Stolz und Vorurteil

Ruthie Blum, Israel HaYom, 4. August 2015

Am Donnerstag, als Jerusalem sich auf die Gay Pride-Parade vorbereitete, indem die Hauptverkehrsstraßen abgesperrt und überall in der Stadt Regenbogenfahnen aufgehängt wurden, begab sich der 39-jährige Yischai Schlissel in die Hauptstadt, den Kopf voller Massenmord und ein Messer in der Tasche seines schwarzen Mantels.

Trotz der starken Polizeipräsenz zur Veranstaltung schaffte Schlissel es durch das Gedränge zu kommen, anfangs unentdeckt. Das wäre nicht so seltsam, angesichts der großen Zahl an Menschen, von denen er umgeben ist. Aber Schlissels hareidische Kleidung, sein langer Bart und die Schläfenlocken hätten dafür sorgen müssen, dass er in der farbenfrohen, leicht bekleideten Menge enorm auffällt.

Als die Aufmerksamkeit sich der Gesetzeshüter auf ihn richtete, war es allerdings zu spät: Schlissel hatte bereits erfolgreich auf sechs Menschen eingestochen, darunter die 16-jährige Shira Banki, die Montag ihren Verletzungen erlag.

Die Nachricht von dem, was das gesamte Land sofort als einen „Akt jüdischen Terrorismus“ verurteilte, entfachte allgemeines Entsetzen, Trauer und gesellschaftliche Selbstgeißelung.

In erster Linie gibt es einen allgemeinen Konsens, dass der Anschlag hätte verhindert werden können.

Schlissel war ganze drei Wochen vorher aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem er ein Jahrzehnt dafür im Gefängnis verbrachte, genau dasselbe Verbrechen am selben Schauplatz beging. In der Tat stach er bei der Gay Pride-Parade in Jerusalem 2005 auf drei Teilnehmer ein. Das führte dazu, dass er wegen versuchtem Mord und schwerer Körperverletzung zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurde – ein Strafmaß, das 2007 heruntergesetzt wurde.

Zweitens zeigte er bei seiner Entlassung ein Verhalten, das Alarmglocken hätte schrillen lassen müssen. Im Vorfeld der Parade verteilte er an Nachbarn in Modi’in Illit ein Dokument, in dem er schrieb: „Es ist die Verpflichtung eine jeden Juden seine Seele von Strafe fernzuhalten und diese gigantische Schändung des Namens Gottes am nächsten Donnerstag aufzuhalten.“

Er gab auch einem hareidischen Radiosender ein Interview, in dem er seine Geisteshaltung und Aufruf zum Handeln an seine Mit-Glaubenseiferer bekräftigte.

Die Tatsache also, dass er frei umherstreifen konnte, ohne jegliche Überwachung, schockiert viele Beobachter.

Mich allerdings nicht, denn weder das nachsichtige Justizsystem noch die Inkompetenz der Polizei, verbunden mit ihrer eingeschränkten Personalstärke, sind irgendetwas Neues.

Genauso wenig überrascht, dass Politiker aus dem gesamten Spektrum, gemeinsam mit der Öffentlichkeit, den Experten und allen Rabbinern, die die Gesetze des Staates und der Thora anerkennen und respektieren, den Anschlag umgehend verurteilten. (Auch wenn Schlissel und Seinesgleichen behaupten das jüdische Recht hochzuhalten, scheinen sie zu glauben, dass sie über der Einhaltung der Zehn Gebote sowie den israelischen Gerichten stehen.)

Was innehalten lassen könnte, ist die Reaktion der israelischen Linken auf den Vorfall. Demonstrationen das ganze Wochenende über, vordergründig zum Zweck der Bekräftigung des Aufrufs zu „Toleranz“ und „Miteinander“, verwandelten sich in Hass-Feste. Nicht gegen die antiisraelischen Ultraorthodoxen; nicht gegen die Polizei; nicht gegen die Gerichte; nicht gegen das Wahlsystem, das für die Macht der hareidischen Parteien verantwortlich ist.

Nein, der Hass und das Gift waren gegen Premierminister Benjamin Netanyahu und seine Koalitionspartner gerichtet. Parolen mit hebräischen Reimen, die den Premierminister der Aufstachelung beschuldigten, wurden überall gerufen, vom Zionsplatz in Jerusalem bis zum Rabinplatz in Tel Aviv.

