Wann kann man Muslime – und Juden – auffordern Verbrechen öffentlich zu verurteilen?

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die jüngsten Massenmorde durch Muslime in Paris werfen wieder die Frage auf, ob andere Muslime moralisch verpflichtet sind diese Morde öffentlich zu verurteilen. Die Frage ist direkt mit regelmäßigen Forderungen an Juden in der Diaspora verbunden, öffentlich israelisches Handeln zu verurteilen.

Eine der bekanntesten solchen Forderungen war die des schwedischen Sozialdemokraten und Teilzeit-Antisemiten Ilmar Reepalu während seiner Zeit als Bürgermeister von Malmö. Diese Stadt wird, zum Teil wegen seiner Art zu herrschen, von vielen als europäische Hauptstadt des Antisemitismus wahrgenommen.[1][2]

Warum war Reepalus Forderung antisemitsch? Die Juden in Malmö sind schwedische, keine israelischen Staatsbürger. Warum sollten sie sich von einer Handlung eines Landes distanzieren, in dem sie nicht wählen können und somit keine Mitsprache in der Politik haben? Was man vernünftigerweise von schwedischen Juden – oder besser noch: von Repräsentanten der jüdischen Gemeinden, in diesem Land – fordern könnte, ist, dass sie in Schweden von Juden im Namen des Judentums begangene Verbrechen verurteilen. Man sollte erwarten, dass in solchen Fällen sowohl die Rabbiner als auch die nicht geistlichen Leiter jüdischer Gemeinden dort sich gegen die Verbrechen aussprechen. In Wahrheit ist die Frage größtenteils theoretisch. Jüdische Gesetzesbrecher in Schweden behaupten gewöhnlich nicht, im Namen des Judentums zu handeln.

Was hier über die schwedischen Juden gesagt worden ist, kann als Leitfaden dafür dienen, was zu öffentlichen Äußerungen von Muslimen nach den Massenmorden von Paris vernünftigerweise erwartet werden kann. Offensichtlich ist die massive Kriminalität in der muslimischen Welt von einer radikal anderen Beschaffenheit als das, was die israelischen Verteidigungskräfte tun. Dennoch hat man keinerlei Recht darauf zu bestehen, dass individuelle Muslime oder gar muslimische Organisationen im Ausland ihre Meinung zu den Morden öffentlich abgeben. Wie bei Schwedens Juden, Laien und religiösen muslimischen Leitern in Frankreich sollte jedoch erwartet werden, dass solche von Muslimen im Namen des Islam verübten Taten öffentlich verurteilt werden.

Das führt uns allerdings in einen Irrgarten, denn viele Laien und religiöse muslimische Leiter und Organisationen in einer Vielzahl von Ländern stiften ausdrücklich zu Mord an. Wie können sie genau die Taten verurteilen, für die sie werben? Wie können sie Tötungen verurteilen, die sie als aktive Einhaltung der Anforderungen des Koran interpretieren?

Sehen wir uns an, wo die französischen Imame in dieser Frage stehen. Rabbi Abraham Cooper, stellvertretender Leiter des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, veröffentlichte am 15. November einen Artikel, in dem er ein Treffen einer SWC-Delegation und dem französischen Präsidenten François Hollande beschrieb, das vor eineinhalb Jahren stattfand. Cooper schrieb, dass der SWC-Vorsitzende Rabbi Marvin Hier den Präsidenten und seine Mitarbeiter und fragte: „Wie viele Imame gibt es in Frankreich und wie viele haben Terroranschläge verurteilt?“ „Sechstausend Imame … und etwas 10 haben sich öffentlich gegen sie ausgesprochen.“ Dieser Tage ist das auf einen zurückgegangen: Imam Chalgoumi aus Drancy. Die anderen sind haben den Kopf eingezogen und geschwiegen…[3] Es überrascht vielleicht nicht, dass dieser Imam ständigen Polizeischutz benötigt.

Offenbar haben ein paar französische muslimische Organisationen die Anschläge von Paris verurteilt. Das Schweigen fast aller französischen Imame jedoch ist eines der vielen Zeichen der enormen Probleme in den muslimischen Gemeinschaften Frankreichs. Diese Wahrheit islamophob zu nennen, ist gleichbedeutend mit einer Schönfärberei riesigen moralischen Versagens.

Nach den Morden von Paris veröffentlichte die größte niederländische Tageszeitung, de Telegraaf, ein Interview mit Yassin Elforkani, einem niederländischen Imam. Er sagte, Muslime könnten nicht länger behaupten, Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. „Die harte Wirklichkeit ist die, dass die Attentäter ihre Taten theologisch legitimieren.“[4]

Die Tatsache, dass diese Äußerung als berichtenswert angesehen wird, ist ein Hinweis auf die europäische Realität. Die Morde in Paris stehen offensichtlich mit dem Islam in Verbindung, aber viele Muslime streiten das ab. Der Islam ist ein ganzheitliches System aus Religion, Ideologie, Kultur und Missionierung. Es ist irrelevant, ob die Mörder regelmäßig Moscheen besuchen und das religiöse Recht einhalten. Mit dem Ruf „Allahu Akbar“ machen sie deutlich, dass sie aus ihrer Ideologie des Islam heraus agieren. Es ist irrelevant, ob ihr tagtägliches Verhalten kulturell oberflächlich oder tief religiös ist. Statistiken zeigen, dass weltweit die überwiegende Mehrheit der terroristischen Verbrechen des Jahres 2014 von ideologisch-muslimischen Bewegungen verübt wurden.[5]

