Oberrabbiner besudeln Christliche Botschaft

Isi Leibler, Israel HaYom, 22. September 2015

ICEJ-Marsch

Es ist bedauerlich, dass am Vorabend des Yom Kippur unsere Oberrabbiner einmal mehr Beleidigendes gesagt haben; diesmal besudelten sie einen der passioniertesten Verbündete und leidenschaftlichsten Unterstützer Israels.

Der aschkenasische Oberrabbiner David Lau und sein sephardisches Gegenüber, Rabbi Yitzhak Yosef, haben eine außergewöhnliche Verurteilung der Internationalen Christlichen Botschaft in Jerusalem (ICEJ) publiziert, mit der sie sie Missionsaktivitäten beschuldigen und Juden auffordern ihre 36. jährliche Sukkot-Versammlung in Jerusalem zu boykottieren. Die pro-israelische ICEJ wurde 1980 gegründet und ist eine Erweiterung des evangelikalen Zweigs der Christenheit.

Im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts sind wir Zeugen einer exponentiellen Intensivierung der Verbundenheit der evangelikalen Bewegung zum jüdischen Volk und Israel geworden. Das fiel mit der dramatischen Erosion der Unterstützung für Israel aus der Linken und liberalen Quellen zusammen.

Unnötig zu erwähnen, dass Evangelikale weit davon entfernt sind eine monolithische Gruppe zu sein; zu ihnen gehört eine kleine Minderheit von Leuten, deren oberstes Interesse an Juden darin besteht sie zu bekehren. Juden können keinerlei Beziehung zu solchen Gruppen gutheißen. Es gibt auch Randgruppen-Elemente, deren Philosemitismus von Jahrtausend-Dispensationalismus motiviert sind – einem Glauben, dass das Ende der Tage und das zweite Kommen des Messias nur stattfinden kann, wenn Juden in das Land Israel zurückgekehrt sind.

Die Mehrheit der Evangelikalen sind jedoch gottesfürchtige Christen, die eine bedingungslose Liebe für die Juden als Gottes erwähltem Volk teilen, für unser Wohlergehen beten und Israel leidenschaftlich unterstützen. Sie betrachten das Judentum als Grundlage des Christentums und lehnen die protestantische Ersetzungstheologie ab, nach der das Neue Testament die historische Rolle der Juden als Gottes erwähltem Volk ablöst. Sie gründen ihren Glauben auf biblische Verse wie 1. Mose 12,3: „Ich will segnen, die dich segnen, und averfluchen, die dich verfluchen; und bin dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“

Die meisten glauben, dass Gott immer Israel als jüdische Heimat vorsah und betrachten Unterstützung Israels als Möglichkeit Gott zu ehren. Diese Gefühle entwickelten die christlichen Zionisten des frühen 19. Jahrhunderts und motivierten anschließend Menschen wie Lord Balfour und Orde Wingate – der half die Hagana zu schaffen – sowie viele andere. Statt Bekehrungseifer sind diese Gefühle die Hauptfaktoren, mittels derer Evangelikale sich zu leidenschaftlichen christlichen Zionisten entwickelten.

Die Christliche Botschaft hat ungefähr 50 engagierte Repräsentanten in Israel, die mit Zweigen in mehr als 80 Ländern eng zusammenarbeiten. Sie hat eine beeindruckende Bilanz wichtiger wohltätiger Beiträge zu jüdischen, hauptsächlich israelischen Belangen. Die meisten Gelder für diese Projekte stammen aus Spenden christlicher Kirchgänger zwischen 50 und 100 Dollar, die die Unterstützung des jüdischen Volks als gerechte Sache betrachten.

Die ICEJ sponserte die Aliyah von mehr als 120.000 Juden nach Israel und bot Startkapital für die Gründung von Nefesh B’Nefesh. Sie trägt zur Integration von Einwanderern bei, ebenso zu zahlreichen sozialen Wohlfahrtsprogrammen in Israel, darunter ein Heim für bedürftige Holocaust-Überlebende in Haifa, Unterstützung von ehemaligen Einwohnern des Gush Katif [im Gazastreifen] und die Finanzierung von Schutzbunkern in der Grenzregion zum Gazastreifen.

Im öffentlichen Raum wirbt sie für die Unterstützung Israels bei Parlamenten rund um die Welt; sie schuf ein christliches Gegenstück zum American Israel Public Affairs Committee zur Unterstützung Israels und gegen Antisemitismus. Leidenschaftliche evangelikale Unterstützung trug beträchtlich zum Anstieg der Beliebtheit Israels in den Vereinigten Staaten und dem guten Ansehen bei, dessen sich Israel sich derzeit im Kongress erfreut. In mancher Hinsicht ist der politische Einfluss der Evangelikalen so wichtig gewesen wie der der pro-israelischen Lobby.

