenschaft spiegelten sein Expertentum zu vielen Aspekten im Bereich des Antisemitismus. Seine Präsenz war am wichtigsten in einem Bereich, in dem die Zahl der Forscher leider nicht mit der jüngsten Explosion des Hasses und seiner Mutationen mitgehalten hat; das reicht von der Verachtung der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes bis zur Verleumdung des jüdischen Staates.

Robert war ein Sprecher und Repräsentant des jüdischen Volkes – Rollen, denen er vollkommen verpflichtet blieb. Zu den vielen von ihm geführten Projekten gehörte die gemeinsam vom Simon Wiesenthal Center und der UNESCO erstellte Ausstellung „Buch, Volk, Land – die 3.500-jährige Beziehung des jüdischen Volks zum Heiligen Land“. Etwas ganz Anderes war seine Mitgliedschaft in der 1999 gegründeten Internationalen Katholisch-Jüdischen Historischen Kommission, die die Rolle von Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs neu beurteilte. Robert ließ seine Integrität nicht durch Druck aus Kirchenquellen beeinträchtigen, was schließlich zur verfrühten Einstellung der Arbeit der Kommission beitrug.

Wenn man den Nachruf für einen derart herausragenden Intellektuellen schreibt, zeigen seine Biographie und seine vielen menschlichen Qualitäten einige Aspekte seiner Persönlichkeit; wichtige weitere kann man sehen, wenn man sich auf einiges aus seinem großartigen analytischen Werk konzentriert.

Vor Jahrzehnten las ich eine Veröffentlichung der World Union of Jewish Students. Unter den vielen von Studenten geschriebenen Artikeln gab es einen, der weit aus dem Rest hinausragte. Auf diese Weise begegnete mir Roberts Name zum ersten Mal.

Antisemitismus-Studien wurden dank des französischen Wissenschaftlers Léon Poliakov (1910 – 1997) zum Forschungsfeld; Poliakov schrieb einen Großteil der fundamentalen Arbeit in diesem Bereich. Es war jedoch die Entwicklung eines Instituts auf hohem Niveau nötig, um das Feld in größerem Umfang abzudecken und Robert war bei diesem Unterfangen entscheidend. Er war Neuburger-Professor für Europäische Geschichte und Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Als Robert 2002 zum Leiter des Vidal Sassoon International Center wurde, verwandelte er dieses in einen Ort, der ein breites Spektrum an Antisemitismus-Forschung veröffentlichte, das viele Länder und Themen abdeckte.

Robert war nicht nur ein sehr geschickter Autor, sondern auch ein durchdachter Redner. Als Kind polnisch-jüdischer Eltern in der Sowjetunion geboren, war Englisch nicht seine Muttersprache, sondern eine der Sprachen, die er beherrschte. Dies und sein enzyklopädisches Wissen erlaubten es ihm tiefe Einsicht in verschiedene Kulturen zu gewinnen.

Es ist unmöglich Roberts gesamte Arbeiten zu besprechen, ohne einen überlangen Aufsatz zu schreiben – also werde ich mich auf einige seiner jüngeren Veröffentlichungen konzentrieren. Sein magnum opus, „A Lethal Obsession“ (Tödliche Besessenheit), trägt den Untertitel „Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad“ (Antisemitismus von der Antike bis zum weltweiten Jihad) und kam im Jahr 2010 heraus. Seine einzelnen Kapitel können als eigenständige Aufsätze gelesen werden.

In seinem Buch widmete Robert ein ganzes Kapitel den „Juden gegen Zion“. Er behandelte die Geschichte der selbsthassenden Juden ab den Apostaten im christlichen Spanien nach den Massakern an den Juden im Jahr 1391. Er verwies zu einer Äußerung, die bereits zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert vom Wiener Dramatiker Arthur Schnitzler zitiert wurde: „Antisemitismus hatte keinen Erfolg, bis die Juden anfingen ihn zu fördern.“ Extrem masochistische Tendenzen, einschließlich psychologischer Selbstgeißelung, die bei Juden regelmäßig vorkommt, gehen wahrscheinlich über die in anderen Kulturen hinaus. Ein Beispiel war Roberts tödliche Analyse des österreichischen, jüdischen Nachkriegskanzlers Bruno Kreisky, einem sozialistischen Reinwäscher ehemaliger Nazis.

