Berliner Kaufhaus nimmt Produkte aus israelischen Siedlungen aus den Regalen

KaDeWE eröffnete 1907 und gehörte ursprünglich Adolf Jandorf, einem jüdischen Immobilienhändler

Benjamin Weinthal, The Jerusalem Post, 20. November 2015

Berlins Spitzenkaufhaus KaDeWe, das in den 1930-er Jahren wegen seiner damaligen jüdischen Eigentümer boykottiert wurde, räumte Freitag wegen der neuen EU-Richtlinien, die Etiketten auf Waren aus der Westbank, Ostjerusalem und den Golanhöhen vorschreiben, in Siedlungen hergestellte israelische Produkte aus seinen Regalen.

„Wir haben die entsprechenden Produkte [aus israelischen Siedlungen] aus unserem Warenbestand genommen“, sagte KaDeWe-Sprecherin Petra Fladenhofer dem SPIEGEL. „Wir werden sie nach einer angemessenen Umetikettierung wieder in die Angebotspalette aufnehmen.“

Der Schritt des Kaufhauses gießt Öl ins Feuer der Boykott-De-Investitions-Sanktions-Debatte (BDS), die Israels Wirtschaft in Deutschland ins Visier nimmt. Das KaDeWe zieht täglich zehntausende Besucher an; es befand sich bis zur antisemitischen Gesetzgebung der Nazis in jüdischem Besitz.

1907 eröffnete das KaDeWe; sein Eigentümer war ursprünglich Adolf Jandorf, ein jüdischer Immobilienhändler. Das Kaufhaus wurde 1927 vom Warenhaus Hermann Tiez gekauft, einem jüdischen Familiengeschäft. Die Berliner Nazibewegung boykottierte ab 1933 die jüdischen Eigentümer und übernahmen das Geschäft schließlich.

Später wurde das KaDeWe als mit 60.000 Quadratmetern Verkaufsfläche größtes Kaufhaus in Berlin während des Kalten Krieges wegen seiner luxuriösen Produkte in Westberlin „das Schaufenster des Westens“ genannt – als Kontrast zu den unzulänglichen Waren im ehemals kommunistischen Ostberlin.

In Deutschland traten in letzter Zeit Ereignisse zur wirtschaftlichen Bestrafung Israels stärker in den Vordergrund. Münchens Bürgermeister Dieter Reiter bot in einem städtischen Kulturhaus Raum für eine BDS-Veranstaltung, die mit dem Jahrestag des Kristallnacht-Pogroms und der Eröffnung des neuen israelischen Konsulats in der bayrischen Hauptstadt zusammenfiel. Reiter versprach nach der antiisraelischen Veranstaltung BDS-Veranstaltungen in städtischen Foren zu verbieten.

München war der organisatorische Hauptsitz der Hitler-Bewegung; später stieß Berlin den flächendeckenden Boykott jüdischer Geschäfte an.

Zwei der drei Parteien, die Deutschlands Koalitionsregierung bilden, sind gegen die Etikettierung israelischer Produkte aus den umstrittenen Gebieten. Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Fraktion aus Kanzlerin Merkels Christlich-Demokratischer Union und den Christsozialen im deutschen Bundestag nannten die EU-Maßnahme eine Stigmatisierung Israels.

„Vor dem Hintergrund einer israelfeindlichen Bewegung, die Produkte aus Siedlungsgebieten boykottieren will, ist diese Maßnahme falsch“, sagte er. „Sehr wahrscheinlich ist, dass sie zum Zweck israelfeindlicher Kampagnen instrumentalisiert wird.“ Er fügte hinzu, dass die Entscheidung der Europäischen Kommission nicht dem Verbraucherschutz dienen, sondern sich „als Stigmatisierung erweisen“ wird.

Kai Diekmann, Chefredakteur der größten deutschen Tageszeitung BILD, ging letzte Woche in einem Tweet mit Europa wegen des Ausweisens israelischer Produkte hart ins Gericht. Er schrieb von einem „armseligen Europa“ und verglich die Etikettierung mit dem „Kauft nicht bei Juden“-Boykott der Nazizeit.

In einem Kommentar in der BILD schrieb Reporter Ralf Schuler letzte Woche, die Produktetikettierung sei „Europas unwürdig“. „Europa hätte genug damit zu tun, Juden besser zu schützen und Antisemitismus zu bekämpfen, als Israel-Feinden ein Mittel zum Produkt-Boykott an die Hand zu geben“, schrieb er. „Die Vorstellung aber, dass in Deutschland künftig wieder zum Boykott jüdischer Waren aufgerufen werden könnte, ist ein Graus!“

Deutsche Bemühungen wirtschaftlichen Krieg gegen den jüdischen Staat zu beschwören, haben scharfe Kritik deutscher Juden ausgelöst. „Die BDS-Kampagne tarnt das sozial nicht adäquate ‚Kauft nicht bei Juden!‘ als modernisierte Form des Nazijargons in der Forderung ‚Kauft nicht vom jüdischen Staat!‘“, sagte Charlotte Knobloch, eine Holocaust-Überlebende und Leiterin der 9.500 Mitglieder starken jüdischen Gemeinde Münchens der Jerusalem Post Anfang des Monats.

Minister Yuval Steinitz sagte, die EU-Etikettierungsmaßnahme sei „verkappter Antisemitismus“.

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4 Gedanken zu “Berliner Kaufhaus nimmt Produkte aus israelischen Siedlungen aus den Regalen

  1. Merkwürdig. Eine Richtlinie der Kommission ist eine Richtlinie, wie es der Name sagt. Kein EU-Staat ist bei solchen verrückten Ideen gezwungen, diese Richtlinien in nationalen Gesetze umzusetzen. Und dazu ist es imho noch in keinem EU-Land gekommen. Dieser vorauseilende „Gehorsam“ muss also andere Gründe haben. Einer der Gründe könnte der Antisemitismus des muslimischen Bevölkerungsanteils sein und die daraus entstehende Angst der KaDeWe vor ganz allgemein „problemen“ mit ihren muslimischen Kunden. Ein anderer Grund könnte der Antisemitismus der aktuellen Besitzer des KaDeWe sein. Israel könnte sich ja wehren und eine Liste der Boykotteure ins Web stellen und seine Unterstützer davor warnen, mit solchen Ländern, Institutionen oder Firmen Beziehungen zu haben oder Geschäfte zu machen.

  2. Wenn der Betreiber eines Supermarktes in Israel es fertig bringt, EU-Waren aus seine Regalen zu entfernen, warum sollte es denn dann nicht möglich sein, dass das KaDewe von den in Berlin lebenden Juden/Israelis und ihren Freunden und Unterstützern auch boykottiert wird?

    • Nachtrag zum KaDeWe:
      ZITAT von:https://www.facebook.com/kadewe/?fref=nf

      KaDeWe

      Die 8 israelischen Weine werden ab sofort wieder im Sortiment sein. In diesem Fall – es ging um eine Empfehlung der Europäischen Union – ist hausintern zu rasch und unsensibel gehandelt worden. Wir bedauern, dass es durch dieses falsche Verhalten seitens der KaDeWe Group zu Missverständnissen gekommen ist und bitten dies zu entschuldigen.
      As of today the 8 Israeli wines will be back in our assortment. In this matter, which was about a European Union recommendation, we acted too quickly and insensitively. We regret that this wrong behavior of the KaDeWe Group led to misunderstandings and would like to apologize for this.

      Und jetzt dranbleiben und nicht einlullen lassen!

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