Die Christliche Botschaft arbeitet eng mit dem Außenministerium, dem Tourismus-Ministerium, der Jewish Agency und Yad Vashem zusammen. Die Feiern zum Laubhüttenfest im letzten Jahr,d ie direkt nach dem Gaza-Krieg stattfanden, zogen die seit Jahren größte Zahl an Teilnehmern (mehr als 5000) an. Der Ausdruck der Solidarität mit Israel wird dieses Jahr wieder die „Anerkennung der Hand Gottes in Israels moderner Wiederherstellung und die Notwendigkeit mit dem zu arbeiten, was Gott tut und es zu segnen“ feiern.

In großem Gegensatz zur traditionellen, antisemitischen Kirchendoktrin und der aktuellen antiisraelischen Feindseligkeit, die von den meisten protestantischen Kirchen bekundet wird, lieben die Christliche Botschaft und ihre Unterstützer Zion aufrichtig. Evangelikale Unterstützung ist nie von einem quid pro quo abhängig gemacht worden.

Trotzdem erklärte das Oberrabbinat schändlich, dass das Ziel der ICEJ sei „alle Einwohner der Welt zum Christentum“ zu bekehren und insbesondere „die Religion der Juden von der Religion Israels wegzubringen und sie unter die Flügel des Christentums zu bringen“. Sie drängten die Juden keinerlei Kontakt mit ihnen zu haben und erklärten, dass die Teilnahme von Juden durch von der Torah verboten wird.

Es gibt kleine Gruppen orthodoxer Juden, die überzeugt bleiben, dass alle Christen Antisemitismus sind und ihre freundlichen Gesten nur eine List sind, um uns zu bekehren. Extremistische Randelemente wie die fremdenfeindliche Organisation Lehava stellen widerlichen Fanatismus und giftigen Hass zur Schau; eine Hand voll sind krankhaft und schuld an verachtenswerten Taten des Vandalismus gegen Kirchen.

Doch die Mehrheit der anti-evangelikalen Agitatoren sind naive und fehlgeleitet Zeloten wie Yad L’achim, die die Christliche Botschaft missionarischer Aktivitäten beschuldigen. Sie hatten offenbar Erfolg damit die Oberrabbiner zu überzeugen, diese Verurteilung ohne adäquate Überprüfung der Fakten auszugeben.

Im Verlauf der Jahre habe ich eng mit der ICEJ zusammengearbeitet. Sie sind echte Freunde des jüdischen Volks und gerechte Nichtjuden. Ich nahm an ihrer Nacht für israelische Gäste zum Laubhüttenfest teil und war als Kommentator zu vielen ihrer Sendungen eingeladen, die sich an Christen in aller Welt wenden. Ich begegnete nicht ein einziges Mal auch nur der geringsten Andeutung missionarischer Absicht und ich bewundere ihre Integrität und eingeborenen Anstand.

Ich habe niemals theologischen Dialog mit ihnen betrieben und sehe keinen Wert darin unsere religiösen Unterschiede zu diskutieren. Ich erkenne die gemeinsamen Wurzeln unseres jüdisch-christlichen Erbes an, das uns verpflichtet moralischen Relativismus abzulehnen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Seit Jahrzehnten verpflichtet die Christliche Botschaft in ihrer karitativen Arbeit überall in Israel jede israelische Einzelperson oder Institution, die Hilfe von ihr erhalten, eine Erklärung zu unterschreiben, die bestätigt, dass es keinen Missionsversuch ihrerseits gegeben hat.

Das eine Woche dauernde Laubhüttenfest ist im Wesentlichen eine christliche Zusammenkunft ds auf diejenigen beschränkt ist, die seit mindestens sechs Monaten regelmäßig Gottesdienste besuchen.

Sie veranstalten außerdem jedes Jahre eine Parade in Jerusalem, bei der Tausende ihrer Anhänger von allen Enden der Welt ihre Unterstützung und Solidarität mit Israel erklären.

Eine Nacht, die als Nacht für israelische Gäste bezeichnet wird, ist für die israelische Öffentlichkeit offen. Das Programm ist außergewöhnlich sensibel, um sicherzustellen, dass es keinen missionarischen Inhalt gibt; man konzentriert sich darauf die Solidarität mit dem jüdischen Volk zum Ausdruck zu bringen.

Die Zusammenkunft im letzten Jahr zollte den Soldaten und Überlebenden von Terroranschlägen Anerkennung, außerdem wurden 300 jüdische, christliche und drusische IDF-Fallschirmjäger geehrt, die im Gazastreifen Dienst taten; Präsident Ruby Rivlin und Premierminister Benjamin Netanyahu sprachen dort. Dieses Jahr wird Knesset-Präsident Yuli Edelstein ihr Hauptredner sein.

Es ist erbärmlich, dass das Oberrabbinat es verfehlte die falschen Vorwürfe gegen die Christliche Botschaft zu überprüfen und die zu verleumden, die Israels größte Freunde in der Welt repräsentieren. Ihr rüpelhaftes Tun beschämt das jüdische Volk; sie sollten sich entschuldigen und ihre ehrenrührigen Anschuldigungen zurücknehmen.

