Wacht auf und zählt mal Eins und Eins zusammen

Dies ist nicht die erste akademische Diskussion über Moral und Ethik*

Dr. Mordechai Kedar, Israel National News, 6. November 2015

In Israel findet ein erbitterter Streit über die explosive Frage statt, ob der Öffentlichkeit erlaubt werden soll das Recht in die eigene Hand zu nehmen, wenn sie mit einem Terroristen konfrontiert ist, der gerade auf einen Juden eingestochen hat. Es gibt keinen Streit über die Zulässigkeit einen Terroristen zu töten, bevor er jemanden angegriffen hat, wenn es der einzige Weg zu sein scheint ihn davon abzuhalten seinen Plan auszuführen. Das Dilemma dreht sich darum, ob es zulässig ist einen Terroristen zu töten, nachdem er auf jemanden eingestochen hat. Auch hier geht es nicht darum ihn zu töten, wenn er in der Lage ist seinen Mordversuch fortzusetzen; in diesem Fall, stimmen alle überein, muss er umgehend eliminiert werden.

Das Problem entsteht, wenn ein Terrorist neutralisiert ist, auf dem Boden liegt, möglicherweise verwundet oder mit Handschellen gefesselt und nicht in der Lage ist aufzustehen und weitere Menschen zu verletzen. Kann ihn physisch anzugreifen und gar seinen Tod zu verursachen gebilligt werden oder hat er, einmal neutralisiert, Anspruch auf Schutz vor spontaner Vergeltung, auf medizinische Versorgung und ein faires Gerichtsverfahren, in dem seine Strafe festgelegt wird?

Die Antwort auf diese Frage hängt von den Auffassungen ab, die die Person hat, an die sie gerichtet wird. Bezeichnenderweise muss die Debatte auf die Grundlage der Schlussfolgerungen gestellt werden, die aus dem Studium des israelischen Rechts- und moralischen Systems erzielt werden; das spiegelt ein Land, das vom Recht bestimmt wird, in dem auch ein Krimineller das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren hat – oder sollte die Debatte auf die Tatsache gegründet sein, dass die Täter nicht Teil der israelischen Normativität sind, die moralischen Standards Israels nicht akzeptieren und sie wahrscheinlich zusammen mit dem gesamten Staat vernichten würden, so dass es keinen logischen Grund dafür gibt, dass das System ihn schützt.

Mit anderen Worten: Sollte die Debatte um die „Lynch-Frage“ von den Rechtsprinzipien geleitet werden, die der israelischen Gesellschaft dienen? Oder sollten wir die Frage vom Standpunkt des Angreifers, seiner Gesellschaft und den Normen aus betrachtet werden, nach denen er lebt? Und vergessen Sie nicht, dass, während dieser Streit tobt, andere, drängenderer Fragen den Israelis keine Ruhepause bieten: Wie kann der nächste Anschlag verhindert werden und wie kann der nächste Terrorist davon abgehalten werden im Versuch sie zu ermorden sogar auf 80-jährige Juden einzustechen?

Viele linke Israelis nutzen juristische und moralische Argumente, die ausschließlich moderner, liberaler und säkularer israelische Erfahrung entstammen. Dies ist die Haltung, die von Professor Mosche Negbi in einem Artikel in Ha’aretz (3. November 2015) verfochten wurde; er lehrt an der Hebräischen Universität und ist juristischer Kommentator für den Radiosender Voice of Israel.

Ein kurzer Blick auf die Überschrift des Artikels – Die Lynchkultur der extremen Rechten – reicht aus, um seine Empfindungen zum Thema herauszufinden. Gemäß seiner Auffassung (oder der des für das Schreiben der Schlagzeilen zuständigen Redakteurs) ist Terroristen zu verletzen keine emotionale Reaktion auf einen Vorfall, bei dem ein Terrorist gerade auf einen Juden eingestochen hat, sondern Teil eines „kulturellen Musters“, ein Hinweis auf etwas Genetisches, das in der Zusammensetzung eines rechten Extremisten verwurzelt ist, ihn bei jedem Schritt leitet. Seiner Meinung nach sind rechte Extremisten Leute, deren gesamte Kultur eine des Lynchens ist, Leute, die ihre Zeit damit verbringen nach jemandem zu suchen, den sie lynchen können.

