Europas Flüchtlingskrise: Juden müssen vorsichtig vorgehen

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Jüdische Gemeinden mussten in ihren Reaktionen auf den riesigen Zustrom an – hauptsächlich muslimischen – Flüchtlingen nach Europa vorsichtig sein. Das war insbesondere während der ersten emotionsgeladenen Wochen nach der Veröffentlichung des entsetzlichen Bildes des toten syrischen Kindes am Strand von Lesbos (Griechenland) der Fall. Kein Jude würde öffentlich sagen: das intensive Leid der vieler dieser Menschen ist real – aber das gilt auch für das Umfeld des extremen antisemitischen Hasses, in dem diese Leute aufwuchsen. Während die praktischen Probleme in Sachen Flüchtlingszustrom zugenommen haben und zunehmende Öffentlichkeit bekamen, haben Juden sich allerdings realistischer geäußert, wenn sie auch vorsichtig blieben.

Die unbedachte europäische Aufnahme von Millionen Muslimen in der Vergangenheit hat den europäischen jüdischen Gemeinden riesigen Schaden zugefügt. Ein großer Zustrom muslimischer Flüchtlinge in ein europäisches Land bedeutet dort eine weitere Zunahme des Antisemitismus. Der Grund dafür ist nicht, dass alle Immigranten Antisemiten sind. Aber ein hoher Prozentsatz der Immigranten sind es. Genauso ist es mit denen, die wahrscheinlich antisemitische Taten begehen, wenn man sie mit denen aus der bestehenden Bevölkerung vor Ort vergleicht, die Hassverbrechen verüben. Manche muslimische Immigranten oder ihre Nachkommen sind zudem weit radikaler als die einheimische Bevölkerung. Im aktuellen Jahrhundert wurden alle Morde an Juden, weil sie Juden waren, ob das nun im Raum Paris, Toulouse, Brüssel oder Kopenhagen geschah, von Muslimen begangen.

Jeder jüdische Leiter in Europa weiß das. Dennoch erlebten wir am Beginn der Krise mehrere humanitär-masochistische Äußerungen von manchen, die es besser wissen müssten. Einige jüdische Repräsentanten hießen die Neuankömmlinge willkommen, ohne auch nur ansatzweise die riesigen möglichen Probleme zu erwähnen, die daraus entstehen könnten.

Die Dachorganisation der jüdischen Organisationen in Flandern gab eine Presseerklärung aus, die die Behörden an das Leiden der jüdischen Flüchtlinge in den 1930-er Jahren erinnerte und forderte sie auf den Neuankömmlingen eine großzügige Aufnahmepolitik zukommen zu lassen. Sie lobten sogar Deutschlands aktuelle Flüchtlingspolitik, zu der die deutsche jüdische Gemeinschaft sich später zutiefst besorgt äußern sollte. Diese „nichts Böses sehende“ jüdische Dachorganisation erwähnte keines der vielen Probleme, die antisemitische Muslime für Juden in Belgien verursacht hatten.[1]

Der ehemalige Oberrabbiner von Großbritannien, Jonathan Sacks, ist normalerweise ein scharfer Beobachter der Situation, doch auch er ließ sich mitreißen. Am 6. September 2015 veröffentlichte er in der britischen Tageszeitung The Guardian einen Artikel mit dem Titel: „Love the stranger because you were onces strangers“ calls us now (Jetzt heißt es für uns „Liebe den Fremdling, denn auch du warst einmal fremd).

Ein Teil seines Artikels war Vergleichen der neuen Immigranten mit dem „Kindertransport“ gewidmet, den jüdischen Flüchtlingskindern, die in den 1930-er Jahren aus Deutschland nach England gebracht wurden. Er erwähnte zudem ihren anschließenden beträchtlichen Beitrag zur britischen Gesellschaft. Das überraschte um so mehr, als Sacks mit den vielen dem Vereinten Königreich durch muslimische Immigranten und verschiedene Muslimorganisationen entstandenen Problemen vertraut ist. Ein paar Wochen später wurden diese Probleme in Artikeln zur regelmäßigen Schikanierung von Juden in Londons Viertel Stamford Hill durch „junge asiatische Männer“ wieder aufgegriffen. Diese Bezeichnung ist die politisch korrekte Terminologie für Straftaten verdächtigte Muslime.[2]

Man sollte Sacks auch daran erinnern, dass viele der Menschen, die er mit liebender Güte willkommen heißt, den Koran buchstäblich auslegen. Sie betrachten ihn und seine Mitjuden als Schweine und Affen, mit anderen Worten: Untermenschen.[3] Die Kinder des Kindertransports flohen vor Deutschen, die Juden ebenfalls als Untermenschen betrachteten. Diese jüdischen Kinder begünstigten wederHass auf irgendjemanden noch die Diskriminierung von Minderheiten.