Derweil habe ich großes Vertrauen, dass die Israelis unsere christlichen Freunde weiter willkommen heißen und Wertschätzung für ihre Unterstützung zum Ausdruck bringen. Sukkot wird traditionell als das Fest anerkannt, bei dem Nichtjuden nach Jerusalem eingeladen werden und wir sollten zufrieden sein, dass in diesen schweren Zeiten Christen aus aller Welt sich hier versammeln werden, um ihre Solidarität zu zeigen.

Wir sollten fürwahr die Gefühle wiedergeben, die von Oberrabbiner Shlomo Goren bekundet wurden, der 1981 das Sukkot-Treffen der Christlichen Botschaft so segnete: „Bruchim habaim b’shem Adonai“ – „Mögt ihr alle, die ihr hierhergekommen seid, im Namen Gottes gesegnet sein.“

3 Gedanken zu “Oberrabbiner besudeln Christliche Botschaft

  1. Es gibt nicht wenige israelische Juden, besonders in Jerusalem, die sehen das anders. Ich kann das verstehen, nicht aus unmittelbarer eigener Erfahrung sondern mittelbar aus den Kommentarspalten der Jerusalem Post. Was da abgeht ist schon erschreckend. So erschreckend für mich, dass ich als Katholik diese Seiten nicht mehr aufrufe.

    Es mögen nur wenige Missionare unterwegs sein. Aber ihre „Lautstärke“ und die äußerlich nicht in Erscheinung tretenden Nichtmissionare, verfälschen wohl das Bild.

    Haben Sie schon mal darüber nachgedacht welchen Eindruck alleine die Existenz einer Internationalen Christlichen Botschaft in Jerusalem (ICEJ) der heiligsten Stadt des Judentums bewirkt.

    Stellen Sie sich mal vor, dass es in eine Internationale Jüdische Botschaft in Rom geben würde. Wie würde das auf uns Katholiken wohl wirken. Was würde geschehen, wenn einige dieser Juden dann auch noch versuchen würden Katholiken zu missionieren?

    Also ich kann die Aufregung der Oberrabiner verstehen. Als beleidigend empfinde ich das auch nicht.
    Ihre Haltung dazu aber nicht!

    Herzlich, Paul

    PS: Dann gibt es auch die messianischen Juden, die sich auch noch unter diesem christlichen Dach aufhalten. Diese sind für jeden Juden Abtrünnige und ein Gräuel. Das kann ich auch verstehen.

    Herzlich, Paul

    • Lieber Paul,

      ich stimme Dir an vielen Stellen zu, besonders, was die sogenannte „Judenmission“ angeht. Ich lehne sie ab.
      Es gibt aber viele Christen, die das ganz anders sehen, für sie gilt der Missionsbefehl universal und universell, eben auch den Juden. Von daher kann ich die Warnung der Rabbinen vor christlichen Missionaren schon verstehen.

      In Bezug auf Jerusalem ist die Sache jedoch ebenso vielschichtig wie schwierig, denn Jerusalem ist ja nicht nur die zentrale Stadt für Juden, sie ist gleichsam auch für die Christen eine wichtige Stadt, insbesondere für evangelische Christen, die ja keine so große Bindung an Rom haben, wie etwa Katholiken.

      Jesus predigte in Jerusalem, dort starb er , dort wurde er von den Toten auferweckt. Dort empfingen seine Jünger den Heiligen Geist, dort fand das erste Konzil statt und wurden die ersten Christen für ihren Glauben getötet.
      Du kannst also nicht wirklich sagen, dass Christen keinerlei Berechtigung hätten, in Jerusalem zu leben und zu beten.
      Wobei ich persönlich es mit dem Bibelvers halte: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“, will meinen, ich hänge mein Herz nicht an eine Stadt und auch nicht an eine Pilgerstätte, wo auch immer sie sich befinden mag. Und so hänge ich es eben auch nicht an das „irdische“ Jerusalem, „sondern“ – so geht der Bibelvers ja weiter, „die zukünftige suchen wir.“ Hebräer 13, 14

      In meiner Kindheit war es noch üblich, vom „himmlischen Jerusalem“ zu sprechen und den Blick darauf zu richten, auf Gottes zukünftiges Reich, das ja bekanntlich nicht identisch ist mit irgendeinem weltlichen Herrschaftsanspruch.

      Trotz und alledem:
      Eine Reise nach Jerusalem lohnt sich, man muss ja nicht unbedingt zu Sukkot fahren 😉
      Herzlich Rika

  2. dieses sogenannte ‚Oberrabbinat‘ ist haredisch. Die Aktion geschieht bewusst und zielt darauf ab, Israel zu isolieren. Israel muss sich der haredischen Herausforderung annehmen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.