Negbi nannte sie „einen unkontrollierten Mob“, dessen „kriminelle Ansichten“ die Hallen der Regierung und der Sicherheitseinrichtungen infiltriert haben und „unangreifbarer Beweis für die zunehmende Bestialität Israels“ bieten.

„Palästinensisches Blut ist nicht das einzige Blut, das zu vergießen erlaubt wird. Das gleiche gilt für das Blut eines jeden, der versucht Israels Rückentwicklung von einem gesetzestreuen in einen gesetzlosen Lnychstaat zu stoppen“, behauptet er. Professor Negbi fährt damit fort Richter und Akademiker zu zitieren, die vernichtende Kritiken über Mitglieder der IDF der Sicherheitskräfte geschrieben haben, die gegen das Gesetz verstießen, als sie ihre Aufträge ausführten – und die von der Justiz dafür bestraft wurden.

Ähnliche Ansichten wurden von Adi Meiri vom Radiosender Reshet Bet in ihrer regelmäßigen Sendung „Alles Gerede“ vom 3. November zum Ausdruck gebracht. Das Problem all dieser Schreiber und Radiosprecher ist, dass sie die Messerstecher-Terrorfrage durch die rosarote Brille der linken, modernen israelischen Kultur analysieren. Diese Kultur ist eine, die darauf besteht, dass jeder Bürger und jedes Mitglied der Sicherheitskräfte verpflichtet ist Selbstkontrolle, Zurückhaltung und Verhältnismäßigkeit zu üben, selbst wenn das bedeutet sich und andere mit dem eigenen Körper vor Kriminellen zu schützen, die darauf aus sind Verletzungen zuzufügen. Sie gehen mit dem terroristischen Messerstecher und Mörder um, als sei er Mitglied einer zivilisierten Gesellschaft, der leider vom richtigen Weg abgewichen ist, aber Anrecht auf allen Schutz hat, den das Gesetz jedem Kriminellen von dem Moment an bietet, in dem er aufhört eine unmittelbare und offensichtliche Gefahr für andere darzustellen.

Was Negbi, Meiri und ihre Freunde motiviert, ist das moralische Ethos, das für sich den Anspruch erhebt, dass der jüdische Staat an einen ethischen Kodex gebunden ist, der uns verbietet gewalttätig gegen jemanden zu handeln, der keine greifbare und unmittelbare Gefahr darstellt, selbst wenn er uns weniger als eine Minute zuvor in Mordabsicht auf uns einstach. Dieser moralistische Ansatz ist im israelischen Gesetz und diversen Gerichtsentscheidungen zu finden. Das Prinzip dahinter ist, dass wir nicht so handeln, wie es unsere Feinde tun, wir sinken nicht auf ihr Niveau hinab – weil wir besser als sie sind. Riecht diese Herangehensweise nach hochmütiger Arroganz?

Ein weiteres „nebensächliches“ Detail, das es wert ist erwähnt zu werden: Unsere rechtlichen und moralischen Dilemmata machen auf unsere Feinde nicht den geringsten Eindruck; sie nutzten schlicht die Tatsache aus, dass wir ihnen erlauben frei und unkontrolliert mitten unter uns herumzulaufen, was ihnen die Möglichkeit schafft zu jedem beliebigen Zeitpunkt geschärfte Messer aus ihren Taschen zu ziehen und uns abzuschlachten.

Folgt man dem Ansatz unserer Feinde zur Lage, haben Juden absolut kein Recht in diesem Land zu leben, nicht einmal in Tel Aviv, denn sie sind Eroberer des islamischen Staats Palästina, der allein den Muslimen gehört. Wir haben kein Recht auf Unabhängigkeit oder Souveränität, weil Juden verpflichtet sind unter der Scharia, dem islamischen Recht, zu leben – als unterwürfige Dhimmis. Schützen wir uns, brechen wir das Gesetz des islamischen Schutzes und verdienen es abgeschlachtet zu werden.