Eine der ersten, die eine realistische Alternative vorstellte, war Esther Voet – die Herausgeberin der niederländisch-jüdischen Wochenzeitung NIW – im Internetmagazin Jalta. Sie schrieb, dass sich Menschen nicht von ihren Emotionen mitreißen lassen sollten. Voet erwähnte, dass es gefährlich sei ihre Meinung zu äußern, denn sie riskiert damit ins rechtsextreme Lager gesteckt zu werden.

Sie erinnerte die Leser daran, dass der niederländische stellvertretende Premierminister Lodewijk Asscher 2013 wegen seines Vorschlags ausgelacht wurde, jeder Flüchtling, der Asyl in den Niederlanden sucht, solle eine Erklärung unterschreiben, dass er die Rechte von Frauen und Homosexuellen anerkennt und sicherte zu, dass er keinerlei Intoleranz gegenüber Menschen anderer Religionen und Atheisten tolerieren werde. Sie fügte hinzu, dass die neuen Flüchtlinge aus Kulturen kommen, in denen die meisten Menschen gleiche Rechte für Homosexuelle, Juden, Atheisten und Frauen nicht akzeptieren können.[4]

Einer der ersten leitenden Juden in Europa, der es wagte diese Ansichten in klarer Sprache auszudrücken, war Oskar Deutsch, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Wien. Es hatte nach der Geldspende der Gemeinde an die antiisraelische Organisation Caritas bei den Mitgliedern bereits Diskussionen gegeben.[5] Deutsch schrieb am 21. September in der österreichischen Tageszeitung Kurier, dass die jüdische Gemeinde im Verlauf der Jahre vielen Flüchtlingen geholfen hatte.

Er stellte auch heraus, dass die Ankunft von 20 Millionen Muslimen in Europa in der Vergangenheit regelmäßig zu physischen antisemitischen Angriffen und der Migration von Juden geführt hat. Deutsch fügte hinzu, dass jetzt aus Syrien und Afghanistan eintreffende Flüchtlinge aus Gesellschaften kommen, in denen Antisemitismus ein Grundelement in den Schulbüchern, Medien und sozialen Netzwerken ist. Terror gegen Israelis, muslimische Angriff auf jüdische Schulen, Synagogen und jüdische Museen werden in diesen Ländern oft verherrlicht.[6]

Anfang Oktober 2015 gab Josef Schuster, der Leiter des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel seinen Sorgen Ausdruck. Er sagte, unter den Leuten, die Zuflucht in Deutschland suchen, kämen viele aus Ländern, in denen Israel als Hauptfeind betrachtet wird. Schuster merkte an, dass diese Leute mit einem sehr israelfeindlichen Bild aufwuchsen und dieses Ressentiment auf alle Juden übertragen. Die Juden Deutschlands haben also alles Recht zu befürchten, dass der muslimische Antisemitismus in Deutschland zunehmen wird.[7]

Später sagte Levi Salomon, ein deutsch-jüdischer Antisemitismus-Experte, dem britischen Daily Express, dass Juden hassende Nazi-Ideologie und der Hass auf Israel Jahrzehnte lang das Herzstück der herrschenden Baath-Parteien sowohl in Syrien aus auch dem Irak waren. Er fügte an, dass daher angenommen werden muss, dass die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge Antisemiten sind. Lala Süsskind, ehemalige Leiterin der Berliner jüdischen Gemeinde, wurde folgendermaßen zitiert: „Wir glauben nicht, dass unsere Ängste von den Politikern ernst genommen werden.“[8] Die Zeitung erwähnte zudem, dass in Deutschland „die Zahl der antijüdischen Verbrechen 2014 auf mit 1.596 registrierten Hassverbrechen gegen jüdische Menschen auf Fünfjahreshoch stieg, mehr als in jedem anderen EU-Staat“.