Die Führer der Welt und viele andere haben auf unverantwortliche Weise zum Reinwaschen muslimischer Verbrechen beigetragen.[6] Hollande sagte nach den Morden bei Charlie Hebdo und dem Hyper Cacher-Supermart: „Diese Fanatiker haben nichts mit der muslimischen Religion zu tun.“[7]

Ein weiterer Reinwäscher muslimischer Verbrechen war der amerikanische Präsident Barack Obama. Er verkündete in einer Rede, ISIS sei „nicht islamisch“ und fügte hinzu: „Keine Religion billigt das Töten von Unschuldigen.“[8]

Diese Meinung zur extrem muslimischen Bewegung wurde vom britischen Premierminister David Cameron geteilt, der erklärte: „Sie prahlen mit ihrer Brutalität. Sie behaupten das im Namen des Islam zu tun. Das ist Unsinn. Der Islam ist eine Religion des Friedens. Sie sind keine Muslime, sie sind Monster.“[9] Damit kommt ein nicht sonderlich bekannter niederländischer Imam der Wahrheit weit näher als diese Führer dreier wichtiger Staaten.

Es kommt noch verwirrender. Experten zum Thema sagen uns regelmäßig, dass es nur einen Islam gibt. Über die Tatsache hinaus, dass es nur einen Koran und geläufige Interpretationen von Schlüsselritualen gibt, scheint der Islam höchst aufgesplittert. Es gibt große Unterschiede in muslimischen Einstellungen.

Die Vorstellung, dass Muslime in Islamisten und andere Muslime geteilt werden können, bringt die Sache weiter durcheinander.[10] Eine solche Zweiteilung gibt es nicht. Stattdessen gibt es im zeitgenössischen Islam ein durchgehendes Spektrum an Überzeugungen und Haltungen. Im einen Extrem gibt es Leute, die Terror im Namen des Islam befürworten; am anderen Ende gibt es Leute, die sich als Muslime bezeichnen, den Islam aber gar nicht praktizieren.

Oben haben wir den Bedarf nach öffentlicher Verurteilung von durch Glaubensgeschwister im Namen der Religion verübten Taten, das Reinwaschen von mit dem Islam verbundener Kriminalität und die künstliche Trennung von moderaten und radikalen Muslimen diskutiert. Zusammengefasst ist es wichtig das Folgende festzuhalten: Erstens ist der zeitgenössische Islam nicht monolithisch. Zweitens sollte es keinen Zweifel geben, dass die Morde von Paris intrinsisch mit dem Islam verbunden sind. Und schließlich gibt es die moralische Verantwortung der französischen religiösen und Laien-Leiter der Muslime. Um das zu tun, werden diese muslimischen Führer anfangen müssen nach innen auf das zu sehen, was in ihren Gemeinschaften radikal falsch läuft.

[1]Paulina Neuding: Sweden’s „Damn Jew“ Problem. Tablet, 5. April 2012.

[2] Yonatan Weber: Swedish mayor blasts Zionism. Israel National News, 28. Januar 2010.

[3] Rabbi Abrahm Cooper: Europe, ISIS and us: Now what? Jewish Journal, 15. November 2015.

[4] Imam: terreur heeft wél mt islam te maken. Telegraaf, 16. November 2015.

[5] Mark Anderson: Terrorist killings up by 80% in 2014, fueling flow of refugees, report says. The Guardian, 17. November 2015.

[6] Douglas Murray: Will politicians finally admit that the Paris attacks had something to do with Islam? The Spectator, 16. November 2015.

[7] 12-French forces kill newspaper attack suspects, hostages die in second siege. Reuters, 10. Januar 2014.

[8] Statement by the Presiden on ISIL. The White House, 10. September 2014.

[9] https://www.youtube.com/watch?v=IFmCkJ92DRw

[10] Book review by Daniel Pipes: The Challenge of Fundamentalism: Political Islam and the New World Disorder by Bassam Tibi. Daniel Pipes, Middle East Forum, März 2000.

2 Gedanken zu “Wann kann man Muslime – und Juden – auffordern Verbrechen öffentlich zu verurteilen?

  1. Die peinliche Frage kann man auch umdrehen: wieso kann die Regierung Israels verlangen, dass alle Juden im Ausland so denken wie sie? De facto passiert das jeden Tag, sonst gibt es eines mit der „Selbsthasser“ und „Antizionistenkeule“.

  2. Es stimmt, dass keine Religion das Töten von Unschuldigen zulässte. Wer ist aber „unschuldig“. Für (einen [Gross]teiil) der sichtbaren Muslime gilt ein Anders- oder nicht-Gläubiger als schuldig. Daher kann (muss?) man ihn töten.

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