Der durchschnittliche Messerstecher weiß, dass er im Fall, dass man ihn fasst, ins Gefängnis gesteckt wird, wo er für den Erwerb eines akademischen Grades studieren kann, dass er innerhalb von ein paar Jahren gegen einen israelischen Soldaten oder Bürger ausgetauscht werden wird, der extra zum Zweck den terroristischen Mörder freizupressen entführt wurde; und dass seine Familie während seiner Haft von der PA eine großzügige Geldsumme erhalten wird (deren Quelle der amerikanische Steuerzahler ist). Das alles zusätzlich zur großen Ehre, die seine Familie genießen wird, egal ob er getötet wird oder nicht. Wird er getötet, wird eine Schule nach ihm benannt werden, in der Kinder ein „Erbe“ lernen werden; und möglicherweise wird eine Straße oder sogar eine Organisation mit seinem Namen den Geist des antiisraelischen Jihad in der Welt verbreiten.

Der Messerstecher wird von denselben Anliegen motiviert, die Haddsch Amin al-Husseini, den Großmufti von Jerusalem, ermutigten sich an der Vernichtung des europäischen Judentums in den 1940-er Jahren zu beteiligen. Ein Muslim, der loszieht, um einen Juden abzustechen, weiß, dass ihn im Paradies eine Belohnung erwartet, wenn er vor, während oder nach der Tat getötet wird. Unsere moralischen Bedenken interessieren ihn nicht im Geringsten, aber im ungünstigsten Fall werden sie der Grund sein, dass er vor der Wut der vor Ort um ihn herum Stehenden geschützt werden. Er verlässt sich auf das israelische Recht und Israels Polizei ihn vor der Vergeltung der Menge zu schützen und ist sicher, dass er überleben wird, um weitere Juden abzustechen, nachdem er bei einem Gefangenenaustausch befreit wird.

So arbeitet die israelische Moral gegen Israel und seine Bürger, paralysiert die israelische Abschreckung und ermutigt die Terroristen Israelis abzustechen. Die Messerstecher sind in einer Win-Win-Situation, da israelisches Recht und Moral ihnen Immunität vor sofortiger Bestrafung durch die Umstehenden gewährt, die Zeugen ihres terroristischen Tuns sind. Es stellt sich heraus, dass diejenigen, die ständig Lektionen über Moral von sich geben, sich eigentlich unmoralisch verhalten, indem sie Terror und Mord begünstigen. Es ist faszinierend einen Jura-Professor zu sehen, der unverhohlen Terror fördert.

So fesselt sich Israel seine Hände selbst und macht es schwieriger effektiv auf Terror zu reagieren. Israel hat seine Fähigkeit verloren terroristische Mörder abzuschrecken, weil sie das Gefühl von Immunität haben. Es sollte selbstverständlich sein, dass jeder Terrorist, der ein Messer in die Hand nimmt, um auf einen Juden einzustechen, weiß, dass er nicht lebend nach Hause zurückkehren wird, dass er entweder von Sicherheitspersonal oder von den Menschen getötet wird, die Zeugen seines Tuns sind. Ist die Zeit, in der Muslime jüdisches Blut als billig ansahen, nicht vorbei? Israel hat keine Wahl, es muss seine Fähigkeit Terroristen abzuschrecken, wieder herstellen.

Sowohl die Linke als auch die Rechte muss daran denken, dass dies der Nahe Osten ist. Frieden ist in dieser Region nicht das Los derer, die unbeirrt westlichen Gebräuchen, Gesetzen und Ethik folgen. Wer Erfolg hat, überzeugt seine Feinde, dass er unüberwindbar ist und dass sie ihn zu ihrem eigenen Besten lieber in Ruhe lassen sollten; so jemand hat die Chance Frieden zu erreichen.

Jeder, der das nicht begreift oder es nicht begreifen will, ist von der Realität abgeschnitten. Ich schlage vor, dass er zu seinem eigenen Besten aufwacht und Eins und Eins zusammenzählt, bevor das Schlachterbeil ihm den Kopf vom Körper trennt – und ich betreibe hier nicht einfach Panikmache.

Für den Fall, dass dieses Szenario eintritt, wird es ihm irgendwie eine Hilfe sein, dass er eine moralische Person ist?

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Anmerkung heplev: Und darum sollte es sich bei diesem Text handeln – er sollte Anlass für offene Diskussion sein. Der Artikel soll zum Nachdenken anregen. Ich persönlich glaube, dass es nicht gestattet werden darf einen Täter, der sich nicht mehr wehren kann, zu töten. Dann wäre es besser die Todesstrafe wieder einzuführen und ihn vor Gericht zu stellen. Wenn man den Menschen erlaubt (inzwischen wehrlose) Täter zu lynchen, gibt es die Gefahr, dass die Gesellschaft tatsächlich abgleitet.