Viele Wissenschaftler sehen weg, wenn es um den von muslimischen Staaten und Teilen der muslimischen Bevölkerung in westlichen Ländern ausgehenden, weit verbreiteten Antisemitismus geht. Trotz der Gegenreaktionen blieb Robert freimütig, als sein nach dem 9/11 ursprünglich in Englisch veröffentlichten Aufsatz über muslimischen Antisemitismus auf Deutsch aktualisiert und wieder aufgelegt wurde. Darin machte Robert geltend, dass der Hardcore-Antisemitismus in der arabischen und muslimischen Welt nur mit dem von Nazideutschland vergleichbar ist. Eine solche Meinung zu äußern war weit mehr als eine akademische Beurteilung. Es war eine mutige Tat. Weniger scharfe Kritik am extrem üblen Phänomen muslimischer Gesellschaften wurde bereits als Islamophobie bezeichnet. Solche Kritik wird ständig nicht nur von Muslimen, sondern auch von vielen „politisch korrekten“ Westlern abgewürgt. Robert erklärte ausdrücklich, dass muslimischer Hass auf Israel und Juden „ein eliminierenatorischer Antisemitismus mit Völkermord-Dimension“ ist.

2012 wurde From Ambivalence to Betrayal: The Left, the Jews, and Israel“ (Von Ambivalenz zu Verrat: Die Linke, die Juden und Israel) veröffentlicht. Das Buch enthält das Kapitel Great Britain: A Suitable Case for Treatment? (Großbritannien: Ein passender Fall für Therapie?) Robert hat in Großbritannien studiert, wo der Unterricht zu klassischer britischer Literatur im Lehrplan der Schule fast immer von antisemitischer Natur war. Roberts Analyse begann mit Chaucers Canterbury Tales (Die Canterbury-Erzählungen) aus dem späten 14. Jahrhundert und Christopher Marlowes The Jew of Malta (Der Jude aus Malta) vom Ende des 16. Jahrhunderts. Er sprach sich unmissverständlich gegen die Weißwaschung des Antisemitismus in Shakespeares Kaufmann von Venedig aus.

Vielleicht mehr als jeder andere hat Robert bewiesen, dass Antisemitismus nicht nur in der Geschichte Europas tief verwurzelt, sondern dass er ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist. Ich überzeugte ihn einmal am Jerusalem Center for Public Affairs einen Vortrag über die lange Tradition des intellektuellen Antisemitismus zu halten. Er illustrierte, wie jede Veränderung im sozialen Umfeld eine Mutation des Antisemitismus mit sich bringt. In Europa legte der katholische Antisemitismus die ideologische Infrastruktur, von der aus sich ein Großteil der Dämonisierung der Juden, des Judentums und des jüdischen Volks entwickelte. Von Martin Luther und dem Protestantismus zur Aufklärung, Voltaire eingeschlossen, von den großen deutschen, idealistischen Philosophen über frühe französische Sozialisten bis zu Karl Marx – viele Intellektuelle und innovative Bewegungen gaben ihren eigenen „Beitrag“ zum Antisemitismus.

Robert war ein leidenschaftlicher und unermüdlicher Kämpfer für seine Ideen. Ich hatte das Privileg zum letzten Mal mit diesem Kampfgenossen gegen die vielen üblen Feinde des jüdischen Volkes und Mann der Prinzipien während des jüngsten Weltforum zur Bekämpfung von Antisemitismus, ein paar Tage vor seinem Tod zu sprechen – ein ausführliches Gespräch, wie immer anregend und angenehm. Seine Zielstrebigkeit blieb bis zum letzten Moment ungebrochen. Wie alle großen Intellektuellen wird er durch das Vermächtnis seiner umfassenden Arbeiten und seines originellen Denkens weiterleben.

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