Die CJO, die Dachorganisation jüdischer Organisationen in den Niederlanden, sah sich zu einer Reaktion veranlasst, als die Kommunalverwaltung von Amstelveen, einem Amsterdamer Vorort, in dem viele Juden leben, sich entschied ein leer stehendes Bürogebäude für syrische und irakische Immigranten zur Verfügung zu stellen. Die CJO-Presseerklärung gab der tiefen Sorge niederländisch-jüdischer Organisationen wegen der Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft Ausdruck. Der Text stellte klar, dass das vorgeschlagene Asylantenzentrum an dem einzigen Ort in den Niederlanden mit sichtbarer und erkennbarer jüdischer Gemeindeinfrastruktur steht, zu der zahlreiche Synagogen, jüdische Schulen, koschere Restaurants und koschere Geschäfte gehören.

Die CJO führt an, das der Großteil der terroristischen Bedrohung für jüdische Institutionen von Einzelpersonen und Organisationen aus Ländern der aktuellen Asylsuchenden kommen, in denen offizielle Kanäle Juden gegenüber sehr negativ sind.[9]

In Europa nimmt als Ergebnis des Flüchtlingszustroms die Polarisierung zu. Populistische, nationalistische und rechtsgerichtete Parteien haben nicht nur bei Meinungsumfragen zugelegt – einige Wahlergebnisse zeigen bereits, dass diese Parteien tatsächlich die vorhergesagten Gewinne erzielen. Vor kurzem gewann die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) im Bundesland Oberösterreich mehr als 30% der Stimmen; bei der Wahl 2009 waren es noch 15%.[10] In Wien erreichte die Partei fast 31% der Stimmen, 2010 waren es 26%.[11] Während die Polarisierung nicht konkret mit den Juden zusammenhängt, deutet das zunehmend fremdenfeindliche Umfeld für jüdische Gemeinden weitere Probleme in der Zukunft an.

Mehrere Jahre der Vernachlässigung seitens der der Europäischen Union in ihrer Politik zur Flüchtlingsfrage haben den jüngsten Zustrom verursacht. Vor ein paar Jahren hätte die EU einem Großteil des Problems dadurch vorbeugen können, dass sie der Türkei eine Bruchteil der Milliarden Euro anbot, die sie dem Land heute anbietet. Alles in allem sieht die Zukunft der zunehmend marginalisierten jüdischen Gemeinden Europas heute trostloser aus als noch vor ein paar Monaten.

[1] Joodse Organisaties pleiten voor ruimhartig vluchtelingenbeleid. Joods Actueel, 4.September 2015.

[2] London: Antisemitism Wave Ends in Window Smashing. Israel National News, 14. Oktober 2015.

[3] Jonathan Sacks: Refugee crisis: ‚Love the stranger because you were once strangers’ calls us know. In: The Guardian, 6. September 2015.

[4] Joodse journaliste niet te vinden voor massa-opname van Syrische vluchtelingen in Europa”, Joods Actueel, 8 September 2015, übernommen von Jalta.

[5] Oskar Deutsch: Jedem Flüchtling ist zu helfen – und danach? Kurier, 21.September 2015.

[6] Benjamin Weinthal: Austrian Jews in bind over donation to anti-Israel NGO. Jerusalem Post, 17. September 2015.

[7] Claus Christian Mahzahn: Zentralrat der Juden warnt vor arabischem Antisemitismus. DIE WELT, 3. Oktober 2015.

[8] Allan Hall: Germany’s Jews living in fear of thousands of Muslim refugees raised to be anti-semitic. Express, 15. Oktober 2015.

[9] Kemal Rijken: CJO: grote zorgen om veiligheid AZC in Joodse buurt. Jonet, 12. Oktober 2015.

[10] Melanie Hall: Austria’s Right Wing Populist Party Makes Huge Gains Fueled by Migrant Crisis Fears. The Telegraph, 28. September 2015.

[11] Endergebnis Mandat für Grüne, Vizebürgermeisterin für FPÖ. Die Presse, 13. Oktober 2015.