5 Gedanken zu “Wacht auf und zählt mal Eins und Eins zusammen

  1. Ganz Deiner Meinung, lieber heplev. Unsere Gesellschaft würde auf ein ganz niedriges Niveau sinken, wovor uns haShem bewahre!
    Nicht dafür haben wir das Land neu aufgebaut.
    lg
    caruso

  2. Die Überlegungen des Autors sind brisant und er arbeitet anschaulich das Dilemma heraus, in dem Israel steckt: Wie hart darf/soll/muss es zurückschlagen um das eigene Überleben zu sichern?
    Ich meine zunächst, es ist überaus wichtig, sich eben nicht auf das Niveau des Aggressors zu begeben. Dies hätte unübersehbare Auswirkungen auf die Ethik der eigenen Gesellschaft. Terroristen würden zudem auf einem Umweg über die Gültigkeit dieser gesellschaftlichen Moral mitbestimmen. Eine unerträgliche Vorstellung.

    Andererseits stellt sich die Frage, ob es ausreichend ist, immer nur auf kleinster Schwelle auf geplante und umgesetzte mörderische Taten zu antworten. Hier dürfte eine zu schwache Gegenwehr die islamistischen Menschenfeinde zu weiteren Taten einladen und gleichzeitig der eigenen Bevölkerung ein Gefühl der Schutzlosigkeit vermitteln. An dieser Stelle hat Dr. Kedar einige sehr robuste Argumente.

    Insgesamt scheint mir in der momentanen Situation die Balance ausgewogen. Entscheidend wird es sein, beide Pole nicht aus den Augen zu verlieren.

    Die Einwände von linken Israelis sind nur auf einer abstrakten theoretischen Ebene moralisch, in der Praxis werden sie fragwürdig und in einigen Fällen geradezu unmoralisch. Wer die Vernichtung Israels bzw. die Ermordung seiner Bürger verhindern will, erreicht dies nicht mit einer edlen Gesinnung sondern ist gezwungen, sich die Hände „schmutzig“ machen. Dies zu kritisieren, ohne eine schlüssige Handlungsalternative aufzuzeigen, ist billig.

    Im Übrigen muss sich die israelische Linke an ihrer eigenen Haltung messen und die Frage gefallen lassen, warum sie sich ihre mediale Infrastruktur (haaretz) zu einem beträchtlichen Teil von deutschen Israelhassern bezahlen lassen (z.B. in Gestalt des DuMont-Schauberg-Verlages, der bei der eigenen Vergangenheitsbewältigung gerne zur Relativierung neigt). Dies ist sicherlich auch eine moralische Diskussion wert – ich wäre dabei.

  3. Ich bin genau Deiner Meinung, lieber heplev. Zur Gefahrenabwehr ist auch die Tötung des Angreifers erlaubt, kann sogar geboten sein, weil dadurch Schlimmeres verhindert wird. Sie ist aber immer der letzte Ausweg, wenn in anderer Weise der Angriff nicht gestoppt werden kann.

    Einen schon unschädlich gemachten Angreifer zu erschießen ist nicht gestattet und muss als Straftat gewertet werden.

    Gibt es denn Beispiele für diese Überschreitung der Notwehr in Israel? Bisher habe ich dazu noch nichts belastbares und seriöses wahrgenommen.

    Herzlich, Paul

    • Paul, in Beer Sheva haben wohl Menschen auf einen – vermeintlichen – Terroristen eingeschlagen und getreten. Der Mann war bei einem Schusswechsel angeschossen worden (ob von den Sicherheitskräften oder einem Terroristen getroffen, weiß ich nicht) und so schwer verletzt, dass er diesen Wunden erlag. Zuerst hieß es, die Leute hätten ihn getötet, was sich bei der Obduktion als falsch erwies. Aber hier haben wir ein Beispiel, das bisher einzige dafür, dass Menschen sich „rächten“ – und das auch noch am falschen! Diesen Fall sollte man in einer solchen, berechtigten Diskussion auf jeden Fall einbeziehen, um klarzumachen, welche Folgen das haben kann.

  4. Ohne Todesstrafe für Terroristen wird sich das Problem nicht lösen lassen. Menschen werden versuchen, zu „lynchen“, und Terroristen werden weiterhin umherlaufen und töten.

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