Zu Fuß nach Hause zu gehen sollte kein Statement sein

Annika Hernroth-Rothstein, Israel HaYom, 17. September 2015

Es ist ein wunderschöner Abend vor dem Feiertag und ich gehe zu Fuß durch Jerusalem von einem Abendessen zurück nach Hause, wo der Staub sich kaum gelegt hat. Ich hätte angehalten um die Aussicht vom Hügel zu bewundern, aber ich ging vom Haus meiner Freundin in Nof Zion zu meiner Wohnung in Abu Tor, was bedeutet, dass ich durch das Dorf Jabel Mukaber hindurch musste. Ich ging schnell, trotz der starken Steigung und versuchte entspannt und selbstsicher auszusehen, aber mein Herz raste, als ich erkannte, dass dies vielleicht nicht die beste Idee gewesen war. Autos fuhren vorbei, jemand warf eine Dose in etwa in meine Richtung, schrie etwas, das ich nicht verstand. Die Leute, an denen ich vorbeiging, sprachen mich an, aber ich schwieg und hielt mein Tempo, während ich zur Haas-Promenade lief.

Über den Feiertag Rosh Hashanah hat es wiederholt Zusammenstöße zwischen der israelischen Polizei und Palästinensern auf dem Tempelberg gegeben. Palästinenser haben Steine und Feuerwerkskörper gehortet, um sie auf Nichtmuslime zu werfen, die den heiligen Ort besuchen. Das folgt Monaten der eskalierenden Bedrohungen, bei denen radikale islamische Gruppen auf den Tempelberg strömen, um dort Nichtmuslime zu belästigen und sogar physisch anzugreifen. Seit unmittelbar vor Rosh Hashanah ist der Staat Israel – endlich – hart gegen diese hoch illegalen Taten vorgegangen und versuchte die freie Religionsausübung für jedermann zu schützen; das Ergebnis bestand darin, dass die muslimischen Extremisten ihr Spiel hochgefahren haben.

Beim Betreten des Tempelbergs, wo Randalierer sich verbarrikadiert hatten, fand die Polizei nicht nur Steine, Feuerwerkskörper und Beton vor, sondern auch Rohrbomben, die dazu gebaut waren den Aufgang zum Tempelberg zu sprengen, sollten Nichtmuslime versuchen ihn zu betreten.

Doch die Gewalt beschränkt sich oder konzentriert sich nicht nur auf den Tempelberg. Am Montagabend wurde eine Familie, die von einem Feiertags-Abendessen zurückkam, im Jerusalemer Stadtteil Talpiot von Steinewerfern angegriffen. Man glaubt, dass die Angreifer palästinensische Bewohner des nahe gelegenen Viertel Sur Baher waren; es wird angegeben, dass sie Steine auf das fahrende Auto warfen, das gegen in einen Pfahl krachte. Der 64-jährige Fahrer, Alexander Levlovich, starb später infolge des Terroranschlags, während die beiden Mitfahrer leichte Verletzungen davontrugen.

Meine Freunde sagten mir, ich solle nicht alleine durch Jabel Mukaber gehen, aber ich machte es trotzdem. Nicht, weil ich übermütig bin, nicht um wie ein Depp zu handeln, sondern weil ich nicht akzeptieren konnte, dass sich einen Personenschützer brauchen, nur um von einem Abendessen nach Hause zu gehen. Die von mir und uns, den Juden, die die Straßen Jerusalems zu Fuß entlang gehen, getroffenen Vorsichtsmaßnahmen sind bereits zu zahlreich und zu akzeptiert; sie verwandeln langsam in Normalität, was alles andere sein sollte. Während viele Länder und viele Städte Gegenden haben, die man nicht unbedingt betreten sollte, ist Jerusalem einzigartig: Wir haben Gegenden, in die Juden nicht gehen können ohne ihr Leben zu riskieren, während unsere Angreifer solchen Einschränkungen nicht unterliegen. Was ihrs ist, ist ihrs und was unser ist, ist auch ihres.

Premierminister Benjamin Netanyahu sagte Mittwoch während eines Besuchs am Ort des jüngsten Terroranschlags in Jerusalem, dass er vorhabe den Steinewerfern „den Krieg zu erklären“; das Mindeststrafmaß soll für solche Anschläge erhöht sowie der Polizei und dem Militär mehr Spielraum zum Eingreifen eingeräumt werden. In derselben spontanen Pressekonferenz betonte Netanyahu jedoch Israels Bindung an den Status quo auf dem Tempelberg, der Juden Besuche, aber keine Gebete erlaubt.

Das Problem damit, das eine anzusprechen, das andere aber zu ignorieren, besteht darin, dass das Signal der Stärke, das Netanyahu zu senden versucht, als wenig mehr als eine leere Geste kommt. Entweder sind er und seine Regierung entschlossen den Juden Jerusalems Sicherheit zu geben oder sie sind es nicht. Die auf dem Berg geworfenen Steine stehen in Verbindung zu denen die auf den Straßen geworfen werden; ignoriert man die einen, verschlimmert die Regierung die anderen; sie betreibt in Fragen von Leben und Tod Rosinenpickerei.

Bevor ich an diesem Abend meine Wohnung in Abu Tor verließ, bestand meine Freundin darauf, dass ich nicht alleine zu Fuß ging. Du gehst von einem arabischen Dorf in ein anderes, sagte sie; und etwas aus Prinzip zu tun, lohnt das Risiko nicht. So traurig es ist, sie hatte recht; und so wütend es mich macht, war es vermutlich das letzte Mal, dass ich genau diesen Gang unternahm. Ein zehnminütiger Fußmarsch sollte kein Statement sein, genauso wenig wie auf dem Tempelberg zu beten kein Aktivismus sein sollte. Aber sie sind es und wir gestatten ihnen das zu sein, wobei wir vergessen, dass Menschenrechte auch für Juden gelten und dass Koexistenz bedeutet, dass man sich auf halbem Weg triff statt vergeblich die Distanz zu überbrücken.

Mein Herz schlug heftig in meiner Brust, als ich zur Promenade kam. Und während ich ohne Schaden zu nehmen nach Hause kam, war der Schaden längst angerichtet, bevor ich dort ankam. Ein Mann starb diese Woche, wie andere vor ihm, durch die Hände des Terrorismus und Selbstgefälligkeit. Weil Terrorismus nicht nur der Anschlag ist; er ist auch das Hinterher, das zu einem rutschigen Hang von der Normalität zur Anpassung wird. Die Normalität aufzugeben bedeutet das Leben aufzugeben und die Freiheit zu beeinträchtigen, um einen Krieg zu vermeiden, bedeutet, dass man sich bereits in einem solchen befindet und ein endloses Spiel Nachziehens spielt, um das eigene Leben zu retten.

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