Bildungsminister Naftali Bennett wurde in letzter Minute gebeten auf der Kundgebung in Tel Aviv nicht zu sprechen, als das Brüllen und Fluchen bei der bloßen Erwähnung seines Namens zu bedrohlich wurden. Energie- und Infrastrukturminister Yuval Steinitz war nur mit Geleit in der Lage das Podium zu erreichen. Mitglieder der LGBT-Fraktion des Likud geleiteten ihn nach vorne, während sie von Schwulen mit anderen Ansichten verspottet und als „Faschisten“ bezeichnet wurden – und auch von anderen Linken mit roter Farbe auf den Handballen, die Blut an den Händen eines jeden darstellen sollte, der eine andere Meinung dazu hatte, warum sie sich überhaupt hier versammelt hatten.

Die Ironie an der Sache: Schlissel hasst Netanyahu genauso heftig wie sie, allerdings weil er ein säkularer Jude im modernen Staat Israel ist, dessen Eintreten für liberale Werte nicht tolerierbar ist.

Es besteht kein Zweifel, dass Schlissel diesmal zu lebenslänglich verurteilt wird. Dank der Linken und Netanyahu – der die Verabschiedung eines Gesetzesvorschlags zur Wiedereinführung der Todesstrafe für Terroristen verhinderte – wird der Mörder noch seine nächste Entlassung erleben, statt für das Abschlachten eines unschuldigen Mädchens zu sterben.

Dieses Zerrbild ist es, das den arabischen Terroristen erlaubt ihre Zeit abzuwarten, bis sie als Teil eines wiederholten israelischen „Gefangenenaustauschs“- und „Friedensprozess“-Handels befreit werden.

Aber das kümmert die Linke nicht, die jeden einzelnen muslimischen Mörder als „einsamen Wolf“ behandelt, aber die israelische Gesellschaft als Ganzes (mit Ausnahme ihrer selbst) für Typen wie Schlissel verantwortlich macht.

Darüber hinaus war Schlissels Amoklauf mit dem Messer einmalig. Im Verlauf der 14 Jahre jährlicher Gay Pride-Paraden waren die beiden Messerangriffe von ein und derselben Person verübt worden.

Der Versuch der Linken diese Tatsache zu verschleiern und den Mord in eine weitere Rechtfertigung zu wenden das Land schlechtzumachen, ist widerlich.

Stolz ist nicht das Wort, das einem diese Woche einfällt, sonder Scham.

Ein Gedanke zu “Stolz und Vorurteil

  1. Persönlich sehe ich das so, dass es keine Pride Paraden braucht, nicht in Tel Aviv und nicht in Jerusalem. Ein Sinn dafür erschliesst sich mir nicht. Toleranz darf durchaus auch Grenzen zeigen. Denn niemand muss etwas wollen, was auch nicht mit dem Schöpferwillen übereinstimmen will, ja , diesen mutwillig konterkariert. Was jedoch garnicht geht ist Mord. Denn dies ist keine Ausdrucksform der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Homosexualität. Aber aus guten Gründen erwarte ich von den Menschen die die persönliche sexuelle Freiheit über alles andere stellen, die Reife, dass sie auf diese breite Öffentlichkeit endlich verzichten. Das wäre ein wirklicher Liebesdienst, denn sie treiben ihre Gegner vielfach zum berechtigten Zorn. Das ist kein speziefisch jüdisches Problem. Man hat aus guten Gründen, die ich für sehr hinterhälitg halte, Tel Aviv zur Hauptstadt der Gays gemacht, um es zur Zielscheibe für seine Feinde zu machen. Das ist ihnen nun gelungen. Sollte das nicht eher Krieg genannt werden? Denn wir haben es nicht mit Fleisch und Blut zu tun sondern mit einem geistlichen Kampf. Die Feinde Israels lachen sich ins Fäustchen. Ich aber mache mir Sorgen um Israel. Ein gesundes NEIN zur Gay Stolzparade wäre angebracht gewesen. Aber das ist wohl auch Antisemitismus? Damit kann ich leben, aber nicht damit, dass Israel stets seine Identität verleugnet. Wiederherstellung ist es was es wirklich braucht. Das wünsche ich Israel von Herzen

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